© by Christoph LampertDrummerboy dieser Ausgabe ist der umtriebige Jonas Laue, der in Braunschweig und Umgebung zeitweise in vier Bands parallel getrommelt hat und sein Leben ganz dem Schlagzeug gewidmet hat. Kontrolle und Präzision kommen mir in den Sinn, wenn ich Jonas live spielen sehe, und es ist faszinierend, wie er auch bei höchstem Tempo noch die Zeit für technisch anspruchsvolle Variationen findet. Ein druckvoller Motor, der seine Band immer wieder nach vorne treibt, ohne dabei sein eigenes Spiel aus den Augen zu verlieren. Das Interview findet in Jay’s Rock ’n’ Roll Drum School in Braunschweig statt.
Jonas, kommst du aus einer musikalischen Familie?
Nein, ich glaube, das kann man so nicht sagen. Mein Vater spielte kein Instrument und meine Mutter hatte so eine Heimorgel, auf der sie aber auch nicht regelmäßig gespielt hat. Meine Mutter war aber diejenige, die meinen Bruder und mich später dazu ermuntert hat, ein Instrument zu lernen. Bei uns zu Hause lief ansonsten Musik aus dem Radio und ich erinnere mich daran, dass mein Vater ein „Greatest Hits“-Album von QUEEN hatte und meine Mutter bei der Hausarbeit gern viel und laut PUR hörte. Witzigerweise hat sie dann später ebenfalls sehr laut die Platten meiner ersten Metalband bei der Arbeit gehört. Als mein Bruder 13 Jahre alt war, fragte ihn meine Mutter, ob er nicht ein Instrument lernen wollte, und mein Bruder wollte gern Schlagzeug lernen. Das war meinen Eltern aber gar nicht so recht, weil ihnen ein Schlagzeug wohl doch zu laut war und man das im Zweifelsfall ja auch nicht mit in den Urlaub nehmen könnte. Also entschied mein Bruder sich für die Gitarre und fing an, Unterricht zu nehmen. Das fand ich als kleinerer Bruder natürlich cool und wollte das auch, zumal er auch mit so geilen Bands wie AC/DC, NIRVANA und METALLICA um die Ecke kam. Also habe ich mich auch an der Gitarre versucht, aber schon nach knapp einem Jahr gemerkt, dass das nichts für mich ist. Als ich bei irgendeinem Song von DIE TOTEN HOSEN Barré-Akkorde greifen sollte, war es bei mir vorbei. Ich war damals einfach nicht geduldig genug und bin dann erst einmal für ein Jahr nur noch Skateboard gefahren.
Wie bist du dann zum Schlagzeug gekommen?
Ich hatte damals viele verschiedene Sachen ausprobiert und kam plötzlich auf die Idee, dass das Schlagzeug ein cooles Instrument für mich wäre. Meine Eltern waren aber nicht so begeistert von dieser Idee, weil ich schon viele Sachen angefangen, aber nie lange durchgezogen hatte. Erst als meine Kinder- und Jugendtherapeutin meinen Eltern erklärte, dass sich manche Kinder eben vielfältig ausprobieren müssen, waren meine Eltern überzeugt und ich durfte ein Schlagzeug haben. Glücklicherweise hatte zu dieser Zeit gerade ein Bekannter aus dem Umfeld der Band meines Bruders ein Schlagzeug günstig abzugeben und so kam ich mit elf Jahren zu meinem ersten Drumset. Das stand dann in meinem Kinderzimmer und wenig später kam noch die Gesangsanlage von meinem Bruder dazu und ebenfalls die Gitarren und Verstärker, so dass mein Zimmer eigentlich wie ein Übungsraum mit Bett aussah. Diese Situation war aber für meine Eltern inakzeptabel, weil sie der Meinung waren, dass ein Elfjähriger ein normales Zimmer benötigt, um seine Schularbeiten erledigen zu können. So kam es, dass meine Mutter ihr Bügelzimmer räumte und wir uns ein Musikzimmer einrichten durften.
Warst du damals autodidaktisch unterwegs oder hattest du gleich Unterricht?
Zunächst hat mir mein Bruder so ein paar grundlegende Sachen gezeigt, die er sich von dem Schlagzeuger seiner Band abgeschaut hatte und die ich auch relativ schnell umsetzen konnte. Damals hat es auch direkt Klick bei mir gemacht und ich wusste, dass das Schlagzeug genau mein Ding ist. Wir haben dann einen Cousin unserer Mutter besucht, der früher Schlagzeuger in einer Metalband war und noch ein E-Schlagzeug zu Hause herumstehen hatte, und der hat mir dann meine ersten Achtelnoten und noch einige weitere Tricks beigebracht. Kurze Zeit später hatte ich auch Unterricht bei einem richtigen Schlagzeuglehrer, der einen großen Einfluss auf mich hatte und dann leider sehr überraschend verstarb. Nachdem mein nächster Schlagzeuglehrer dann beschloss, mit dem Unterrichten aufzuhören, hatte ich das große Glück, bei Tyronne Silva Stunden nehmen zu können, der bei ORTH spielte und als Profischlagzeuger weltweit im Bereich Progressive Death Metal und Grindcore unterwegs war. Ursprünglich aus Sri Lanka kommend pendelte der damals von Berlin zu uns nach Wesendorf und ich konnte acht Jahre lang bei ihm Unterricht nehmen.
Hast du bei euch zu Hause versucht, bestimmte Platten nachzuspielen?
Oh ja, meine Stereoanlage stand direkt hinter meinem Schlagzeug und die habe ich dann so laut wie möglich aufgerissen und versucht, NIRVANA-Platten nachzuspielen. Dave Grohl war schon ein riesiger Einfluss für mich. Das hört man heute bei meinem Spiel wohl nicht mehr an allen Ecken und Enden, aber wenn man es weiß oder sich mit Dave Grohl beschäftigt hat, kann man es schon noch deutlich erkennen. Ganz am Anfang fand ich auch Lars Ulrich von METALLICA toll, der so ganz anders trommelte als andere Drummer, aber irgendwann habe ich bemerkt, dass Lars Ulrich nicht wirklich cool ist.
Erinnerst du dich noch an deinen ersten Live Auftritt?
Das war mit unserer Schulband in der Aula und damals war sogar mein Bruder noch in der Schulband aktiv, obwohl er gar nicht mehr auf der Schule war. Er ist ja fünf Jahre älter als ich, aber weil immer mal wieder ein Gitarrist fehlte, hat er eigentlich bis zu meinem Abschluss auch in der Schulband gespielt. Ich war zu diesem Zeitpunkt der Percussionist der Band, und weil unsere Schlagzeugerin „My Sharona“ von THE KNACK nicht spielen konnte, sollte eigentlich ein anderer Schlagzeuger diesen Song beim Gig spielen. Der tauchte aber nicht auf und da ich den Song schon zu Hause geübt hatte, durfte ich ihn dann auch live spielen. Meinen ersten Auftritt verdanke ich also THE KNACK.
Hast du schon als Jugendlicher die Idee gehabt, du könntest mit Schlagzeugspielen deinen Lebensunterhalt verdienen?
Ich habe mit elf Jahren angefangen, Schlagzeug zu spielen und gewusst, dass das genau mein Ding ist, aber natürlich denkt man als Kind anders über solche Dinge als später als Erwachsener. Die Idee war also schon sehr früh da, aber ich habe natürlich nie daran gedacht, dass ich jemals selbst Schlagzeugunterricht geben würde. Zunächst habe ich eine Ausbildung als Veranstaltungstechniker in einem Theater abgeschlossen und obwohl das sehr interessant war, habe ich gleich nach der Ausbildung beschlossen, nicht in dem Beruf zu arbeiten. Mir war damals schon klar, dass diese Arbeit und die Musik nicht zusammen funktionieren würden, weil beides überwiegend am Abend und am Wochenende stattfindet. Weil ich aber Musiker sein wollte, habe ich mich nach der Ausbildung nicht auf diesem Job beworben. Irgendwann habe ich bemerkt, dass es ganz gut funktionierte, wenn ich Freunden von mir einen ersten Groove beibringen konnte und mir das vor allem richtig viel Spaß machte. Da hatte ich das erste Mal den Gedanken, dass ich ja vielleicht wirklich unterrichten könnte, und weil mein Bruder zu diesem Zeitpunkt schon länger Gitarrenunterricht gab, konnte ich direkt sehen, dass die Selbständigkeit gut funktionieren kann. Ich hatte vorher neun Jahre lang in einem Schuh- und Schlüsseldienst gearbeitet, wo ich alle Freiheiten hatte, die ich für meine Bands brauchte, und ab 2020 habe ich meine Stunden dort reduziert, um die ersten Schüler:innen zu unterrichten. Ein Jahr später habe ich die Stunden im Job noch weiter reduziert und noch ein Jahr später habe ich gekündigt, weil die Sache mit dem Schlagzeugunterricht immer mehr gewachsen war und ich mich damit komplett selbstständig machen konnte. Heute habe ich Schüler:innen zwischen sechs und sechzig Jahren und bin mit dem Unterricht sehr gut ausgelastet.
Unterrichtest du heute an fünf Tagen in der Woche?
Nein, ich habe mir eine Vier-Tage-Woche gebaut, damit ich noch genügend Zeit für THE ANTIPRENEURS habe und wir uns nicht immer erst spät am Abend treffen können. Beim Unterricht selbst gebe ich nur Einzelstunden, weil ich finde, dass gerade beim Schlagzeug Gruppenunterricht gar keinen Sinn ergibt. Die Schüler:innen entwickeln sich ja alle ganz unterschiedlich und es dauert nur ein paar Wochen und dann ist der eine Schüler schon viel weiter als der andere. Entweder wird einer ausgebremst oder ein anderer fallengelassen und das wäre wirklich doof.
Erinnerst du dich noch an deine ersten Erfahrungen in einem Tonstudio?
Tatsächlich hat unsere Schulband zwei CDs aufgenommen und bei der ersten habe ich Schellenkranz und Bongos eingespielt. Bei der zweiten CD habe ich aber das komplette Schlagzeug eingespielt. Für einen 14-jährigen Teenager war das natürlich eine tolle Erfahrung. Wir haben damals Schlagzeug und Bass zusammen aufgenommen und versucht, die ersten Aufnahmen mit dem Klick im Ohr zu machen. Das haben wir aber nicht hinbekommen und sind immer vom Klick heruntergeflogen. Da wir aber über den ganzen Song nur Schwankungen von fünf BPM hatten, war der Toningenieur der Meinung, wir könnten den Song auch ohne Klick einspielen, und das hat auch wunderbar geklappt. Heute kann ich zwar auf den Klick spielen, aber ich bevorzuge bei Aufnahmen immer noch die Variante ohne Klick. Ich finde, dass gerade Punk und Rock’n’Roll Musik ist, die davon lebt, von Leuten live gespielt zu werden, und nicht unbedingt die gleiche Geschwindigkeit behalten muss. Deshalb spielen wir mit THE ANTIPRENEURS auch alle Songs live ohne Klick ein. Wir spielen die Stücke also genauso wie live auf der Bühne, so dass wir die Geschwindigkeit an manchen Stellen ein bisschen anziehen und an anderen Stellen nehmen wir das Tempo ein bisschen heraus. Genauso wie der Wechsel von Dynamik zwischen lauter und leiser, gehört auch der Wechsel der Geschwindigkeit für mich einfach dazu.
Gab es im Laufe der Jahre andere Schlagzeuger, die dich begeistert haben?
Ich habe in jungen Jahren viel SLIPKNOT gehört und deren Drummer Joey Jordison hat mich sehr begeistert, obwohl ich irgendwann festgestellt habe, dass das Spiel mit der Doublebass gar nicht so mein Ding ist. Ich bin zwar beeindruckt, wenn Leute das richtig gut können, aber ich selbst habe keinen Spaß daran. Ich bin doch eher Groove-orientiert und will gar nicht so viel einfach durchballern. Gerade im Death Metal finde ich die Bands gut, die noch richtig grooven und nicht immer nur mit Vollgas durch die Songs ballern. Später fand ich noch Jean-Paul Gaster von CLUTCH klasse, der einfach ein total geiler Drummer ist, und auch Taylor Hawkins von den FOO FIGHTERS hat mich sehr beeinflusst. Ansonsten wären noch Leute wie Benny Greb und Jojo Mayer zu nennen, die zwar weder Punk noch Rock spielen und wohl eher in der Schlagzeugerszene bekannt sind, die aber sowohl sehr gute Lehrer als auch für mich eine große Inspiration sind. Von den beiden habe ich mir viel abgeschaut, weil sie Dinge einfach erklären konnten und ich vieles für meine Lehrtätigkeit übernehmen konnte.
Hast du dich selbst schon an einem großen Metal-Drumset ausprobiert?
Ich habe in der Vergangenheit in mehreren Metalbands gespielt und habe mir hier im Übungsraum auch schon mal größere Sets aufgebaut, weil ich das Equipment ja hier stehen habe. Dann bastele ich mir zum Spaß verschiedene Sets zusammen und mag auch gern mit zwei Bassdrums spielen. Allerdings nicht aus dem Gedanken heraus, dass ich dann super schnelle Blastbeats spielen kann, sondern wieder eher aus dem Gedanken an den Groove heraus. Ich kann zwei unterschiedlich große Bassdrums verwenden oder ich kann zwei gleich große Drums unterschiedlich stimmen und dieses Experimentieren macht mir Spaß. Da ist der musikalische Ansatz beim Thema Doublebass einfach ein anderer als einfach nur zu knüppeln. Sollte ich mal in einer Band Doublebass spielen, würde ich auch kein Doppelpedal verwenden, sondern immer zwei unterschiedliche Bassdrums. Ich habe aber lange dafür geübt, dass ich heute schon mit einem Fuß eine recht schnelle Bassdrum spielen kann, so dass die Notwendigkeit einer zweiten Bassdrum nicht besteht, zumal ich den linken Fuß lieber für die Arbeit mit der Hi-Hat frei haben möchte.
Bist du als Drummer in das Songwriting von THE ANTIPRENEURS involviert?
Vor Corona hatte ich bereits viele Jahre bei FINAL IMPACT gespielt, aber durch das Kontaktverbot während der Pandemie konnten wir nicht richtig proben, zumal wir auch eine Risikoperson in der Band hatten. Ich hatte also viel Zeit und hatte gerade unseren Gitarristen André kennengelernt, dessen Band ebenfalls inaktiv war. Weil mir langweilig war und ich mit unterschiedlichen Mikrofonen Aufnahmetests für das Schlagzeug machen wollte, habe ich André gefragt, ob er nicht Lust hätte, vorbeizukommen und zum Spaß ein paar Punkrock-Songs zu schreiben. Das war spannender, als immer nur den gleichen Groove ohne Gitarre in unterschiedlichen Räumen aufzunehmen, und daraus ist dann das Projekt entstanden. Unsere Sängerin Inga kam dann auch dazu und hatte Lust, zu unseren Songs zu singen, und so sind THE ANTIPRENEURS mehr zufällig entstanden, weil wir bald merkten, dass wir kein Projekt, sondern eine richtige Band sein wollten. Da wir aber noch einen coolen Bassisten brauchten und ich nur einen kannte, habe ich meinen Bruder angerufen und so spielen wir wieder in einer Band zusammen. Am Songwriting der Band oder Songideen bin ich eher nicht beteiligt, weil ich zu wenig vom Gitarrespielen verstehe. Mittlerweile können wir zwar über Töne reden, aber mein Anteil ist eher die Gestaltung einzelner Parts von Breaks oder Überleitungen zwischen den Parts, wobei ich immer auf der Suche nach verschiedenen Optionen bin und versuche, nicht unbedingt das zu spielen, was man jetzt vielleicht gerade erwarten würde. Manchmal arten einzelne Parts auch aus und sind zu abgefahren, so dass wir wieder einen Schritt zurückgehen müssen, um zu prüfen, ob das jetzt noch sinnvoll ist oder niemand den Part verstehen kann. Wir geben uns aber nie mit den immer gleichen Songstrukturen zufrieden, sondern experimentieren sehr gern mit neuen Ideen.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #180 Juni/Juli 2025 und Christoph Lampert