© by QuintenQuist.ComSelten beschrieb ein Wort einen Abend besser als dieses. Im Oktober spielen im Berliner Columbia Theater TIGERS JAW, OSO OSO, THE HOTELIER und WAYS AWAY gemeinsam mit JOYCE MANOR, für die es am nächsten Tag im Rahmen der „Common Thread“-Tour zusammen mit HOT WATER MUSIC und anderen Schwergewichten in Oberhausen weitergeht. Und in dem Berliner Venue sind sich an diesem Abend wohl alle einig: Jede Band ist heute gerne hier, gerne miteinander und weiß ganz genau, wie dieses unglaublich gut orchestrierte Line-up wirken muss – es ist schließlich deutlich in den Gesichtern der Menschen im Saal zu lesen. Man fühlt sich zurückversetzt ins Kalifornien der frühen 2000ern – nicht nur die Bandshirts, überhaupt der Vibe, die Stimmung – eine gelöstere und positivere Atmosphäre kann man in Berlin dieser Tage jedenfalls nicht erleben. Nilz Bokelberg, den erst Kumpel Ralph Caspers zum Konzertbesuch überreden musste, erzählt später seiner Frau Maria im gemeinsamen Podcast hörbar beglückt von dem Abend. Er scheint ihn ebenso genossen zu haben wie wir vom Fuze.
Wir treffen JOYCE MANOR mittags zum Interview im Columbia Theater am Tempelhofer Feld. Überall auf dem Gelände wird gewuselt, geräumt, gesoundcheckt. Es herrscht Klassenfahrtatmo, wir schicken auf dem Weg zum Interview drei Menschen zum Buffet, eine Person in den Artistkeller und zwei Leute zum richtigen Venue. In der Columbiahalle nebenan werden abends ARCH ENEMY spielen, Peaktime am Neuköllner Columbiadamm also. Abends soll in dem sonnigen Raum Merch verkauft werden, am Mittag hat der Tourmanager uns fast schon liebevoll eine ruhige Ecke geschaffen und bringt die Band mit ein paar Minuten Verspätung und viel Kaffee zum Interview. Es wird das erste von zwei Gesprächen mit Magazinen an dem Tag sein. Barry Johnson lässt mit ein paar sarkastischen Bemerkungen keinen Zweifel daran, dass das nicht gerade sein Lieblingssport ist. Chase und Matt scheinen seine Launen bereits zu kennen und sind zu Beginn extracharmant, so dass Barrys schnippische Art schnell vergessen ist. Wir sprechen selbstverständlich über das neue JOYCE MANOR-Album und Nostalgie, über Jobs und Alternativen zum Künstlerdasein. Aber auch darüber, wie die Zusammenarbeit mit einer Ikone wie Brett Gurewitz von BAD RELIGION funktioniert hat, der „I Used To Go To This Bar“ produziert hat und seit vielen Jahren eine Art Mentor für die Band ist.
Wenn man sich ausschließlich die Album- und Songtitel anschaut, wie würdet ihr den Charakter eures neuen Albums beschreiben?
Barry: Ich habe eigentlich nie bewusst thematisch eindeutig geschrieben. Aber wenn ich zurückblicke und mir die Texte anschaue, taucht ein Motiv öfter auf: so eine Figur à la Syd Barrett oder Daniel Johnston – jemand, der vielleicht eine drogenbedingte Psychose oder Schizophrenie entwickelt. Dieses Gefühl, womöglich gerade den Verstand zu verlieren, das ist ein Thema, das sich ein bisschen wie ein roter Faden durch die ganze Platte zieht.
Und woher kam die Idee zu diesem sensationell hübschen Video zu „All my friends are so depressed“?
Chase: Barry hat da einen großartigen Job gemacht, er hat das quasi alleine produziert.
Matt: Das Ding hat so einen Echo Park-Vibe, Los Angeles in den 1980ern, fast postapokalyptisch.
Barry: Ich wollte irgendwie, dass das Ganze rüberkommt wie dieser Punk-Charakter in „EastEnders“, der britischen Serie, kennst du die? So sollte es sich anfühlen.
Brett Gurewitz sagte irgendwann mal: „Wäre Barry ein Romanautor, er wäre Ernest Hemingway.“ Wie Hemingways Leben endete, wissen wir, aber was meinte Brett damit, will Barry in Paris leben?
Chase: Ich glaube, er meinte diese Ökonomie der Worte. Hat Hemingway nicht die kürzeste, traurigste Geschichte aller Zeiten geschrieben? „Babyschuhe zu verkaufen, ungetragen“? Ich glaube, darauf hat Brett angespielt – kurze, reduzierte Songs, auf den Punkt getextet. Und er hat viel über entfremdete Menschen geschrieben.
Wie war die Zusammenarbeit mit Brett beim neuen Album? Barry sagte mal über ihn, er sei der Architekt von allem, mit dem ihr aufgewachsen seid.
Chase: Ich war damals in Kalifornien vermutlich der erste Typ, der MILLENCOLIN abgefeiert hat. Wir sind auch immer schon riesige Fans von Bretts Sachen gewesen, RANCID, AFI und natürlich BAD RELIGION. Wir kennen ihn schon ewig und er war im Grunde schon A&R bei all unseren Platten. Wir waren vorher schon einmal mit ihm im Studio, aber diesmal hat er das Album von Anfang bis Ende produziert. Er arbeitet extrem schnell, ist voller Energie und Begeisterung. Er ist ein außerdem ein Weltklasse-Kommunikator – er hat eine Idee, kann sie perfekt erklären und dann umsetzen.
Matt: Er ist unglaublich intuitiv und wenn er an eine Idee glaubt, steht er wirklich dahinter. Gerade bei der Arbeit mit Songwritern wird die Produktion oft plattgewalzt, aber einige seiner Ideen haben mich wirklich überzeugt und waren am Ende auch immer die richtigen.
Wer hat wen angesprochen?
Barry: Er ist immerhin CEO von Epitaph, es hätte sich komisch angefühlt, ihn darum zu bitten. Aber aus der Überlegung, doch mal einen Song zusammen zu machen, wurde ein Album, manchmal ist es einfach nur eine Frage des Timings. Irgendwann sagte er sogar, er sei enttäuscht gewesen, dass wir ihn vorher nie gefragt hatten. Nach der ersten Stunde im Studio war klar, die Chemie stimmt. Studiozeit ist oft zäh und träge, dieser konstante Geschmack von Kaffee im Mund und all das. Brett hat das Tempo hoch gehalten, immer Dopamin, keine Langeweile. Keine stundenlangen Edit-Sessions mit uns, extrem effizient. Wir haben oft mehrere Songs auf einmal aufgenommen und waren nach 45 Minuten schon beim ersten Drumtake. Und nein, er wollte nie, dass wir etwas mehr nach NOFX oder BAD RELIGION klingen. Er hat uns eher von den verzerrten Gitarren weggebracht und war ganz begeistert davon, mal keine typischen 1990er-Pop-Punk-Sounds aufzunehmen. Saubere Gitarren, Vintage-Equipment, herrlich.
Im Promotext wird die „interne Wiederbelebung“ der Band hervorgehoben. Worauf bezieht sich das?
Barry: Ich glaube, das bezieht sich auf Corona. Wir waren komplett inaktiv während andere Bands Platten rausgebracht haben. Doch nach Corona waren wir plötzlich populärer denn je – ohne überhaupt etwas dafür getan zu haben.
Chase: Die Szene hat sich verändert. Rock ist wieder populärer geworden, Bands wie TURNSTILE haben da viel bewegt.
Barry: Während Corona hat Pitchfork rückblickend noch mal unser erstes Album besprochen, anlässlich dessen zehnjährigen Jubiläums. Das hat irgendwie starke nostalgische Gefühle ausgelöst. Wir haben das einfach laufen und diese Nostalgie marinieren lassen. Danach mit einer neuen Platte zurückzukommen, fühlte sich wirklich gut an.
Wie hat sich die Art der Zusammenarbeit bei euch seit 2008 geändert?
Chase: Was das Songwriting angeht, ist es ziemlich simpel: Barry schreibt alles, unser Hemingway. Allerdings haben wir über die Jahre vor allem Drummer verloren, so dass wir auf den letzten beiden Alben mit Sessionmusikern gearbeitet haben. Und es ist wirklich irre zu sehen, was das mit Songs macht, wie sie einfach anders und viel lebendiger aufs Album kommen. Seit 2008 hat sich einiges verändert. Wir waren anfangs ja quasi ein Zweiergespann mit Akustikgitarren, das war’s. Einfache Songs, einfache Akkorde, Pop-Punk-Sounds und jede Menge Spaß. Und als wir dann langsam eine richtige Band wurden, war immer noch alles sehr einfach und schlicht, nahezu dieselben Songs. Unser erster Drummer Kurt war gut, hatte aber nur ein kleines Repertoire und wir waren uns bewusst, dass wir mit Einschränkungen klarkommen müssen, gleichzeitig waren wir aber froh, dass Kurt ein paar Dinge wirklich gut drauf hatte. Wir mussten es also irgendwie hinbekommen und das heißt, dass man nicht jede verrückte Idee auch bis ins letzte verfolgen kann, wenn dein Drummer diese Limitierung hat.
Barry: Bei den ersten drei Alben mussten wir tatsächlich mit diesen Beschränkungen leben, was wirklich frustrierend war. Aber ich glaube trotzdem, dass unsere besten Sachen aus dieser Zeit stammen, einfach weil wir diese Chemie hatten, wir waren irgendwie gut in dem, was wir taten. Als Songwriter war es aber einfach frustrierend, sich immer an den Kumpel aus der Highschool zu halten, der ein paar Drumbeats ganz passabel beherrscht. Ich wollte irgendwann wirklich einfach mit Session Drummern spielen und ja, bei den letzten beiden Alben lief es großartig. Man ist ein bisschen baff, wenn man plötzlich mit einem Schlagzeuger zusammenarbeitet, der buchstäblich alles kann. Es ist, äh ... just wow. Der Nachteil ist vielleicht, dass sie dir verrückte Drumtakes unterjubeln, die dann super klingen, aber irgendwie nicht deins sind.
Matt: Und genau hier war es wieder unglaublich toll, Brett am Ruder zu haben, er hat uns alle auf Kurs gehalten und einfach auch mal Ansagen gemacht wie „Das klingt gut“ und „Das nicht, das ist nicht deine Band“ und solche Dinge. Brett hat die Drumparts einfach noch mal gesondert und ganz fantastisch produziert.
Was habt ihr vor, wenn die Band irgendwann Geschichte ist? Oder was würdet ihr heute tun, hätte es JOYCE MANOR nie gegeben? Chuck Ragan zum Beispiel ...
Barry: ... würde fischen gehen! Haha.
Chase: Vermutlich würde ich irgendeinen Job machen, für den ich nicht wirklich brenne.
Matt: Ich hätte vermutlich eine kleine Kaffeebar. So Portland, Oregon-mäßig.
Barry: Kellnern in Long Beach. Gut, dass es JOYCE MANOR gibt.
Auf was freut ihr euch 2026 am meisten?
Barry: Ganz klar auf unsere Headliner-Tour und darauf, dass Menschen unser neues Album hören, das im Januar erscheint. Und ich bin mir nicht sicher, ob ich das schon sagen darf und es ist lustig, weil wir vor ein paar Minuten noch darüber gesprochen haben, aber wir werden tatsächlich bei der Warped Tour dabei sein. Wir wollten da früher unter gar keinen Umständen mitfahren. Wir haben zwar immer gerne von der gemeinsamen Fanbase profitiert, wollten aber lieber nischiger und indie-esker wahrgenommen werden, wir waren fast süchtig nach dieser speziellen Credibility. Und das war tatsächlich auch der Grund für unsere lange Zurückhaltung, bei Epitaph zu unterschreiben: Wir kommen auf euer Label, aber bitte zwingt uns nicht zur Warped Tour, haha. Zu deren Verteidigung muss man sagen, dass sie uns jetzt gar nicht gefragt haben, aber es ist immerhin das 30-jährige Jubiläum und wir haben große Lust darauf.
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