
Neun Jahre haben die Bostoner Post-Metaller für das neue Werk aufgewandt. Wir sprechen mit Joseph E. Martinez über die Revitalisierung der Band und das esoterische Konzept hinter „Sotera“.
Warum wird das Album in eurem Pressetext als eine Art Wiedergeburt der Band beschrieben? Warum versteht ihr es nicht einfach als Fortsetzung eurer bisherigen Arbeit?
Ich denke, das liegt vor allem daran, dass wir jetzt drei neue Mitglieder haben. Dadurch ist es im Grunde eine andere Band geworden. Klar, Dana und ich sind immer noch die Gründer, wir haben das Ganze ins Leben gerufen – im Kern wird es also immer dieser Ursprung bleiben, und den typischen Sound wird es auch weiterhin geben. Aber durch die drei Neuen hat sich die Dynamik komplett verändert. Wir proben jetzt regelmäßig zusammen, es ist eine ganz andere Atmosphäre. Früher waren wir zu viert, jetzt sind wir zu fünft – und drei davon sind neu. Intern fühlt es sich für uns deshalb wie eine neue Band an. Nach außen hin wird es immer noch nach JUNIUS klingen, aber eben wie eine andere Version davon.
Du hast gesagt, die Dynamik hat sich stark verändert. Wie sieht das genau aus?
2015 hatte sich die Band erst einmal aufgelöst. Zwei Mitglieder haben danach ein neues Projekt gestartet, während Dana und ich weitergemacht haben. Für das Album „Eternal Rituals For The Accretion Of Light“ habe ich damals fast alles selbst geschrieben, außer den Drums. Wir haben uns die Dateien hin- und hergeschickt, waren also nie gemeinsam im Raum. Wir haben die Songs erst zusammen gespielt, als sie schon komplett fertig waren. Das war eine große Veränderung. Später, nach der Veröffentlichung 2017, wurde es schwierig, weil wir noch ein Kind bekommen haben. Wir konnten nicht mehr so viel touren und mussten uns stärker auf unsere Familien konzentrieren. An diesem Punkt hätten wir eigentlich auch aufhören können. Stattdessen haben wir einfach unser Leben gelebt, aber ich habe trotzdem weiterhin Musik geschrieben. 2019 kam dann ein neuer Bassist dazu, ein alter Freund von mir. Während der Pandemie haben wir die Band nach und nach erweitert und schließlich zwei neue Gitarristen dazugeholt. So ist die aktuelle Besetzung entstanden. Heute ist die Dynamik entspannter. Wir sind alle älter geworden, haben viel erlebt und wissen, wie hart das Ganze sein kann. Früher war alles extrem intensiv, fast wie auf Leben oder Tod. Heute geht es uns eher darum, gemeinsam Musik zu machen, ohne diesen Druck.
Wie hast du es geschafft, die Musik so zeitlos klingen zu lassen, obwohl lange unklar war, wann oder ob ihr sie überhaupt veröffentlichen würdet?
Ehrlich gesagt habe ich wahrscheinlich Material für zwei weitere Alben geschrieben, bevor dieses hier entstanden ist. Ich hatte viele Ideen und Songs, oft ohne fertige Vocals. Für mich ist immer das Konzept extrem wichtig, weil es den gesamten Sound und die Atmosphäre bestimmt. Ohne ein Konzept hatte ich zwar viel Material, aber keinen klaren Fokus. Ein Teil der Songs ist relativ spät entstanden, erst in den letzten sechs Monaten vor den Aufnahmen. Andere Ideen begleiten mich schon seit Jahren – zum Beispiel ein Refrain, den ich 15 Jahre lang seit „Reports From The Threshold Of Death“ mit mir herumgetragen habe, bis er endlich gepasst hat. Zeitlosigkeit entsteht für mich dadurch, dass ich einfach schreibe und später alles zusammenführe. Alte Ideen und neue Stücke werden dann so bearbeitet, dass sie zum aktuellen Konzept passen.
Wie bist du schließlich auf das Konzept des Albums gekommen?
Ich habe lange nach einer geeigneten Idee gesucht und nichts gefunden, das mich wirklich überzeugt hat. Dann bin ich auf ein Interview mit dem Philologen Dr. Amen Hillman gestoßen. Darin ging es um die Idee einer weiblichen Figur, die als eine Art „erste Christusfigur“ interpretiert werden könnte. Das hat mich total fasziniert. Vor allem die Figur der Medea, die in späteren Darstellungen oft als böse hingestellt wird, ursprünglich aber wohl ganz anders gesehen wurde. Wenn man noch weiter zurückgeht, entdeckt man, dass sie möglicherweise mit Heilkunst und den Ursprüngen der Religion verbunden ist. Mich hat die Vorstellung begeistert, dass es eine alternative Entwicklung hätte geben können, in der vielleicht eine weibliche Gottheit die zentrale Rolle gespielt hätte. Deshalb heißt das Album „Sotera“, das griechische Wort für „Retterin“. Es geht thematisch um weibliche Göttlichkeit – nicht nur Medea, sondern auch Figuren wie Hekate oder andere Göttinnen. Im Kern dreht sich alles um die Idee, diese weibliche Energie wieder in den Mittelpunkt zu rücken.
Gab es bei einem solchen Thema auch konkrete weibliche Beiträge zum Album?
Ja, auf jeden Fall. Meine Frau ist auf dem Album zu hören, meine Tochter ebenso, und auch die Tochter unseres Schlagzeugers. Es war mir wichtig, dass hier weibliche Stimmen beteiligt sind. Ursprünglich wollte ich sogar bei jedem Song unterschiedliche Frauen einbinden, aber dafür hat die Zeit am Ende nicht gereicht. Trotzdem war es eine bewusste Entscheidung, die Frauen in meinem Leben aktiv einzubeziehen.
Was wäre, deiner Meinung nach, ein guter Einstieg, wenn man sich mit der Geschichte rund um Medea beschäftigen möchte?
Eine gute Anlaufstelle ist die Website thefirstchrist.org. Dort gibt es eine Einführung und viele Quellen, die man weiterverfolgen kann. Außerdem lohnt es, sich Interviews mit Dr. Amen Hillman anzuschauen. Wenn man einmal anfängt, kann man sich stundenlang damit beschäftigen – ich selbst habe inzwischen über 300 Stunden
damit verbracht. Es ist ein unglaublich spannendes Thema, vor allem wenn man sich für antike Geschichte interessiert. Gleichzeitig gibt es viele Diskussionen darüber, was historisch korrekt ist. Genau das macht es aber so faszinierend.
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