KREATOR

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Die Weltenzerstörer

Wenn wir über Punk und Hardcore reden, reden wir über extreme Musik. Wie extrem sie ist, fällt unsereins im Detail und wegen langjähriger Gewöhnung aber meist nicht mehr auf. Doch zwischen „normalen“ Popsongs sticht unsere Musik immer noch hervor. Und so ist es auch mit den (noch) radikaleren Geschwistern von Hardcore und Punk: Grind und Thrash zum Beispiel, und etwa NAPALM DEATH und KREATOR im Speziellen. Gerade letztere haben sich von den Anfängen im Essener Norden vor 40 Jahren bis heute zwar weiterentwickelt, aber das Extreme, das Kompromisslose, das Unkontrollierbare zeichnet die Band um Sänger und Gitarrist Mille Petrozza bis heute aus und verschaffte ihnen über die letzten Jahre eine wachsende Zahl von Fans (und Anerkennung) auch in den benachbarten Genres. Weshalb es angemessen ist, die Band erneut in diesem Heft mit einer Titelstory zu würdigen anlässlich ihres 16. Albums „Krushers Of The World“, das Anfang 2026 veröffentlicht wird. Im Sommer 2025 erschien zudem Milles autobiografisches Buch sowie die Kino-Doku über KREATOR. Aus beiden ließ sich die Erkenntnis mitnehmen, dass KREATOR zwar keine Polit-Band sind, aber eine Gruppe politischer Menschen. Einmal mehr hatte ich das Vergnügen, mit Mille über all das zu sprechen.

Mille, wir sitzen uns hier morgens um 8:30 Uhr bei Zoom gegenüber. Ich sitze immer so früh am Rechner – bist du auch immer so früh wach?

Ja, aber manchmal bestätigten Ausnahmen die Regel. Ich will jetzt nicht sagen, dass ich ein Mönch geworden bin. Wenn es ein guter Abend ist, dann stehe ich auch mal länger irgendwo rum oder hänge mit Freunden ab. Wir hatten in jüngeren Jahren wahrscheinlich öfter diese Abende, und die werden mit den Jahren weniger, wenn man ein gesundes Verhältnis dazu hat. Es ist tragisch, wenn man sein Leben nicht anpasst, man muss ja auch auf seinen Körper hören. Was bringt mir das, wenn ich einen Kater habe, der drei Tage andauert, für einen Abend Spaß? Da überlegt man sich schon, wann sich das lohnt.

Du hast nicht wirklich eine große Story daraus gemacht, aber irgendwann sagtest du: „Nee, heute trinke ich nichts.“ Mit der Zeit bemerkte ich, dass du eigentlich gar nichts mehr trinkst.
Ich würde jetzt nicht ausschließen, dass ich jemals wieder was trinke, aber praktisch trinke ich momentan nichts.

Ozzy Osborne war ein Idol der ganzen Metal-Szene, der ist dieses Jahr gestorben, er wurde erstaunlich alt, aber war irgendwie auch eine tragische Gestalt, so wie er sich durch verschiedenste Sachen ruiniert hatte. Bei allem Respekt vor Ozzy, ist so was ein mahnendes Beispiel, wie man möglicherweise nicht alt werden will?
Der Alterungsprozess lässt sich nicht aufhalten, man kann nur ein paar Sachen optimieren. Und selbst dann gibt es keine Garantie, dass du nicht plötzlich eine ganz schlimme Krankheit kriegst. Ozzy hat wahrscheinlich in den 1970ern schon so gelebt, dass er einen Schaden davongetragen hat. Das habe ich zum Glück nicht, obwohl ich die 1980er auch mitgemacht habe. Ich war da immer recht kontrolliert. Ich fand immer schon, dass Musik und Gesundheit wichtiger sind als der absolute Exzess. Ich will jetzt nicht so klingen, als hätte ich nie gefeiert, aber man muss man sein Maß finden. Es ist ein bisschen komisch, darüber zu referieren und mit dem Zeigefinger zu kommen, von wegen „Macht das bloß nicht, sonst werdet ihr krank.“ Das stimmt ja so nicht, man muss einfach nur aufpassen und ich glaube, dein Körper gibt dir schon Signale.

Vor allem ist es eine individuelle Sache, sich für Yoga, eine vegane Ernährung und wenig oder keinen Alkohol zu entscheiden. Aber es gibt auch eine Tendenz zur Selbstoptimierung, wie man über Influencer und Social Media mitbekommt, es ist ein gesellschaftlicher Trend.
Kennst du den Typen, der niemals sterben will? Hahahaha. Das ist das Extrembeispiel. Ich stelle mir das ziemlich bescheuert vor, wenn man nie stirbt. Es ist natürlich schön, wenn man im hohen Alter, so wie Mick Jagger, noch so Gas geben kann. Das ist super und vorbildlich, finde ich. Aber Selbstoptimierung ist immer ein Trugschluss: Was ist denn, wenn ich gleich rausgehe und von der Straßenbahn überfahren werde? Du musst realistisch bleiben. Ich finde ein gesundes Maß an Selbstrespekt wichtiger als Selbstoptimierung. Eine Optimierung geht für mich damit einher, dass man mit seinen Energien haushaltet. Da können Sachen wie Yoga oder auch einfach mal lange spazieren gehen oder auf seine mentale und körperliche Gesundheit zu achten einem helfen, ein erfülltes Leben zu führen – in jedem Alter. Und natürlich wird einem das im Alter immer klarer.

Selbstreflexion ist hier das Stichwort. Und das war wohl auch das Thema des Jahres für dich. Selten wurdest du so intensiv befragt wie in den letzten Monaten: Erst das Buch, dann der Film, nun das neue Album. Wie erging es dir damit, permanent über dich selbst reden zu müssen, dürfen, können?
Die intensive Phase, als ich das Buch rausbrachte, war ein bisschen schwierig. Ich habe da auch mit angeboulevardten Medien gesprochen, wo ich vorsichtig war, weil die mir private Sachen entlocken wollten. Da habe ich gesagt, hier ist die Grenze, das ist mein Privatleben, das halte ich bewusst privat. Bestimmte Dinge gehören meiner Meinung nach nicht in die Öffentlichkeit. Aber insgesamt hatte ich viele schöne Gespräche. Und man erfährt natürlich auch ein bisschen was über sich selbst, wenn man gute Interviewpartner hat, die etwas aus einem herauskitzeln, denn ich denke nicht den ganzen Tag über mich oder über meine Vergangenheit nach oder warum ich bin, wer ich bin. Aber wenn man das bewusst macht und gute Gesprächspartner hat, ist es ein bisschen wie so eine Art ... nun, Therapie ist ein zu großes Wort. Aber man redet über sich und stellt dabei das eine oder andere fest. Dann habe ich es mal reflektiert und merke, das Thema bewegt mich gerade, auch wenn ich das gar nicht so auf dem Schirm hatte, dass das was mit mir macht.

Wie lief das Buch? Bist du zufrieden? Es tauchte mal in der Spiegel-Bestsellerliste auf.
Ja, aber ich weiß gar nicht, wie lange. Ich verfolge das nicht so wirklich. Es läuft überraschend gut, weder der Verlag noch ich haben damit gerechnet, dass es so erfolgreich wird. Ich glaube, der Grund ist, dass es eine Geschichte nicht nur über die Musik, sondern auch über das Ruhrgebiet der 1980er ist. Es spricht wohl viele Leute an, die älter sind und das miterlebt haben, und auch jüngere, die wissen wollen, wie das war. Ich hatte eine Lesung in Berlin, und da haben mir Leute echt nette Komplimente gemacht. Jemand sagte, er hätte noch nie so gut das Ruhrgebiet beschrieben bekommen, und da fühlte ich mich so ein bisschen gebauchpinselt. Ich wollte, dass es nicht nur eine Abhandlung zu den verschiedenen Stationen einer Bandkarriere wird, sondern dass es eher eine Coming-of-Age-Romanform hat, und damit bin ich im Nachhinein sehr zufrieden. Dass es sich nun auch noch sehr gut verkauft ist, ist ein Bonus.

Und der Film? Die Premiere in Essen in der Lichtburg war ja wirklich eine grandiose Veranstaltung. Wie lief der im Kino?
Die Zahlen der Kinoauswertung habe ich jetzt nicht. Wir waren in den Kinocharts, aber ich weiß nicht, was das bedeutet. Ich bin in der Filmwelt kein Experte, obwohl ich gerne und auch intensiv Filme schaue. Ich habe durch den Film viele Menschen kennengelernt, die in dem Bereich arbeiten. Da sind viele tolle Menschen dabei, aber es gibt auch viele große Egos. Es war eine schöne, aber zum Teil auch anstrengende Erfahrung. Es ist eine ganz andere Welt, da herrschen Gesetze und Regeln, die ich gar nicht überschauen kann. Deswegen habe ich da irgendwann losgelassen und gesagt, macht ihr mal. Denn ich bin in erster Linie Musiker und freue mich jetzt aufs Konzertpublikum und unser neues Album. So einen Film zu haben, ist echt schön. Das ist ein Manifest für die Fans und für uns. Es war geil, das zu machen, aber es ist auch gut, dass es jetzt vorbei ist.

Wird man den mal auf Arte, im Streaming, auf Blu-ray, auf DVD oder sonst irgendwo sehen können?
Ich habe dazu keine Informationen. Wir hoffen auf einen internationalen Release. Aber seien wir mal realistisch, es ist eine Dokumentation über eine Thrash-Metal-Band aus Deutschland ... Mein Traum wäre natürlich ein internationaler Netflix-Release, aber das liegt nicht in meiner Hand. Ich möchte eben, dass alle Fans das sehen können.

Was für ein Standing KREATOR international, in aller Welt haben, hat man auch im Film mitbekommen. Ist also auch eine englische Version des Buchs geplant?
Ich hoffe darauf, dass sich da was ergibt. Das ist in Arbeit. Es nutzt nichts, wenn man das in einem kleinen Verlag macht, so dass es in den Buchläden nicht zu finden ist.

Es gibt die Tendenz, dass manche Bands rund um ihr Album ein Narrativ entwickeln, mit dem man dann „rausgehen“ will an die Medien. Überlegst du dir, überlegt ihr euch im Vorfeld von einem Album, in welche Richtung das geben soll?
Solche Diskussionen gibt es bei uns nicht, ich bin da völlig frei. Was ich immer gerne vermeide, ist, gerade bei einem neuen Album, wenn ein Magazin so eine Bandhistory machen will – das langweilt mich einfach. Ich möchte nicht immer über die Vergangenheit sprechen. Wenn da ein neues Album ist, lasst uns bitte über das neue Album reden. So was sage ich dann meinem Management. Solche History-Specials gibt es zur Genüge, lasst uns was Originelleres machen. Für mich ist es wichtig, wenn ich ein Album rausbringe, dass das in der Gegenwart stattfindet und nicht zu so einer Nostalgieveranstaltung wird. Für die Nostalgie waren jetzt der Film und das Buch da, damit ist das abgehakt. Dazu passte auch, dass wir im Sommer drei Clubshows mit einer Oldschool-Setlist gespielt haben. Aber damit muss auch mal gut sein.

Im Film fand ich eine Szene interessant, die mir im Kontext der Entwicklungen in den USA aufgefallen ist, wo Menschen, die sich bei Social Media kritisch über Trump geäußert haben, das Visum verweigert oder entzogen wurde. Im Film hieß es, als ihr in China gespielt habt, dass bestimmte Songs, bestimmte Texte nicht gespielt beziehungsweise gesungen werden durften. Sind wir also an dem Punkt, wo man sich möglicherweise als Musiker überlegen muss, was man sagt und was man schreibt? Wenn ich einen Titel wie „Psychotic imperator“ vom neuen Album sehe, zucke ich in diesem Kontext zusammen.
Es kann natürlich sein, dass ich an eine Grenzkontrolle komme zur Einreise in die USA, und der Typ da googlet uns und stellt fest, dass ich was gegen die Regierung gesagt habe. Dann kann der wahrscheinlich sagen, nein, du kommst nicht rein. Das entscheidet dann random so ein Typ am Grenzübergang. Und ja, das ist so eine Art Zensur ... das ist schwierig. Wir waren früher oft in Russland, da kannte man das nicht, das muss ich schon mal sagen. Die haben sich nicht dafür interessiert. Ich glaube, die hatten es mehr mit Religion. Es konnte schon mal vorkommen, dass man mit fundamentalistischen Christen aneinander geraten ist oder so. Aber so was wie jetzt mit den USA, das gab es nicht. Durch die Transparenz in den sozialen Medien ist das eine ganz neue Situation. Ich verstehe schon fast, dass man da diese Themen vermeidet, finde es aber auch ein bisschen lame, denn man sollte natürlich in einer freien Welt auch eine freie Meinungsäußerung zulassen. Wir haben bei Jimmy Kimmel gesehen, was da passieren kann, und ich glaube, dass jetzt einige Bands vorsichtig geworden sind und nicht ständig ihre Social-Media-Profilen mit Anti-USA, Anti-dies, Pro-jenes zuspammen. Man muss sagen, es sind komische Zeiten.

Es braucht offensichtlich nicht viel. Im Ox schrieben wir, dass MY CHEMICAL ROMANCE aus entsprechenden Kreisen – Satanic Panic als Stichwort – in den USA massiv angegriffen wurden. Dass eine Band wie DROPKICK MURPHYS sich im Ox so deutlich gegen Trump positioniert, ist für die durchaus ein Risiko. Als europäische Band, die eine US-Tour spielen will, möchte man eher nicht in den Mittelpunkt einer entsprechenden Kampagne geraten.
Wir werden sehen. Wir arbeiten gerade an unseren Visa für die USA-Tour im Mai, und da hoffen wir einfach auf das Beste. Ich saß auch schon vor 15 Jahren oder so im amerikanischen Konsulat, der Bearbeiter hat mir meine Albumtitel vorgelesen und hat dann so ein bisschen ironisch gesagt: „Oh, ‚Enemy Of God‘, hm, ‚Endless Pain‘, ‚Pleasure To Kill‘ ... Sie wollen also in die USA einreisen ...“ Das fand ich damals ein bisschen lustig, das war aber noch eine andere Zeit. Ob das heutzutage noch so komisch wäre, weiß ich nicht, das werden wir sehen. Ich liebe die Fans in Amerika und man will als Band für seine Fans spielen, die natürlich nichts für ihre Regierung können – das ist immer ein Kompromiss. Man kann nicht überall da nicht spielen, wo einem die Regierung nicht passt. Ich könnte dann ja auch nicht mehr in Ungarn spielen. Ich weiß nicht, wo man da die Grenze zieht. Ich bin der Meinung, dass die Leute in solchen Zeiten auf jeden Fall Musik brauchen, und wir bringen denen die Musik. Das machen viele andere Bands auch. Die Anhänger solcher Regierungen werden sowieso nicht zu unseren Konzerten kommen und wir wollen die da auch gar nicht.

Ich kann das, was du mir sagst, nachvollziehen, aber so ein bisschen eiert man da schon rum ...
Nein, ich eiere da überhaupt nicht rum! Du kennst meine Meinung über diese Menschen, über diese Diktatoren. Meine Haltung ist glasklar. Die kennt jeder. Aber natürlich machen wir uns Gedanken, ob wir das Visum kriegen. Der Zug ist sowieso schon abgefahren für mich, weißt du? Meine persönliche Meinung gegen eine bestimmte Regierung und gegen diktatorische Strukturen, die ist längst bekannt. Wenn ich jetzt rumeiern würde, dann hätte ich schon vor 20 Jahren rumeiern müssen.

Eine Szene in dem Film, die ihr bewusst reingenommen habt, war jene, als Maik Weichert von HEAVEN SHALL BURN und du die Gedenkstätte des früheren Konzentrationslagers Buchenwald besucht habt. Das empfand ich als einen sehr intensiven und beklemmenden Moment in dem Film. Nun wird in der Punk- und Hardcore-Szene immer vorausgesetzt und positiv gesehen, dass sich eine Band politisch positioniert und äußert, im Metal hingegen ist das nicht so.
Ich bin mir nicht sicher, ob das im Punk und Hardcore wirklich immer so klar ist. Es gibt auch eskapistische Punkbands. Ich glaube, das sollte jede Band selber für sich entscheiden. Ich bin der Meinung, dass man gerade in die Texte so viel reinbringen kann, dass die so viel hergeben, dass man darüber seine Haltung transportiert. Aber wir sind auch nicht TON STEINE SCHERBEN oder so, das liegt uns fern. Und es ist nicht nur bei Metal-Konzerten so, sondern auch bei Punk- und Hardcore-Shows, dass man den ganzen Scheiß auch mal vergisst für zwei Stunden. Oder anderthalb Stunden. Dass man mal sagt: „Fuck, ich hab jetzt die Schnauze voll, ich gehe auf ein Konzert, höre mir Musik an, tauche ein in den Pit.“ Das ist auch wichtig für die mentale Gesundheit. Du, ich, wir sind politische Menschen, wir beschäftigen uns den ganzen Tag mit diesen schrecklichen Meldungen, mit diesen unglaublich fiesen, bösen Menschen. Und die Kunst ist dafür da, dass wir da manchmal rauskommen. Und deswegen kann ich super nachvollziehen, dass manche Bands sagen, wir wollen da jetzt nicht auch noch in der Musik drüber sprechen. Das respektiere ich. Das heißt nicht, dass die Leute in diesen Bands deswegen schlechtere Menschen sind oder eine Haltung haben, die nicht okay ist.

Es gibt aber eine Tendenz, dass man gefühlt von jedem und jeder eine Positionierung erwartet: Wie stehst du hierzu, wie stehst du dazu? Jede:r muss eine Meinung zu irgendeinem Punkt haben, von Nahost bis zu Tiere essen oder nicht. Und aufgrund dessen wird das Urteil gefällt, was man von dieser Person zu halten hat.
Du hast dann als Gesprächspartner schon eine Meinung und möchtest nur, dass der Künstler dir diese bestätigt. Und wenn der dann nicht genau das sagt, was du hören willst, dann ist der Künstler plötzlich nicht mehr ganz so okay. Da müssen wir aufpassen meiner Ansicht nach, damit wir uns nicht selbst gegenseitig zerfleischen, sondern die Nuancen herausarbeiten, die innerhalb bestimmter Haltungen noch möglich sind. Ich finde, da werden manchmal auch die falschen Leute angegriffen.

Einfach mal alles vergessen für die Dauer eines Konzertes, das bedeutet eine gewisse Leichtigkeit, die man auch mit Heavy Metal erleben kann. Das sprichst du in deinem Buch an, wenn es um dein erstes jugendliches Konzerterlebnis mit KISS geht. Jeder von uns kennt das, wenn man live von der Musik mitgerissen wird, das ist so ein transzendentales Moment. Ist das also ein Ziel von dir, dass du den Menschen mit eurer Live-Show genau das ermöglichen, sie einfach rausreißen willst?
Ja, hundertprozentig. Es gibt da zwei Ebenen. Es gibt einmal die Show: da gibt es Horror, da brennt alles, man freut sich, man geht in den Pit oder man schaut sich dieses Spektakel von hinten an. Und dann gibt es diese andere Ebene, und die ist ultra wichtig – es ist das, was ich damals erleben durfte, was wir alle in irgendeiner Form in der Jugend erlebt haben. Das ist es, was für mich funktioniert, was mir Kraft gibt, was mich inspiriert. Wir möchten, dass jeder, egal, ob er uns zum ersten Mal sieht oder zum zwanzigsten Mal, das immer wieder mitnimmt und dann rauskommt von dem Konzert und es im besten Fall inspirierend war und im schlechtesten Fall einfach ein geiler Abend. Und ich finde, daran ist nichts Verwerfliches.

Geht dir das selbst heutzutage noch so, wenn du auf der Bühne stehst, dass du „in another state of mind“ gerätst? Oder ist das ein professionelles Abliefern, ohne dass ich das irgendwie negativ meine?
Nein, das ist überhaupt kein „professionelles Abliefern“. Also der beste Fall ist, wenn es, wie du gerade gesagt hast, eine transzendentale Erfahrung ist, ein spirituelles Erlebnis. Du stehst vor dem Publikum, das Publikum und die Band werden eins, wir zelebrieren die Musik für anderthalb Stunden und hinterher ist jeder energetisiert. Das ist für mich der perfekte Ablauf. Es gibt auch das „Abliefern“, wenn dieser Funke manchmal nicht überspringt. Dann liefert man nur ab, aber es ist immer noch intensiv. Es gibt diese magischen Abende, aber die gibt es eben nicht jeden Tag. Das ist oft eine individuelle Wahrnehmung. Manchmal ist es für mich ein magischer Abend und für den Rest der Crew und der Band nicht. Jeder empfindet das anders.

Ich habe dich schon ein paar Mal direkt nach einem Konzert erlebt und manchmal hat man das Gefühl, okay, wow, sieht der überhaupt irgendjemand? Bist du dann irgendwie „drauf“?
Ja, man ist da „drauf“, hahaha! Ich glaube, das kann man gut damit vergleichen. Das ist wie ein Rausch. Es ist ein Rausch an Energie, Sound und visuellen Eindrücken. Im besten Falle vergehen anderthalb Stunden wie im Flug. Du denkst, wow, schon der letzte Song! Wenn das so läuft, ist es richtig geil. Das ist etwas, das man auch nicht so richtig beschreiben kann. Über Musik zu reden, das ist ja unser Lebensthema quasi. Warum findet man irgendwas gut? Warum findet man einen Song gut? Warum spricht einen Musik an? Warum spricht sie einen nicht an? Das ist nicht messbar, was das ausmacht, aber im besten Falle versetzt dich Musik in einen anderen Bewusstseinszustand. Das kannst du durch Yoga erreichen, das kannst du durch Musik erreichen, durch ein gutes Buch, einen Film. Das ist Kunst, Kultur. Das hört sich jetzt vielleicht ein bisschen hochtrabend an, aber das ist es, was die Menschheit weitergebracht hat. Nicht Kriege, nicht irgendwelche Politiker-Arschlöcher, sondern Kunst und Kultur. Das ist das Wichtigste.

Es gibt Menschen, die nach diesem Rausch auf der Bühne süchtig werden, die den permanent brauchen. Das kann durchaus, wie bei jeder Droge, zu Problemen führen. Wie erlebst du das bei anderen, die vielleicht nicht kapieren, dass sie nicht 24 Stunden am Tag auf der Bühne stehen, sondern nur anderthalb?
Ich glaube, das nennt man Hybris, wenn man sich mit der Bühnenperson zu sehr identifiziert und das nicht mehr abschalten kann. Bisweilen lerne ich solche Leute kennen, zum Glück nicht oft. Ich habe dafür schon einen ganz guten Riecher, wenn jemand so ist. Das langweilt mich dann extrem, denn du kannst mit dieser Person gar nicht mehr privat reden. Ich mag es lieber, wenn man beide Seiten sieht. Wenn du performst und wenn du ins Studio gehst, wenn du Musik machst, dann brennst du, und dieses Feuer, das muss auf Sparflamme gesetzt werden, wenn du von der Bühne runterkommst. Natürlich musst du immer noch dafür brennen und das auch immer noch verkörpern, aber nicht so penetrant, dass es den Leuten einfach nur auf die Nerven geht.

Im Metal vielleicht noch mehr als im Punk haben die Menschen ein Gespür dafür, was und ob jemand „trve“ ist.
Ja, aber da habe ich von Anfang an nicht mitgemacht. Weder im Metal noch sonst wo.

Reden wir über Grenzüberschreitungen und das neue Album. Ihr habt mit der Band in der ersten Hälfte der 1990er, was ja im Buch nicht mehr drin ist, Versuche unternommen, musikalisch jenseits des Thrash Metal in andere Bereiche vorzudringen, was aber, das kann man wohl so sagen, nicht von großem Erfolg gekrönt war. Also kam die Rückkehr zum Thrash. Was denkst du, welchen Begrenzungen ist man unterworfen? Was kann man machen, was könnte man ausprobieren, lässt es aber besser?
Man kann alles machen. Der Unterschied zwischen den 1990er Jahren und der Gegenwart ist, dass neue Ideen und eine musikalische Vision zu haben damals beinhaltete, neue Pfade zu begehen. Das ist heute nicht mehr so intensiv ausgeprägt, denn wir integrieren das in unseren heutigen Sound. Wenn du etwa „Renewal“ nimmst, da hatte das ganze Album so einen Vibe, das ist eine bizarre 1990er-Version unserer Vorstellung von Metal. Das war beeinflusst von Goth, Industrial und was weiß ich, was wir zu dem Zeitpunkt noch so gehört haben. Das passiert heute nicht mehr. Ich kann heute sehr gut differenzieren, was den Sound der Band ausmacht. Wir können alles machen, wenn wir wollen, aber wir wollen natürlich vor allem, dass es geil ist. Ich glaube, ich kann mich und meine Musik relativ gut einschätzen, und ich bin auch sehr selbstkritisch. Ich kann also sagen, es gibt bestimmte Künstler und Künstlerinnen, die machen Goth einfach besser als ich. Aber das heißt nicht, dass ich solche Einflüsse nicht einfließen lassen kann in unsere heutige Musik. Die sind dann da, aber nicht mehr so stark wie auf einem Album wie „Renewal“ oder besonders „Endorama“.

Viele Frontpersonen in Bands veröffentlichen irgendwann ein Solo-Album, auf dem sie dann ganz andere Musik machen, vorzugsweise irgendwas Akustisches oder Richtung Country oder sonst irgendwas.
Das ist bei mir schon längst ein Plan, aber ich komme nicht dazu. Wenn es irgendwann mal passiert, muss es natürlich geil werden. Und deswegen habe ich es wahrscheinlich auch noch nicht gemacht. Meiner Meinung nach ist es nicht so einfach, von Metal zu Akustik zu wechseln. Aber vielleicht kommt irgendwann mal was ...

Reden wir über das neue Album. Da ist „Satanic anarchy“ sofort herausgestochen. Ich finde, mit dem Refrain und der Melodieführung, ist das ja schon fast ... Pop.
Ja, ich bin ein großer Fan des Pop. Und ich mag melodische Musik. Mir gefällt es, wenn Musik eingängig ist, und ein catchy Refrain ist für mich kein Schimpfwort oder irgendwas Negatives, im Gegenteil. Ich bin aufgewachsen mit solchen Sachen und bin froh, dass ich das jetzt irgendwie unterbringen kann. Das macht mir Spaß.

Aber wie schafft man es, solche Momente in dem Thrash-Geballer unterzubringen, für das der Name KREATOR ein Trademark ist?
Was du vorhin angesprochen hast, diese „Gesetze“, die irgendwelche Puristen anführen, wie man das machen soll und wie nicht – die gibt es nicht für mich. Ich mache das, was ich will. Wenn ich in einem Thrash Metal-Song einen Refrain unterbringen will, an den ich mich erinnern kann, den zu singen mir Spaß macht und wo ich sage, das wird geil, wenn ich das live mache – dann gibt es da keine Gesetze. Wir sind doch nicht angetreten vor 40 Jahren, um uns von irgendwelchen Szene-Polizisten irgendwelche Regeln vorgeben zu lassen: „Du bist Thrash Metal, deswegen darfst du das nicht machen.“ Ich bin doch kein Dienstleister! Für mich ist das Kunst. Und ich bin froh, dass dir auffällt, dass wir so einen schönen Refrain gemacht haben. Das ist ein nettes Kompliment. Und ich hoffe, dass viele Leute das auch so sehen.

Ihr habt das Album im schwedischen Örebro mit Jens Bogren im Fascination Street Studio aufgenommen. Wie muss ich mir eine KREATOR-Albumproduktion vorstellen? Wie stressig, wie intensiv, wie planvoll, wie spielerisch findet so was statt? Es sind ja Zeiten, in denen man durchaus im Blick hat, was das alles kostet, weil das nicht mehr wie früher „sowieso“ die Plattenfirma bezahlt.
Die Albumproduktion hat sich über anderthalb Jahre erstreckt. Meine Einstellung ist schon immer gewesen, dass man das so lange macht, bis es fertig ist. Und natürlich ist es teuer, natürlich ist es aufwändig. Und wenn du mich schon so fragst, dann sage ich dir, es ist die teuerste Produktion, die wir jemals gemacht haben. Aber das hört man auch. Ich finde, das Album klingt monumental. Es klingt sehr intensiv. Es wurde sehr viel Wert gelegt auf Performance, und wir versuchen, den Metal ein Stück weiterzubringen, beziehungsweise den KREATOR-Metal, unsere Version von Metal. Wir alle haben alle unsere Einflüsse eingebracht, wir haben mit einem echten Chor gearbeitet, aus Schweden, wo wir aufgenommen haben. Und für die Gangshouts hatten wir ganz viele Leute im Studio, unter anderem Leute von MILLENCOLIN, wir haben eine Art Party daraus gemacht. Wir haben wieder mit Francesco Ferrini von FLESHGOD APOCALYPSE gearbeitet, und wir hatten eine Gastsängerin dabei, Britta Görtz von HIRAES. Das entstand alles während des Prozesses, wir haben gesagt, hier brauchen wir das, hier machen wir dies und hier wollen wir jenes. Und das hat natürlich gedauert. Wir haben diesmal sogar eine Vorproduktion in Schweden gemacht, es war also sehr viel Aufwand, aber es hat super viel Spaß gemacht. Und ich finde, das hört man dem Ganzen auch an. Es ist ein sehr frisches Album, obwohl es so groß produziert ist.

Du hast mir mal gesagt, bezogen auf die Konzerte, das du jeden Abend abliefern musst und dich auch deshalb in Sachen Fitness und Alkohol unter Kontrolle hast. Damit die Leute nicht nach der Tour sagen: „Hm .... beim letzten Mal war es geiler, diesmal war es nicht so gut, mal schauen, ob ich nächstes Jahr wieder hingehe.“ Man will also auch nicht, dass die Leute sagen, die letzte KREATOR-Platte war besser. Muss man also immer noch einen draufsetzen, noch besser „abliefern“? Ist das etwas, das dich umtreibt?
Abliefern klingt immer so ein bisschen negativ ... Wenn wir von „abliefern“ reden, dann im Sinne von „Alles geben, was man hat“. Ja, das war unser Ziel. Wir hatten vor diesem schon 16 Mal ein Album gemacht. Warum wollen wir jetzt noch eins machen? Ich finde, viele Bands machen es sich da ein bisschen einfach und liefern dann wirklich im negativen Sinne ab: Das sind die Trademarks, die müssen wir unterbringen, und dann passt das schon. Das haben wir überhaupt nicht gemacht. Wir haben zwölf Songs geschrieben, zehn sind aufs Album gekommen, die sind die Essenz von KREATOR im Jahr 2025, beziehungsweise wenn es dann rauskommt, 2026. Ich glaube, das ist uns gut gelungen – mit einem Twist. Den Sound haben wir insofern erweitert, als jetzt alles ein bisschen epischer ist – wobei das ein Wort ist, das oft falsch verstanden wird. Ich finde es immer schwierig, Musik mit Worten zu beschreiben. Man muss sich darauf einlassen, man muss sich das anhören und dann entscheiden, ist das was für mich oder nicht.

Du bist jetzt also gerade in der Phase, wie wenn du von der Bühne kommst: Das Album ist fertig und du sagst, ja geil.
Absolut. Ich kann es mir anhören und ich finde keinen Moment darauf, bei dem ich denke, das hätte man besser machen können. Im Gegenteil, diese beiden Songs, die wir nicht aufs Album genommen haben, die vermisse ich sogar, weil ich denke, das könnte jetzt auch noch ein bisschen weitergehen. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder du bringst ein Album raus, das über eine Stunde geht – und dann ist man irgendwann gelangweilt und will es nicht wieder hören. Oder du komprimierst das auf so 45 bis 50 Minuten und man hat dann vielleicht Bock, das noch mal zu hören. Und das war der Weg bei diesem Album. Außerdem kann man es auf einer LP unterbringen, wir wollten nicht wieder eine Doppel-LP machen.

Wir haben mal ein Interview gemacht, wo wir uns über jedes einzelne Cover-Artwork von KREATOR unterhalten haben. Deshalb brauchen wir jetzt zum Schluss hin noch die Bildanalyse. Wer hat das Cover von „Krushers Of The World“ gemacht und was war deine Intention? Wie hast du den Künstler „gepromptet“?
Zbigniew M. Bielak ist ein polnischer Künstler, der schon so viele Sachen für uns gemacht hat, die aber noch nicht veröffentlicht wurden. Er hat zum Beispiel die alten Cover neu gedacht und erweitert, etwa von „Pleasure To Kill“, „Terrible Certainty“ und „Endless Pain“. Das wurde aber noch nicht veröffentlicht. Wir sind aber über 15 Jahre irgendwie nie zusammengekommen, er ist ein Künstler und sehr intensiv in der Zusammenarbeit, denn er hat sehr eigene Ideen. Währenddessen hat er sich etabliert als Coverartist etwa für GHOST. Man sieht auf dem Albumcover viele kleine „Easter Eggs“, wie man man im Filmbereich sagt: Details, die an alte Cover erinnern. Ich glaube, das Bild muss man auf sich wirken lassen, es ist ein ziemlich infernalisches Artwork geworden und ich bin ein großer Fan davon.

Du hast bewusst einen Künstler beauftragt. Man hätte so was auch per KI prompten können ...
Ich glaube nicht, dass man so was mit KI hinkriegt. Ich bin der Meinung, dass das ein bisschen überbewertet wird. Und andererseits ... ist das wahrscheinlich schon weiter, als ich denke. Aber da sind Ideen drin, die kann eine KI nicht haben. Dieser menschliche Faktor, der ist nicht greifbar. Diese völlig entmenschlichte Kunst, die wird sich nicht so durchsetzen, wie alle Leute jetzt befürchten. Es wird nicht passieren, meiner Meinung nach. Wahrscheinlich reden wir in fünf Jahren, wenn das nächste Album rauskommt, noch mal. Und du sagst mir: „Du hast ja damals gesagt, das wird sich nicht durchsetzen, und es hat sich doch durchgesetzt.“ Aber das ist mein naiver Glaube, dass so was nicht mit KI kreiert werden kann.

Mein naiver Glaube ist ja, dass es Interviews wie dieses und Journalismus wie den, den ich mache, auch in fünf Jahren noch geben wird und geben muss.
Natürlich. Der menschliche Austausch ist nicht ersetzbar, aber KI ist ein Tool. Wenn man die als Tool ansieht, dann ist das okay und etwas, das wir sowieso nicht aufhalten können und wovor wir auch keine Angst haben sollten. Wir sollten nicht in Panik geraten, auch wenn man damit viel Schindluder treiben kann. Ich glaube nicht, dass KI die Menschlichkeit ersetzen kann.

Welche Auswirkungen hatte KI auf die Albumproduktion? Vieles im Studio läuft digital, sehr viel ist möglich, doch wo habt ihr die Grenze gezogen mit eurem Produzenten und definiert, dass das wirklich von Hand gemacht wird?
Da muss ich einfach mal einen Lobgesang auf Jens Bogren halten. Alles, was du hörst, wurde so gespielt. Da ist nichts irgendwie zurechtgerückt. Wir nutzen natürlich die Tools, etwa im Proberaum. Wir sagen, hier an der Stelle muss das schneller werden und dann programmieren wir das Metronom so, also den Klick-Track, dass es dann an der Stelle schneller wird, damit wir alle gleich schneller werden. Das ist so ein technisches Detail, um mal in die Produktion reinzugehen. Aber alles, was du hörst, wurde eindeutig so von mir gesungen. Alles, was du irgendwie an Gitarrenarbeit hörst, ist eindeutig unsere Performance. Wir haben uns viel Zeit gelassen, um bei jedem einzelnen Musiker das Beste rauszuholen. Das war sehr intensiv und zeitaufwändig, aber so ist nun alles gespielt, da gibt es nichts, was irgendwie per Computer zurechtgerückt wurde. Meine Demos mache ich hingegen so, und das ist der Grund, warum ich die auch nicht veröffentliche. Man soll die menschliche Performance der Band hören.

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