LAMB OF GOD

Foto© by Travis Shinn

Konstanter Kern

Bassist John Campbell erzählt, wie „Into Oblivion“ entstanden ist, warum LAMB OF GOD genau wissen, wer sie sind, und dass sie keinen Bock auf das Erwartbare haben.

Into Oblivion“ ist das nächste Kapitel der LAMB OF GOD-Geschichte und Bassist John Campbell spricht darüber nicht wie über ein Produkt, sondern wie über etwas, das man über Monate, manchmal Jahre, mühsam zusammengesetzt hat. „Was wir bei diesem Album gemacht haben, war in gewisser Weise ein bisschen anders als beim letzten“, sagt er. „Wir haben unglaublich viel Zeit in unserem Proberaum verbracht. Dort haben wir am Ende auch die Gitarren aufgenommen. Der Ort ist so ein bisschen abgelegen, irgendwo in der Nähe von Marks Haus. Im Grunde war es ganz simpel: Wir sind jeden Tag aufgetaucht, haben an den Songs gearbeitet, sie weiter zerlegt, wieder zusammengesetzt, bis sie so waren, wie sie am Ende sein sollten.“

Der Kern des Prozesses liegt für LAMB OF GOD schon lange nicht mehr im Studio, sondern davor. „Mark und Willie hatten vorher schon Writing-Sessions mit Josh. Die beiden bringen Ideen mit, Riffs, Strukturen, Dinge, an denen sie gearbeitet haben. Dann setzen sie sich zusammen, feilen daran, schmeißen Sachen raus, reduzieren es auf das, was wirklich trägt. Und erst dann kommt das Material zu uns in die Band. Ab da fangen wir an, diese Songs wirklich zu konsumieren, und wir lernen sie, spielen sie, hinterfragen sie, ändern Tempi, ändern Parts. Das ist der Punkt, an dem es wirklich zu LAMB OF GOD wird.“

Gitarre und Bass wurden schließlich im Proberaum aufgenommen, während Drums und Vocals an anderen Orten entstanden. Für Campbell ist das heute kein Widerspruch mehr. „Der eigentliche kreative Prozess passiert sowieso, bevor du überhaupt ans Aufnehmen denkst. Wir haben die finalen Demos, wir haben die finalen Tempo-Maps, wir wissen ziemlich genau, was wir spielen wollen. Und wir haben das schon sehr früh gelernt, als wir damals noch auf Tape aufgenommen haben. Studiozeit war teuer, richtig teuer. Du konntest es dir nicht leisten, ins Studio zu gehen und dort erst mal rumzuprobieren. Also hast du die Arbeit vorher erledigt.“
Trotzdem ist der Kern bei LAMB OF GOD erstaunlich konstant geblieben. „Mark und Willie sind die Hauptsongwriter, zusammen mit Josh. Sie sind die treibende Kraft hinter den Riffs. Wenn das Material zu uns kommt, sind wir die, die sagen: ‚Hey, das klingt wie das‘ oder ‚Das ist ein bisschen zu schnell‘ oder – mein Klassiker – Alter, das soll ich spielen?!‘ Das ist normalerweise mein Beitrag“, sagt er und lacht. „Aber genau daraus entsteht diese Dynamik. Randy hat sowieso immer ein Ohr drauf, er schreibt ständig, er ist einfach jemand, der mit Worten lebt. Und am Ende kommt alles zusammen, wenn wir uns als Band hinsetzen und sagen: Okay, jetzt machen wir daraus ein Album.“

Nach so vielen Jahren in derselben Band wirkt die Frage fast banal: Wie hält man den kreativen Prozess überhaupt interessant? Campbells Antwort ist erfrischend ehrlich. „Ganz ehrlich? Das ist mein am wenigsten liebster Teil. Ich bin nicht der Typ, der stundenlang dasitzt und denkt: Ich brauche noch einen Verse, ich brauche noch diesen oder jenen Part. Ich liebe das Performen. Das ist das komplett andere Ende des Spektrums. Das Schreiben kann unglaublich mühsam und kleinteilig sein, während das Spielen live einfach nur körperlich anstrengend ist, aber emotional extrem belohnend.“ Natürlich kennt er auch die kleinen Siege im Studio. „Klar, es ist geil, abends einen Take zu hören und zu denken: Fuck yeah, das klingt gut. Aber nichts kommt für mich an den Moment heran, wenn du auf der Bühne stehst und alles klickt. Wenn jeder jeden hört, wenn wir genau das spielen, was wir spielen wollen, und die Crowd darauf reagiert. Dieser Moment, wenn du neue Songs spielst, die vorher niemand kennt, und du merkst, das funktioniert. Genauso machen nur wir das, und wir machen es gut. Das ist unfassbar befriedigend.“

Dazu kommt für ihn der soziale Aspekt. „Wir machen das so lange, wir kennen Crew-Leute und Musiker überall auf der Welt. Festivals sind wie Klassentreffen. Du triffst Leute, die du seit Jahren nicht gesehen hast. Und gleichzeitig hast du diese unfassbare Energie von der Crowd. Das ist einfach etwas Besonderes.“ Sein intensivster Festival-Moment? „Das erste Mal auf der Main Stage vor 80.000 oder 90.000 Leuten. Du schaust raus und siehst einfach nur dieses Meer aus Menschen und weißt: Jetzt gehen wir raus und geben alles. Ich habe mich gefühlt, als würde ich über die Bühne schweben.“ Gibt es Orte, an denen er gerne noch spielen würde? „Ich möchte gerne mehr im Mittleren Osten spielen. Wir waren in Israel, ich habe das Tote Meer und Jerusalem gesehen, das war unglaublich. Aber sonst ... ich weiß, dass unser Name und manche Texte vielleicht nicht überall gut ankommen. Wenn wir nicht willkommen sind, sind wir nicht willkommen. Aber ich würde diese Region der Welt gerne sehen.“ Andere Locations sind ihm vor allem wegen ihrer Umgebung im Gedächtnis geblieben. „Rock am Ring und Rock im Park sind ziemlich surreal. Als Amerikaner auf einer Formel-1-Strecke zu stehen und zu denken: Holy shit, das kenne ich aus Videospielen. Oder Welcome to Rockville in Florida, auch auf einer Rennstrecke. Und dann gibt es dieses Festival Inkarceration, das auf dem Gelände eines alten Gefängnisses stattfindet. Wir haben da eine Führung bekommen. Das war ein richtig düsterer Ort, so ein Gebäude, das einfach jahrzehntelang dafür da war, Menschen zu bestrafen. Das nimmt man mit.“ Wenn es um völlig absurde Wunschorte geht, lacht er wieder. „Wir machen ja schon die Headbangers Boat Cruise, das ist im Grunde ein schwimmendes Festival mit Hotelzimmern an Bord. Aber sonst? Gib mir die sieben Weltwunder. Pyramiden wären geil. Ehrlich, überall, wo man uns haben will.“

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