MELONBALL

Foto© by Manuel Wieslhuber

Viva Punk Rock Holiday!

Im fränkischen Underground tut sich was. Erst haben AKNE KID JOE ihren Siegeszug durch die Clubs dieser Republik angetreten. Jetzt macht sich schon wieder eine Punkband aus Nürnberg deutlich bemerkbar. Vor drei Jahren haben MELONBALL ihr Debütalbum „Breathe“ auf den Labels Thousand Islands Records (Kanada) und Lockjaw Records (UK) veröffentlicht. Melodischer Punkrock amerikanischer Prägung mit politischen Texten. Der Nachfolger heißt „Take Care“ und kommt via Rookie Records. Damit will die Band den nächsten Schritt machen. Sängerin Oli und Gitarrist Basti erklären im Interview, was mit dem neuen Album geplant ist und welche Bedeutung das Festival Punk Rock Holiday in Slowenien für die Bandgeschichte hat.

Wie hat das alles angefangen mit MELONBALL?

Oli: Wir haben uns alle beim Punk Rock Holiday im Jahr 2018 getroffen. Da haben wir schnell festgestellt, dass wir alle Musik machen können, und haben einfach beschlossen, eine Band zu starten. Erst waren es Basti, unser Bassist Jens und ich. Dann haben wir uns noch andere Leute und einen Proberaum gesucht. Und als wir startklar waren, kam Corona. Aber danach ging es ziemlich schnell los mit Shows und es macht immer noch Spaß.

Das Festival hat auch was mit eurem Bandnamen zu tun ...
Basti: Der Melonball ist tatsächlich der Signature-Drink vom Punkrock Holiday. Das ist ein quietschgrünes, alkoholisches Getränk mit allen möglichen Zutaten, alle Punks trinken das. Als es darum ging, einen Namen für unsere Band zu finden, sind wir ziemlich schnell auf die Idee gekommen, uns nach diesem Cocktail zu benennen.

Habt ihr vorher in anderen Bands gespielt?
Oli: Für keinen von uns ist es die erste Band. Wir waren alle schon in verschiedenen Projekten aktiv. Da ist aber nichts Größeres dabei. Jens war zum Beispiel bei MY FLINT, die waren auch viel unterwegs. Ich habe mein Studium damit finanziert, dass ich bei Hochzeiten gesungen habe. Tommy und Vik leben in Graz und sind hier auch in anderen Bands aktiv. MELONBALL ist für uns alle aber schon etwas Besonderes.

Das erklärt auch, warum ihr zwei Release-Partys spielt. In Nürnberg und in Graz.
Oli: Genau, weil die beiden aus Graz kommen.
Basti: Wir sehen uns aber schon als Band aus Nürnberg. Da ist unser Mittelpunkt, da haben wir angefangen, da ist unser Proberaum. Wobei die Herkunft einer Band auch irgendwie Schall und Rauch ist.
Oli: Wir proben nicht besonders regelmäßig. Das liegt daran, dass wir dieses Jahr fast jedes Wochenende gespielt haben. Da mussten wir nicht so viel üben. Aber normalerweise läuft das an Wochenenden und blockweise.

Ist Nürnberg eine gute Stadt, um eine Punkband zu gründen?
Oli: Natürlich kann man Nürnberg nicht mit Hamburg oder Berlin vergleichen. Solche Städte haben ein anderes Flair. Die Punk-Szene bei uns ist klein, aber umtriebig, würde ich sagen. Man kennt sich, aber es kommen trotzdem immer wieder neue Leute dazu. Es hat auch positive Seiten, wenn man sich gut kennt. Wir sind zum Beispiel schon seit vielen Jahren aktiv beim KNRD-Fest. Das ist ein DIY-Festival im Nürnberger Umland. Da helfen wir mit und bauen auf. Da kennen sich alle und das ist schön. Aber Nürnberg ist einfach Bayern und damit sehr konservativ. Immerhin liegt Nürnberg strategisch nicht schlecht. Hamburger Bands müssen weit fahren, um in den Süden zu kommen. Wir sind relativ zentral und kommen schnell in alle Ecken von Deutschland oder Europa. Das hat also auch Vorteile.

„Take Care“ heißt euer zweites Album, „Passt auf euch auf“, oder „Kümmert euch“. Ein Aufruf zur Solidarität?
Oli: Der Albumtitel ist natürlich mehrdeutig zu verstehen. Einerseits ist es schon ein Appell, auf sich selbst aufzupassen. Wir thematisieren auch mentale Gesundheit auf dem Album. Es ist aber auch ein Aufruf, auf sein Umfeld achtzugeben. Auf alle Mitmenschen, aber auch auf die Umwelt. „Take care“ ist im Englischen aber auch eine Verabschiedung. Also so wie „Tschüss, bis später“. Aber der Appell-Aspekt steht für uns eindeutig im Vordergrund. Es geht etwa im Song „Silence = Compliance“ darum, nicht wegzuschauen, dass es einem nicht egal ist, was in dieser Welt passiert. Es gibt einfach immer noch sehr viele Menschen, die denken, es geht sie alles nichts an, was um sie herum passiert. An Diskriminierung oder Rechtsruck. Wir können es uns aber nicht mehr leisten, dass es allen egal ist.

Eure explizit politischen Texte hast du schon erwähnt. Eure zweite Single heißt „129“. Worum geht’s in dem Song?
Oli: Der Text bezieht sich explizit auf den Paragrafen 129, den sogenannten Budapest-Komplex. Dieser Paragraf ist die Grundlage dafür, dass der Polizeiapparat Antifaschist:innen in ihrem Aktivismus mindestens beschatten, wenn nicht sogar stoppen will. Ursprünglich wurde diese Regelung eingeführt zur Bekämpfung organisierter Kriminalität, wird aber in letzten Jahren verstärkt gegen Antifaschist:innen eingesetzt, oder aus meiner Sicht missbraucht. Deshalb wollten wir mit dem Song ein Zeichen setzen. Es geht uns aber auch darum, diesen Paragrafen in den Fokus rücken. Wir hatten auch in Nürnberg den Fall, dass es Razzien gab in autonomen Jugendzentren, wegen vom Budapest-Komplex betroffenen Personen. Außerdem wurden deren Wohnungen durchsucht. Und das fußt eben alles auf diesem Paragrafen.

Seid ihr auch abseits der Band politisch aktiv?
Oli: Wir sammeln bei unseren Konzerten immer Geld für die Initiative „Kein Bock auf Nazis“. Wir haben vor kurzem mit anderen Leuten auch das Nürnberger Street-Team für „Kein Bock auf Nazis“ ins Leben gerufen. Wir sind aber auch in anderen Kollektiven unterwegs, wie zum Beispiel „Nürnberg sehen ... und sterben?“. Da kommt jedes Jahr ein Sampler raus. Mit dem Erlös werden unterschiedliche linke Strukturen unterstützt.
Basti: Das ist immer eine Mischung aus kultureller und politischer Arbeit. Bei „Nürnberg sehen... und sterben?“ machen wir eben einen Sampler mit Punkbands aus der Region, aber wir sammeln eben auch Geld für politische Initiativen. Ich finde es schön, dass wir beides kombinieren können.
Oli: Wir machen auch jedes Jahr im Herbst ein Soli-Konzert, zu dem wir uns Bands einladen. Auch da werden die kompletten Einnahmen linken Initiativen gespendet. Dieses Jahr waren es zum Beispiel die Rote Hilfe und Omas gegen Rechts. Und bei den Gegenprotesten zu Demos, die leider jeden Montag in Nürnberg stattfinden, sind wir auch häufig anzutreffen.

Ihr habt außerdem einen Song gemacht, der „Ignite“ heißt. Weil ihr mit denen beim Punk Rock Holiday auf der Bühne wart?
Oli: Das hat nichts mit der Band IGNITE zu tun. In dem Song geht es um Selbstreflexion und Arbeit an sich selbst. Es geht darum, dass man vor allem als nicht männlich gelesene Person häufig Kritik ausgesetzt ist. Ich kenne eigentlich keine nicht männlich gelesene Person, die noch nicht solche Erfahrungen gemacht hat. Dass man immer wieder damit konfrontiert wird, anders sein zu sollen. Dass man zu laut oder zu leise ist, dass man zu viel lacht oder zu wenig.

Habt ihr selbst schon mal beim Punk Rock Holiday gespielt, wo ihr euch im Publikum kennengelernt habt?
Oli: Da standen wir schon dreimal auf der Bühne. Unsere dritte Show überhaupt war bei der Corona-Ausgabe vom Punkrock-Holiday, das sogenannte Punkrock Camp im Jahr 2021. Das war eine kleinere Variante, nur mit europäischen Bands. Seitdem haben wir alle zwei Jahre dort gespielt. Wir sind da Dauergäste. Seit es die Band gibt, sieht man uns in der einen oder anderen Form eigentlich immer dort. Auch schon mit einem Akustik-Set. Der Name des Festivals verpflichtet natürlich, aber es ist auch unheimlich schön dort. 2025 haben wir auf der Beach-Stage direkt am Fluss gespielt und der Platz ist aus allen Nähten geplatzt. Keiner hat damit gerechnet, wie voll das wird bei uns. Das ist dort einfach der Schmelztiegel für diese Art von Punk, die wir machen. Außerdem ist es ein großes Gathering von Freunden. Dahin werden wir sicher immer wieder gern zurückkehren.

Wo und mit wem habt ihr das Album aufgenommen?
Basti: Unser Gitarrist Viktor Knebel aka Vik, der in Graz wohnt, ist gelernter Tontechniker und hat in seinem Hertzklang Studio schon einige Bands aus Österreich und Deutschland aufgenommen. Bevor er bei uns eingestiegen ist, hatten wir ihn schon als Engineer kennengelernt. Letztes Jahr haben wir bei ihm eine Akustik-EP aufgenommen. Da haben wir schon gesagt: Das nächste Album muss definitiv bei ihm entstehen. Seine Art zu arbeiten und die Ideen, wie er Sachen umsetzt, gefallen uns extrem. Glücklicherweise ist er dann auch in die Band eingestiegen. Wir haben das Album bei ihm in Graz mit echten Amps eingespielt. Er hat es gemischt und gemastert und wir sind happy damit. Wir waren eine Woche bei ihm im Studio und haben täglich daran gearbeitet. In dieser Zeit sind wir in die Songs richtig reingewachsen.

Die Platte kommt bei Rookie Records. Wie groß ist der Schritt, den ihr mit dem zweiten Album macht?
Oli: Als wir mit Jürgen von Rookie in Kontakt kamen, hat es nur wenige Minuten gedauert, bis wir wussten, dass wir beiderseits Bock auf Zusammenarbeit hatten. Mit unserem ersten Album waren wir bei zwei Labels aus England und Kanada. Das war auch alles cool, aber so eine richtige Deutschland-Repräsentanz hatten wir nicht. Man konnte unsere Platte nirgends kaufen, außer bei Bandcamp oder bei Shows. Das macht jetzt mit Rookie mehr Sinn. Außerdem ist Jürgen ein wahnsinnig toller Ratgeber. Er antwortet immer schnell und ist bestens vernetzt und organisiert. Wir tauschen uns fast täglich aus, das ist wirklich ein cooles Geben und Nehmen. Wir sind zusätzlich noch bei dem Label Thousand Islands Records in Kanada, weil das inzwischen Freunde von uns sind. Zum Glück ist man im Punk sowieso offen und kooperativ.
Basti: Durch Thousand Islands konnten wir letztes Jahr auch in Kanada touren. Diese internationale Vernetzung ist auch ein großer Vorteil. Man merkt aber schon, dass unsere Shows größer werden. Wir haben dieses Jahr auch beim Ruhrpott Rodeo gespielt. Das war eine sensationelle Erfahrung. Wir waren mit LAGWAGON, ZSK oder SATANIC SURFERS unterwegs. Wir merken schon, dass es wächst. Aber es wächst auf eine natürliche Weise. Wir sind gespannt, was uns 2026 erwartet.

Wie macht ihr das mit euren Jobs, wenn ihr viel mit der Band unterwegs seid? Es wird ja jetzt immer mehr.
Oli: Wir haben alle sehr unterschiedliche Jobs. Das Kurioseste ist unser Drummer Thomas Hlatky aka Tommy, der hat sein eigenes Saucen-Imperium „Tom’s Hot Stuff“ gegründet. Der hat sich vor einigen Jahren mit Chilisaucen selbstständig gemacht und kann davon leben. Der Jahresurlaub geht aber schon größtenteils für die Band drauf. Dann noch ein bisschen Gleitzeit und die Wochenenden. Genauso wollen wir es haben. Wir arbeiten nicht auf irgendwas Bestimmtes hin. Eine Karriere oder so. Das passt alles, so wie es ist. Für uns ist Punkrock Urlaub.

Das Album kommt am 27. Februar raus. Was ist rund um den Release geplant?
Basti: Unsere Release-Shows spielen wir im MUZ-Club in Nürnberg und im Music House in Graz. Das sind alles Freunde von uns. In der Musikzentrale in Nürnberg sind einige von uns Mitglieder und im Music House haben wir uns erstes Konzert in Österreich gespielt. Seitdem sind wir jedes Jahr mindestens einmal in Graz.
Oli: Wir wollten unsere Release-Shows da spielen, wo wir schon öfter waren, wo wir uns wohl fühlen und wo wir Freunde haben. Ende März gehen wir dann mit THE ANTI-QUEENS aus Kanada auf Tour. Das ist aufregend, weil wir zum ersten Mal auch Headliner sind. Das sind insgesamt neun Termine und das ist eine sehr spannende Sache, weil wir nicht mit einer größeren Band auf Tour sind, die Leute zieht. Bei solchen Shows muss man sich keine Gedanken machen, wie voll es wird. Deshalb sind wir jetzt gespannt, wer nur wegen uns kommt.
Basti: Wir spielen dieses Jahr auf Festivals in Frankreich und den Niederlanden. Da waren wir auch noch nie. Wir spielen wieder in Belgien und in Österreich. Wir können unseren Horizont immer mehr erweitern. Unsere Musik funktioniert scheinbar nicht nur in Deutschland, sondern überall.
Oli: Zum Release bekommen wir außerdem unser eigenes Bier. Das wird auch diesen Melonball-Geschmack haben. Weil es mit Orca-Brau hier in der Nähe eine sehr stabile Craftbier-Brauerei gibt, die zum Beispiel auch schon ein „Anti-AfD-Konterbier“ rausgebracht hat. Der Orca-Macher Felix ist auf uns zugekommen und hat uns gefragt, ob wir ein eigenes Bier haben wollen. Da haben wir sofort zugestimmt. Außerdem wird es bestickte Kissenbezüge von MELONBALL geben. Das passt super zu „Take Care“. Es passieren also einige Sachen ums Album herum, die vielleicht ein bisschen außergewöhnlich sind.

Anzeige