MILITARIE GUN

Foto© by Nolan Knight

Bedeutung vor Ästhetik

MILITARIE GUN aus L.A. haben sich mit ihrem Mix aus purer Energie und brutal ehrlichen Lyrics einen Namen gemacht, den mittlerweile auch viele außerhalb der Hardcore-Szene kennen. Sänger Ian Shelton liefert seit eh und je tiefe Einblicke in seine persönliche Gefühlswelt und macht damit auf dem neuen Album „God Save The Gun“ schonungslos weiter. Er zeigt sich verletzlich und erzählt unter anderem von seinem Alkoholproblem, mit dem er in den vergangenen Jahren zu kämpfen hatte.

God Save The Gun“ startet mit einem Monolog von dir, der bereits einen Vorgeschmack aufs Album gibt. Die Platte klingt insgesamt sehr emotional und verletzlich. Wie ging es dir während der Arbeit daran?

Wie alles, was ich mit MILITARIE GUN mache, sollte auch dieses Album sehr persönlich werden. Das Intro soll direkt zeigen, wohin die Reise geht. Hätten wir „B A D I D E A“ als Intro gewählt, wäre das wahrscheinlich nicht direkt klar gewesen. Also haben wir die Strings von „I want to murder your friend“ genommen und ich habe dazu den Text eingesprochen. Ich will damit deutlich machen, dass es in der letzten Zeit nicht leicht für mich war. Das Album ist im Verlauf der letzten drei Jahre entstanden und in dieser Zeit habe ich angefangen, die Orientierung zu verlieren. Diese Songs zu schreiben, hat mir dabei geholfen, meinen eigenen Weg wiederzufinden.

Wie du schon sagtest, hast du mit MILITARIE GUN schon immer deine Probleme verarbeitet. Auf dem neuen Album kommt das aber noch direkter und offensichtlicher rüber. Würdest du dem zustimmen?
Auf jeden Fall! Mein Ziel war es, dass ich mich in dem Album komplett wiederfinden kann. Manche Songs von MILITARIE GUN klingen so, als würde ich über eine andere Person singen. Aber ich habe die Regel, dass ein Song am Ende immer auch auf mich zutreffen muss. Die Zeile „Things you never remember, I’ll never get to forget“ aus dem Song „God owes me money“ ist dafür ein gutes Beispiel. Es gibt Menschen, denen ich mit meiner Rücksichtslosigkeit extrem geschadet habe. Für mich fühlen sich die Songs echter an, wenn ich nicht einfach auf andere zeige, sondern die Schuld bei mir suche.

Als ihr das Album angekündigt habt, hast du folgendes gesagt: „Während ich in den vergangenen Jahren aus der Perspektive eines Betroffenen über Sucht gesprochen habe, wurde ich selbst zu jemandem, der damit zu kämpfen hatte.“ Wie schwierig war es, mit dieser Einsicht an die Öffentlichkeit zu treten?
Ich war schon immer jemand, der Dinge nicht gut für sich behalten kann. Um ehrlich zu sein, bin ich ein sehr dramatischer Mensch. Bis ich 30 war, habe ich keinen Alkohol getrunken. Ich wusste wohl irgendwie schon, dass das eine große Sache für mich sein würde. In unserem Song „Daydream“ singe ich: „I’ve been drunk every day for a month / I learned from you and mom.“ Ich habe mir vorgestellt, dass ich über eine fiktive Person singe, aber in Wahrheit war in Wirklichkeit ich einen Monat lang jeden Tag betrunken. Als wir für die Aufnahmen ins Studio gegangen sind, wurde mir klar, dass ich mich mit den Lyrics unterbewusst selbst ansprechen wollte. Die Zeile „If you wanna keep your life you gotta let it go“ aus dem Song „God safe the gun“ habe ich zum Beispiel geschrieben, bevor ich trocken wurde. Ich habe in der Zeit meiner Sucht viele falsche Entscheidungen getroffen und muss damit jetzt leben, weil ich mich bewusst dazu entschieden habe, mich dem Alkohol hinzugeben.

Ich würde gerne auf das Zitat aus „Daydream“ zurückkommen. In früheren Interviews hast du bereits darüber gesprochen, dass du in einer Familie aufgewachsen bist, in der Alkoholsucht ein Thema war. Würdest du sagen, dass du Menschen mit Suchterkrankungen aufgrund der eigenen Erfahrungen besser verstehen kannst?
Zu einhundert Prozent! Gleichzeitig tue ich mich etwas schwer, das Ganze auf eine Krankheit zu schieben, da in dem betroffenen Körper immer noch ein Mensch steckt, der Entscheidungen trifft. Insgesamt finde ich das ziemlich egoistisch. Ich selbst fühle mich durch den Alkohol vielleicht besser, aber andere leiden darunter. Als ich gemerkt habe, dass ich die wichtigsten Menschen in meinem Leben enttäusche, wurde mir klar, dass ich da wieder rauskommen muss. Auf unserem Release „All Roads Lead To The Gun“ gibt es einen Song namens „Background kids“, in dem man die wahrscheinlich düstersten Lyrics hören kann, die wir jemals geschrieben haben: „Imagine something so good you’d fail your kids.“ Zu dieser Zeit habe ich zum ersten Mal härtere Drogen ausprobiert und habe es geliebt. Gleichzeitig dachte ich mir: sobald es irgendetwas gibt, was mir wichtiger ist, werde ich den Fokus darauf legen. Unterm Strich habe ich jetzt mehr Verständnis für die Sucht meiner Eltern. Trotzdem ist eine Sucht für mich etwas sehr Egoistisches und keine Ausrede.

Du hast die Menschen angesprochen, die du enttäuscht und verletzt hast. Haben sie das neue Album schon gehört?
Ein paar von ihnen haben sich direkt bei mir gemeldet und gefragt, ob alles in Ordnung ist. Mein Bruder war einer von ihnen und ist jetzt am Ende von „God owes me money“ zu hören. Mir ist aufgefallen, dass wir in der Musik mit unterschiedlichen Perspektiven über dieselben Dinge sprechen.

Aktuell bekommen einige Hardcore-Bands eine Menge Aufmerksamkeit und finden im Mainstream statt – zum Beispiel TURNSTILE oder KNOCKED LOOSE. Aber auch MILITARIE GUN ist ein Name, der heutzutage mehr im Fokus steht. Beeinflusst das auf irgendeine Weise eure Musik?
Überhaupt nicht. Wenn wir als Band Musik machen, sind wir in unserem eigenen kreativen Raum – und diesen Raum versuchen wir so gut es geht zu schützen. Wir würden als Band lieber alles verlieren, um unsere Vision zu verfolgen, als etwas zu machen, nur weil es andere Leute mögen. Ich kann nicht auf die Bühne gehen und einen Song singen, hinter dem ich nicht zu 100% stehe.

Wie schafft ihr es, euren kreativen Raum zu schützen?
Wenn wir darüber sprechen, welche Songs wir live spielen, bin ich ganz ehrlich, wenn mir etwas nicht passt. Das kann zum Beispiel daran liegen, dass bestimmte Lyrics nicht gut gealtert sind oder ich einen Song heutzutage einfach langweilig finde. Zum Glück ging es bislang meistens um Deepcuts. Aber wenn es eines Tages einen bekannten Song von uns betrifft, dann ist das so.

Mir ist euer wachsender Erfolg als Band besonders aufgefallen, als ich euch vor einem Jahr beim Primavera Sound in Barcelona gesehen habe. Wie blickt ihr auf das Festival zurück?
Es war so eine überwältigende Erfahrung für uns und es war das erste Mal überhaupt, dass wir in Spanien gespielt haben. Die Leute haben mitgesungen und sind total abgegangen. Das war eine große Ehre. Ich versuche, noch besser darin zu werden, auf großen Bühnen zu spielen. Ich muss lernen, wie ich meine Persönlichkeit einer größeren Crowd vermitteln kann und wie ich möglichst viele Menschen erreiche. Ich habe aber ein Talent dafür, diese eine desinteressierte Person in der Menge ausfindig zu machen, die mir dann die komplette Show versaut. Sie gibt mir dann das Gefühl, dass alle im Publikum keine Lust haben.

In einem anderen Interview mit uns hast du mal erzählt, dass du früher im Proberaum heimlich Demos aufgenommen hast und Angst hattest, dass dich jemand hören könnte. Was hat sich seitdem geändert?
Diese Gedanken sind immer noch da. Ich möchte nicht, dass mich jemand hört, wie ich ein Demo einsinge, und sich sagt, der ist echt mies! Wenn ich versuche herauszufinden, wie ein Song klingen soll, ist das eine sehr verletzliche Phase. Deshalb muss ich dafür in einer ruhigen Umgebung sein, in der mir auch Fehler passieren dürfen. Ich zitiere bei diesem Thema gerne den Albumtitel „The Power Does Not Work In The Presence Of Nonbelievers“ von SELF DEFENSE FAMILY. Wenn ich irgendeine Art von Zynismus verspüre, funktioniert bei mir gar nichts.

Nachdem wir viel über die vergangenen Jahre gesprochen habe, würde ich gerne noch mit dir nach vorne schauen. Was ist dein größter Wunsch für die Zukunft?
Ich wünsche mir einfach, dass viele Menschen auf irgendeine Art und Weise etwas mit unserem Album anfangen können und es ihnen sogar hilft, mit ihren Problemen umzugehen. Ich selbst suche bis heute verzweifelt nach Musik, die mich emotional anspricht. Viele Bands achten aktuell vor allem auf die Ästhetik und das ist nicht unser Anspruch. Wir wollen Musik mit Bedeutung machen. Ich möchte, dass es einen wirklichen Grund gibt, warum jemand MILITARIE GUN mag. Ich hoffe, dass die nächste Generation an Bands, die vielleicht durch uns inspiriert ist, ebenfalls bedeutungsvolle Musik macht.

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