MILLE PETROZZA

Foto© by Kreator Pressefoto

Geschichte(n) aus Altenessen

Ein lauer Sommerabend in Essen. Die Buchveröffentlichung und die Filmpremiere sind noch Wochen hin, stehen aber kurz bevor, wenn diese Ox-Ausgabe erscheint. Also setzen Mille Petrozza und ich uns bei Wassermelone und Erdbeeren zusammen und reden darüber, wie es ist, sich für eine Autobiografie und eine Banddoku ein Stück weit öffentlich zu machen. Die Dokumentation „KREATOR – Hate & Hope“ der Regisseurin und Produzentin Cordula Kablitz-Post, die auch schon Dokus über DIE TOTEN HOSEN und Peaches machte, kommt am 4. September in die Kinos, das Buch „Your Heaven, My Hell“, verfasst zusammen mit Torsten Groß, erscheint am 28. August.

Mille, du liest gerne Musikerbiografien. Was sind deine Erkenntnisse daraus für deine eigene?

Ich bin das intuitiv angegangen. Ich finde, und das sage ich jetzt ohne zu kokettieren: Es ist ja gar nicht so viel passiert. Wir waren nie so „The Dirt“-mäßig unterwegs wie MÖTLEY CRÜE. Über die Jahre kamen nun immer mehr Storys in Umlauf, wie das damals gewesen sein soll. Eigentlich wollte ich das Buch nicht, und ich hätte das Projekt wahrscheinlich noch zehn Jahre liegen lassen, wenn der Verlag nicht auf mich zugekommen wäre. Die sagten, du brauchst gar nicht viel zu machen. Du hast einen Co-Autor, ihr nehmt das auf und dann läuft das.

Das heißt, das Buch basiert auf Interviews, die von deinem Co-Autor mit dir geführt wurden. Das ist ein gängiges Prozedere für solche Biografien, deshalb steht da oft ein zweiter Name, wie bei dir auch.
Ja. Jemand, der richtig schreiben kann und der das auch zu Ende bringt. Bei mir hätte das wahrscheinlich viele, viele Jahre gedauert, bis ich das zum Abschluss gebracht hätte. Für dich sind Text-Deadlines Routine, für mich nicht. Und mit so einem Co-Autor war eben klar, dass das fertig wird. Torsten Groß und ich haben uns in Berlin ein paar Mal getroffen, haben ein paar Nachmittage lang einfach gequatscht, so wie wir das jetzt machen. Das hat er aufgezeichnet und daraus ist das Buch entstanden.

Mit Deadlines zielgerichtet auf Dinge hinzuarbeiten, bist du ja durchaus gewohnt, aber eben wenn es um deine Musik geht, um Songwriting. Das klassische One-Trick-Pony?
Ja, wahrscheinlich. Aber das ist auch okay, das reicht völlig aus für mich. Ich bewundere Leute wie Nick Cave, Sven Regener, Thees Uhlmann oder Thorsten Nagelschmidt, die verschiedene Sachen beherrschen. Die machen Musik und schreiben noch Romane – ich weiß nicht, ob ich diszipliniert genug wäre dafür. Ich habe einen Roman angefangen und der ist auch weiterhin ein Projekt. Was jetzt entstanden ist, ist eben diese Autobiografie, die bewusst Anfang der 1990er endet, sonst wäre das viel zu lang geworden.

Du erwähntest gerade Geschichten, die kursieren. Und du beschreibst dich im Buch mit den Worten „Selbstzweifel in Verbindung mit Perfektionismus und viel zu vielen Gedanken“. Hast du auch Züge von einem Kontrollfreak, gerade was die Albumproduktion betrifft? Und willst du die Kontrolle über deine eigene Geschichte haben?
Richtig. Ich habe erst gestern das Buch zum ersten Mal zu Ende gelesen und mit meinem Co-Writer Torsten gesprochen, denn da gab es immer noch so ein paar Sachen, die nicht hundertprozentig sind. Und ich glaube, wenn du jetzt meine Band fragst, meinen Schlagzeuger Ventor, der wird dir zu bestimmten Punkten des Buchs eine ganz andere Geschichte erzählen. Ich habe mich so an die Sachen erinnert, wie sie da stehen. Das ist dann halt so, das ist das, was ich anbieten kann. Und damit solche Geschichten nicht verlorengehen, wurden sie jetzt eben aufgeschrieben. Das war das erste Mal, dass ich überhaupt an einem Buch mitschreibe. Wir haben das zusammen gemacht, es war Teamwork. Und ich habe mich jetzt davon gelöst, da noch etwas verändern zu wollen. Mir war wichtig, dass ich den im Buch vorkommenden Leuten respektvoll gegenübertrete. Leuten, die aus der Band ausgestiegen sind oder rausgegangen worden sind oder wie auch immer. Das funktioniert jetzt, ohne dass da irgendjemand doof dasteht oder dass ich meine Sicht der Dinge verbittert darstelle oder so. Etwas zu schreiben wie „Er hat die Band verlassen und mich im Stich gelassen“, das liegt mir völlig fern. Es wird jetzt ein bisschen spirituell, aber ich bin wirklich davon überzeugt, dass wir nur hier in diesem Moment leben. Klar sind wir auch ein Produkt unserer Erinnerungen und unserer Zukunftswünsche und unserer Vorstellungen, wie die Welt sein könnte. Wir sind komplexe Wesen. Und für mich war es schon eine Überwindung, überhaupt in diesen ganzen alten Geschichten zu wühlen, mit meinen Eltern und mit meiner Kindheit. Darüber habe ich auch mit Torsten gesprochen: „Stell das bloß nicht so da, als wäre das bei uns zu Hause völlig geisteskrank zugegangen.“ Denn so war es halt nicht. Das war sehr Working Class und herzlich, aber eben temperamentvoll.

Das fand ich eine interessante Stelle. Sinngemäß steht da, es wurde ständig gebrüllt und sehr laut kommuniziert.
Genau. Es waren eben die 1970er Jahre, Ruhrgebiet, Malocherfamilie. Das ist ein Klischee, aber das Klischee wurde auch gelebt, ohne dass man wusste, dass man das jetzt tut. Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, finde ich die eher lustig und ein bisschen bescheuert, ich hatte ein gutes, glückliches Umfeld. Aber ich finde es auch schwierig, wenn man das alles verklärt. Sowieso war früher nichts besser, das war alles nur anders. Eigentlich beschäftige ich mich nicht gerne mit der Vergangenheit. So wie wir jetzt darüber reden, so war das auch mit Torsten, erst war ich so ein bisschen verschlossen, dann musste ich nachdenken und irgendwann floss das dann so aus mir raus. Und das Buch ist dabei herausgekommen.

Du hast jetzt quasi gezwungenermaßen in deinen Erinnerungen gekramt, andere Leute machen irgendwelche Therapien. Hattest du irgendwelche, wie man so schön neudeutsch sagt, „Learnings“ aus diesem ganzen Prozess?
Als ich die erste Version des Buchs las, habe ich mir gedacht, das fühlt sich so ein bisschen an, als würdest du nackig auf die Straße rennen und dann sagen, ach komm, ich ziehe mich jetzt doch wieder an. Mich haben über die Jahre immer wieder Leute gefragt, wann denn meine Autobiografie kommt, auch wir sprachen schon mal darüber. Es hat sich jetzt einfach ergeben, dass ich mich in diese Richtung geöffnet habe. Und wahrscheinlich hat das einen positiven Effekt gehabt auf mich, also das alles mal zu reflektieren. Und ich reflektiere jetzt in diesem Moment, wo wir jetzt so darüber reden und du mir diese Frage stellst, wahrscheinlich noch mehr darüber, als ich eigentlich darüber reflektiere, wenn ich die Geschichten über mich selber lese. Dann ist das ja wie die Geschichte einer Person, die das erlebt hat, die ich aber gar nicht mehr bin – und trotzdem irgendwie bin. Das ist dann eine Geschichte, die ich lese wie ein Außenstehender. Ich gehe da mit Selbstkritik ran, mit Selbstzweifeln auf keinen Fall. Wenn ich so was raushaue, muss das schon irgendwie ganz geil sein. Und ich fühle mich gut unterhalten, wenn ich das lese. Deswegen haben wir das auch bei 320 Seiten belassen, damit das den Leuten Spaß macht und sie sich nicht chronologisch durch alle Albumproduktionen durchquälen müssen.

Wie du schon sagtest, endet das Buch in den frühen 1990ern ...
Ja. Dadurch, dass genau wie im Punk und Hardcore auch im Thrash die 1980er das prägende Zeitalter dieser Musikrichtung waren, habe ich es erst mal dabei belassen und 1992 aufgehört.

Du bist ein halbes Jahr älter als ich und beim Lesen habe ich überlegt, was ich zu der Zeit, in dem Alter gemacht habe, so mit 16, 17, 18, als das bei euch richtig abging mit dem ersten Album. Ich dachte mir, wie jung und naiv man in dem Alter eigentlich noch war und ist. Nur dass das bei euch da krass abging, ihr in die Waschmaschine des Musikbusiness gestopft wurdet: Ab nach Berlin, ins Studio, erste Konzerte und Tour ... Als normaler Jugendlicher erlebt man so was nicht.
Da stelle ich mal eine Gegenfrage: Du hast doch, als du dein Fanzine gestartet hattest, auch bald viel erlebt, Jello Biafra getroffen oder so.

Ja, aber da war ich schon 22, 23. Du warst 17, 18, kein Führerschein, und deine Mutter musste den Plattenvertrag unterschreiben.
Ja, das ist ein großer Unterschied in der Zeit. Das sind wirklich wichtige Jahre dazwischen. Wie soll ich das sagen ...? Ich habe das in dem Moment nicht als das begriffen, was es jetzt in der Nachbetrachtung ist. Ich habe das einfach gemacht. Ich habe ja gedacht, das wäre eine einmalige Geschichte mit Studio und Album. Ich weiß nicht, ob ich das in dem Buch auch geschrieben habe, aber als wir das erste Album gemacht haben, ging ich davon aus, wir machen jetzt einmal eine Platte und das war’s. Ich habe diesen ganzen Impact nicht kommen sehen. Nimm zum Beispiel CELTIC FROST, RUNNING WILD und solche Bands, die alle ein paar Jahre älter sind als wir und die zu der Zeit Platten rausgebracht haben: die sind alle schon voll abgecheckt ins Studio gegangen, hatten 20, ach, 100 Live-Konzerte gespielt. Die wohnten in Städten, wo sie viel mehr Möglichkeiten hatten, live aufzutreten, als wir hier im Ruhrgebiet zu der Zeit. Wir waren gerade raus aus dem Proberaum, hatten, glaube ich, drei Gigs gespielt und sollten schon im Studio eine Platte machen. Für uns war das so, ja okay, machen wir mal und schauen, was danach passiert. Wir haben wirklich nicht damit gerechnet, dass das noch ein zweites Mal passiert. Und das sage ich, ohne unser Licht unter den Scheffel zu stellen oder zu sagen, dass wir dachten, das ist in irgendeiner Form minderwertig. Wir haben das alles ernst genommen, aber wir haben nicht kommen sehen, dass das eine lebenslange Karriere werden würde.

Ich glaube, wenn Menschen heutzutage in so eine Situation reinkommen wie ihr damals, ist das anders. Wenn du seit dem achten Lebensjahr ein Smartphone hast, sind die Stories von jugendlichen Popstars und Influencern alltäglich, Jugendliche bekommen heute überall vorgelebt, wie das ist, Influencer und eine öffentliche Persönlichkeit zu sein. Diese Unschuld, diese Naivität, die ihr hattet, das ist heute eigentlich gar nicht mehr möglich.
Ja, weil alles öffentlich ist und alles auch sofort bewertet wird und du die Bewertungen direkt mitbekommst. Ich versuche mich seit einer Weile bei Social Media ein bisschen rauszuziehen. 99% aller Social-Media-Reaktionen sind eigentlich positiv, aber diese zwei negativen, die nerven mich dann so sehr ... Ich finde die Situation fragwürdig, in der wir uns da gerade befinden. Aber davon waren wir weit entfernt zu der Zeit, als wir die ersten Alben gemacht haben.

Die Insel Altenessen ...
Ja, das war wirklich so. Wir wussten anfangs nicht mal, dass es in Velbert ...

... am südlichen Stadtrand von Essen gelegen ...
... diesen Heavy Metal Fan Club Velbert gibt. Als wir die kennenlernten, war das wohl, als ob du als Punk aus deinem Dorf rauskommst und erstmals andere Punks getroffen hast. So war das für mich, als wir diese Leute aus Velbert kennengelernt haben, die waren als Gruppe schon richtig organisiert und das hat uns beeindruckt und auch beeinflusst und mehr Selbstbewusstsein gegeben. Die Band, die die da hatten, die hatte schon ein Album raus und die haben uns als Vorgruppe mitgenommen – all solche Sachen waren echt prägend. Ich hoffe, dass das in dem Buch einigermaßen rüberkommt.

Von wem würdest du dir wünschen, dass er das Buch liest? Außer den Fans auch Familie, Freunde, Bekannte ...?
Denkst du, ich habe zu viel Privates drin ...? Also ich habe meiner Mutter, meinen Eltern gesagt, dass ich ein paar Geschichten da reingeschrieben habe, und die lachen sich darüber kaputt. Ich habe heute noch genau dasselbe Verhältnis zu meinen Eltern wie damals. Wir sind da einfach ... ein bisschen schräg. Meine Mutter hat mir sogar Fotos gegeben, wie sie damals mit meinem Vater Rock’n’Roll tanzen gegangen ist, das ist im Fototeil des Buchs. Keine Ahnung, ob es die Wurzeln dessen waren, wofür ich mich später interessiert habe, aber ich weiß, dass meine Eltern unglaublich musikbegeistert waren, und denke, dass ich das von denen mitbekommen habe. Ich musste mit der Musik nicht gegen meine Eltern rebellieren, die waren auch Musikfans. Aber halt keine Metalfans und die waren auch keine Punks oder so. Aber die fanden alles an Musik gut.

Rock’n’Roll war in den 1960ern noch verpönt als krawallige Revoluzzermusik.
Genau das meine ich. So was wie Peter Krauss und Adriano Celentano war ja wild. Dieses Wilde kannten meine Eltern also. Ich habe meinen Cousin letztens getroffen, den ich 1972 das letzte Mal gesehen hatte, da war ich noch ein Kind. Ich habe gehofft, dass das nicht so ein total komisches Treffen wird in Mailand – meine Familie, die aus Kalabrien kommt, hat auch Verwandte in Mailand. Aber das Treffen war total gut, im Gespräch mit ihm habe ich mehr erfahren darüber, wie meine Eltern damals gelebt haben. Er war wie so eine Art fehlendes Puzzleteil. Der ist 73, aber wirkt nicht älter als wir. Der ernährt sich makrobiotisch, spricht vier Sprachen ... und das ist in meiner Familie schon relativ faszinierend. Und der hat also bei meinen Eltern, als ich noch ein kleines Kind war, als Untermieter gewohnt. Der wollte in Italien der Einberufung zum Militär entfliehen und deswegen hat er sich da bei meinen Eltern in der Wohnung versteckt, das war also so eine Art WG. Bei unserem Gespräch hat er mir erzählt, er hätte sich damals in Düsseldorf dieselben Schuhe gekauft wie Ian Gillan von DEEP PURPLE – der war damals schon voll der Rockfan! Das hat mich beeindruckt, ich kannte bislang ja nur Fotos von ihm, wo er mit mir an der Hand mit uns spazieren geht.

Also konnten deine Eltern dann später eigentlich gar nicht so geschockt sein von deinem jugendlichen Auftreten, denn sie hatten ja mindestens einen anderen „Freak“ in der Familie?
Genau. Er erzählte mir, er wäre damals ein begeisterter Tänzer gewesen. Die sind damals ausgegangen, haben so komische Rock’n’Roll-Tänze gemacht und so weiter. Er sagte, er stamme ursprünglich wie mein Vater auch aus Cutro, diesem kalabrischen Bergdorf. Und als er damals ins Ruhrgebiet gekommen ist aus Italien, so erzählte er, erschien ihm das hier alles als sehr frei, alle waren total gut drauf und offen, weltoffen. Er ist dann irgendwann wieder zurück in dieses Dorf und hat es dort aber gar nicht mehr ausgehalten, er wollte wieder zurück nach Deutschland. Das fand ich eine interessante Sichtweise. Denn wir , also die Leute, die im Ruhrgebiet wohnen, auch wir in den Subkulturen, denken ja immer, das seien totale Spießer hier. Aber er hat das ganz anders wahrgenommen.

Dieser „Gründungsmythos“ des Ruhrgebiets ist ja so eine Sache. Und „den Ruhri“, den gibt es ja so gar nicht. Da gab es mal die Urbevölkerung, aber dann kamen die Industrialisierung, die Polen, der Krieg, das Wirtschaftswunder, die Flüchtlinge, die Gastarbeiter ... Ein einziges Gemisch, und da musste man ja gezwungenermaßen eine gewisse Toleranz aufbringen, um sich nicht bei jeder Gelegenheit an die Gurgel zu gehen. Dieses Klischee von Schrebergarten und Zechensiedlung, das heute als spießig verschrien ist, ist so gesehen beinahe schon ein böses Narrativ.
Ich glaube auch, dass das Ruhrgebiet oft völlig unterschätzt wird. Das wurde mir klar, als ich mir die Geschichten von meinem Cousin anhörte und merkte, dass für ihn diese Zeit hier total prägend und wichtig war, wie offen und tolerant die Leute waren: Er hatte lange Haare und war DEEP PURPLE-Fan. Und das „spießige“ Ruhrgebiet wurde von Leuten, die aus dem zehnfach spießigeren Italien kamen, als gar nicht spießig empfunden. So macht jeder andere Erfahrungen und deshalb war diese Begegnung echt gut.

Also hat die Arbeit an dem Buch dich ein bisschen getriggert, mehr über Dinge zu wissen zu wollen, die dich vorher vielleicht gar nicht so interessiert hatten? Wenn wir uns bisher in der Richtung unterhielten, schien dein Interesse an dem Thema eher gering. Sieht man das mit Ende 50 nun doch anders?
Ich weiß es nicht ... Also ich weiß, wohin du willst. Ich hätte auch noch warten können, bis ich 80 bin, um so eine Autobiografie zu schreiben. Aber ich glaube, ich bin schon alt genug, um wenigstens über die Zeit bis Anfang der 1990er was zu erzählen. Ich habe darüber auch mit Torsten gesprochen, der hatte zuletzt ein Buch mit Klaus Doldinger gemacht, der ist schon in den 80ern, und der konnte sich an manches nicht mehr erinnern. Das passiert im Alter, und deshalb bin ich froh, dass ich das alles schon mal aufgeschrieben habe. Dann ist das schon mal weg, haha. Die Autobiografie dreht sich vor allem um die 1980er, das ist wirklich oldschool, und ich höre dann auch, als es in die 1990er geht. Mein Co-Autor Torsten ist ein großer Grunge- und PEARL JAM-Fan, und der fand meine Idee auch ganz gut, herauszuarbeiten, dass damals diese Grunge-Welle kam und die ganze Musikwelt aufgemischt hat. Das hast du ja auch miterlebt. Damals spielte mir ein Kumpel PEARL JAM vor und ich sagte zu ihm: „Alter, was soll das denn?“ Vorher war er der Hardcore-Fan, plötzlich spielt der mir PEARL JAM vor. Ich fand auch ein paar von diesen Sachen gut, NIRVANA und wie sie alle hießen. Aber ich fand das nicht so wichtig, dass man jetzt von einer Revolution hätte sprechen müssen.

Ich muss aber anmerken, als damals plötzlich NIRVANA im „normalen“ Radio liefen, dass ich das elektrisierend fand. Das war von der Klangfarbe her „unsere“ Musik, so laut, so aggressiv.
Das stimmt. Und die Band konnte ja nichts dafür, was da abging. Nur was danach kam, war einfach ein bisschen schwierig.

Thrash Metal, eben noch der heiße Scheiß, war plötzlich bei den Labels abgeschrieben.
Ja. Und plötzlich gab es all die provinziellen NIRVANA-Kopien aus Deutschland, das war ja kaum auszuhalten. Mag sein, dass da eine gewisse Bequemlichkeit dahintersteckte, aber ich hatte das Gefühl damals, Thrash Metal, Hardcore und Punk, das hat mir eigentlich gereicht. Grunge war eine neue Klangfarbe, vielleicht für Leute, die sich nicht so recht an Metal oder Punk rangetraut haben.

Warum war genau jetzt die Zeit für das Buch gekommen? Wir sprachen schon vor Jahren mal über das Thema.
Das hat jetzt irgendwie gepasst. Ein bestimmtes Motivationsmoment gab es nicht. Vor ein paar Jahren war das aber irgendwie noch nicht reif. Jetzt war es aber reif und da ich immer irgendwas machen muss, kam Torsten letztes Jahr auf mich zu und sagte: „Komm, lass uns das machen!“ Der war Feuer und Flamme. Hätte ich das jetzt alleine machen müssen, wäre es nicht passiert. Da muss ich ihn loben, er ist ein disziplinierter Typ. Wir haben uns 15 oder vielleicht sogar 20 mal getroffen, uns jeweils drei Stunden lang am Stück unterhalten. Und daraus ist das Buch entstanden. Durch diese Entstehungsweise ist es locker und unverfälscht, auch wenn hier und da ein bisschen sein Tonfall durchklingt. Ich weiß, wie ich spreche, und bestimmte Vokabeln hätte ich nicht benutzt. Aber man muss da loslassen können.

Schaust du dir echt eigene alte Konzertvideos an? Da steht da im Buch.
Dieser Satz fiel mir auch auf, als die letzte Version des Buchs gelesen habe. Man hätte das ändern können, aber letztlich war es mir egal. Den Satz habe ich so gesagt, aber das war eher Zufall, dass ich gerade das Video gesehen hatte. Da ich den YouTube-Channel von KREATOR selbst verwalte, spielt mir der Algorithmus eben auch mal ein neues altes Video rein, das ich noch nicht gesehen habe, und dann schaue ich mir das ein paar Sekunden an. Denn nein, ich gucke mir so was nicht aktiv an und denke: Wow! Nein, so was mache ich nicht, haha. An irgendeinem Punkt muss man bei so einem Buchprojekt loslassen. Aber dadurch, dass du mich jetzt darauf aufmerksam gemacht hast, werde ich das vielleicht noch mal ansprechen ...

Mir fiel die Formulierung „Der Lärm der Arbeiterklasse“ zur Beschreibung von Thrash Metal auf.
Kommt nicht von mir.

Das ist ein wunderbarer Satz.
Wenn das ein wunderbarer Satz ist, dann verdient Torsten die Credits. Er ist wie du ein Journalist und er hat wie du eine Sicht auf die Dinge, die beobachtend, journalistisch und neutral ist. Und er hat eine eigene Kreativität in das Buch eingebracht, das macht das aus, deshalb ist er Co-Autor. Und ja, der Satz gefällt mir auch.

Ich muss noch mal auf diesen Satz kommen, den ich vorhin zitiert habe: „Selbstzweifel in Verbindung mit Perfektionismus und viel zu viele Gedanken.“ Ist dir so was bei der Arbeit an dem Buch klar geworden? Es gibt sicher eine Menge Musiker, über deren Außenwirkung und -darstellung man sicher als Letztes anmerken würde, dass sie Selbstzweifel kennen.
Da muss ich ein bisschen ausholen. Es ist ja momentan so ein bisschen üblich, öffentlich über seine Zweifel und tiefgehenden psychologischen Probleme zu sprechen ...

Dafür war die Thrash-Metal-Szene Ende der 1980er nicht zwingend bekannt ...
Genau. Selbstzweifel bedeutet nicht, dass ich nicht selbstbewusst war und nicht auch wusste, dass ich das gut mache. Ich hatte keine Angst, auf die Bühne zu gehen, ich hatte keine Angst, meine Lieder vorzutragen oder neue Lieder zu schreiben. Aber ich war immer mein eigener größter Kritiker. Es musste immer schon alles, was ich mache, perfekt sein. Nicht perfekt im Sinne von, dass es perfekt richtig ist, sondern so, dass ich das im Zweifel zehn Jahre später noch überzeugend performen kann – so wie zu der Zeit, als ich den Song geschrieben habe. Mit Selbstzweifel ist gemeint, dass ich manchmal nicht wusste, ist der Song jetzt geil oder nicht.

Es geht dir also um die Fähigkeit zur Selbstkritik.
Ja. Dieser ganze psychologische Jargon wird mittlerweile etwas inflationär benutzt.

Was in dem Buch und auch im Film thematisiert wird, ist die Drogensache in den frühen Jahren. Du hast gekifft und LSD genommen.
Ich wollte darüber schreiben. Gerade in den 1990ern war es so unglaublich schick, Drogen zu nehmen. Und ist es ja immer noch.

Das dumme Gekokse gibt es bis heute.
Genau, das dumme Gekokse, grauenhaft. Die Frage für mich war: Wie viel gibt man preis? Redet man darüber? Soll ich so tun, als wäre das nicht passiert? Meiner Meinung nach hätte ich das nicht so oft machen müssen, aber ich hab’s halt gemacht, weil ich dachte, es gehört dazu. Genauso wie ich bei meinem ersten Fernsehauftritt für so einen Offenen Kanal eine Flasche Whisky auf meinen Verstärker gestellt habe, weil ich dachte, das wäre Rock’n’Roll. Und ich glaube, der gleiche Impuls kam auf, als Koks zum ersten Mal vor mir lag. Das muss ich machen, weil das machen alle. Das ist relativ infantil. Ich glaube, durch solche Sachen musst du mal durch. Du, glaube ich, hast das nicht gemacht ...

Ich habe nur gekifft.
Dann warst du auf jeden Fall kontrollierter als ich. Ich habe alles mal ausprobiert, aber bald gemerkt, in welche Richtung das geht. Gerade Anfang der 1990er wurde es in der Hinsicht ganz dunkel. Da ist plötzlich der gestorben und dann der noch und der. Wenn man über so was schreibt, dann ist man in so einem Zwiespalt: Ist das jetzt übertrieben? War das wirklich so schlimm oder war es das doch nicht? Ich kann dir sagen: Ja, es war so schlimm. Leute, die Heroin nahmen, kannte ich viele, und auch viele, die daran gestorben sind. Ich hätte das sofort kriegen können. Schulfreunde von mir sind mit 20 an Heroin gestorben. Und es hat gedauert, bis ich endlich mal begriffen habe, dass das mit den Drogen Schwachsinn ist. Ich bin kein Suchtmensch. Ich bin kein Biologe oder so, aber ich glaube, es gibt Leute, die haben nicht dieses „Suchtgen“. Ich weiß nicht, ob das wissenschaftlich belegt ist, aber dieses „Suchtgen“, das habe ich nicht.

Also keine Tendenz zu addiktivem Verhalten? Vielleicht zu Sport ...?
Das ist für mich so ein Wellness-Ding. Sport ist für mich nicht nur Mittel zum Zweck, das macht mir unglaublichen Spaß. Oder doch, es ist auch Mittel zum Zweck, ich bin Mitte 50 und will den Scheiß noch 30 Jahre machen.

Du willst mit 87 noch auf der Bühne stehen ...? Dann bist du älter als...
... Mick Jagger jetzt. Und älter als Charlie Harper, der auch schon über 80 ist.

Du willst das also in 30 Jahren noch machen?
Ja, klar, warum denn nicht? Ich sage dir mal eins: Dadurch, dass wir beide im gleichen Alter sind, weißt du doch, wie schnell 30 fucking Jahre umgehen. Das ist wie so ein Augenaufschlag. Und wenn ich gesund bin und wenn ich irgendwie das noch kann ...

Was soll man denn sonst tun? Bevor man sich langweilt ...
Genau. Ganz ernsthaft: Sagst du, mit 73 höre ich auf mit dem Ox? Nein, du machst das so lange, wie du es kannst und wie du Bock hast, oder? Ich finde das weder schlimm und auch nicht peinlich. Ich glaube, wir werden dadurch, dass die medizinische Versorgung heutzutage relativ gut ist, in die Situation geraten, dass wir James Hetfield noch mit 80 auf der Bühne stehen sehen werden. Und dann sind wir beide auch schon 75 oder so. Und wenn der das noch macht, machen wir auch weiter. Und wenn man ein bisschen auf sich aufpasst, wird man vielleicht auch gesunder älter, ohne dass man zum Pflegefall wird oder einem was Schlimmes passiert.

Im Buch wird eher am Rande erwähnt, dass eine deiner nicht-musikalischen Leidenschaften dem Film gehört.
Ich habe mich schon immer nerdig für Filme interessiert, habe mir irgendwelche Sachen aus Berlin bestellt, die Sachen von Jörg Buttgereit und so. Ich kannte viele Leute, die Horrorvideos gesammelt haben, das war so eine Art subkultureller Konsens. Da gab es viele verrückte Enthusiasten, das war nichts Besonderes, und ich frage mich, warum das bei mir als Person immer so hervorgehoben wird. In meinem Freundeskreis war ich einer von mindestens 20 Leuten, die sich für so was interessiert hatten, dazu gehört auch ein Bela B.

Das ist ein interessanter Aspekt. Ich habe dir John Robbs Buch „Goth“ mitgebracht, der spannt darin den großen Bogen zum kulturellen und subkulturellen Kontext dieses Musikgenres, Frankenstein, Vampire und diese ganze Thematik.
Es wird oft gesagt, dass so was im Metal nicht stattgefunden hat. Das stimmt aber nicht. Es gab da alle möglichen Kunstformen, und wie bei Punk und Hardcore gab es da die unterschiedlichsten Leute. Es gab die Sauf-Punks und die Sauf-Metal-Typen, aber es gab auch Leute, die sich für Film und solche Sachen interessierten. In dieser Szene ist es wie im Rest der Gesellschaft: Wenn zehn Leute im Raum sind, dann sind da vielleicht drei, mit denen du connectest. Die anderen sind deshalb nicht schlechter, vielleicht interessieren sie sich für andere Sachen, von denen wir keine Ahnung haben.

Mal zur Einordnung: Es ist nicht das Buch zum Film oder der Film zum Buch, auch wenn Buch und Film quasi zeitgleich erscheinen.
Ich hatte den Verlag gebeten, ein bisschen mehr Zeit vergehen zu lassen, bis das Buch kommt. Ich mache gerade ein neues Album, und das ist mein Hauptfokus. Ohne das irgendwie zu bewerten: So ein Buch und ein Film, das ist nice to have, aber die sind nicht mein Baby, da habe ich mitgemacht. Ich finde das beides geil, aber mein Hauptfokus liegt in der Zukunft, beim Album.

Aber du wirst in den kommenden Wochen von unzähligen Leuten auf Film und Buch angesprochen werden. So ein Buch entdecken auch mal Leute zufällig in der Buchhandlung, der Film wird vielleicht irgendwann bei Arte oder so zu sehen sein. Aber ein KREATOR-Album kauft man sich nur bewusst, das hört man nicht zufällig bei seinem Streaming-Anbieter.
Ich wollte nie einen Film, einen Dokumentarfilm mit mir haben. Ich mache meine Sachen, meine Musik und finde es schön, dass die Leute sich dafür interessieren. Das ist das, was ich ausdrücken will. Eine Freundin meinte, der Film sei persönlich, aber nicht privat, und das hat sie gut auf den Punkt gebracht.

Ich finde die Szenen mit KREATOR-Schlagzeuger Ventor sehr schön in dem Film. Der kommt total cool und gut rüber.
Finde ich auch. Der wird oft unterschätzt und findet nicht statt. Er hat im Gegensatz zu mir viel mehr zugelassen, er agiert viel freier vor der Kamera als ich. Cordula, die Regisseurin, hat immer zu mir gesagt, du musst mal ein bisschen locker sein. Aber ich traue der Sache immer nicht. Ich bin nicht so der Profi, der sich vor eine Kamera hinstellt. Ich weiß immer, da ist eine fucking Kamera. Ventor zelebriert das eher, das könnte ich auch gerne, kann ich aber nicht.

Es gibt ja in jedem von uns diesen leicht voyeuristischen Aspekt: Man will als Fan mehr wissen über die Leute, die man gut findet, die man anhimmelt. Von dir weiß ich, dass es dir wichtig ist, dass du Kontrolle darüber hast, was über dich gewusst wird.
Richtig. Ich finde das auch legitim, denn ich gebe schon genug von mir preis in der Musik. Wenn ich mal tot bin, können die machen, was sie wollen, jetzt lebe ich noch. Es muss auch noch eine Privatsphäre geben, das finde ich wichtig. Und ich fühle mich unwohl, wenn ich zu viel Privates preisgebe. Und sowieso, alles, was da auf der Bühne passiert, was man im Film sieht und im Buch lesen kann, das bin ja alles ich. Ich muss ja nicht auch noch boulevardesk mit einer Homestory rausgehen.

Was denkst du, werden sich Familie und Freunde den Film anschauen und das Buch lesen und besser verstehen, was du da machst?
Ich glaube, viele Menschen aus unserem Umfeld wissen nicht, dass das nicht nur ein Aussehen, nur ein Stil ist, das mit Iro, Nietengürtel oder Kutte. Das ist eine Subkultur, die versteht man oder die versteht man nicht. Und das ist auch völlig legitim, ich verstehe Operette ja auch nicht, weiß aber, dass es vielen Leuten wichtig ist und Freude bringt. Punk, Hardcore, Goth, Metal und all diese Subkulturen werden von vielen Teilen der Gesellschaft als etwas Exotisches und Gefährliches wahrgenommen, in Wirklichkeit ist es das aber gar nicht. Du und ich, was wir da machen, das ist irgendwie in die Persönlichkeit übergegangen, ohne dass wir noch weiter darüber nachdenken, und das ist auch nicht mehr so sehr an Äußerlichkeiten festzumachen – das Innere ist wichtig. Das ist eine Einstellungssache, das ist mittlerweile ein Leben. Das darzustellen, im Film wie im Buch, das ist unglaublich schwierig. Deswegen finde ich den Film gut gelungen, ich fühle mich gut unterhalten. Das Buch ist auch gut gelungen, aber da bin ich zu sehr drin. Ich kann den Film besser beurteilen als das Buch, denn da gebe ich mehr Details raus, die für mich eigentlich langweilig sind, denn ich kenne sie ja, weil ich sie erlebt habe. Aber beim Film, da dachte ich mir, okay, Cordula, jetzt weiß ich, warum du eine gute Filmemacherin bist. Die ist genauso Filmemacherin, wie ich Songwriter bin, und das habe ich begriffen, als ich den Film gesehen habe. Ich habe verstanden, warum sie dieses gemacht und jenes rausgelassen hat, warum sie das unbedingt haben wollte – das ergibt jetzt Sinn. Das ist wie ein Gemälde ist, das ist jetzt ihr Werk und das ist gut. Die Band wird sehr liebevoll dargestellt, sie geht sehr respektvoll mit der Szene um. Ich hatte zwischendurch Bedenken, dass da irgendwas falsch dargestellt wird, denn ich bin ein gebranntes Kind wegen „Thrash Altenessen“ von 1989. Das hätte ich schon längst wieder vergessen, wenn der Film nicht so abgekultet werden würde von manchen Leuten. Die sagen, das ist Kult, da sieht man noch die alte Szene. Ja, das sind Zeitdokumente, das ist unterhaltsam und für viele Leute bedeutet das viel. Aber ich finde, der Film jetzt stellt die Realität besser dar, weil die gesamte Bandbreite gezeigt wird. Er geht mehr auf die Musik, die Subkultur, diesen weltweiten Zusammenhalt ein, den wir erfahren, wenn wir irgendwohin hinkommen und spielen. Das wird, finde ich, sehr gut dargestellt, auch für Leute, die bei Metal nur an das denken, was sie in der „Tagesschau“ zu Wacken gezeigt bekommen.

Letzte Frage: Wann kommt das neue Album?
Am 16. Januar, wenn alles gut geht.

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