MOTHER TONGUE

Foto© by Leibfried

Soundtrack für schwere Zeiten

Vor knapp 30 Jahren waren MOTHER TONGUE eine Sensation. Zu ihren wilden Shows in Los Angeles kamen prominente Fans wie Trent Reznor, Tom Morello oder Ian Astbury. THE CULT nahmen die Band in Europa mit auf Tour. Das Debütalbum kam bei Epic Records raus. Die Zukunft für ihren souligen Weirdo-Blues schien rosig. Doch das Album floppte und die Band löste sich zwei Jahre später auf. Anfang der 2000er entdeckte Noisolution die Band neu und veröffentlichte zwei weitere Alben. Ein zweiter Frühling deutete sich an.

Aber dann bremsten die Pandemie und das Leben MOTHER TONGUE erneut aus. Ende November 2025 hat die Band nun beim 30-jährigen Geburtstagsfest ihres Labels zwei umjubelte Konzerte in Berlin gespielt. Die ersten seit zehn Jahren. Und mit WEREWOLF ETIQUETTE gibt es außerdem ein vielversprechendes Nebenprojekt. Kommt jetzt der dritte Frühling? Bassist David Gould, Gitarrist Christian Leibfried und Geoff Haba, der Schlagzeuger der Originalbesetzung, beantworteten unsere Fragen.

Ihr habt die Band vor 35 Jahren in Austin gegründet. Warum seid ihr damals kollektiv nach Los Angeles übergesiedelt?

Geoff: David ist aus Los Angeles nach Austin gezogen. Und er hat uns damals überzeugt, mit ihm zusammen nach Kalifornien zu gehen. Austin ist ein großartiger Ort, um eine Band zu gründen, aber Los Angeles bietet kulturell so viel mehr und mehr Möglichkeiten, Konzerte zu spielen. Das wollten wir nutzen.
David: Ich stamme aus Los Angeles, die anderen Jungs kommen alle aus Austin. Dort haben wir uns auch kennengelernt. Los Angeles war einfach ein Ort, an dem eine Band einen Plattendeal an Land ziehen kann. Zu dieser Zeit gab es in L.A. immer noch eine sehr lebendige Musikszene. Deshalb dachte ich, nach Kalifornien zu ziehen, wäre das Beste für die Band.

Ihr habt dann einen Plattenvertrag bei Epic Records unterschrieben, dort kam 1994 das legendäre Debütalbum von MOTHER TONGUE. Es lief also alles nach Plan.
Christian: Wir hatten viele verschiedene Einflüsse in der Band. Jeder von uns kam musikalisch aus einer anderen Ecke. Ich habe damals mit Geoff und unserem damaligen Gitarristen Jesse gespielt. Wir hatten eigentlich gar keinen Plan, wohin die Reise gehen soll. Wir haben einfach viel gejammt. Und dann kam David in die Band. Ich erinnere mich noch gut an unseren ersten gemeinsamen Jam in einer Garage. Es war fast so, als ob sich alle Teile plötzlich wie von selbst zusammenfügen, und wir spürten alle diese unbändige Energie.
Geoff: Ich habe schon vorher in einigen Bands mit Chris gespielt, die ähnlich schwer zu beschreiben waren. Jesse kam aus der Richtung straighter Hardcore beziehungsweise Punkrock und er wollte damals Musik machen, zu der die Leute tanzen können. Er hatte keine Lust mehr auf Moshpit. Die ersten Jams tendierten also noch viel mehr in Richtung Dance oder Funk. Als dann David in die Band kam, hat er alles erweitert und alle Klischees entfernt. Zu dieser Zeit waren wir sehr produktiv. Wir hätten im ersten Jahr 100 Songs schreiben können.

Wie habt ihr den Deal mit Epic Records bekommen?
David: Wir haben damals jede Menge Shows in Hollywood gespielt und hatten ein dauerhaftes Engagement im Club Lingerie. Ian Astbury von THE CULT wurde dort ein früher Fan von uns. Ein A&R-Typ, mit dem ich befreundet war, hatte ihn mitgeschleppt. Von da aus verbreitete sich unser Ruf. Immer mehr bekannte Musiker kamen zu unseren Shows, etwa die Jungs von RAGE AGAINST THE MACHINE oder Trent Reznor von NINE INCH NAILS. Sie alle wollten uns sehen und wir haben uns allmählich ein Stammpublikum aufgebaut. Wir waren damals schon bekannt für emotionale und explosive Live-Shows. Zu der Zeit gab es in Los Angeles jede Menge Typen von Plattenfirmen, die sich regelmäßig Club-Konzerte angeschaut haben, um Bands zu entdecken. So bekamen auch wir am Ende einen Vertrag bei Epic Records.

Es ging also gut los für MOTHER TONGUE, aber es ging nicht weiter. Was ist passiert?
David: Dafür gibt es eine Menge Gründe. Wir waren damals ziemlich jung und sehr emotional. Die Elemente, die unsere Musik so kraftvoll machten, haben das Ganze auch zu einer echten Herausforderung gemacht. Das betrifft vor allem die Dynamik zwischen uns Musikern. Dass unser erstes Album kommerziell nicht erfolgreich war, war für uns alle eine Riesenenttäuschung. Wir waren uns auch nicht bewusst, wie sehr uns das alle mitgenommen hat. Es war immer kompliziert bei uns. Bands wie RED HOT CHILI PEPPERS oder JANE’S ADDICTION mussten auch jede Menge Drama und Schmerz verarbeiten. Da sind sogar Leute gestorben. Sie haben aber immer weitergemacht. Einige Bands haben es geschafft und viele andere sind auf der Strecke geblieben. Ich denke, MOTHER TONGUE sind eine sehr spezielle Band. Wir waren zwar nicht kommerziell erfolgreich, aber wir stehen jetzt in Berlin auf der Bühne und spielen eine Show. Die Musik hat also überlebt und unser Verhältnis ist über die Jahre offener und ehrlicher geworden.

Habt ihr eine Erklärung dafür, warum ihr nicht so viele Platten verkauft habt?
David: Manche Dinge laufen eben so. Für manche Sachen gibt es keine eindeutigen Antworten. Wir haben uns damals nicht besonders gut verstanden, wir konnten nicht gut Musik zusammen schreiben. Damals ist jede Menge passiert zwischen uns. Manche Band finden diesen Funken, der das Feuer dann entzündet. Da ist oft auch Glück dabei. Wir hatten keine traditionellen Melodien oder Pop-Strukturen in unseren Songs. Die Elemente, die unseren Sound großartig machen, waren auch dafür verantwortlich, dass wir als Band nie im Mainstream erfolgreich waren. Obwohl wir einen Vertrag bei einem Majorlabel hatten. Im Rückblick haben all diese Dinge in Summe dafür gesorgt, dass es nicht lief. Das sollte einfach alles so sein. Es hat damals eben nicht funktioniert.

Ihr habt euch zwei Jahre nach dem Debütalbum aufgelöst. Euer Gitarrist Jesse war kurz bei RED HOT CHILI PEPPERS, hat für Alanis Morissette und in der Band von Morrissey gespielt. Wie ging es bei euch weiter?
David: Wir hatten alle im Laufe der Jahre normale Jobs. Ich habe eine Karriere als Autor fürs Fernsehen gestartet. Wir haben in dieser Zeit aber in unterschiedlichen Projekten nebenbei Musik gemacht. 2002 haben wir dann wieder zusammengefunden und angefangen, Platten für Noisolution in Berlin zu machen. Ich kann gar nicht genau sagen, was in den Jahren dazwischen alles passiert ist. Wir sind alle Musiker geblieben und das Leben hat seinen Tribut gefordert. Ich habe eine Familie, die ich ernähren muss. Jeder hatte sein eigenes Ding am Laufen. Wir hatten lange keinen Kontakt und haben uns irgendwann wiedergefunden.

Ihr seid eine Art On-Off-Band geworden. Warum lässt euch die Band nicht los, was hält euch zusammen?
David: Bei MOTHER TONGUE geht es immer um die Musik. Das ist die Verbindung, die alles zusammenschweißt. Das heißt seit vielen Jahren: Christian, ich, unser zweiter Gitarrist Bryan und unser Schlagzeuger Sasha. Sasha ist auch schon wieder über 20 Jahre lang bei uns. Wir hatten unzählige tolle Momente hier in Deutschland. Wir haben hier eine unglaublich loyale Fanbase. Ich denke immer gerne an diese Shows oder Festivals, bei denen wir gespielt haben. Wir sind vor Kids aufgetreten, die jetzt erwachsen geworden sind. Das ist so wild zu sehen, wie die alle aussehen jetzt. Zu diesen Leuten haben wir einfach eine Verbindung. Unser erster Drummer Geoff und ich haben uns separat davon mit unserem Projekt WEREWOLF ETIQUETTE wieder verbunden. Da hat sich auch ein Kreis geschlossen und es hat viele Wunden geheilt, denn wir hatten lange keinen Kontakt. So wie die Musik bei MOTHER TONGUE uns immer zusammenbringt, hatten Geoff und ich wieder eine sehr starke musikalische Connection. Wir haben unsere Instrumente eingestöpselt und hatten sofort wieder einen Draht zueinander.
Geoff: Ich hatte David seit August 2000 nicht mehr gesehen. Ich hatte immer wieder versucht, Kontakt zu knüpfen, aber es hat lange nicht funktioniert. Im Sommer 2023 hat David dann endlich geantwortet. Da hat wohl auch der Zufall eine große Rolle gespielt. Sein Vater lag im Sterben und das Krankenhaus war bei meinem Proberaum gleich um die Ecke.

Was ist der Plan mit WEREWOLF ETIQUETTE? Ein Duo nur mit Bass, Schlagzeug, ein paar Keyboard-Sounds und ohne Gitarre?
David: Mir hat der Gedanke gefallen, dass das Schlagzeug das führende Instrument ist, fast wie eine Gitarre. Der Bass bildet in dieser Band eher eine Art Gerüst. Der Bass ist eigentlich das Schlagzeug und das Schlagzeug ist die Gitarre. Ich mag die Kargheit dieser Band, den freien Raum im Sound. So hat unser Projekt angefangen. Wir sind zwei völlig unterschiedliche Individuen und ich mag das Drücken und Ziehen zwischen unseren beiden Instrumenten und Persönlichkeiten.

Zurück zu MOTHER TONGUE. Woher kommt dieser dunkle Vibe in euren Songs? Die haben Titel wie „Broken“, „Damage“ oder „Burn baby“.
David: MOTHER TONGUE waren schon immer sehr beeinflusst von THE DOORS. In den Texten, aber auch was die Dynamik betrifft. Eine Band aus Los Angeles, die sich immer für die dunklen Aspekte des Lebens interessiert und emotionalen Unterströmungen nachgespürt hat. Wir alle kommen aus verschiedenen familiären Verhältnissen, die unsere Musik angetrieben haben. Ich stamme aus einem sehr chaotischen Elternhaus, deshalb habe ich alle meine Emotionen immer in die Musik gesteckt. Ich habe viel durchgemacht und das habe ich alles in unseren Songs verarbeitet. Das war mein Ventil.

Wie geht es jetzt mit MOTHER TONGUE weiter? Neue Songs, ein neues Album?
David: MOTHER TONGUE werden sich nie mehr auflösen. Wir werden immer eine Band bleiben. Wir haben eine Geschichte, die andauert. Gibt es die Möglichkeit, dass wir ein neues Album aufnehmen? Ganz bestimmt. Erscheint eventuell nie mehr ein neues Album? Das Leben könnte uns dazwischenkommen. Alles, was ich von der Band gelernt habe, ist im Hier und Jetzt zu leben. Den Moment zu umarmen und alle Erfahrungen mitzunehmen. Jedes Konzert zu spielen, als wäre es dein letztes. Das ist die originale DNA der Band, diese Unmittelbarkeit. MOTHER TONGUE haben das Musikbusiness überlebt. Ich weiß nicht genau, was die Zukunft für uns bereithält. Jetzt gerade sind wir in Berlin, um den 30-jährigen Geburtstag unseres Labels zu feiern und unsere eigene Geschichte.

Wie seid ihr beim Berliner Label Noisolution gelandet?
Christian: Das war in den frühen Tagen des Internets. Ich hatte gerade eine Homepage für die Band gebastelt. Trotz des ganzen Chaos und der Rückschläge dachte ich mir, dass vielleicht irgendjemand Interesse an uns haben könnte. Da war zu diesem Zeitpunkt eigentlich nur ein Logo und eine Mailadresse. Wie aus dem Nichts erreichte mich eine Mail von Arne, der fragte: Seid ihr die echten MOTHER TONGUE? Ich antwortete: Ja, ich denke schon. Und er hatte große Lust, mit uns zu arbeiten.
David: Zu diesem Zeitpunkt arbeiteten wir an dem Album „Streetlight“. Wir haben die Songs mit ziemlich rudimentärem Equipment zum Teil bei uns zu Hause aufgenommen. Ich wurde dann auch noch richtig krank. Ich finde, man hört diesem Album auch die endlosen Nachtsessions und all die Mühen an, die wir auf uns genommen haben, um es fertig zu kriegen. Mitten in diesem Prozess kontaktierte uns Arne und hat das Album schließlich auf Noisolution veröffentlicht. Dann sind wir wieder nach Deutschland gekommen und sind all diesen enthusiastischen Fans begegnet. Das war wirklich erstaunlich. Leute aus den frühen Tagen, aber auch neue Leute. Also fingen wir wieder an, regelmäßig auf Tour zu gehen.

Angeblich haben auch Fanbriefe aus Deutschland eine große Rolle für euer Comeback gespielt.
David: Wir haben von den Leuten in Deutschland schon immer sehr enthusiastische und leidenschaftliche Reaktionen bekommen. Das hat natürlich eine Rolle gespielt. Zu wissen, dass man hier Fans gibt, denen die Musik wirklich etwas bedeutet. Wenn wir also über Erfolg reden, geht es nicht nur darum, Millionen von Platten zu verkaufen, sondern vor allem, dass wir die Leute mit unserer Musik emotional berühren. Dass wir ein wichtiger Soundtrack für Menschen geworden, wenn sie schwere Zeiten durchleben mussten. Mich haben zum Beispiel mal Soldaten der UN-Friedenstruppe in Bosnien angesprochen und mir erzählt, wie wichtig das „Streetlight“-Album für sie war, als sie im Krieg waren. Oder Leute, die im Drogenentzug waren oder schwere persönliche Probleme hatten. Die Dunkelheit in unseren Texten hat auch die Kraft, Dinge zu heilen, indem man sie ausspricht. Es war also sehr befriedigend für mich zu hören, was unsere Musik über die ganzen Jahre den Menschen in ihrem Leben bedeutet hat. Das ist in meinen Augen der größte Erfolg, den wir jemals erreichen können.

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