
Europäische Musikfans sind zu beneiden: Sie können NEW MODEL ARMY jedes Jahr sehen, manchmal sogar mehrmals. Das letzte Mal, dass die Briten in Nordamerika auftraten, war jedoch im September 2010, als sie zwei Konzerte hintereinander in New York spielten. Und ihr letzter Besuch hier bei uns in Vancouver ist sogar noch länger her, der war am 8. Oktober 2009. Es folgte eine 16-jährige Abwesenheit, abgesehen von einem einzigen reduzierten Akustik-Set mit drei Musikern, was im Grunde genommen ein Solo-Auftritt von Justin Sullivan war und einige Jahre zuvor im berühmten Punk-Club Cobalt stattfand. Die Fans hier mussten also lange darauf warten, bis NEW MODEL ARMY den Opener „Here comes the war“ anstimmten. Das Album, auf dem der Song zu finden ist, ist „The Love Of Hopeless Causes“ aus dem Jahr 1993, das 2025 auf Vinyl neu aufgelegt wurde. Ein passender Zeitpunkt, um den Song und die Geschichte der Band noch einmal Revue passieren zu lassen. Als Justin Sullivan und ich uns unterhielten, war kurz zuvor der Regisseur David Lynch verstorben, was mich veranlasste ihn zu fragen, wie es dazu kam, dass eines der Musikvideos zu diesem Album von Lynchs Tochter Jennifer gedreht wurde.
Ich habe alte Videos von euch gesehen, da hast du noch eine Zahnlücke. Aber in den neueren Clips, wie „Never arriving“, sieht man da einen Goldzahn.
Ja, Gold. Mein Bruder hat mir mit zwölf Jahren die Schneidezähne ausgeschlagen. Es war mehr oder weniger ein Unfall. Wir spielten Fußball und er traf mich mit seinem Schuh irgendwie im Gesicht. Dabei habe ich alle meine Vorderzähne verloren. Sie waren also immer künstlich, irgendwann habe ich einen davon verloren. Ich glaube, das war zu der Zeit, als wir zum ersten Mal die Idee hatten, in Amerika zu touren, Anfang der 1980er Jahre. Wir waren bei EMI in Großbritannien unter Vertrag und damit automatisch auch bei Capitol in den Vereinigten Staaten. Doch Capitol teilte der EMI mit: „Diese Band wird in den USA niemals Erfolg haben, solange der Sänger sich nicht die Zähne machen lässt.“ Natürlich stand für mich sofort fest, das tue ich auf gar keinen Fall! Also lief ich noch ziemlich lange mit dieser Zahnlücke herum. Und was das Label da behauptete, stimmte ja auch nicht ganz, denn die POGUES waren dort sogar sehr erfolgreich, obwohl Shane MacGowan nie Zähne im Maul hatte. Wie auch immer, ich dachte natürlich: Nein, ich lasse meine Zähne nicht reparieren. Bis Joe Barresi, unser Tonmann 2013 bei „Between Dog And Wolf“, sich beschwerte, weil es auf meiner Gesangsspur ein leises Pfeifgeräusch gab, was er auf den fehlenden Zahn zurückführte. Zudem begann der ganze Zahnersatz, den ich als Teenager bekommen hatte, langsam zu zerbröseln. Ich musste also sowieso alles neu machen lassen. Und da ich dachte mir: Wenn ich die Lücke schon füllen muss, lasse ich mir wenigstens einen Goldzahn einsetzen!
Ich möchte mit dir über Jennifer Lynch sprechen. Warst du ein Fan der Arbeiten ihres Vaters?
Natürlich kenne ich David Lynch-Filme wie „Eraserhead“, die sind irgendwie cool, aber ich bin kein großer David-Lynch-Fan. Aber Robert, unser 2004 verstorbener Schlagzeuger, war es. Und wir waren bei Sony unter Vertrag, also war zu diesem Zeitpunkt eine Menge Geld im Spiel, was später nicht mehr der Fall war. Auf jeden Fall haben wir David Lynch gebeten, ein Video zu „Here comes the war“ zu drehen. Und er hatte einen tollen Plan mit einem riesigem Budget, von dem er hoffte, dass Sony es bezahlen würde, aber Sony lehnte ab und sagten nein. Am Ende drehten wir das Video mit einem Typen, dessen Namen ich vergessen habe. Wir waren total begeistert – zumindest ich – von den Gangster-Rap-Videos dieser Zeit, den Sachen von NWA und Ice Cube. Also holten wir diesen Typen, der die gedreht hatte, nach England, um mit uns den Clip zu „Here comes the war“ zu drehen. Das war ein sehr seltsamer Tag. Damals waren Videos sehr kostspielig. Es gab ein Drehbuch und ein ausgearbeitetes Konzept. Er buchte ein heruntergekommenes Lagerhaus in London, das ironischerweise sonst für Paintball-Spiele genutzt wurde, Paintball wird ja im Songtext erwähnt ... Und er beschloss, dass er für das Video dort ein Kriegszenario aufbauen will. Auf dem Weg zum Dreh kam ich mit dem Taxifahrer ins Gespräch und fragte ihn: „Woher kommen Sie?“ Er antwortete: „Ich habe kein Land.“ Es stellte sich heraus, dass er aus Jugoslawien stammte und wie viele Ex-Jugoslawen kein Problem mit diesem Staat hatte, wie er vor der Aufteilung in Serbien und Kroatien war. Und der Song „Here comes the war“ handelt ja teilweise von dem Bürgerkrieg auf dem Balkan. Ich weiß noch, dass ich ankam, die ganzen Leute von der Filmcrew und die Kulissen sah und dachte, das sieht ja furchtbar künstlich aus, haha. Im Video wirkt alles ein bisschen übertrieben und ich bekam in ethischer Hinsicht Bedenken. Ich war mir nicht sicher, ob das so richtig ist. Das hat mich eine Weile beschäftigt.
Wart ihr mal auf Tour in Jugoslawien?
Ja, wir waren 1991 zum ersten Mal in Jugoslawien und spielten in Zagreb und Belgrad. Es war seltsam, denn beide Konzerte waren ausverkauft, aber das Publikum war irgendwie nicht wirklich bei der Sache. Es war egal, was wir machten, ihre Gedanken waren woanders; es war ein sehr seltsames Gefühl. Ich habe nachgefragt, und die Leute sagten: „Es wird Krieg geben.“ Und ich: „Was meint ihr damit?“ Noch mal: „Es wird Krieg geben!“ Und ich fragte: „Soll das heißen, das Publikum von heute Abend wird das Publikum von gestern Abend erschießen?“ Und die Antwort lautete: „Ja.“ Und ich: „Nein! Ihr seid verrückt, wie kann das geschehen?“ Und sie sagten: „Es wird geschehen.“ Wir waren nur zwei oder drei Tage dort, und ich erinnere mich, dass ich beim Abschied das Gefühl hatte, eine Reise in die Albträume eines anderen gemacht zu haben. Es war wirklich seltsam. Ich fragte: „Lässt sich das nicht verhindern?“ Und sie sagten: „Nein.“ Und dann, ein paar Monate später, begann tatsächlich der Krieg zwischen Kroatien und Serbien, und natürlich breitete er weiter sich aus. Ich erinnere mich, dass ich dachte, wir waren zu Besuch in der Hölle. Ich meine, uns ging es gut, aber ... Und noch etwas zu „Here comes the war“: 1992 erschien ein sehr dummes, super erfolgreiches Buch mit dem Titel „Das Ende der Geschichte“, dessen zentrale These lautete, dass mit dem Ende des Kalten Krieges der liberale Kapitalismus der westlichen Demokratien triumphiert habe und sich nun auf der ganzen Welt ausbreiten würde. Damit sei jede Diskussion beendet und unser kapitalistisches System wird für alle Ewigkeit feststehen. Und ich weiß noch, dass ich dachte: Was für eine dämliche Idee! Und es gab diesen furchtbaren Song von den SCORPIONS, „The wind of change“: Der Wind der Veränderung weht durch Moskau, sie haben jetzt McDonald’s und alles wird großartig, blabla ... Ich erinnere mich, dass ich dachte: Nein, so wird es definitiv nicht kommen. Auf „Impurity“ gibt es einen Song namens „Lurhstaap“, der vom Fall der Berliner Mauer und von Ostdeutschland handelt. Und auch da dachte ich: Klar, ich freue mich, dass die Mauer gefallen ist, aber das ist nicht das Ende der Geschichte. Als ich „Here Comes the War“ schrieb, hatte der Jugoslawienkrieg gerade begonnen, und es herrschten große Spannungen in der Welt. Der Kalte Krieg war zu Ende, aber die Welt war dadurch nicht stabiler geworden; das war der Hintergrund für diesen Song. Ich erinnere mich, dass ich während einer Busfahrt Seite um Seite vollgeschrieben und dabei einfach alle Ideen festgehalten habe, die mir einfielen. Und dann kam dieses großartige Bass- und Drum-Riff von Nelson und Robert, und das ermöglichte mir im Grunde genommen, einfach mit einer Art Sprechgesang loszulegen, so dass der Text sich nicht reimen oder in eine offensichtliche Songstruktur einpassen musste. So konnte ich einfach die Sachen aus meinem Notizbuch nehmen und zu einem Text zusammenbasteln. Aber ich bin vom Thema abgekommen ...
Wir hatten über das Video zu „Here comes the war“ gesprochen.
Nach unserem ersten Kontakt mit David Lynch wollten wir ein zweites Video drehen und zwar zu „Living in the rose“, weil es so ein schöner Song ist, und uns wurde Jennifer Lynch vorgeschlagen. Ich kann nicht sagen, ob das kurz vor oder nach ihrem Film „Boxing Helena“ war, den ich übrigens nie gesehen habe. Jedenfalls tauchte sie auf, sie hatte ein Konzept und sie hatte ein Studio, um dieses Video zu drehen. Sie besuchte uns auch auf einem Festival in Holland, wo wir spielten, nur so zum Spaß; wir verstanden uns super, es war ein angenehmes Wochenende. Und das Video zu „Living in the rose“ ist auch einfach das, was es ist: ein kommerzielles Rockvideo aus den frühen 1990ern mit großem Budget.
Du küsst in diesem Video zwei Frauen.
Ja, es gab zwei Models, die Jennifer für den Dreh engagiert hatte, nette, professionelle Models. Wir haben Höflichkeiten ausgetauscht, aber an viel mehr erinnere ich mich nicht. Aber ich erinnere mich, dass sie eine Schlange mitgebracht hatten, die im Video letztlich gar nicht vorkam. Ich trug damals diese großen Kreolen, und die Schlange versuchte ständig, durch meine Ohrringe zu kriechen. Doch das ist alles dem Schnitt zum Opfer gefallen. Eigentlich schade.
Gab es Leute, die fanden, dass „Here comes the war“ ein kriegsverherrlichender Song sei?
Nein, ich glaube nicht. Ich finde, es ist ziemlich eindeutig, worum es geht. Aber alle meinten: „Du prophezeist hier einen neuen Krieg.“ Nun, das ist kein Kunststück. Es gibt einen Historiker, der wohl herausgefunden hat, dass es höchstens 14 Jahre wirklich weltweiten Frieden gegeben hat in den letzten Jahrtausenden dokumentierter Geschichte. Es ist also nicht schwer vorherzusagen, dass es wieder Krieg geben wird. Aber der Song war stark beeinflusst vom Bürgerkrieg in Jugoslawien und diesem Gefühl in den frühen 1990er Jahren, dass der liberale demokratische Kapitalismus triumphiert hätte. Wo ich nur dachte: Nein, so funktioniert Geschichte nicht.
Zu diesem Zeitpunkt seid ihr von der EMI zu Epic oder Sony gewechselt, und später zum eigenen Label. Was ist passiert?
Wir hatten dieses sehr seltsame zweijährige Experiment. In den USA lief es nie gut für uns. Und wir bekamen auch kaum Unterstützung von Capitol, vielleicht weil ich keine schönen Zähne hatte. Doch wie viele britische Bands dachten wir: Wir wollen Amerika erobern! Wir schaffen es in Amerika! Und wir kamen mit EMI an einen Punkt, an dem wir ausreichend Erfolg hatten. Aber so viel Erfolg hatten wir dann doch nicht, dass sie uns unbedingt behalten wollten. Also einigten wir uns darauf, den Vertrag mit einem Handschlag zu beenden und uns etwas anderes zu suchen. Wir waren in diesen Jahren in Europa gut positioniert; uns wurden von verschiedenen Leuten Traumverträge angeboten. Aber keiner davon schloss wirklich Amerika mit ein. Und dann Epic ... Ich bekomme Schwierigkeiten, wenn du das alles veröffentlichst, aber hey ... das ist nur meine Erinnerung daran. Wahrscheinlich ist die fehlerhaft, das möchte ich hier als Disclaimer einfügen. Wir fuhren nach New York, trafen uns mit den Leuten von Epic und spielten ihnen einige Demos des Albums vor, an dem wir gerade arbeiteten. Wir hatten bereits „Here comes the war“ und „Fate“ und noch einen weiteren Song. Und sie waren unglaublich begeistert und sagten: „Ja, das machen wir, das wird ein Riesenerfolg.“ Und unsere kleinen unschuldigen Köpfe waren von diesem Versprechen total geblendet. Also unterschrieben wir bei Epic in Großbritannien. Dann nahmen wir das Album in Liverpool mit Niko Bolas auf. Der hatte gerade „Freedom“ mit Neil Young aufgenommen. Das gefiel uns sehr. Und er kam zu einem Konzert, das wir in der Schweiz spielten. Wir mochten Niko sehr. Niko ist bis heute einer meiner besten Freunde, er ist einfach ein brillanter Typ. Wir nahmen das Album auf, und Niko hatte diese außergewöhnliche Energie und Begeisterung, auf eine für einen griechischstämmigen Amerikaner sehr düstere Art und Weise. Er stellte mich, Robert und Nelson in diesem Studio in einem Kreis auf, mit Bühnenmonitoren um das Schlagzeug herum, so dass der Bassverstärker und die Gitarrenverstärker irgendwie weiter weg waren. Das Schlagzeug war mit Mikrofonen ausgestattet und wir hatten wirklich leise Monitorboxen. Aber wir spielten live, und Niko stand in der Mitte dieses Kreises und bangte mit dem Kopf und rief „Yeahh“, es war ein großartiges Erlebnis.
Klingt fast schon zu schön ...
Genau. Denn dann hat Niko das Ganze abgemischt und wir haben Nikos Mixe gehasst. Anstatt schrecklich beleidigt zu sein, sagte Niko: „Na gut, fickt euch, ich hole Bob Clearmountain, damit er es mischt!“ Und wir sagten: „Hm, Niko. Er macht diesen großen Stadionrock-Sound à la Bruce Springsteen. Wir sind uns nicht sicher, ob das zu uns passt.“ Und Niko sagte: „Ihr habt doch keine Ahnung! Ich werde einen Deal mit Bob machen. Ich gebe ihm einen Track zum Abmischen, und wenn euch das gefällt, kann er das ganze Album machen, okay?“ Wir sagten: „Ja, okay.“ Also schickte er ihm „Here comes the war“ und als wir seinen Mix zurückbekamen, waren wir einfach nur geflasht. Das war genial! Also mixte Bob den Rest des Albums bei sich in Los Angeles, und wir fuhren auch dorthin. Das fertige Album wurde Epic vorgestellt, und alle waren ziemlich begeistert. Aber was wir nicht ahnten: Es gab damals einen Konflikt zwischen Sony London und Sony New York. Oder Epic London/Epic New York. Ich glaube, es war eine Art Machtspiel der Amerikaner. Ich weiß es nicht genau. Ich weiß nur, dass wir eine sehr erfolgreiche UK-Tour abgebrochen haben, um den Weg für diese wirklich ambitionierte Tournee durch Amerika frei zu machen. Wir haben auch viel Geld investiert. Als wir in Amerika ankamen, mussten wir feststellen, dass unser Album überhaupt nicht beworben wurde. Ein Vertreter von Sony tauchte bei einem Konzert in Wisconsin oder irgendwo auf und sagte uns, er sei als Fan gekommen, aber sein Büro habe ihm mitgeteilt, dass sie dieses Album nicht unterstützen würden. Ich habe keine Ahnung, was dahintersteckte. Aber die Tour wurde zum Albtraum, einer einzigen Katastrophe. Danach sind wir jahrelang nicht mehr nach Amerika zurückgekehrt. Es war eine sehr unglückliche Erfahrung, und als wir wieder in England waren, wollten wir nur noch aus diesem Vertrag raus. Und das passierte dann auch.
Warum waren Veröffentlichungen eures Attack Attack-Labels in Nordamerika eigentlich immer so schwer erhältlich?
Ich weiß eigentlich gar nicht, wer dort unser Vertriebspartner ist. Im Grunde genommen ist Attack Attack lizensiert durch Edel, einem großen deutschen Indie. In Deutschland sind sie außerordentlich gut, eigentlich in ganz Europa, aber ich glaube nicht, dass ihre Partner in Amerika besonders an uns interessiert sind. Ich muss zugeben, dass wir in den letzten Jahren immer gesagt haben, wir müssten unbedingt mal wieder die USA besuchen, aber die Idee, dort „groß rauszukommen“, die haben wir beerdigt. Die Sache mit Amerika ist die: Es ist ja schön und gut, einen Vertrieb zu haben und so weiter, aber letztendlich geht es darum, dass Unternehmen Geld in eine Band investieren. Und niemand wird uns ansehen und denken: Hey, diese Band wird uns Millionen einbringen! Und das ist schade. Wir haben ernsthaft darüber nachgedacht, wieder in Amerika auf Tour zu gehen, aber das ist außerordentlich teuer. Wir haben mit verschiedenen Leuten gesprochen und waren ein oder zweimal kurz davor. Aber die Arbeitsgenehmigungen sind teuer und der ganze Prozess ist super kompliziert, dazu kommen jetzt auch noch diese Geschichten von Leuten, die an die Grenze kommen, die haben alle erforderlichen Papiere dabei und die ganzen Gebühren sind bezahlt und trotzdem dürfen sie nicht einreisen.
Wie siehst du rückblickend „The Love Of Hopeless Causes“ von 1993?
Es ist eines meiner Lieblingsalben! Das Interessante daran ist, dass es damals nicht von allen gut aufgenommen wurde, weil wir bei „Thunder And Consolation“ und „Impurity“ den Geiger Ed Alleyne-Johnson kennengelernt hatten und für diese Art von Folk-Einflüssen bekannt waren, die wir und ein paar andere Leute sozusagen als Pioniere populär gemacht hatten. Nicht zuletzt aufgrund des Erfolgs von „Thunder And Consolation“ wurde Folk Rock, jedenfalls in Großbritannien, in den frühen 1990er Jahren zu einem wirklich großen Ding, einer richtigen Welle. Und dann tauchten all diese Bands auf, die LEVELLERS und wie sie alle heißen, die jetzt irgendwie Folk Rock machten. Und Robert und ich waren uns einig: Okay, das war’s für uns. Wir laufen Gefahr, uns in einer Folk Rock-Sackgasse zu verirren, außerdem ist das auch nicht wirklich das, was wir machen wollen. Also haben wir uns bewusst davon abgewendet und eben dieses Rock-Album mit unseren amerikanischen Freunden aufgenommen. Das war zu der Zeit, als Grunge gerade aufkam, nicht? Es hatte diesen sehr amerikanischen Rock-Sound, super gitarrenlastig, aber in gewisser Weise auch typisch NEW MODEL ARMY. Und ich finde auch die Texte sehr gelungen. Robert und ich haben damals wirklich gut zusammengearbeitet; es war auch das letzte Mal. Ich hatte 1991 diese etwas seltsame Nahtoderfahrung. Das war bei einem Konzert in der Schweiz. Ich bekam auf der Bühne durch einen defekten Verstärker einen Stromschlag und war technisch gesehen drei Minuten lang tot. Und das war irgendwie ... nun ja, es war eine Erfahrung. Darum geht es sowohl in „Living in the rose“ als auch in „White light“ natürlich. Ich erinnere mich, wie ich danach zu Hause in England im Garten saß und sagte: Wow, der Himmel! Wow, die Bäume! Ich lebe!
„White Light“ handelt davon, tot zu sein?
Ja. Im Grunde genommen ist alles, was man über Nahtoderfahrungen erzählt bekommt, wahr. Ich glaube, die Medizin geht davon aus, dass es eine Art Super-Endorphin gibt, das den Körper überschwemmt, wenn das Herz aufhört zu schlagen. Es ist eine körpereigene Droge, die nicht nur alle Schmerzen auslöscht, sondern einen auch in diesen besonderen Zustand versetzt. Ich habe noch nie Heroin genommen, daher kann ich nicht sagen, ob es ähnlich ist, aber alle sagen, dass man im Grunde schwebt, sich warm fühlt und in dieses weiße Licht getaucht ist. Und das ist alles wahr! Wirklich, es ist unglaublich! Wenn ich das jeden Tag machen könnte ... Kennst du den Film „Flatliners“, in dem sie sich aus Spaß in diesen Zustand versetzt haben? Es ist eine außergewöhnliche Erfahrung. Es ist wie die beste Drogenerfahrung, die man je hatte, multipliziert mit 100.
Gibt es da einen Moment, wo man sich in einem Tunnel befindet und auf seinen Körper herabblickt?
Nein, das habe ich nicht erlebt. Jemand meinte mal, bei einem Stromschlag sieht man keinen Tunnel. Manche haben Tunnel gesehen, manche haben auf ihren Körper hinuntergeschaut. Ich habe nichts davon erlebt. Ich schwebte nur und war in weißes Licht getaucht. Es gibt ein paar Dinge, an die ich mich nicht ganz erinnern kann, die aber irgendwo darin vorkommen. Was ich noch weiß, ist, dass ich wieder zu mir kam. Sie trugen mich in die Garderobe, und zufällig war ein Schweizer Arzt oder Sanitäter bei dem Konzert, und er kniete über mir und versuchte, mein Herz wieder zum Schlagen zu bringen. Nicht mit Maschinen, sondern nur physisch, indem er rhythmisch auf meine Brust drückte. Ich liege also da, ich bin in weißes Licht getaucht, und es ist ein bisschen wie bei einer dieser Schallplatten, die mit einem Klang beginnen, der viel Hall hat und sehr leise ist und immer näher und näher und lauter und lauter und näher und näher kommt. Und ich bin an diesem schönen Ort, und da ist dieser Klang. Um mich herum waren viele Leute, die Dinge riefen, Und als das Geräusch der Menschen immer näher kam, erinnere ich mich, dass ich dachte: Warum kann man mich nicht ein einziges Mal in Ruhe lassen? Und dann bin ich wieder da, der Schweizer schlägt mir auf die Brust, und ich habe ziemlich schnell begriffen, was passiert ist. Sie haben mir eine Infusion gelegt. Durch einen Stromschlag wird dem Blut das gesamte Salz entzogen. Ich hing etwa zwölf Sekunden lang an diesem Stromnetz fest, ich glaube, das ist eine ziemlich lange Zeit. Danach war ich etwa drei Minuten lang weg. Aber ich habe keine Erinnerung an diese Zeit, ich war einfach an einem wirklich guten Ort.
Ich habe ein paar Fragen zu den Texten. Zum Beispiel, ob Robert jemals welche geschrieben hat. Normalerweise sind die Lyrics bei NEW MODEL ARMY sehr klar und direkt. Ich muss mich nie fragen, worum es in einem Song.geht. Und das ist keineswegs eine Kritik. Aber bei „The Love Of Hopeless Causes“ ist das anders. Ohne die Geschichte, die du gerade erzählt hast, hätte ich „White light“ nie wirklich verstanden ...
Robert hat eigentlich nie wirklich Texte geschrieben. Aber das Album ist vergleichsweise verschlüsselt. Was ich schreibe, ist meist eher schlicht. Ich mag keine Texte, die die inneren Gedankengänge im Kopf des Autors wiedergeben sollen, die interessieren mich nie sonderlich. Ich mag echte Geschichten oder kleineAusschnitte davon. Man braucht nicht mal die ganze Story. Aber jemand hat einmal zu mir gesagt: „Alle deine Songs sind wie verdammte Wettervorhersagen.“ Und ich sagte: „Ja, aber wenn man das Wetter, die Tageszeit und das Licht hat und man ist irgendwo ... dann ist man irgendwo.“ Das ist für mich wirklich wichtig in einem Text. Ich habe diese seltsame Beziehung zur amerikanischen Country-Musik. Ich verehre Gillian Welch und solche Sachen. Manchmal auch Mainstream-Country, aber ich liebe diese Eigenart in der Country-Musik, dass jeder Song wie ein kleiner Film ist. Ich hatte einmal ein Interview mit einem Punkrock-Online-Fanzine irgendwo in Kalifornien, und sie wollten mit mir über das Schreiben von Texten sprechen und fragten: „Was ist der beste Text, der je geschrieben wurde?“ Und ich sagte „Jolene“ – was nicht die Antwort war, die sie erwartet hatten! Also in „Jolene“ gibt es drei Charaktere – zwei Frauen und einen Mann. Und es gibt eine Geschichte, mit der man sich identifizieren und die man sich bildlich vorstellen kann. Der Song ist außerordentlich intensiv, aber jeder kann den Schmerz verstehen, der darin zum Ausdruck kommt. Und das alles in nur zehn Zeilen! Normalerweise arbeite ich so, dass ich mit einer Idee beginne, den Refrain oder die Hookline festlege und der zweite Vers vielleicht überhaupt nichts mit dem Thema im ersten Vers zu tun hat. Aber er hat etwas mit der Hookline zu tun, ich streife sozusagen umher, mit der zentralen Idee im Kopf, und füge dem lauter kleine Erzählungen und Schnipsel hinzu.
Ein Songwriter, auf den all das meiner Meinung nach auch zutrifft und der mich seltsamerweise an dich in einem deiner aktuellen Songs erinnert, ist Richard Thompson. Er hat ein Lied namens „The storm won’t come“, das neben Stephen Fearings „Black silk gown“ eines von zwei Stücken ist, die für mich ganz stark nach NEW MODEL ARMY klingen. Sie könnten auch gut von dir stammen.
Richard Thompson ist ein großartiger Gitarrist und hat einige tolle Songs geschrieben, aber ich glaube, „The storm won’t come“ kenne ich nicht. Ich werde mal danach suchen. Ich habe nie mit Richard zusammengearbeitet. Ich habe mit Danny Thompson gespielt, der kein Verwandter von ihm ist, obwohl er auf vielen Alben von Richard mitgespielt hat. Ich glaube, ich habe Richard Thompson noch nie getroffen. Es ist schon komisch, welche Leute man nie trifft. Das ist irgendwie Zufall. Neulich habe ich an Mike Scott von den WATERBOYS gedacht. Wir sind in gewisser Weise Weggefährten, spielen in Rockbands, haben 1980 angefangen, sind folkig unterwegs, machen viele Solo-Auftritte. Wir bewegen uns in einem ähnlichen Umfeld, aber wir sind uns nie begegnet.
Wie hast du mit Robert zusammengearbeitet? Wie lief der Prozess des Schreibens bei euch ab?
Ich weiß es nicht mehr. Robert war natürlich auch ein großartiger Gitarrist und Bassist. Also haben wir beide zu Hause an Demos gearbeitet. Wir hatten diese kleinen Vierspurgeräte. So haben wir an „Thunder And Consolation“ gearbeitet, aber das gilt auch für „Impurity“ und „The Love Of Hopeless Causes“. Wir haben beide Demos mitgebracht, und manchmal hat er im Grunde schon ganze Songs geschrieben, aber ohne Text oder Melodie, nur die Struktur mit Strophe-Refrain-Bridge und schöner Musik, das bekannteste Beispiel ist vielleicht „Green and grey“. Das ist ganz typisch für unsere Beziehung. Als wir an „Thunder And Consolation“ arbeiteten, kam er mit einem Stück Musik zu mir, ich hörte es mir an und sagte: „Ich finde es großartig, Robert, aber es passt nicht wirklich zu uns, und ich weiß nicht so recht, was ich damit anfangen soll. Es ist einfach nicht sehr NEW MODEL ARMY.“ Und er meinte: „Du redest nur Scheiße, das ist das Beste, was ich je geschrieben habe. Los, geh und schreib einen verdammten Text!“ Ich sagte: „Gut, ich werde es versuchen.“ Also ging ich zurück zu der Hütte, in der ich während der Produktion wohnte, und bastelte ziemlich schnell die Lyrics für „Green and grey“ zusammen, indem ich andere Textfragmente, die ich schon hatte, auseinanderpflückte. Es wurde ein weiterer aus einer ganzen Serie von Songs, die sich um Menschen drehen, die aus der Provinz in die Großstadt kommen. Dieser nimmt die Perspektive der Person ein, die in der Kleinstadt zurückbleibt. Eigentlich ganz simpel. Ich habe also diesen Text zusammengeschustert, bin ins Studio gegangen und habe das Lied eingesungen. Aber er meinte: „Nein, nein, nein! Das ist alles falsch! Das ist überhaupt nicht das, was ich mir für dieses Stück vorgestellt habe!“ Und wir einigten uns darauf, den Song erst mal beiseitezulegen. Und dann, einen Tag später, sagten wir: „Sollen wir uns das Ding anhören?“ Also spielten wir das Demo ab und am Ende sahen wir uns an und sagten: „Ziemlich gut!“ So lief es ziemlich oft.
Worum geht es in „Green and grey“?
Es ist ein Song, der überall passt. Er handelt vor allem von West Yorkshire; die Landschaft in dem Song ist sehr typisch für West Yorkshire. Aber die Geschichte ist universell. Ich komme ursprünglich nicht aus Bradford; ich bin erst mit 20 oder so nach Bradford gezogen. Aber als wir die Band gründeten, war uns sehr bewusst, dass dies eine arme, vergessene Stadt im Norden Englands ist, aus der die Menschen wegziehen, um in die Großstadt zu gehen. Man ist also Teil davon, und wir waren es in gewisser Weise auch. Wir träumten davon wegzugehen! Lustigerweise sind Joolz und ich Mitte der 1980er Jahre tatsächlich nach London gezogen und haben es dort etwa ein Jahr lang ausgehalten. Rückblickend glaube ich, dass sie vielleicht geblieben wäre; ich war es, der nicht bleiben wollte. Ich wollte hierher zurückkommen, vielleicht weil ich eigentlich nicht von hier bin. Ich empfand London als klaustrophobisch. Ich bin immer noch hier, obwohl meine Freundin in Paris lebt. Im letzten Jahr war ich die meiste Zeit in Paris.
Joolz und du ...?
Wir waren nur etwa vier Jahre lang ein Paar. Seitdem sind wir einfach gute Freunde. Sie hatte immer andere Partner, und ich hatte gelegentlich Affären. Und seit einer Weile habe ich eine echte Partnerin. Joolz und ich arbeiten zusammen, aber wir sind nicht zusammen. Die meisten Leute denken das, was für meine wirkliche Freundin schwer zu ertragen ist.
Wie autobiografisch sind deine Texte?
Im Songwriting gibt es eine lange Tradition, insbesondere in der amerikanischen Musik, dass ein Stück mit dem Wort „Ich“ beginnt, aber eigentlich die Geschichte von jemand anderem erzählt. Das habe ich oft gemacht. Es fasziniert mich sehr, etwas zu schreiben, mit dem ich philosophisch gesehen überhaupt nicht übereinstimme. „Vengeance“ ist so Fall oder „The hunt“. Auf „The Love Of Hopeless Causes“ gibt es das Stück „My people right or wrong“, das 1993 nach dem Jugoslawienkrieg entstand, da nehme ich die Perspektive eines Nationalisten ein, auch wenn mir das selbst völlig fremd ist. Aber ich wollte wissen, wie sich das anfühlt. Später haben wir einen Song für „High“ geschrieben, der „One of the chosen“ heißt und davon handelt, wie toll es ist, religiöser Fundamentalist zu sein. Auch wenn ich selbst nicht dieser Ansicht bin, kann ich die Geschichte dann trotzdem erzählen? Ja, das kann ich, ich bin Songwriter.
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