NOTHING

Foto© by Luke Ivanovich

Ein kurzes Interview über den Verfall

Seit jeher standen NOTHING für die Vertonung von Depression, Isolation und Aussichtslosigkeit. Zuletzt haben sie mit dem 2020er Werk „The Great Dismal“ während der Pandemie den Nerv der Zeit getroffen. Mit „A Short History Of Decay“ hebt Mastermind Domenic „Nicky“ Palermo die bekannten Themen auf ein neues Level, indem er sich nicht länger hinter einer Fassade aus Sarkasmus und Hall versteckt, sondern sehr persönlich und konkret wird. Für Palermo ein Befreiungsschlag, für den Hörer schlicht das beste Album, das die Band aus Philadelphia bisher abgeliefert hat. Trotzdem gilt: NOTHING sind nicht angetreten, um das Richtige zu tun.

A Short History Of Decay“ bricht nicht nur mit dem bisherigen Release-Turnus von NOTHING, sondern geht auch inhaltlich neue Wege. Welchen Hintergrund haben diese Entwicklungen?

Seit 2013 steckten wir in einer Art Hamsterrad fest. „Guilty Of Everything“ fertigzustellen, war damals ein riesiger Kraftakt, und das hatte eine Vielzahl an Gründen: fehlende Erfahrung im Aufnahmeprozess und auch die Frage, woher die Musik und die ganze Erzählung überhaupt kommen, brauchte Zeit. Nachdem die Platte veröffentlicht war, sind wir einfach in diesem Kreislauf geblieben – schreiben, aufnehmen, touren – über vier Alben in zehn Jahren. Das wurde zu unserem natürlichen Lebensmodus. Doch nach „The Great Dismal“ hatte ich das Gefühl, dass ich das nicht mehr will. Ich wollte mir Zeit nehmen und abwarten, bis wieder etwas ganz von selbst aus mir entsteht. Es war eine verwirrende Phase, plötzlich so viel zu Hause zu sein. Ich hatte einige Selbsterkenntnisse, über das Leben, das mit „Guilty Of Everything“ kam, und darüber, dass ich mich so obsessiv auf NOTHING konzentriert habe, dass andere Bereiche meines Lebens in eine Grauzone gerutscht sind. Ich habe viele Beziehungen verloren und zu vielen Dingen den Kontakt. Das Beschäftigtsein war aber im Grunde natürlich auch eine Art, Dingen aus dem Weg zu gehen. Als ich dann Zeit hatte, kam das alles hoch und es gab keinen Ort mehr, an dem ich mich davor verstecken konnte. Also habe ich versucht, mir diesen Teil meines Lebens zurückzuholen. Dabei sind immer wieder neue Themen aufgetaucht, die ich bislang ignoriert hatte. Ein großer Teil dieser Zeit bestand darin, nach innen zu schauen, mich diesen Dingen zu stellen und zu versuchen, damit umzugehen. Als ich damit angefangen hatte, wurde das Schreiben wieder leichter und gleichzeitig konkreter in dem, worüber ich eigentlich sprechen will. Nach und nach wurde daraus, wie immer bei mir, Musik. Plötzlich hatte ich ein paar Songs, und der Gedanke an ein Album wurde wieder aktuell.

Aus dem Hamsterrad auszubrechen, war also gut für die kreative Seite. Bist du mittlerweile auch seelisch wieder in einer besseren Verfassung?
Ich versuche jeden Tag, mich ein Stück zu verbessern, es ist aber definitiv immer noch ein Work in Progress. Trotzdem habe ich ein bisschen Klarheit gewonnen und das ist lange nicht passiert. Normalerweise finde ich diese Klarheit erst in Zeiten von Krisen oder Tragödien. Diesmal entstand sie einfach dadurch, dass ich in den Spiegel schauen und mich den Dingen stellen konnte. Das war genauso schwierig wie eine traumatische Situation, aber eben ohne das eigentliche Trauma. Einfach ein weiterer Berg, den es zu erklimmen galt.

Die Band war immer eng mit dir und deiner mentalen Gesundheit verknüpft, du warst und bist die zentrale Person bei NOTHING. Trotzdem hat sich die Perspektive nun etwas verändert.
Oberflächlich gesehen wirkt diese Platte vielleicht gar nicht so anders als die vorherigen NOTHING-Alben. Allerdings behandele ich darauf Themen, über die ich vorher nie wirklich gesprochen habe. Es war ein wichtiger Schritt, mir zu erlauben, mich gedanklich in bestimmte Situationen zu begeben – von meiner Kindheit bis zu den schwierigen späten Teenagerjahren. Dinge, die ich lange mit mir herumgetragen habe und die ich entweder für irrelevant hielt oder unbewusst beiseite geschoben habe, weil ich mich ihnen nicht stellen wollte. Ich bin da bewusst hineingegangen, weil ich dachte, dass es mir hilft, mich weiterzuentwickeln. Dadurch geht es mir, zumindest momentan, auch deutlich besser.

Trotz all der Einkehr schmückt ihr euch aber auch mit dem Satz: „Der rebellische Geist von NOTHING ist ungebrochen.“ Wie viel Spaß hast du noch daran, sarkastisch oder provokant zu sein? Oder ist das etwas, das du eher hinter dir lassen willst?
Auch diese Seite ist mir nach wie vor extrem wichtig. Ich habe mir dieses Bett gemacht und muss nun darin liegen. NOTHING wirkten für mich immer genauso therapeutisch, wie für viele Hörer. Das ist auch das Schwierigste für mich: Wenn ich an den Punkt komme, an dem ich überlege, etwas ganz anderes zu machen oder weiterzuziehen, holt mich die Band doch wieder ein – sie fordert ihren Platz ein, genauso wie ich mich daran festhalte. Ich denke nie zu weit in die Zukunft, das war schon immer so, vielmehr versuche ich einfach, durch den Tag zu kommen. Natürlich hat sich etwas verändert, seit ich zum Beispiel unser eigenes Festival Slide Away buche. Es ist gut, noch andere Projekte zu haben, in die ich kreative Energie stecken kann, damit ich nicht ständig NOTHING auswringe und versuche, alles aus dieser einen Sache herauszuholen.

Ist das aktuelle Album auch eine Reaktion darauf, dass ihr euch noch mal sehr intensiv mit eurem Debüt beschäftigt habt? Zu dessen zehnjährigen Jubiläum seid ihr viel damit getourt.
Für mich gibt es unglaublich viele Parallelen zwischen der neuen Platte und „Guilty Of Everything“. Es fühlt sich ein bisschen wie ein zweiter Teil davon an, für die Band ist es eine Art Full-Circle-Moment. Ich habe mir nicht bewusst vorgenommen, musikalisch in eine bestimmte Richtung zu gehen, die Musik ist eher aus der Last entstanden, die ich mit mir herumgetragen habe. Die Veröffentlichung von „Guilty Of Everything“ war damals befreiend, weil damit so viel Gewicht von mir abgefallen ist, und bei dieser Platte war das ähnlich. Das ist ein gutes Gefühl.

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