OHL

Foto

Der Japanfeldzug 2025

Es war einmal ... eine kleine dreckige Punkband, die im Februar 2020 eine unvergessene Jubiläumsschlacht zu ihrem 40-Jährigen im Leverkusener Jugendzentrum Bunker schlug. Wir hatten einige Wochen zuvor das Angebot erhalten, im Oktober auf Japantour zu gehen, und so war es ein Abend voller Vorfreude und Ekstase. Zu dem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, dass alles anders kommen sollte. Statt dass wir in Japan aufschlugen, schlug bei uns Corona ein. Das Ende aller Träume?! Vier Jahre später, ich hatte schon längst nicht mehr damit gerechnet, überhaupt noch mal von Ricky, der nicht nur unser Tourguide, sondern auch Veranstalter war, zu hören, passierte es doch: „Seid ihr noch an einer Japantour interessiert?“ Die Antwort war kurz und knapp: „Ja!“

2025 war es endlich soweit. Anlässlich unseres 45-jährigen Jubiläums spielten wir, wie alle fünf Jahre, wieder im Bunker in Leverkusen und diesmal meinte es das Schicksal gut mit uns, zumindest in Sachen Corona, und zwei Monate später sollte es mit fünfjähriger Verspätung endlich nach Japan gehen. Die Tourdaten lasen sich wie aus einem Reiseführer: Tokio, Osaka, Hiroshima Takamatsu, Yokohama, Hamamatsu, Nagoya und zum Finale noch mal Tokio.

Die Vorfreude war groß und wir legten noch ein Konzert in unserem zweiten Wohnzimmer, dem Essener Don’t Panic-Club ein, um uns von Fans und Freunden zu verabschieden. Doch da tauchte ein neues Problem am Horizont auf. Die deutschen Flughäfen erfasste eine Streikwelle und mich das ungute Gefühl, dass es wieder schiefgehen könnte und wir uns erst sicher fühlen dürfen, wenn wir japanischen Boden betreten. Zum Glück endeten die Streiks zwei Tage vor unserem Abflug und das Abenteuer konnte beginnen.

Die Reise ins Land der aufgehenden Sonne begann um vier Uhr morgens in Hamburg damit, dass meine Jacke am Flughafen erst mal auf Sprengstoffspuren untersucht wurde ... ein gutes Omen?! Irgendwie lag ich mit dem Sicherheitspersonal am Flughafen anscheinend nicht so ganz auf einer Wellenlänge, denn obwohl ich jetzt ganz offiziell keinen Sprengstoffkontakt hatte, wartete ein paar Meter weiter schon der nächste, bei dem meine Antwort auf die Frage, ob in den Gitarrenkoffern Gitarren sind, nicht sonderlich gut ankam. Ich hatte einfach nur gesagt: „Nein, Maschinengewehre.“
Wie auch immer, wir durften dann doch den Flughafen Richtung Flieger verlassen und der war komplett im „Star Wars“-Look gestylet. Außen wie innen. Die Stewardessen trugen R2-D2-Schürzen, die Pappbecher waren mit dem „Star Wars“-Logo gebrandet und selbst die Ansage des Flugkapitäns begann mit dem typischen „Star Wars“-Sound. Die Macht war also mit uns.
Nach 13 Stunden Flug und einer Zeitumstellung von acht Stunden wurden wir morgens am Tokyo Airport von Ricky in Empfang genommen. Tokio ist beeindruckend groß, beeindruckend sauber, und dennoch beeindruckend stressfrei. Nach kurzem Sightseeing, Nahrungsaufnahme und fast 30 Stunden ohne Schlaf ging es aber statt ins Hotel erst mal zu einem Fototermin. Ich hätte im Stehen einschlafen können und wir sahen aus wie Zombies, aber was tut mich nicht alles als guter Gast. Wir haben alles über uns ergehen lassen. Das Shooting fand in einem angesagten Punk-Klamottenladen, mitten im Zentrum Tokios statt und dort sollten wir uns auf Kosten des Besitzers komplett einkleiden. Und komplett bedeutete: Hosen, Jacken, T-Shirts – alles, was wir wollten, und alles for free. Wir haben das natürlich abgelehnt, aber nicht ohne vorher Ricky zu fragen, ob wir dadurch die Ehre des Gastgebers beleidigen würden und dieser jetzt Harakiri machen müsse. Musste er zum Glück nicht und nun ging es endlich ins Hotel. Die Nacht war kurz, zu kurz, und der Jetlag tat sein Übriges. Dennoch war die Vorfreude groß auf das, was da kommen sollte.

Es ging zur ersten Schlacht auf japanischem Boden. Ein schöner kleiner Club in Tokio, Fassungsvermögen etwa 200 Leute und ein Soundcheck, der schneller und professioneller nicht hätte ablaufen können. Das zog sich übrigens durch alle Clubs. Hochwertige und extrem kurze Soundchecks. Ebenso wie absolute Sauberkeit in und um die jeweilige Location herum. Es gab sogar Schilder, die mit Strafe drohten, wenn man sich besäuft und abkotzt. Das Publikum war optisch sehr stark den UK82-Vorbildern angepasst. Wie nicht anders zu erwarten, gab es keine Form von Aggressivität und wir wurden extrem freundlich empfangen, Fans luden uns zu Drinks ein und auch wenn die Kommunikation schwierig war, die offene herzliche Art, auf die wir überall trafen, war sehr beindruckend und das galt nicht nur für die, die zu unseren Konzerten kamen. Auch außerhalb der Clubs hat man uns zwar als Exoten registriert, aber immer respektiert.

Mich wunderte allerdings, dass selbst unsere Vorbands kaum der englischen Sprache mächtig waren und anscheinend die Motivation, die Texte ihrer englischen und amerikanischen Punkrock-Helden zu verstehen, auch nicht sonderlich stark ausgeprägt war. Extrem stark ausgeprägt war allerdings die Freude, uns zu sehen, und einige haben auch versucht mitzusingen. Sie haben sich dann irgendwie der Lautsprache bemächtigt und so wurde etwa aus „Keinen Führer, keinen Gott“ so was wie „Kaifü, keihot“.
Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, einige Ansagen auf Japanisch zu machen. Das überstieg dann allerdings auch mein Engagement, mich in die Sprache einzuarbeiten. Immerhin hat es dann für Ohayo, Arigato, Konnichiwa, Sayonara und Camito Sekai gereicht. Letzteres ist die Übersetzung unseres Stückes „Gott und die Welt“, was wir jetzt als Reminiszenz an diese Tour auch in Deutschland so in unsere aktuelle Setlist aufgenommen haben.

Wir hatten meistens jeweils drei bis vier Vorbands: EXTINCT GOVERNMENT, ROSE ROSE, ASPHALT, NO EXCUSE, BAYONETS, SYTEMATIC DEATH, OUTSIDER, BOUND, MUSHIZ, DEPRAVITY, CENTIPEDE, FUCKING JUNKIES, KICK YOUR ASS, DYNAMITE BABIES, DEMSNE, REALITY CRISIS, HELLCHILD, NOVADIS oder auch RICKY & THE SWEDEN, von denen allerdings niemand aus Schweden kommt. Ich kannte keine einzige Band, aber alle haben extrem hart und schnell ihr 15- bis 30-minütiges Set runtergeknüppelt. Und obwohl sie fast alle gut beim Publikum ankamen, fand für mich überraschend kaum Kommunikation mit den Zuschauern statt. So fiel es wenigstens auch nicht weiter ins Gewicht, dass ich nur die paar Worte Japanisch am Start hatte.

Auch sehr ungewöhnlich war das Catering, denn wenn es überhaupt etwas zu essen gab, wurde dieses erst nach der Schlacht serviert und zwar nicht Backstage, sondern direkt vor der Bühne. Sobald wir die letzte Zugabe gespielt hatten, wurde das Publikum rausgebeten, der gesamte Club komplett gereinigt und das Catering vor der Bühne aufgebaut. Und das ging fast genauso schnell wie die Soundchecks. Der erste Abend war auf jeden Fall schon mal sehr verheißungsvoll, aber auch speziell. Speziell war auch das Merch. Ricky hatte nicht nur eine Tour-CD mit 20 OHL-Stücken pressen lassen, sondern auch noch Fächer mit OHL-Logo, Poster und diverse andere Devotionalien produziert.

Tolle Clubs, super Publikum und keine Alkoholleichen. Das sollte sich durch die ganze Tour durchziehen. Überhaupt waren die Menschen das beeindruckendste: absolut freundlich, friedlich, offen. Keine Spur von Aggressivität oder Arroganz. Konzepte wie Charakter oder Ehre sind dort selbstverständlich und werden nicht noch extra offen zur Schau gestellt, wie es so einige andere Kulturen praktizieren. Mit einem sehr geräumigen 30 Jahre alten Toyota-Bus sind wir quer durch Japan getourt und haben Land und Leute kennengelernt, waren Dauergast bei 7-Eleven und Family Mart, sind oft um gemeinsame Fotos gebeten worden und haben auch mal in Privatwohnungen in Räumen mit Shoji-Türen und auf traditionellen Tatami-Matten übernachtet. Was überraschenderweise gar nicht mal so schlecht war. Schlecht besucht war allerdings das Konzert in Osaka und dennoch war die Stimmung klasse. Wie sich später herausstellte, spielten am selben Tag die SEX PISTOLS auf einem Punkfestival unter anderem mit BAD RELIGION ebenfalls in Osaka, daher umso schöner, dass dann doch noch 20 Leute den Weg zu uns gefunden haben.

In Hiroshima haben wir natürlich auch das dortige Friedensmuseum besucht, was sehr beindruckend war. Beindruckend auf eine ganz andere Art waren auch der Ueno-Park mit seinen Millionen von Kirschblüten und der Fujiyama – da mutierte Ricky beinahe vom Tour- zum Touristenguide. Auffallend war der immer noch angesagte Manga-Anime-Style, der das modische, moderne Japan-Bild junger Frauen prägt, und dass auch absolut alles und jedes mit niedlichen Figuren gelabelt und beworben wird ... Und wenn dir dann noch ein weiblicher Fan durch ihre Freundin sagen lässt, du seist kawaii (süß, niedlich), dann weißt du, du bist in Japan angekommen.

Am herzlichsten sind wir im El Puente in Yokohama in Empfang genommen worden. Allerdings habe ich auch noch nie in einem so kleinen Club gespielt. Keine Bühne, keine PA und ausnahmsweise auch kein Soundcheck. Das Ganze glich eher einem privaten Partykeller. Dennoch war es eine richtig geile Schlacht mit einer super Stimmung im, wen wird es wundern, ausverkauften El Puente. Neben all den optischen Vorzeige-Punks mit perfektem Iro und auf Hochglanz polierten Spikes an ihren Lederjacken fielen uns auch immer wieder ganz anders gekleidete Besucher auf. Sie kamen im Anzug, mit Weste und Krawatte direkt vom Job zu unseren Konzerten, um sich dann Stück für Stück im Laufe der Schlacht ihrer Arbeitskleidung entledigten und standen in ihrer Euphorie den restlichen Fans in nichts nach. Ganz im Gegenteil, manchmal gaben die sogar noch mehr Gas.

In Nagoya spielten wir im Red Dragon. Der Name sollte Programm sein, denn der Club, der in der fünften Etage eines Neubaus lag, wird anscheinend von Hells Angels geführt. Auf den Toiletten und am Tresen fanden sich die bekannten 81er-Aufkleber und später tauchte auch die eine oder andere unverkennbare Lederweste auf. Immerhin konnte ich mich mit einem der Jungs richtig gut unterhalten, denn sein Englisch war top. Eine Etage tiefer fanden zur gleichen Zeit Castings für weibliche J-Pop-Bands statt. Man sah hunderte von Manga-Mädels kommen und gehen und das Treppenhaus war mit unzähligen Postern von J-Pop-Bands plakatiert ... schon ein extremer Gegensatz, aber auch das ist typisch Japan.

Ebenso wie die traditionellen kulinarischen Köstlichkeiten, die in Vielfalt und Verfügbarkeit kaum zu überbieten waren. Doch neben aller Tradition, auch die Moderne hatte es in sich. Alle Toilettensitze sind beheizt, mit diversen technischen Spielereien ausgestattet und die öffentlichen WCs sind kostenfrei und super sauber, genauso sauber wie die Städte und Straßen, in denen allerdings keine öffentlichen Abfalleimer zu finden sind. Der Grund: jeder Japaner nimmt seinen Müll mit nach Hause und entsorgt ihn dort.

Unsere finale Schlacht fand in Tokio statt und war ein wahrhaft würdiger Abschluss dieser denkwürdigen Reise. Der Club lag mitten im Zentrum, versteckt auf einer Shoppingmeile. Ein bisschen wie der 100 Club in London. Ein Wunder, dass die Leute dort überhaupt den Eingang fanden. Diesmal waren auch einige Europäer aus Großbritannien, Spanien und Deutschland vor Ort. Die Stimmung war phänomenal inklusive Stagediving und permanent hochgereckten Fäusten. Arigato Tokio!

Japan ist ein absolut lebenswertes Land. Was für ein Unterschied zu dem Leben in Deutschland. Ob ich allerdings in einem solchen Land vor 45 Jahren eine Punkband gegründet hätte?! Es war ein großes Privileg, mit OHL dieses Abenteuer erleben zu dürfen – mehr geht nicht. Und um das zu untermauern, erscheint im September unser nur auf Vinyl erhältliches Album „Der Japanfeldzug – Live In Tokyo“.

Anzeige