PANIC SHACK

Foto© by Ren Faulkner

Girlpower!

Nach LAMBRINI GIRLS, WET LEG und THE PILL stehen die nächsten vielversprechenden Guitar Girls auf der Startrampe. Sarah, Megan, Romi und Emily kommen aus der walisischen Hauptstadt Cardiff und setzen vor allem auf Spaß. Klar, der Sound von PANIC SHACK ist von den Riot Grrrls aus den Staaten inspiriert, aber in den Texten geht es vor allem um Hedonismus, ausgehen, feiern, knutschen, saufen und verkatert aufwachen. In Großbritannien hat das Party-Kollektiv schon einiges erreicht. Sie waren mit BOB VYLAN oder SOFT PLAY auf Tour und haben auf den großen Festivals in Glastonbury, Reading oder Leeds gespielt. Jetzt kommt das selbstbetitelte Debütalbum raus. Die vier Girls aus Cardiff erzählen uns, warum sie nicht nach London oder Manchester ziehen wollen, um erfolgreich zu sein.

Wie hat das alles vor sieben Jahren angefangen mit PANIC SHACK?

Sarah: Emily und Romi waren zusammen in der Highschool. Sie sind also schon viele Jahre befreundet und sind irgendwann gemeinsam nach Cardiff gezogen. Ich selbst komme aus Cardiff und irgendwann ist auch noch Megan dazugekommen und wir haben uns angefreundet. Cardiff ist eine kleine Stadt. Wenn man sich für Musik interessiert, läuft man sich zwangsläufig irgendwann über den Weg. Wenn man cool ist, findet man schnell andere coole Leute. Wir sind also viel zusammen ausgegangen und haben Konzerte angeschaut. So haben wir irgendwann beschlossen, auch das zu machen, was all diese Jungs in den Bands machen.

Was hat euch dazu gebracht, eine Band zu starten? Konntet ihr damals schon Instrumente spielen?
Romi: Emily konnte schon ein bisschen Bass spielen. Megan und ich hatten vorher aber noch nie Gitarre gespielt. Aber wir wollten das unbedingt machen, wir wollten eine Band starten und auf der Bühne stehen. Also haben wir uns das Gitarrespielen einfach selbst beigebracht und das ging ganz gut. Keine von uns hat eine Musikschule besucht oder vorher Songs geschrieben, wir probierten es einfach aus. Zum Glück bestehen die meisten Punksongs nur aus drei oder vier Griffen, das war nicht so schwer zu lernen. Wir hatten also alle vorher keine Banderfahrung und fast keine Skills an unseren Instrumenten.

Hattet ihr einen bestimmten Sound im Kopf für PANIC SHACK? Oder hat sich das alles einfach so ergeben?
Romi: Wir hatten nicht wirklich eine Vorstellung davon, wie PANIC SHACK klingen sollten. Wir waren und sind natürlich durch unser musikalisches Talent limitiert. Zumindest was die Gitarren betrifft. Da gibt es ein klares Limit für den Sound. Aber wir haben uns alle für einige Punkbands begeistert. THE SLITS waren zum Beispiel eine große Inspiration für uns. Wir mögen aber auch alles an Popmusik. Das hatte sicher auch großen Einfluss auf unser Songwriting.

Aktuell gibt es jede Menge neue All-Girl-Bands aus England, wie WET LEG, THE PILL oder LAMBRINI GIRLS. Warum gibt es aktuell so viele Guitar Girls?
Emily: Ich denke, diese Bands hat es schon immer gegeben. Jetzt werden die Leute vielleicht ein bisschen eher auf sie aufmerksam. Außerdem glaube ich, dass immer mehr Mädels zu Instrumenten greifen, je mehr Girl-Bands sie in Clubs oder auf Festivals sehen. Das ist eine Sache von Empowerment. Wenn die das können, kann ich das auch. Als THE PILL [die britische Band, nicht die aus Frankfurt/M.] angefangen haben, haben Lily und Lottie in Interviews gesagt, dass sie uns gesehen haben und auch eine Band gründen wollten. Jetzt sind sie selbst erfolgreich und werden bestimmt auch andere Mädchen inspirieren, eine eigene Band ins Leben zu rufen. Es ist so gut zu sehen, wie jetzt immer mehr Girls sagen: Scheiß drauf, das kann ich auch. Nicht nur diese blöden Typen. Sorry, ist mir rausgerutscht, haha.

Die meisten Girlbands haben eine feministische Agenda und kämpfen für Gleichberechtigung. Ist das bei euch auch so?
Megan: Diesen Willen, für Frauenrechte und Anerkennung zu kämpfen, haben wir auch. Aber ich denke, wir gehen einen anderen Weg. Ich finde, es ist allein schon feministisch, diesen Platz einzunehmen, den wir haben. Dass wir eine Band gegründet haben und auf der Bühne stehen. Es ist sehr cool, direkt über feministische Themen zu singen, es ist aber auch cool, über Dinge zu singen, die uns im Alltag beschäftigen. Wir müssen nicht direkt verbalisieren, dass wir Frauen sind und Gleichberechtigung fordern. Allein durch unsere Existenz drücken wir das schon aus. Das ist unsere feministische Strategie. Dass es völlig normal ist, mit vier Mädchen auf der Bühne zu stehen. In unsere Songs packen wir vor allem Erfahrungen, die wir im täglichen Leben sammeln. Wir können gar keine anderen Songs schreiben.

Mein Eindruck ist, dass die große Botschaft von PANIC SHACK lautet: Habt einfach Spaß im Leben!
Romi: Das ist absolut richtig. Wir würden das alles nicht machen, wenn es uns keinen Spaß machen würde. Wir machen es definitiv nicht wegen des Geldes. Denn da kommt momentan noch nicht viel rein. Wir sind einfach gute Freundinnen, und durch die Band können wir unheimlich viel Zeit zusammen verbringen. Das ist unsere Motivation.

Das mit dem Geld ändert sich vielleicht noch. Wie schwer war es eigentlich, eine Band in Cardiff zu starten, also abseits der großen Musikstädte wie London, Manchester oder Liverpool?
Megan: Ich bin vor etwa zehn Jahren nach Cardiff gezogen und ich mochte die Stadt vom ersten Moment an. Es ist zwar die Hauptstadt von Wales, aber gleichzeitig fühlt es sich so an wie eine Kleinstadt. In 40 Minuten kann man durch die komplette City laufen und man trifft immer jemanden, den man kennt. Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, woanders zu leben. Cardiff ist echt cool, aber dadurch haben wir nicht die Privilegien, die man als Band in London hat. All diese Gelegenheiten und Leute dort. Wir müssen uns selbst um alles kümmern. Klar war das eine Herausforderung für uns, aber ich würde nie Cardiff gegen London eintauschen. Ich bin froh, dass es inzwischen einige Bands gibt, die aus der Provinz kommen. Wie THE PILL, die kommen zum Beispiel von der Isle Of Wight.
Sarah: In Cardiff gibt es aktuell nur eine Handvoll Läden, in denen man als Band spielen kann. Das war schon mal besser. In den letzten zehn Jahren haben wir jede Menge Venues verloren. Das macht mich wirklich traurig. Aber immer wieder poppen neue Clubs auf. Die Frage ist nur, wie lange sie sich halten können. Und die Menge der Bands wächst täglich. Viele Leute starten was Neues und es gibt viele verschiedene Genres in der Stadt.

Ihr wart schon mit Bands wie BOB VYLAN oder SOFT PLAY auf Tour. Was habt ihr davon mitgenommen?
Emily: Jede Menge würde ich sagen. Das Publikum der anderen Bands hat uns mit offenen Armen empfangen. Wir haben gelernt, wie man neue Fans gewinnt und vor Leuten performt, die uns noch nie gesehen haben. Die waren alle sehr nett zu uns. Wir konnten unsere Bühnenpräsenz verbessern und haben einen Schritt nach vorne gemacht. Das waren gute Erfahrungen, die uns weitergebracht haben. Und die Jungs von den anderen Bands sind auch echt nette Typen. Es hat Spaß gemacht, diese Shows zu spielen und ein anderes Publikum anzusprechen.

Wie gestaltet ihr euren Alltag mit der Band? Ich schätze mal, ihr habt noch normale Jobs, um eure Miete zu bezahlen.
Sarah: Das ist wahrscheinlich aktuell unser größtes Problem. Wir haben alle Vollzeitjobs neben der Band und wenn wir finanziell besser ausgestattet gewesen wären, wären manche Dinge vielleicht schneller passiert. Die Leute haben uns immer gefragt, wann es neue Songs geben wird. Aber wir hatten einfach keine Zeit, uns zu treffen und neue Musik zu schreiben. Und mit dem Release der Singles und des Albums wird es noch mal stressiger.
Megan: Ich denke, wir bewegen uns langsam auf den Punkt zu, an dem wir uns entscheiden müssen. Ich verzichte bei meiner Arbeit jetzt schon auf alles, was ich mir finanziell erlauben kann. Das ist hart. Wir alle haben den Plan, dass wir irgendwann von der Musik leben können. Da sind wir aber noch nicht ganz angekommen. Vielleicht klappt es jetzt mit dem Album.
Emily: Unser Traum ist, unsere Jobs alle hinzuschmeißen und nur auf der Bühne zu stehen, rund um die Welt zu reisen und viel Spaß zu haben. Yeah, Baby!

Ihr habt das Album in einer Session in einem kleinen Ort namens Ogmore-by-Sea geschrieben. Wie lief das und was ist das für ein Ort?
Romi: Das ist ein kleines Küstendorf in Wales, in dem meine Tante ein kleines Airbnb betreibt. Dort haben wir uns eingeschlossen und zwei lange Wochenenden verbracht. Wir hatten den festen Plan, erst wieder herauszukommen, wenn genug Songs für ein Album fertig sind. Und wir haben es tatsächlich geschafft, natürlich nur mit Hilfe einiger Flaschen Wein. Wir haben den Raum tatsächlich nie verlassen, wir waren also nicht schwimmen oder so. Das Meer haben wir nur aus dem Fenster gesehen. Wir hatten extra Matten für den Strand mitgebracht, die haben wir aber nie ausgerollt.
Sarah: Wir hatten eine große Papierrolle, die wir auf dem Tisch ausgebreitet haben. Da hat dann jede draufgeschrieben, was ihr eingefallen ist. Textzeilen, Songstrukturen oder Melodien und in der Mitte stand in großen Buchstaben: PANIC SHACK 2.0. Dann haben wir immer wieder aussortiert und zusammengefügt, bis wir einige richtig gute Ideen entwickelt hatten. Wir haben uns auf die Dinge geeinigt, die wir alle spannend fanden.

Der erste Song, den ich gehört habe, ist der Album-Opener „Girl band starter pack“. Der beginnt mit Party-Atmosphäre, so wie „Wannabe“, der große Hit der SPICE GIRLS. Habt ihr zu denen einen Bezug?
Romi: Damals waren wir alle riesige Fans der SPICE GIRLS. Wie alle Mädchen in Großbritannien zu dieser Zeit. Als ich fünf Jahre alt war, durfte ich zu einem Konzert von denen gehen, das war der beste Tag meines Lebens. Danach war ich noch dreimal bei Konzerten von ihnen. Das sind absolute Heldinnen für mich. Girlpower!
Emily: Das Intro wurde größtenteils in einem Biergarten bei einem AMYL & THE SNIFFERS-Gig aufgenommen. Im Grunde ist es ein Song darüber, wie wir sind. Wir gehen einen Kaffee trinken, lassen uns hinreißen und landen im Pub, wo wir einen draufmachen.

Ein anderer Song von euch heißt „Unhinged“. Hat das mit der Dating-App Hinge zu tun?
Sarah: Das stimmt. In diesem Song haben wir keine einzige Textzeile selbst geschrieben. Alle Zeilen stammen aus Chats in dieser Dating-App. Dumme Anmachsprüche, über die wir uns köstlich amüsiert haben. Wir haben uns an einem Abend zusammengesetzt, Wein getrunken, Zitate ausgetauscht und uns kaputtgelacht. Da waren absolut lächerliche Versuche dabei, uns um den Finger zu wickeln. Die haben wir einfach aneinandergehängt, gekürzt und sortiert, bis es gepasst hat. Das war ein sehr lustiger Abend, an dem dieser Song entstanden ist.

Dann gibt es noch den Song „Titschool“. Worum geht es da?
Emily: Vordergründig geht es darum, dass wir alle riesige Titten haben, haha. Wenn man aber ein bisschen tiefer gräbt, geht es in dem Song darum, dass wir alle Working Class sind. Viele Musiker in UK sind auf Privatschulen gegangen und haben ein sehr privilegiertes Leben. Deshalb wollten wir den Leuten einfach mal sagen, dass wir nicht mit dem goldenen Löffel im Mund aufgewachsen sind. Wir waren nie auf der BRIT School, wie Amy Winehouse oder Adele Adkins. Nach unserem ersten Clip „The ick“ gab es nämlich jede Menge Gerüchte, dass wir aus reichen Familien stammen würden und teure Schulen besucht hätten. Das Gegenteil ist der Fall. Ich weiß nicht, wo die Leute diesen Unsinn aufgeschnappt haben. Ich denke, da war auch eine Menge Neid dabei, weil wir als Frauen erfolgreich sind. Das könne nicht von uns kommen, sondern daher, dass unsere Daddys ein dickes Konto haben ...

Wer ist denn Dennis, von dem ihr im Song „We need to talk about Dennis“ erzählt? Das ist mein Favorit auf dem Album.
Megan: Dennis ist mein Alter Ego. Immer wenn ich viel zu viel getrunken habe, verwandle ich mich in Dennis the Menace. Dennis ist die Hauptfigur aus der Comicserie von Hank Ketcham, die mit ihren Einfällen Eltern und Nachbarn großen Ärger bereitet. Ein echtes Naughty Kid, das ständig Scheiße baut. Das bin ich im Suff, haha. Am Ende des Songs wird auch noch Denise erwähnt, mein anderes Alter Ego, denn ich werde immer ein bisschen direkt, wenn ich viel getrunken habe. Die ist noch schlimmer als Dennis, haha.

Was steht nach dem Erscheinen eures Debütalbums bis zum Ende des Jahres noch auf dem Programm?
Sarah: Im Oktober und November sind wir in Großbritannien unterwegs und im Anschluss kommen wir auch aufs europäische Festland. In Deutschland sind auch vier Konzerte geplant. Wir sind also schon sehr aufgeregt, wieder unterwegs zu sein. Anfragen von größeren Bands als Support haben wir gerade nicht. Wir checken aktuell, wen wir auf unsere eigene Tour mitnehmen wollen.

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