RADIERER

Foto© by Radierer Museum

Die Limburger Pest

Ende April ist mit „Limburger Schule“ das siebte Album der RADIERER erschienen, die bereits seit 1978 aktiv sind und gerne mal zwischen allen Stühlen sitzen. Verspielte Elektronik trifft mit poppigen kindlichen Melodien genreübergreifend auf harte Gitarren und schrille, krude Texte. DER PLAN feiern ein unterhaltsames Stelldichein mit den RAMONES. Songs wie vertonte Comicstrips, wie Kinderlieder für Erwachsene. Das bietet viel Stoff für ein spannendes Interview. Wir trafen die beiden Gründungsmitglieder C.B. (verantwortlich für Texte und Gesang) und Jürgen (zuständig für Kompositionen, Gitarre und Synthesizer) sowie Bassistin Lilith zum Gespräch über alte und neue Zeiten. Jörg am Schlagzeug und Paddy an Tasten und Mikro komplettieren das aktuelle Line-up.

Ihr betont immer, dass ihr aus Limburg an der Lahn seid. Warum treffen wir uns dann zum Interview in Koblenz?

Jürgen: Unser Proberaum ist hier. Zum Hintergrund: Wir hatten bei DIE RADIERER oft einen Wechsel am Schlagzeug. Kurz vor einem Record Release hatten wir mal keinen Schlagzeuger. Wir kannten Jörg aus Koblenz von anderen musikalischen Projekten, also habe ich ihn angerufen und engagiert. Das hat ihm so viel Spaß gemacht, dass er dabei geblieben ist. Und unseren Proberaum in Limburg haben wir verloren durch einen Verkauf an einen Investor im Rahmen einer Gentrifizierung.

Somit seid ihr auch ein Opfer der Gentrifizierung?
C.B.: Ein sehr guter Bandname: DIE GENTRIFIZIERUNGSOPFER. Die Firma Rossmann hat das gesamte Gebäude gekauft und das ist nachträglich betrachtet auch eigentlich ganz gut so, denn der neue Proberaum in Koblenz ist viel besser.
Jürgen: Jörg hat den bei sich zu Hause eingerichtet, also fahren wir immer nach Koblenz. Ist zwar ein bisschen aufwändiger mit der Fahrerei, aber Koblenz ist ja auch durchaus ein schönes Städtchen.

Warum heißt euer neues Album jetzt „Limburger Schule“ und nicht in Anlehnung an Rossmann „Der dritte Furz des Oktopus“?
C.B.: Ganz einfach. Die Band haben Jürgen und ich 1978 in Limburg gegründet. Wir gingen damals kurz auf dieselbe Schule, wurden beide aber unabhängig voneinander ziemlich bald vom Gymnasium entfernt, gefeuert, rausgeschmissen. Und starteten dann die Punkband TERRY & THE RORISTS. Die haben sich kurze Zeit später umbenannt in DIE RADIERER. Um uns herum gab es noch andere Bands wie THE WIRTSCHAFTSWUNDER, teilweise mit der gleichen Besetzung. Das Ganze wurde dann von Alfred Hilsberg, damals der Punkpapst aus Hamburg, zusammengefasst unter „Die Limburger Pest“. Dazu hatten wir auch noch ein Tape gemacht, das hieß „Wo ist der Dom?“, der Dom ist ja das Wahrzeichen von Limburg. Das wurde alles Limburg-mäßig gebrandet getreu dem Motto „Die Provinz schlägt zurück“. Denn fast alle angesagten Bands damals kamen aus Hamburg, Düsseldorf oder Berlin, die hatten alle so das Großstadtfeeling. Dafür hatten wir das Provinzfeeling.

Was ist das Besondere an der „Limburger Schule“?
C.B.: Ich bin heute durch Limburg durchgefahren. Und ich hasse Limburg ja wie die Pest. Limburg ist ein furchtbares Kaff. Ich bin von meinen Eltern von Hamburg, genauer von Pinneberg, nach Limburg verschleppt worden, als ich zwölf Jahre alt war. Und Limburg war einfach furchtbar, ein totales Nazi-Kaff.
Lilith: Limburg war eigentlich nie so ein schlimmes Nazi-Kaff wie der Rest vom Westerwald.
C.B.: Auf jeden Fall ist Limburg auch in der Gegenwart immer noch total furchtbar. Limburg hatte die Chance, ein neues Museum für moderne, abstrakte Malerei zu bekommen, das wurde aber von der Stadt abgelehnt. Das wäre ein riesiges, tolles Projekt gewesen. Ein anderes tolles Projekt wäre gewesen, die alte Autobahnbrücke mit einer Art Taubennester in eine experimentelle Wohnfläche zu verwandeln. Auch das wurde von der Stadt Limburg abgelehnt. Alles, was nach Zukunft riecht, wird von den konservativen Kräften in Limburg abgelehnt. Was machen sie stattdessen? Tauben erwürgen. Tauben das Genick brechen, damit sie nicht auf die Bürger scheißen. Etwas anderes kriegen sie nicht hin, Limburg ist total destruktiv.
Jürgen: Limburg ist halt eine Kleinstadt wie tausende andere auch in Deutschland. Aber die Frage bezieht sich ja nicht auf Limburg, sondern auf die Limburger Schule. Für mich ist das auch wieder nur ein Spiel oder ein Witz.
C.B.: Ja, auch mit dem Verweis auf die Hamburger Schule oder die Frankfurter Schule oder die neue Frankfurter Schule
Jürgen: Oder die Leipziger Schule. Es ging auch darum, sich diesen Begriff anzueignen. Wofür die Limburger Schule überhaupt steht, ist völlig unklar. Das können wir selbst nicht sagen. Es geht nur darum, den Eindruck zu erwecken, es gäbe eine Limburger Schule.
C.B.: Und allein dadurch, dass wir es jetzt behauptet haben, gibt es sie auch. Wir haben sie erschaffen.

Gab es bei euch nie Überlegungen, als Band nach Berlin, Hamburg oder Düsseldorf umzuziehen?
C.B.: Damals jedenfalls nicht. Mittlerweile habe ich schon in vielen Städten gewohnt, damals waren wir auf alle Fälle fest in Limburg verwurzelt. Wir waren auch alle sehr jung und hatten alle kein Geld. Und um nach Berlin oder Hamburg zu gehen, brauchst du zunächst auch mal Geld für die Kaution für die Wohnung. Man hätte natürlich auch in ein besetztes Haus ziehen können, aber ehrlich gesagt war das nicht unser Stil. Limburg hingegen konnten wir uns leisten. Wir waren echt arm, wir mussten die ganze Zeit Toastbrot mit Erdbeermarmelade essen. Das ist kein Witz.
Jürgen: Das stimmt, ich habe bestimmt zehn Jahre lang von billigem Aldi-Toast gelebt, manchmal hatte ich sogar eine Käsescheibe mit drauf. Aber die Frage ist schon interessant, warum es uns nicht in die große Stadt getrieben hat.

Zu den Gründungsmitgliedern von DIE RADIERER zählte auch Peter Lack am Schlagzeug, der als Musikredakteur im Hessischen Rundfunk überregional bekannt ist, der hatte sogar über eine längere Zeit eine bekannte Hörfunksendung am Samstagnachmittag.
C.B.: Das mit Peter ist schon ein spezielles Thema, da gab es auch lange Funkstille. Mittlerweile sind wir aber alle wieder Friends. Damals war das aber mal eine Zeit lang nicht der Fall. Ein Mitglied ist leider inzwischen auch verstorben, unser ehemaliger Bassist und Gründungsmitglied Walter Holthaus, der hatte Ohrenkrebs. Das ist natürlich sehr traurig. Aber noch mal zurück zu Limburg. Limburg ist ja auch strategisch günstig platziert. In einer Stunde bist du in Frankfurt oder Wiesbaden, in eineinhalb Stunden bist du in Köln. Warum sollst du dann extra dahinziehen?
Jürgen: Das stimmt. Das Kuriose dabei ist, dass wir oft nach Amsterdam gefahren sind. Wir waren dort regelmäßig zu Konzerten im Melkweg-Club.
C.B.: Da sind früher auch alle Punk-Größen aufgetreten, auch tolle Post-Punk-Bands. Großartig waren zum Beispiel die YOUNG MARBLE GIANTS, das war echt umwerfend. Oder Bands wie EDDIE & THE HOT RODS, und das lange, bevor Punk hier in Deutschland wirklich angekommen war. Und das Melkweg war auch so typisch Counter-Culture, so undergroundmäßig. Unten waren die Konzerte und dann gab es noch ein Kino und ein Restaurant, da konntest du Joghurt oder Kekse essen und bist dann fünf Stunden durchs Weltall geflogen. Amsterdam ist dahingehend heute aber leider tot. Ich war vor ein paar Jahren noch mal da und es war einfach nur traurig.

Und wieso hattet ihr Stress mit Peter Lack?
C.B.: Peter wollte uns irgendwie ganz anders präsentieren, als wir das wollten. Außerdem hat er ständig PR-Aktionen gestartet, die überhaupt nicht gepasst haben und in keiner Weise mit uns abgesprochen waren. Er war da irgendwie übergriffig. Das hat uns nicht gepasst. Später war er auch noch bei der Band SCHULSPORT und das war einfach die Peinlichkeit pur. Aber wir sind jetzt alle auch wieder ganz okay miteinander.

Als ihr angefangen habt, wie viel Punk steckte in DIE RADIERER?
Jürgen: Für mich bedeutete Punk in den 1980ern, dass ich machen konnte, was ich wollte. Für mich war das auch so eine Art Befreiung. Je schräger, je abgefahrener, je verrückter man war, desto interessanter war es auch. Im Grunde hat das nicht nur die Musik, sondern zum Beispiel auch unsere Klamotten betroffen. Wir haben uns auch spätestens jedes halbe Jahr andere Klamotten ausgedacht. Am Anfang waren es noch die alten Anzüge von den Vätern mit Badges dran, fünf Minuten später waren es Matrosenanzüge. Wir haben auf jeden Fall auch viel mit Klamotten herumexperimentiert.

Hattet ihr einheitliche Bühnen-Outfits?
Jürgen: Ja, das haben wir uns dann ausgedacht. Aus Spaß. Das haben damals aber viele Bands so gemacht. Teilweise auch so im Stil von DEVO.
C.B.: Wir haben auch Aktionen mit Müllsäcken gemacht. Outfits mit blauen Müllsäcken so im Stil von Familie Feuerstein. Einmal sind wir in Berlin aufgetreten im Exzess, da haben wir uns in Klopapier eingehüllt wie lebende Mumien.
Jürgen: Wir hatten einfach die Freiheit, jeglichen Quatsch zu machen. Und daran richtig Spaß zu haben. Und das galt für mich auch im Hinblick auf die Musik. Ich lasse mich da einfach nicht einschränken. Ich formuliere das dann immer so: Ich sitze in einem Sandkasten und nehme mir die Förmchen, die mir passen, einmal das Förmchen von DER PLAN, einmal das Förmchen von DAF und einmal das Förmchen mit Gitarrengeschrammel von XTC. Und dann baue ich mit den unterschiedlichen Förmchen was Schönes zusammen. Und ich bedauere es irgendwie schon, dass ich heute das Gefühl habe, dass man heute mehr einem bestimmten Sound oder Punk-Klischee entsprechen muss. Heute ist das irgendwie eingeengter. Und damals war Punk alles, was irgendwie anders war.

Ich habe das Gefühl, dass in den 1980er Jahren beim Punk mehr Künstler und Intellektuelle dabei waren. Teilt ihr diese Einschätzung?
Jürgen: Das sehe ich auch so. Das hat alles irgendwie zusammengespielt.
C.B.: Punk in den ersten Jahren war für mich gleichbedeutend mit Dada oder Surrealismus. Bei Punk ging ja im wahrsten Sinne des Wortes bei der Musik nicht nur der Punk ab, es gab ja auch in der Mode entsprechende Outfits, ich denke da zum Beispiel an Vivienne Westwood. Oder auch an Filme wie „Permanent Vacation“ oder „Repo Man“, das waren Punk-Filme. Dazu noch Punk-Comics und Punk-Fanzines, es gab alles Mögliche als Punk. Es war nicht auf Gitarrengeschrammel beschränkt. Und auch Regisseure wie Christoph Schlingensief oder Jörg Buttgereit, die hatten alle ihre Anfänge im Punk. Das war alles Punk, Post-Punk oder wie man das auch immer nennen will. Heute versteht man unter Punk mehr so härtere Gitarrenmusik, aber in den frühen 1980ern war das irgendwie viel weiter gefasst. Das konnte auch ruhig in eine poppigere Richtung gehen, wie bei XTC oder THE UNDERTONES. Das war trotzdem alles Punk.

Und heute ist das alles eingeengter?
Jürgen: Ich möchte das nicht kritisieren, aber ich habe schon das Gefühl, dass man heute stärker bestimmten Erwartungen entsprechen muss. Wobei es irgendwie jämmerlich ist, den alten Zeiten hinterherzutrauern. Aber dieses Abenteuer, dieses Anderssein war früher schon ausgeprägter. Ich habe es schon gemocht, Dinge zu tun, die im Idealfall Leuten vor den Kopf stoßen. Und nicht Dinge zu tun, bei denen es heißt: „Und jetzt alle mitklatschen!“ Dann schon lieber etwas machen, wo das Publikum denkt: „Nee, was macht der denn jetzt?“ Egal, auch wenn es peinlich ist. Das finde ich interessanter, als dem Publikum das zu liefern, worauf es wartet oder spekuliert.

Das heißt für mich: Egal, was man in den 1980ern gemacht hat, man konnte nicht peinlich sein.
Jürgen: Richtig.
C.B.: Irgendwie waren wir auf unsere Art damals schon bewusst peinlich. Wir haben absichtlich Sachen gemacht, die dem Publikum peinlich waren. Das war schon eine Provokation. Das war jetzt nicht die Provokation wie Lehrern gegenüber. Vielmehr eine Zumutung dem Publikum gegenüber, dass sie sich das angucken mussten und dachten: Oh Gott, wie scheiße ist das jetzt wieder?

Und ich gehe mal davon aus, dass euch das Spaß bereitet hat.
C.B.: Natürlich.
Jürgen: Das macht auf alle Fälle mehr Spaß, als diesen Party-Punk zu bedienen und Stagediving zu machen.
C.B.: Wenn man jetzt neuere Bands sieht, dann wirkt das so, als würden sie den ganzen Tag trainieren, um solche Sachen bringen zu können. Das wirkt irgendwie wie „Kraftsport-Punk“ oder „Muskelstudio-Punk“, bei dem mehr das Physische im Vordergrund steht. Was an sich auch okay ist. Vielleicht sehe ich das auch deshalb kritisch, weil ich jetzt eher so der Großvater-Punk bin, der fast schon mit dem Rollator auf die Bühne kommt.

Wie beurteilt ihr in diesem Zusammenhang auch das Thema Political Correctness? War das in den 1980ern unkomplizierter?
C.B.: Ich habe mit Political Correctness überhaupt keine Probleme. Da geht es ja einfach darum, dass man Leute nicht beleidigt, auch nicht aus Versehen. Wenn man beispielsweise bestimmte Wörter zu Menschen mit einer anderen Hautfarbe sagt und die sind dann tief gekränkt. Man muss schon darauf achten, wie bestimmte Begriffe oder Aussagen auf andere Menschen wirken, die sich dadurch zurückgesetzt fühlen. Es gibt einfach keinen Grund, so etwas zu tun, warum sollte man das machen? Dann benutzt man solche Ausdrücke einfach nicht. Das sind nicht die Leute, die ich beleidigen will. Wenn ich Leute gezielt beleidigen will, dann weiß ich schon, wie man das macht.

Früher war es also ungezwungener?
C.B.: Wir haben in letzter Zeit mal einen Auftritt in Leipzig abgesagt bekommen, weil wir nicht divers genug seien. Da habe ich echt gestaunt. Wir haben zwei Frauen in der Band, ich bin schwul. Aber vielleicht sind wir ja tatsächlich nicht bunt genug.
Jürgen: Bei DIE RADIERER ist das schon irgendwie kurios und speziell. Wir haben im Grunde keine Musiker in der Band mit Ausnahme vom Schlagzeuger. Ich selbst würde mich nicht als Musiker bezeichnen. Eigentlich kann ich keine Musik machen. Wenn jemand zu mir sagt, spiel mal „Smells like Teen Spirit“ von NIRVANA, dann kann ich das nicht. Der Rest der Band kommt auch eher so aus einem Theaterkontext. Das sind Menschen, die ich über das Theater kennengelernt habe wie Lilith. Ich glaube, Lilith würde sich selbst auch nicht als Musikerin bezeichnen.
Lilith: Wobei ich kürzlich schon mal den Gedanken hatte, dass ich am Ende doch Musikerin geworden bin nach so langer Zeit. Es hat sich zumindest mal kurz so angefühlt. Sonst habe ich mich eher als Handwerkerin im musikalischen Dienst begriffen. Das ist auch eine Attitüde. Das gehört auch irgendwie zu Punk.
C.B.: Also ich finde, Lilith ist eine großartige Bassistin. Und Jürgen ist nur eifersüchtig. Ich selbst bin Künstler, ich brauche das nicht, ich kann machen, was ich will.
Jürgen: Das hat nichts zu tun mit Attitüde. Ihr kennt keine Musiker. Dann würdet ihr den Unterschied kennen. Musiker fuddeln an ihrem Instrument rum. Deshalb ist es ja so interessant, dass der Rest der Band aus dem Theaterumfeld kommt. Es geht ja nicht darum, gute Musik zu machen. Es geht nicht darum, wie toll jeder sein Instrument beherrscht. Es geht um das Bild, es geht um die Idee des Lieds, es geht um die Performance. Es geht darum, Spaß zu vermitteln und Spaß zu haben.
Lilith: Und darum, Bilder zu produzieren, optische Bilder, aber auch Klangbilder.
Jürgen: Denn der Text steht schon im Vordergrund. Ich versuche dann, zu den Texten von C.B. akustische Bilder zu produzieren.
Lilith: Habt ihr dazu nicht mal „Comic Wave“ gesagt? Die Musik ist wie das Bild zu dem Text in der Sprechblase. Unsere Songs sind irgendwie auch immer wie ein Comicstrip, der eine kurze Geschichte erzählt.
Jürgen: Genau. Es ist keine Musiker-Musik. Es geht nicht darum, wie geil wir jetzt abgerockt haben. Oft stehen die Leute bei unseren Konzerten mit einem Grinsen im Gesicht im Publikum. Die grinsen einfach nur die ganze Zeit. Und dann denke ich, okay, die haben es verstanden. Es geht nicht darum, hey, das ist ja eine geile Rockband, sondern darum, hey, das ist ja lustig. Das genügt.

Euch geht es mit Sicherheit auch darum, selbst Spaß zu haben. Von der Musik könnt ihr ja vermutlich nicht leben.
Jürgen: Geld verdient haben wir nie.
C.B.: Anfänglich war das nicht schlecht, da kam schon etwas Geld rum. Damals waren ein paar tausend D-Mark schon so was wie ein Lottogewinn für mich. Nachträglich betrachtet war es aber nichts. Wir stecken eher Geld in die Band, als dass was rauskommt. Darum geht es aber gar nicht, das ist eher so ein Künstlerding. Wir sind keine Künstler, um Geld zu verdienen. Irgendwas zwingt einen dazu, diese Dinge zu machen. Wenn ich Texte schreibe für die Band, das ist irgendwie wie ein Kreuzworträtsel, bei dem du nicht mal die Frage kennst, und du weißt auch nicht, wie viele Kästchen zur Verfügung stehen. Plötzlich ist es fertig und du denkst dir nur: Ups, was habe ich denn da gemacht?
Jürgen: Interessant fand ich auch immer, dass unser Schlagzeuger Jörg oft nach einem Konzert gesagt hat, dass er den ganzen Tag schlechte Laune gehabt hätte und nach dem Auftritt ging es ihm besser.

Die Band als Therapieform?
Jürgen: Für ihn anscheinend schon.
C.B.: Kunsttherapie quasi. Aber nicht nur für ihn, sondern auch für das Publikum, die fühlen sich hinterher auch oft besser. Aber nicht nur, weil sie den Witz verstehen und schmunzeln müssen. Vielmehr tanzen sie in letzter Zeit auch bei unseren Konzerten. Das hat sich ziemlich gewandelt. Früher gab es diese Szenen, dass das Publikum arrogant mit verschränkten Armen vor der Bühne stand und verächtlich in die Gegend starrte. Aber heute tanzen gerade die jungen Leute und haben eine gute Zeit dabei. Und das schlägt wieder zurück auf die Bühne und dann haben alle eine gute Zeit.

Wenn ihr heute live spielt, gibt es dann eher ein gemischtes Publikum, jung und alt? Vielleicht auch Eltern, die euch noch von früher kennen, zusammen mit ihren Kindern?
C.B.: Das Publikum ist tatsächlich sehr durchmischt. Es gab auch schon Leute, die uns gesagt haben, dass früher auch schon ihre Eltern zu DIE RADIERER gekommen sind. Also ich selbst wäre ja nie zu etwas gegangen, was auch meine Eltern gut finden. Das finde ich schon kurios.

Das neue Album erscheint nur als LP.
C.B.: Ja, und auch auf Spotify.

In den 1980er Jahren haben Bands schon mal zigtausend Platten verkauft. Ist es ein Problem für euch, wenn ihr heute nur noch geringe Absatzzahlen an physischen Tonträgern erreicht?
Jürgen: Leider hat mich das Musikbusiness nie wirklich interessiert. DIE RADIERER haben das Manko, dass sie sich nie um das Wirtschaftliche geschert haben. Der kreative Prozess stand immer im Vordergrund. Viele Bands haben jemanden, der sich um das Geschäftliche kümmert, das hatten wir nie. Das war immer völlig egal. Selbst in unseren frühen Jahren, als von unserem ersten Album vielleicht 10.000 Stück verkauft wurden, da haben wir nie Geld bekommen.

Hat sich Alfred Hilsberg von eurem früheren Label ZickZack also an euch bereichert?
Jürgen: Das wäre jetzt mühselig, sich darüber zu beklagen. Ich bin Hilsberg total dankbar. Er hat uns aus diesem Limburg-Loch rausgeholt. Er hat uns nach Hamburg geholt zu den großen Festivals in den frühen 1980er Jahren. Also ein dickes Dankeschön an ihn. Sicher, er hat uns nie Geld gegeben. Meine Güte. Er hatte halt immer dieses Prinzip, dass er das Geld, das er eingenommen hat, immer wieder in neue Projekte gesteckt hat. Und er hatte auch überhaupt keine Ahnung von finanziellen Angelegenheiten. Da war ein absolutes Chaos in seinen Finanzen und dann hat sich schließlich noch das Finanzamt gemeldet. Er hatte nie Steuern bezahlt, das fiel ihm jetzt auf die Füße und damit war Schluss mit dem Label.
C.B.: Bei DIE RADIERER gab es das nicht. Es gab Gigs, da bekamen wir Essen, Hotels, Drogen, Spaß, mehr nicht.
Lilith: Was aber tatsächlich interessant ist, ist die Verbreitung der Musik. Als wir in Erfurt gespielt haben, da gab es eine richtige Fan-Community, die kannten uns von früher nur über eine Kassette, die dort vielfach kopiert und unter der Hand weitergereicht wurde.

Es ist euch aber schon wichtig, dass es vom neuen Album auch einen physischen Tonträger gibt, dass es die Songs nicht nur digital gibt?
Jürgen: Ja. So eine Platte ist schon etwas total Schönes. Aber es hat jetzt für mich keine Relevanz, ob das Album in 10.000er- oder 300er-Auflage erscheint.

Eure ersten Alben werden in der Erstauflage teilweise schon zu Liebhaberpreisen gehandelt. Habt ihr den Traum, mal im Keller zur finanziellen Altersvorsorge noch einen Karton mit euren alten Platten zu finden?
C.B.: Das ist ausgeträumt. Ich bin so oft umgezogen, da ist definitiv nichts mehr da. Aber ich sage auch, wer noch unsere alten Platten hat, sollte diese möglichst schnell verkaufen, denn die Leute, die sie kaufen könnten, sterben so langsam weg. In 20 Jahren noch unser erstes Album zu besitzen, mag dann zwar nett sein, aber damit kann man sich nicht mehr das Altersheim finanzieren. Weil die Leute, die bereit wären, dafür größere Beträge zu bezahlen, schon alle unter der Erde sind. Irgendwann kompostiert das Zeug ja auch.

Aber macht das euch nicht ein wenig stolz, wenn Leute bereit sind, für eure Platten viel zu bezahlen?
C.B.: Das sind eben Sammler. Und Sammler sind nicht unbedingt auch Musikliebhaber. Ich war kürzlich bei einer privaten Plattenbörse, da hatte jemand in seiner Garage so um die 2.000 Platten ausgestellt und der hatte allein drei verschiedene Versionen von der ersten LP von VELVET UNDERGROUND, mit abziehbarer Banane, mit aufgedruckter Banane, mit einer Banane in einer anderen Farbe. Und ganz viele KRAFTWERK-Variationen. Teilweise war an den Platten noch das Cellophan dran, was soll das? Das gilt auch für Kunst. Da sammeln Leute Kunst und die steht nur bei ihnen in der Abstellkammer. Mein Blick ist eher nach vorne gerichtet. Es freut mich natürlich, dass die alten Sachen zum Teil noch verfügbar sind und auch nachgefragt werden, das betrifft nicht nur uns, sondern zum Beispiel auch S.Y.P.H., da ist ja bei Tapete auch wieder was wiederveröffentlicht worden. Aber trotzdem ist doch die Zukunft viel verlockender. Unser Debütalbum „Eisbären und Zitronen“ haben wir schon gemacht. Da ist doch viel interessanter, was jetzt noch kommt. Wobei Jürgen eigentlich keine neuen Platten mehr aufnehmen will. Er hat mir auch verboten, neue Texte zu schreiben. Wobei ich noch eine ganze Schublade mit neuen Texten habe. Obwohl das Nächste, was wir machen, ganz ohne Worte sein wird. Wir werden nämlich voraussichtlich eine Filmmusik schreiben für einen Science-Fiction-Film. Der heißt „Der eiserne Horizont“ und darin wird kein einziges Wort vorkommen. Da werde ich Theremin spielen. Ich bin ja Deutschlands beliebtester Theremin-Spieler. Einfach aus dem Grund, weil es keine Konkurrenz gibt. Es gibt auch niemanden, der außer mir Wert darauf legt, Deutschlands beliebtester Theremin-Spieler zu sein. Ich könnte das in Deutschland populär machen. Aber Filmmusik wollte ich immer schon mal machen.

Sieben Alben, da kommen schon einige Songs zusammen. Gibt es Stücke, die ihr heute nicht mehr spielen wollt oder könnt?
C.B.: Es gibt natürlich schon Songs, die kannst du heute so nicht mehr spielen. Songs wie „Dampfwalzenkiller“. Der handelt davon, dass jemand mit der Dampfwalze über einen Markt fährt. Das kannst du heute nicht mehr bringen. Und wir hatten einen Song, der hieß „Alle Frauen sind Huren“, das geht natürlich auch nicht mehr. Das ist so unkorrekt, da schreien alle auf und das auch völlig zu Recht.

Gibt es heute bei Konzerten im Publikum alte Fans, die lauthals bestimmte alte Songs einfordern?
C.B.: Die meisten Fans wollen „Angriff auf’s Schlaraffenland“ hören oder „Drogentod“. Wobei sich Jürgen mittlerweile weigert, dieses Lied zu spielen.
Jürgen: Je nachdem, wie gut ich gelaunt bin, wird der Song gespielt oder nicht. Ich bin bei Auftritten aber zumeist schlecht gelaunt, dann wird „Drogentod“ nicht gespielt. Da kommen wir wieder zurück zu diesem Balanceakt, einerseits möchte das Publikum bedient werden, andererseits möchte die Band aber auch Spaß haben. Schau dir FEHLFARBEN an. Denen ist es jahrelang so gegangen, dass das Publikum immer nur „Es geht voran“ hören wollte und die haben es die ganzen Jahre nicht gespielt. Wahrscheinlich sind 80% des Publikums nur wegen dieses Songs zu ihren Konzerten gekommen.
C.B.: Das Publikum hat immer recht. Und sie haben auch das Recht, die Songs zu hören, die das Markenzeichen der Band sind. Natürlich sollten FEHLFARBEN auch „Es geht voran“ spielen, das Publikum hat dafür auch bezahlt. Ich habe bei FEHLFARBEN mal im Publikum neben jemandem gestanden, der bei den Signature-Songs wie „Es geht voran“ und „Paul ist tot“ nur so rumgesäuselt hat, ach wie schön, das sind die Songs meiner Jugend. Entscheidend war für mich, dass der Bass den ganzen Raum zum Vibrieren gebracht hat, die Titel waren mir scheißegal. Aber viele Leute empfinden dabei eine gewisse Nostalgie, für die sie bezahlt haben ,wie wenn sie ins Bordell gehen und dafür bezahlen. Ein sehr guter Vergleich, finde ich.

Bei eurem neuen Album hat auch Tom Dokoupil von THE WIRTSCHAFTSWUNDER mitgewirkt. Steht ihr noch in Kontakt mit anderen Limburger Bands von früher?
C.B.: Tom Dokoupil war früher ja auch mal eine Zeit lang Mitglied bei DIE RADIERER. Er hatte damals seinen Korg-Synthesizer mitgebracht, was für uns ein absoluter Quantensprung war vom Punk hin zu eher poppigen Tönen. Und Tom hat fassweise gute Ideen. Und er ist total nett und hat uns gemixt und mit Videos weitergeholfen und ist immer eine Nasenlänge voraus. Da, wo andere Leute aktuell Angst haben vor künstlicher Intelligenz, da sagt er: „Wenn du als Künstler oder Musiker Angst hast vor künstlicher Intelligenz, dann hast du es nicht kapiert, dann bist du nicht kreativ.“ Und wenn ich darüber nachdenke, muss ich ihm recht geben. Künstliche Intelligenz ist auch nur so was wie eine Gitarre.

Könnt ihr euch tatsächlich vorstellen, dass eine Maschine mal für euch Texte schreibt oder Songs komponiert?
Jürgen: Das Thema ist ja uralt. Bei jeder neuen Technik gab es ja einen Aufschrei. Bei Synthesizern wurde beklagt, dass bei Tonaufnahmen keine Streichorchester mehr eingesetzt werden. Bei jeder technischen Entwicklung wurde beklagt, dass irgendwas zerstört wird und auf der Strecke bleibt. Es gab ja jetzt diese Protestaktion von den Synchronsprechern in Deutschland, weil es neuerdings möglich ist, zum Beispiel die Synchronstimme von Tom Cruise nachzustellen. Und dann brauchst du im Studio den Synchronsprecher nicht mehr. Aber man kann damit trotzdem noch kreativ arbeiten. Du musst die Maschinen für dich nutzen.
C.B.: Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen. Das sind ja Prozesse, die es so auch schon in der Vergangenheit gab, zum Beispiel die Erfindung der Fotografie. Die Fotografie hat die Malerei aber auch davon erlöst, naturalistisch oder realistisch sein zu müssen. Porträtmalerei wurde dann nicht mehr gebraucht. Und Künstler waren dadurch frei, etwas Neues zu erfinden. Picasso hätte es sonst in seiner Art vielleicht nicht gegeben. Mit künstlicher Intelligenz kannst du dich jetzt als Künstler neuen Feldern zuwenden. Und wer davor Angst hat, der bleibt vielleicht zurück.
Jürgen: Ich habe auch schon mal mit KI experimentiert und Texte von C.B. mit künstlicher Intelligenz vertonen lassen. Ich fand das eine Woche lang lustig und dann fand ich es scheiße. Das hatte sich ganz schnell irgendwie abgenutzt. Es entsteht kein wirkliches Spannungsfeld.
C.B.: Wenn ich Texte verfasse und Jürgen schreibt die Musik, dann geht es ja auch häufig um diesen V-Effekt nach Brecht, also den Verfremdungseffekt. Jürgen versucht meist schon, dass die Musik etwas anderes ausdrückt als der Text.

Was wäre ein Grund für euch, mit DIE RADIERER aufzuhören?
C.B.: Dass ich sterbe. Solange Jürgen dabei ist, bleibe ich auch dabei.

Wäre es ein Problem für euch, wie eine Jazz-Combo im Sitzen zu spielen?
C.B.: Das würde für mich nicht gehen. Mein Lieblingsplatz bei Konzerten ist auf der Bühne ganz vorne stehend am Mikrofon. Und das würde irgendwie nicht funktionieren, wenn ich einen Rollator brauche oder im Rollstuhl sitze.
Jürgen: Es gibt schon eine Grenze. Momentan haben wir sie noch nicht wirklich erreicht, aber man wundert sich schon. Als wir angefangen haben, konnten wir uns mit Sicherheit nicht vorstellen, dass wir in diesem Alter noch über die Bühne hüpfen. Das ist schon verrückt. Aber ich finde es andererseits auch total schön, dass wir uns das noch erhalten haben. Es ist schon irre, dass es doch eine ganze Menge alte Bands wie uns gibt, die immer noch übers Land tingeln. Wenn das Publikum Spaß hat, die Band Spaß hat, ist das auch absolut in Ordnung.

Wäre es für euch vorstellbar, dass DIE RADIERER auftreten und es gibt nur noch ein Originalmitglied?
C.B.: Eigentlich nicht. Das ist dann wie bei KRAFTWERK. Du mutierst irgendwie zur eigenen Coverband. Da ist nur noch einer von früher dabei und die anderen agieren dabei wie Schauspieler. Das ist nicht mehr echt. Das gilt auch für die STRANGLERS, da ist auch nur noch einer dabei. Das sind für mich nicht mehr die STRANGLERS.
Lilith: Ich bin ja noch etwas jünger als Jürgen und C.B. Ich muss einfach mal sagen, dass ich das total gut finde, dass ich nicht mit Leuten zu tun habe, die irgendwann mal sagen, ich habe jetzt Kinder und höre deshalb auf mit der Band. Ich bin jetzt erwachsen und die Band war nur so ein Jugendding. Ich finde es total schön zu sehen, dass man alt werden und trotzdem die Band noch aufrechterhalten kann.

Bei früheren Besprechungen eurer Platten konnte man regelmäßig rauslesen, dass ihr immer zwischen allen Stühlen gesessen seid. Den Punks wart ihr zu intellektuell und zu elektronisch, den Künstlern wart ihr zu punkig. Damit hattet ihr selbst aber nie ein Problem, oder?
C.B.: Das wurde uns tatsächlich oft vorgeworfen, dass wir zu künstlerisch oder zu poppig sind oder zu elektronisch. Auf der anderen Seite gab es aber auch die Kritik, dass wir zu viele Gitarren hätten. Und in den 1980ern waren wir in Zeitschriften wie Sounds oder Spex auch nie irgendwie ideologisch verbrämt. Wenn man sich die alten Zeitschriften so reinzieht, etwa Diedrich Diederichsen, du liebe Güte, haben solche Leute in ihrem Leben jemals Spaß gehabt? Wie kann man so überhaupt tanzen gehen, wenn man ständig nur so’n Scheiß im Kopf hat? Wir waren da wesentlich stärker spaßorientiert. Oft ist es auch so, jetzt gerade wieder verstärkt, dass die Leute solche Sachen wie Ironie oder Sarkasmus in den Texten überhaupt nicht mehr verstehen. Die Fähigkeit, Witz zu verstehen, ist überhaupt nicht mehr da. Und Witz, Ironie und Sarkasmus sind natürlich wichtige Werkzeuge, die ich benutze. Und auf einmal können die Leute das nicht mehr verstehen, was mir übrigens total unverständlich ist. Ich denke, dass dies auch viel mit Ideologie zu tun hat. Da wird die Welt nur noch mit Scheuklappen gesehen, das finde ich echt furchtbar. Das schränkt die Leute auch extrem ein, die können keinen Spaß mehr haben. Bei Kunst und Musik ist das Spaßempfinden des Publikums doch ziemlich wichtig. Dabei ist es ja gar nicht so schwer. Eigentlich müsste doch klar sein, wie DIE RADIERER gelesen werden sollten, allein durch das, was wir machen oder wo wir herkommen. Punk ist doch ganz klar immer links verortet, nicht im Sinne von Ideologie wie Stalinismus, sondern links-freiheitlich, so nachbarschaftlich links. Gerade jetzt in diesen Zeiten, das ist aktuell ja auch so ein Lieblings-Ausdruck, nimmt das alles ja wieder Überhand, dieses strikt Ideologische. Darauf habe ich überhaupt keine Lust. Und Jürgen bestimmt auch nicht. Jürgen ist komplett ideologisch befreit. Bravo, danke Jürgen.
Jürgen: Mir ging es auch nie darum, irgendetwas zu bedienen. Aber sind die Texte ideologiefrei? Nicht wirklich. Aber ich kann mich nie wirklich einer Ideologie anschließen, das ist mir zu unfrei. Ich entscheide mich immer für meine Seite. Tatsächlich war ich mein ganzes Leben recht unpolitisch.

Wie politisch sind DIE RADIERER?
Jürgen: Ich habe da nie wirklich drüber nachgedacht. Ich habe eher darüber nachgedacht, ist das lustig? Es ging für mich nie um die Frage, wo wir uns positionieren. Leider geht eine klare Ideologisierung immer zu Lasten des Spaßes. Und bei uns stand der Spaß an erster Stelle.
Lilith: Die Frage ist aber doch, ob man überhaupt unpolitisch sein kann. DIE RADIERER sind keine Band, die politische Parolen von sich gibt, aber durch das, was wir sind und darstellen, werden schon gewisse Haltungen transportiert. Ein einfaches Beispiel, wir haben schon auf mehreren Festivals mit vielen Bands gespielt und Paddy und ich waren die einzigen Frauen, die da auf der Bühne standen. Das ist schon auch ein politisches Statement. Auf einem Punk-Festival überhaupt mal Frauen auf der Bühne zu sehen, ist leider immer noch die Ausnahme.
Jürgen: Wobei es auch in letzter Zeit wieder zum Glück ein paar Frauen-Punkbands gibt, auch junge deutsche Bands. Ich denke da zum Beispiel an SCHNUPPE aus Köln oder SHIRLEY HOLMES. Ich habe das Gefühl, dass gerade wieder mehr Frauen zu den Instrumenten greifen.

Gibt es etwas in eurer über 40-jährigen Bandhistorie, das ihr heute im Nachhinein bereut?
C.B.: Da fällt mir momentan überhaupt nichts ein. Je ne regrette rien. Da gibt es ein paar Stücke, die sind heute vielleicht etwas peinlich, aber so ist es dann halt.
Jürgen: Mit den peinlichen Songs habe ich eigentlich kein Problem, es ist nur so, dass diese Stücke heute mehr auf Unverständnis stoßen. Aber um was geht es denn dann? Da komme ich wieder darauf zurück, dass es bei DIE RADIERER um den Spaß am kreativen Prozess geht. Und das in einer Konstellation mit Leuten, die sich alle mögen. Es gibt ja auch Bands, bei denen sich die Mitglieder zum Teil gegenseitig beschimpfen.

Beim Anhören des neuen Albums kam mir spontan eine Schublade in den Sinn: Kinderlieder für Erwachsene. Was meint ihr dazu?
Jürgen:
Schön.
C.B.: Damit bin ich ebenfalls total happy. Es gibt ja auch einige Songs, die mit Kindern zu tun haben. Zum Beispiel „Vater Mutter Kind“. Wobei ich den Text hier nicht interpretieren will. Man sollte nie seine eigenen Stücke interpretieren, das bringt Unglück.

Kindern sollte man eure Songs wahrscheinlich eher nicht vorspielen.
C.B.:
Na ja, sonderlich viel Sex gibt es darin eigentlich nicht. „Fellini und Fellatio“ mal ausgenommen, klar, da ist natürlich Sex drin. Und bei „Belle de jour“ auch. Vielmehr geht es auch um radikale Ideen, wo Sachen auf den Kopf gestellt werden und dann noch mal auf den Kopf gestellt werden und noch mal. Und auch „Mein inneres Kind ist tot“. Keine Ahnung, was ich mit dem Song tatsächlich aussagen wollte. Und da geht es zum Beispiel auch um die Frage, wie du heute noch „Tim und Struppi“ lesen willst. Da gibt es diesen Band „Tim im Kongo“, der ist zutiefst rassistisch. Das kannst du nicht mehr lesen. Wenn jemand aus Afrika zu Besuch kommt, würdest du den Band in der Kommode verstecken. Oder Winnetou, das ist so weit entfernt von jeglicher Realität, das ist nur noch peinlich.
Jürgen: Ich finde die Einschätzung „Kinderlieder für Erwachsene“ gut. Ob es zur Überschrift taugt, weiß ich jetzt nicht, aber ich hätte auch nichts dagegen. Interessant, wie du das so herausgehört hast. Ich wäre nicht darauf gekommen. Es hat was Spielerisches und es hat was Spaßiges. Und das auch abseits von so etwas wie „Wir hauen euch jetzt die Punk-Mucke vor die Fresse“. Und wenn es funktioniert, dann grinsen die Leute, es ist jedoch keine Comedy. Aber es ist fröhlich.

Aber an einigen Stellen gibt es wieder dieses Phänomen „Lachen, das dir im Halse steckenbleibt“.
C.B.:
Es soll ja auch nicht wirklich lustig sein. Wir sind keine Gute-Laune-Band. Wenn etwas zum Nachdenken anregt, dann ist das schön. Seit ich es geschafft habe, in die Künstlersozialkasse aufgenommen zu werden, denke ich auch, ich sollte als Kunstschaffender tatsächlich auch Kunst schaffen. Kunst sollte mehr sein als Deko. Wir machen keine Deko-Musik, keine Nippes-Musik. Da steckt schon was dahinter. Aber nicht so, dass ich mich sonderlich bemühe. Das passiert einfach so. Unsere Musik sollte keine kleine Nippesfigur sein, die man sich ins Regal stellt.

Bei „Rechtshänder gegen Linkshänder“ habe ich mich gefragt, wer jetzt die Guten und wer die Bösen sind.
C.B.:
Ich kann dazu nur sagen: Es ist klar, dass wir keine AfD-Mitglieder oder Reichsbürger sind. Und wenn man das weiß, dann braucht man keine Sorge zu haben. DIE RADIERER sind nicht dein Feind, sondern dein Freund. Die freundlichen RADIERER, jedermanns Freund. Na gut, nicht von jedermann.

Beim neuen Stück „Rattengift“ könnte man schon Gewaltfantasien entwickeln.
C.B.:
Ein guter Bekannter von mir sagt, dass „Rattengift“ sein absoluter Lieblingssong ist. Und der ist absolut schwer krank, so richtig auf den letzten Metern und der liebt „Rattengift“ über alles. Ich frage da lieber nicht nach, warum. Aber der Song funktioniert bei unterschiedlichen Leuten auch sehr unterschiedlich. Man kann ihn tatsächlich als „Faust in der Tasche“-Song hören. Oder, dass man bestimmten Leuten etwas Schlechtes wünscht. Aber es steht jedem frei, das für sich selbst zu interpretieren.
Jürgen: Muss ich jetzt dieses dämliche Beispiel von „Tanz den Mussolini, tanz den Adolf Hitler“ bemühen? Der Zuhörer möchte oft von irgendwem gesagt bekommen, was richtig und was falsch ist. Wir sind nicht die Band, die das so klar sagt.
C.B.: Das wird aber oft gefordert. Wo steht ihr überhaupt? Sag mir, wo du stehst und welchen Weg du gehst. Alte DDR-Hymne.
Lilith: DIE RADIERER sind eher die aufgeworfene Frage als die Antwort.
Jürgen: Genau. Wir sind keine „Wir wissen Bescheid“-Band. Wobei gerade „Rattengift“ als Song eigentlich einfach ist. Für mich ist das ganz klar ein Lied über Umweltverschmutzung. Es geht doch um die Frage, was alles als ungeklärte Sachen heute in den Lebensmitteln drin ist.

Jürgen, gibt es manchmal Texte von C.B., zu denen du keine Musik schreiben möchtest?
Jürgen:
Ich mache mir tatsächlich nie Gedanken über den Inhalt, ich lese den Text eher musikalisch. Ich beschäftige mich nie damit, was C.B. damit gemeint haben könnte. Ich beurteile das eher so, ob es sich schlecht singen lässt oder nicht. Wie klingen die einzelne Worte? Als Zuhörer will man natürlich immer, gerade bei deutschen Texten, dass der Sänger mir jetzt auch etwas mitteilt. Aber dabei wird oft vergessen, dass der Sänger wie beim Theater vielleicht nur eine Position einnimmt und gar nicht dieser Meinung ist. Er ist mit dem Text dann wie ein Schauspieler nur in eine Rolle geschlüpft.

Bands wie DIE RADIERER haben letztlich Anfang der 1980er Jahre einen Hype ausgelöst um neue extravagante Bands, die Deutsch singen. Damit habt ihr auch solchen unsäglichen Acts wie Markus, Hubert Kah und Frl. Menke den Boden bereitet. Gab es da auch Neid auf deren Erfolg?
C.B.:
Nein. Ich war immer in Prozessen begriffen, wie wir anders sein können und wie wir weitergehen können. Neulich hatte ich aber tatsächlich die Idee, dass wir ein RADIERER-Best-Of-Album machen könnten und das sollte den Namen bekommen „Als Nena das rosa Kaninchen stahl“. Das würde aus meiner Sicht sehr gut passen. Markus kannten wir auch persönlich, der hatte so einen pinkfarbenen Cadillac, da durften wir sogar ab und zu mitfahren. Da war aber kein Neid, das war einfach die Zeit. Hubert Kah fand ich tatsächlich furchtbar peinlich. Und Sachen wie „Tretboot in Seenot“ von Frl. Menke, das waren einfach nur höchstpeinliche, aufgepustete Karnevalshits. Und peinlich war es, weil die Songs einfach nur furchtbar spießig waren.
Jürgen: Zur Blüte der Neuen Deutschen Welle waren wir schon wieder ganz woanders. Da haben wir eine Platte gemacht, die „Gott und die Welt“ hieß und wo wir mehr in Richtung „deutscher Chanson“ gegangen sind. Mich hat die Neue Deutsche Welle eigentlich nicht tangiert. Interessant fand ich lediglich diesen kommerziellen Ansatz, dass sich die Plattenindustrie mit diesem Monster-Hype selbst ihr Grab geschaufelt hat. Wie dumm das alles war! Später habe ich mich gefragt, ob die Industrie daraus gelernt hat. Irgendwann gab es noch diese Comedy-Welle, da hat jeder Comedian seine eigene Fernsehsendung bekommen.
C.B.: Gier frisst sich selbst.

Auf dem neuen Album findet sich auch ein Song zum Thema Spotify. Ist Spotify Fluch oder Segen?
C.B.:
Fluch und Segen in einem. Zum einen können die Menschen jetzt überall auf der Welt DIE RADIERER hören. Andererseits, wie sollen sie jetzt aber DIE RADIERER finden? Wir hatten eine EP, die hieß „500 Millionen Songs“ – Spotify ist auch so eine Riesen-Müllhalde. Mit vielen Titeln in Sprachen, von denen wir nicht mal gewusst haben, dass es sie überhaupt gibt. Wie willst du in dieser riesigen Müllhalde etwas finden, das dich interessiert. Was interessiert die Leute in Ecuador, was die klugen Punk-Rentner aus Limburg so machen? Das interessiert die doch überhaupt nicht. Und dazu kommt noch, wie mies Spotify bezahlt. Das ist ein einziger Skandal. Da werden Leute schwerreich und wir kriegen gerade mal 30 Cent. Was willst du dagegen tun? In einer idealen Welt würden sich Künstler zusammentun und eine eigene Plattform gründen. Musiker sind aber wie Jürgen, die interessieren sich nur dafür, Gitarre zu spielen. Und Spotify flutet jetzt den Markt mit Songs, die mit künstlicher Intelligenz generiert wurden. Spotify bringt Musik um, erstickt die Musik.
Jürgen: Aber seien wir doch mal ehrlich. Auch früher haben Musiker am Verkauf ihrer Platten nicht so viel verdient. Den Gewinn haben hauptsächlich die großen Konzerne eingestrichen. Der Künstler war doch schon immer der mit dem geringsten Einkommen. Deswegen verstehe ich die Aufregung nicht so ganz. Und dass es eine lange Zeit Musik kostenlos im Netz gab, das haben die Künstler auch verpennt. Es wurde einfach verpennt, ein funktionierendes System aufzubauen.
C.B.: Jetzt wird ja auch von Musikern gefordert, dass sie über den Merch-Verkauf die Kohle reinholen sollen. Ihr müsst jetzt nicht mehr Musik verkaufen, sondern T-Shirts. Das ist ein Riesenaufwand, du brauchst verschiedene Motive in unterschiedlichen Größen, da schleppst du einen ganzen Laden mit dir rum. Ich sehe mich doch nicht in der Verantwortung, T-Shirts zu verkaufen. Was soll das denn?

War es früher eher leichter oder schwerer, als Band bekannt zu werden?
C.B.:
Es war definitiv einfacher, es gab nicht so viel Konkurrenz. Wir befinden uns heute in einem globalen Markt und es gibt hunderttausende Bands. Es war früher leichter, einzigartig und gleichzeitig relevant zu sein.

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Diskografie
„Angriff auf’s Schlaraffenland“ (7“, ZickZack, 1981) • „Eisbären & Zitronen“ (LP, ZickZack, 1981) • „In Hollywood“ (LP, ZickZack, 1983) • „Gott & die Welt“ (LP, ZickZack, 1984) • „Non Dom Tapes 79/80“ (10“, Was soll das?, 2002) • „Cowboys auf Zebras – The Best Of Die Radierer“ (LP, Was soll das?, 2003) • „Der andalusische Bär“ (CD, ZickZack, 2008) • „Porko Mondo“ (LP/CD, ZickZack, 2013) • „Punk! Pest! Pop! Sammelband 1978-1984“ (4CD, Comp, Tapete, 2017) • „Das Model“ (7“, Blitzkrieg Pop!, 2020) • „Tennisplätze auf dem Mars“ (7“, Blitzkrieg Pop!, 2020) • „Sterben wie Donald“ (7“, Blitzkrieg Pop!, 2020) • „Radierer 80“ (7“, Comp, Blitzkrieg Pop!, 2020) • „Gute Laune Land“ (LP/CD, Blitzkrieg Pop!, 2021) • „Reinkarnation“ (7“, Blitzkrieg Pop!, 2021) • „Im Angesicht des Todes“ (CD, Blitzkrieg Pop!, 2022) • „Alleskleber“ (7“, Blitzkrieg Pop!, 2023) • „Batman“ (7“, Emotional Rescue, 2024) • „Limburger Schule“ (CD, Rookie, 2025)

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