RISE AGAINST

Foto© by Jasmin Lauinger

Für das Jahr 2025 geschaffen

Es ist ein sonniger Nachmittag Anfang Juni, als Tim McIlrath und Zach Blair in der Berliner Bar 19:77 auftauchen – dem geistigen Nachfolger der einst legendären Berliner Kultinstanz „Ramones Museum“. Die Stimmung draußen ist sommerlich, Touristen flanieren durch die Neuköllner Straßen, während sich drinnen eine gewisse konzentrierte Ruhe ausbreitet. Mit leicht müden, aber keineswegs unmotivierten Gesichtern lassen sich der Sänger und der Leadgitarrist der amerikanischen Polit-Punk-Band RISE AGAINST auf zwei Stühle sinken, die sie in den kommenden Stunden nicht mehr verlassen werden. Der Tag ist dicht getaktet, es stehen noch mehrere Interviews für den deutschen Markt an. Die beiden Musiker haben bereits eine Radiosender-Tour absolviert, dazu Interviewtage, Fan-Events und Akustiksessions im Vereinigten Königreich hinter sich – und trotzdem wirken sie präsent und aufmerksam.

Bevor es losgeht, wandert Tims Blick durch den Raum. In wenigen Stunden wird die Band hier eine exklusive Akustik-Session spielen – für eine Handvoll Fans, die bei einem Gewinnspiel Tickets ergattert haben. Der Raum ist klein, intim und gleichzeitig voller Geschichte. Die Wände hängen voll mit Erinnerungsstücken der New Yorker Punkband RAMONES: handgeschriebene Songtexte, zerschlissene Jeans, rare Tourplakate und alte Schwarzweißfotos, auf denen Johnny, Joey, Dee Dee und Tommy zu sehen sind. „Ich glaube, das ist der coolste Ort, an dem wir je Interviews gegeben haben“, sagt Tim mit einem Grinsen. Ein Statement, wenn man den Hintergrund kennt, dass die Band erst drei Tage zuvor und zum ersten Mal überhaupt im Hauptquartier von Marshall war und dort das Equipment ausprobieren konnte.

Der Anlass ihres Berlin-Besuchs ist das neue, zehnte Studioalbum von RISE AGAINST: „Ricochet“. Ein Wort, das im englischen Sprachgebrauch nicht unbedingt alltäglich ist und bei dem sicher einige Fans erst einmal nachschlagen mussten, was es genau bedeutet. „Ein Ricochet ist etwas, das abprallt“, erklärt Tim. „Es bezieht sich auf die Wechselwirkungen zwischen Menschen – wie unsere Handlungen, Gedanken und Gefühle andere beeinflussen und umgekehrt. Egal ob in diesem Raum, in unserer Nachbarschaft, dieser Stadt, diesem Land oder auf globaler Ebene: Wir alle sind miteinander verbunden.“ Seine Stimme klingt ruhig, fast sanft – und dennoch schwingt darin jene Dringlichkeit mit, für die RISE AGAINST seit jeher stehen. Wer die Band kennt, weiß, dass hinter jedem Album, jedem Song und jedem Vers echtes Mitteilungsbedürfnis steckt.

Seit der Veröffentlichung von „Nowhere Generation“ sind vier Jahre vergangen – vier Jahre, in denen sich die Welt rasant und grundlegend verändert hat. In den USA ist Donald Trump erneut Präsident geworden und greift härter durch denn je. Russland führt einen brutalen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Die Nachwirkungen der globalen Pandemie sind noch immer spürbar, ebenso wie die immer deutlicher zutage tretenden Auswirkungen der Klimakatastrophe. Kommentarspalten in sozialen Netzwerken sind zu Kampffeldern geworden, voll von Fake News, Hassattacken, Verschwörungserzählungen und algorithmischem Lärm. „In so einem Umfeld hilft es ungemein, ein kreatives Ventil zu haben“, sagt Tim nachdenklich. „Das neue Album hat sich thematisch fast von allein geschrieben. Das ist der Vorteil, wenn man in einer politischen Band spielt und so viel Mist passiert. Die größere Herausforderung war es aber, die Inhalte so zu formulieren, dass sie auch in fünf oder zehn Jahren noch relevant sind. Das macht ein gutes Protestlied aus. Wer gerade im Weißen Haus sitzt, ist am Ende gar nicht so entscheidend. Trump, Bush – solche Leute kommen und gehen. Was bleibt, ist die Ideologie. Und genau die müssen wir bekämpfen. Genau auf die zielen wir ab.“

Produziert wurde „Ricochet“ von einer für RISE AGAINST eher untypischen Persönlichkeit: der Grammy-Preisträgerin Catherine Marks. Bekannt ist sie für ihre Arbeit mit Acts wie BOYGENIUS, FOALS, MANCHESTER ORCHESTRA oder St. Vincent. Dass sie nun mit einer Polit-Punk-Band wie RISE AGAINST zusammenarbeitet, überrascht auf den ersten Blick – und doch merkt man beim Hören des Albums schnell, dass genau diese ungewöhnliche Wahl dem Sound neue Facetten beschert hat. Besonders eindrucksvoll ist das Gesangsfeature von Andy Hull von MANCHESTER ORCHESTRA in einem der zentralen Songs des Albums – fast schon ein Alleinstellungsmerkmal im RISE AGAINST-Kosmos, sind Features bei Tim und Co. doch die große Ausnahme. „Wir wollten eigentlich nur gemeinsam an einem Track schreiben“, erzählt der Sänger. „Aber als wir fertig waren, dachte ich: Es wäre falsch, wenn Andy in diesem Song nicht auch zu hören wäre. Seine Stimme bringt eine besondere Farbe rein.“

Als es um die Studioarbeit mit Catherine Marks geht, wird Zach, der sich bis dahin eher zurückgehalten hat, plötzlich lebendig. Man merkt ihm an, wie sehr ihn die Zusammenarbeit inspiriert hat. „Catherine war für mich der kreative Anker des Albums“, sagt er. „Sie hat uns verstanden – nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich. Wo wir herkommen, wo wir hinwollen, was uns antreibt. Gleichzeitig konnte sie mit der nötigen Distanz auf unsere Ideen blicken und sie neu sortieren. Ich hasse es normalerweise, wenn mir jemand sagt, was ich tun soll. Aber Catherine hat nicht kommandiert – sie hat zugehört. Sie hat mich dazu gebracht, alte Songskizzen noch einmal hervorzukramen und ihnen neues Leben einzuhauchen. Ich kann mir kaum vorstellen, wie ‚Ricochet‘ ohne sie klingen würde.“ Tim, der am anderen Ende des Tisches sitzt, nickt zustimmend.

Zachs Aussage hallt nach. Denn genau darum geht es auch in einer der ersten Singles des Albums: „Prizefighter“. Es ist ein Song über Unbeugsamkeit, über die Suche nach einem Publikum, das einen versteht – ohne sich selbst verbiegen zu müssen. Die Zeile „Cause I am not a prize that you compete for“ bleibt besonders im Ohr. RISE AGAINST machen seit mittlerweile einem Vierteljahrhundert Musik und sind dabei stets ihrer Linie treu geblieben. Begonnen hat alles bei Fat Wreck Chords, dem Label von NOFX-Frontmann Fat Mike. Später folgte der Wechsel zu einem Majorlabel, ohne dass die Band dabei ihre Haltung oder ihre Themen aus den Augen verloren hätte. Während der Markt sich stetig wandelte – von Napster über mp3-Downloads bis zu Streamingplattformen und KI-generierten Algorithmen –, blieben RISE AGAINST ein Fixpunkt für viele, die Orientierung suchen.
„Die Musikindustrie hat sich in den letzten 25 Jahren mehrfach neu erfunden“, sagt Zach. „Und natürlich mussten auch wir lernen, uns darin zu bewegen. Aber letztlich bleibt unser Fokus immer auf den Live-Shows. Das ist der Ort, an dem wir wirklich die Verbindung zu unserem Publikum spüren. Die Art, wie man heute Musik vermarktet, liegt nicht in unserer Hand – aber das, was wir auf der Bühne liefern, schon.“ Tim ergänzt: „‚Prizefighter‘ handelt genau davon. Sich nichts von externen Stimmen oder Trends diktieren zu lassen. Wenn ich Menschen erreichen will, muss ich zuerst ehrlich zu mir selbst sein. Ich muss etwas erschaffen, das mich bewegt – nicht das, was ein Algorithmus für klickbar hält. Vielleicht ist genau dies der Grund, warum wir so lange bestehen.“

Natürlich kommt im Laufe des Gesprächs auch die Frage auf, ob eine Band wie RISE AGAINST in Zeiten zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung mit Repressionen rechnen muss. Die Vereinigten Staaten wirken politisch und kulturell zerrissener denn je. Unternehmen streichen ihre Diversitätsprogramme, rechte Stimmen werden lauter, und selbst Künstlerinnen wie Taylor Swift oder Bruce Springsteen geraten ins Visier politischer Hetze. „Habe ich Angst? Ganz klar: Nein“, sagt Tim entschlossen. „Sollen sie doch kommen. Wir sind bereit. RISE AGAINST wurden für diese Zeit gemacht. Für das Jahr 2025. Wir werden keine Kompromisse eingehen. Es sind gerade die Menschen mit den gefährlichsten Ansichten, die am lautesten schreien. Aber ich bin überzeugt, dass wir, die etwas Besseres für diese Welt wollen, in der Mehrheit sind.“

Später an diesem Abend, als sich der Raum füllt und Tim und Zach mit ihren Gitarren auf dem kleinen Podest Platz nehmen, beginnt die intime Akustik-Session. Nur rund hundert Fans sind zugelassen – und doch wirkt es, als wären Tausende da. Als Tim und Zach die ersten Takte von Hits wie „Savior“ und „Prayer of the refugee“ anstimmen, dauert es nur wenige Sekunden, bis das Publikum jeden einzelnen Vers mitsingt. Die Stimmen prallen von den Rauhfaserwänden ab, übertönen das Mikrofon – und für einen Moment scheint alles eins zu werden: Musik, Geschichte, Haltung, Gemeinschaft. Und dann versteht man endgültig, warum RISE AGAINST auch nach 25 Jahren noch so wichtig sind, und glaubt Tim, dass die guten Menschen doch in der Mehrheit sein können.

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