RISE OF THE NORTHSTAR

Foto© by Danny Louzon

Dandadan oder Mononoke?

Die französische Anime-Hardcore-Band RISE OF THE NORTHSTAR, die mit „Chapter 4: Red Falcon Super Battle! Neo Paris War!!“ gerade ein neues Album veröffentlicht hat, macht keinen Hehl aus dem Einfluss japanischer Popkultur auf ihren Sound. Wie tief das wirklich in der DNA dieser Band steckt, klären wir mit Sänger Vithia.

Ich hatte immer den Eindruck, dass die Band nur eine Art Vorwand ist, um einfach die ganze Zeit in Japan herumzuhängen.

Haha, das stimmt irgendwie, aber nicht wirklich. Ich bin auf eine sehr strenge Schule gegangen und habe schon in meiner Kindheit gerne gezeichnet. Und schon als ich noch ziemlich klein war, sagte mein Lehrer zu mir: „Deine Zeichnungen haben einen sehr japanischen Stil.“ Einmal waren wir im Louvre und mussten Zeichenübungen machen. Wir sollten einige Statuen abzeichnen, Pharaonen und so. Und als ich am Ende meine Blatt abgab, meinte mein Lehrer, es würde aussehen wie ein Gundam. Also ein Motiv aus einer japanischen SciFi-Serie. Ich glaube, Japan hatte in künstlerischer Hinsicht einen enorm großen Einfluss auf mich, und das von Beginn an, seit ich mich kreativ betätige. Es ist also nicht unbedingt falsch, was du sagst.

Ich erinnere mich, dass ich als Kind immer ein bisschen neidisch auf die französische Comicszene war, weil sie so viel größer war. Und japanische Mangas gab es dort auch sehr viel früher als in Deutschland. Ich erinnere mich, dass es „Dragon Ball“ in Deutschland erst Anfang der 2000er Jahre gab ...
Okay, nach Frankreich kam das 20 Jahre früher.

Warum, glaubst du, ist die japanische Comic-Kultur in Frankreich so viel größer als in Deutschland?
Kennst du die französische Fernsehsendung „Le Club Dorothée“ aus den 1980er Jahren? In dieser Sendung gab es immer viele japanische Animationsfilme, und zwar bevor sie weltberühmt wurden, das ist der Grund, warum wir in Frankreich der zweitgrößte Markt der Welt für diese Kunst sind. In den 1980er Jahren hatte Frankreich etwa 25 Millionen Einwohner, und die Zuschauerzahlen dieser Fernsehsendung lagen täglich zwischen sieben und zehn Millionen Kindern. Also hat meine ganze Generation diese japanischen Animationsfilme gesehen. Auf der anderen Seite war die Politik in dieser Zeit völlig dagegen, weil sie sie zu gewalttätig, subversiv und „gefährlich“ fanden. Also, deine Eltern, deine Lehrer und die Politiker sagten dir, dass es nichts wert ist. Auf der anderen Seite hast du das Tag für Tag gesehen und das etwa elf oder zwölf Jahre lang. Und dann, boom!, wurde die Sendung abgesetzt. Was ist also passiert? Meine Generation war total begeistert, wir haben jeden Tag unsere Chance genutzt, das ist der Grund, warum es in Frankreich so eine große Sache ist, weil wir damit aufgewachsen sind. Und das ist auch der Hintergrund des „Neo Paris“ im Titel des Albums, dass wir alle mit „Akira“ und „Neo Tokyo“ aufgewachsen sind. Also hat meine Generation in Paris, in jeder Stadt in Frankreich von diesem seltsamen, so fernen Land mit der erstaunlichen Animationskultur, geträumt.

Ich bin in den 1990er Jahren in Deutschland aufgewachsen. Und ich war fasziniert von Anime und Manga und alldem. Aber das war eine totale Nischensache und ich musste in einen winzigen Comicladen gehen und mir VHS-Kassetten kaufen.
Es war verrückt. Die erste Generation mit „Dragon Ball“ und dergleichen war bei uns riesig. Jedes Kind kannte das. Aber weil diese Art von Zeichentrickfilmen im Fernsehen abgesetzt wurde, gab es für die Kids danach nur noch diese Spezialladen mit dem ganzen Cyberpunk-Gewaltzeug, inzwischen ist es sogar noch ein bisschen mehr zur Underground-Kultur geworden. Aber wir sind damals mit Japanimation aufgewachsen.

Ich wollte dich fragen, wie deine Faszination für Japan begann, aber ich glaube, das hast du mir bereits gesagt.
Genau, wir sind damit großgeworden. Für Franzosen meiner Generation ist es wie Rock’n’Roll in den Vereinigten Staaten. Es ist genau dasselbe.

Nun warst du schon ein paar Mal in Japan. Hat das Land deine Erwartungen erfüllt? Und wie haben die Japaner auf eine ausländische Band reagiert, die so stark von ihrer eigenen Popkultur beeinflusst ist?
Das erste Mal, als ich nach Japan kam, war ich nicht mit der Band dort. Für mich war es wunderbar, es war genau das, was ich sehen wollte. Aber später mit der Band war es unfassbar, weil wir wirklich alle unsere Ideen und alle Visionen und alle spezifischen künstlerischen Stile in die Band einfließen lassen konnten. Weißt du, ich singe auf Englisch, wenn wir in London spielen und ich sehe, dass die Engländer verstehen, was ich sage, dann ist das etwas Besonderes für mich. In Japan war es genauso, aber hier in Bezug auf den Spirit und all das, ihnen sind unsere Bühnenoutfits, Gakuran oder Tokkofuku, vertraut, sie verstehen die Codes, und somit war die erste Begegnung einfach unglaublich, ich fühlte mich auf einer anderen Ebene verstanden. Nicht auf der Sprachebene, aber sie können all das, was wir aus ihrer Kultur übernommen haben, richtig einordnen.

Wie schon gesagt, bin ich selbst damit aufgewachsen. Ich erinnere mich, dass ich „Prinzessin Mononoke“ im Kino gesehen habe. Aber Mangas und Animes haben sich im Laufe der Jahre auch massiv verändert, wenn man sich aktuelle Serien wie „Dandadan“ oder „Chainsaw Man“ ansieht. Ist eure neue Platte eher von einem Anime aus dem Jahr 2025 beeinflusst oder mehr von dem, womit ihr aufgewachsen seid?
Weder noch. Wir sind in erster Linie eine Band. Die Musik steht also im Vordergrund, nicht die Ästhetik. Wenn unser Gitarrist Eva-B mir eine Komposition schickt, schreibe ich meine Texte entsprechend dem Gefühl dazu. Und auch wenn ich die künstlerische Ausrichtung des Albums gestalte, brauche ich diese Komposition.
Es funktioniert nicht ohne den Sound. Alles ist miteinander verbunden.

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