RITUAL

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Reunions sind geil

Nach 14 Jahren ohne neue Musik melden sich RITUAL zurück. Die Band aus dem Ruhrpott kling wuchtiger, düsterer und intensiver denn je. „Songs For The Haunted“ ist ein Befreiungsschlag, ein Statement und ein Spiegel innerer Geister. RITUAL haben sich für uns Zeit genommen und berichten, wie es ist, mit neuer Musik zurück zu sein.

Dass RITUAL überhaupt noch einmal eine Platte veröffentlichen würden, hätten viele – inklusive der Mitglieder selbst – kaum mehr für möglich gehalten. Wie fühlt es sich also an, nach so langer Zeit nun doch mit neuem Material zurückzukommen? „Mega gut. Kann ich von meiner Seite aus sagen“, antwortet Sänger Julian ohne Umschweife. „Das trägt mich schon seit locker anderthalb Jahren, echt. Emotional, meine ich. Also ich find’s supergeil.“ Schlagzeuger Philipp ergänzt: „Es ist wirklich so, dass jeder Schritt, der gerade passiert, um das Album rauszubringen, einem immer noch mal neu klar macht, wie surreal das ist. Wenn man ein paar Jahre zurückdenkt, hätten wir wahrscheinlich alle nicht geglaubt, dass es noch mal eine RITUAL-Platte geben wird. Und der Moment, in dem man sie dann zum ersten Mal in den Händen hält, ist dann auch so ein Punkt: Ja krass, es ist wirklich passiert.“ Die physische LP ist zwar noch nicht angekommen, aber allein die Testpressung sorgt für Gänsehaut. „Dieses ganze Feeling erklärt eigentlich schon jetzt, warum man das macht“, sagt Philipp. „Dass wir noch mal miteinander angegangen sind und eine Platte haben, mit der wir happy sind – das ist schon ein Erfolg.“
Fünf Songs sind schon draußen, Feedback gab es reichlich. „Wir sind mit ‚Silver lining‘ als erster Single rausgegangen, schon im Frühjahr. Und da haben wir uns entschieden, den poppigsten Song als Erstes rauszuschicken, der vielleicht, was das Album betrifft, sogar auf eine falsche Fährte führt. Aber die Rückmeldungen waren umwerfend.“

Und tatsächlich wirkt „Songs For The Haunted“ melodischer, optimistischer, bunter. „Schon. Also auf jeden Fall der Song ganz deutlich. Aber das war nichts Geplantes – die Songs sind einfach passiert. Jeder einzelne so, wie er entstehen wollte.“ Die größte Veränderung im Vergleich zu früher liegt im Arbeitsprozess. „Früher war es stumpf: Proberaum, rumspielen, jemand bringt eine Idee, fertig. Jetzt war das so gar nicht mehr möglich. Wir haben uns viel hin- und hergeschickt, Drums programmiert, Demos gebastelt. Mit diesen Demos sind wir ins Studio, wo das Ganze eigentlich nur noch fixiert wurde.“ Gitarrist Deni schwärmt von den neuen Möglichkeiten: „Ich bin ein Fan davon, Atmosphäre zu schaffen, Layers, Töne übereinander. Das ging früher unter, jetzt konnten wir richtig ausfuchsen und viel mehr auf die Details achten. Zwei Gitarren links und rechts? Klar. Aber jetzt auch eine dritte, vierte Gitarre, Synths, Effekte. Das hat richtig Spaß gemacht.“ Doch auch wenn vieles digital vorbereitet wurde, blieb die Erinnerung an alte Proberaumzeiten präsent. „Wir haben so viele Jahre in diesen Räumen verbracht, dass wir bei manchen Songs genau wussten, was der andere denkt. Man hört dieses Verständnis füreinander, auch wenn es digital entstanden ist.“

Ein Comeback nach 14 Jahren bringt eine besondere Freiheit mit sich: Niemand wartet auf ein Album. Doch die Band wollte den Schwung nutzen. „In dem Moment, in dem klar war, wir machen das, ging es Schlag auf Schlag. Studio buchen, Drums aufnehmen – da war schon ein Flow da. Und es war wichtig, diesen Ball im Rollen zu halten.“

Streaming, Playlists, Reels – all das prallt von RITUAL eher ab. „Mit dem Songwriting hat das 0,0 Prozent zu tun. Wir denken in Alben, wir hören Alben, wir wollen Alben machen.“ Das Social-Media-Spiel hingegen nervt: „Vor allem organisatorisch nervt es wie Sau“, erklärt Philipp. „Ich wünsche mir regelmäßig MySpace 2005 zurück. Da hat man ein Bulletin gepostet und alle haben es gesehen. Heute hast du 8.000 Follower, aber niemand kriegt was angezeigt. Stattdessen musst du Instagram füttern, und es macht keinen Spaß.“ Die Band lacht über die Idee, jemanden dafür einzustellen. „Wir bräuchten eigentlich eine Person nur für Social Media. Kennst du jemanden?“

2022 spielten RITUAL die ersten Shows nach Jahren – noch ohne das klare Ziel einer neuen Platte. „Es war eher so ein One-Time-Ding mit PATSY O’HARA und EMPTY VISION. Beim ersten Proben dachte ich noch: Boah, das ist Arbeit. Aber auf der Bühne war es, als wäre keine Zeit vergangen.“ Inzwischen stehen neue Songs im Fokus. „Wir haben erst zwei live gespielt, da gibt es noch einiges auszuprobieren. Auf den Opener habe ich richtig Bock. Und auf ein, zwei Experimente, die erst mal irritieren könnten – aber genau das reizt uns“, erklärt Sänger Julian. Natürlich fallen Namen wie SNAPCASE, UNBROKEN oder REFUSED. Doch die wichtigste Inspiration war diesmal die eigene Geschichte. „Ich glaube, ein viel größerer Einfluss als irgendeine Band war das, was wir nach RITUAL gemacht haben. Unsere Biografien, die Erfahrungen in anderen Projekten – das alles steckt jetzt in dieser Platte“, fasst Drummer Philipp zusammen.
Im Gespräch taucht ein heikles Wort immer wieder auf: Reunion. Früher in der Szene verpönt, heute sieht die Band es gelassener. „Man hat uns immer erzählt, Reunions sind uncool. Aber ich finde: Reunions sind saugeil. Wenn man eine Band hatte, mit der man die besten Freunde und intensive Erlebnisse verbindet – warum nicht noch mal?“, sinniert Philipp. Und so wollen RITUAL auch anderen Mut machen. Julian fasst es zusammen: „Macht mehr Reunions! Das ist sehr gesund.“ Was kommt nach „Songs For The Haunted“? „Wir haben unser Ziel schon erreicht: eine Platte zu machen, mit der wir glücklich sind. Alles andere kann kommen – oder nicht. Wir lassen es entspannt auf uns zukommen.“ Natürlich stehen Konzerte an, auch 2026 wird gespielt. Aber Pläne für mehr? Fehlanzeige. „Mein Gehirn ist gerade leer“, sagt Sänger Julian grinsend. „Aber schnell wieder voll“, ruft Deni dazwischen. Zum Schluss wird es noch einmal ernst. „Ich wünsche mir, dass dieses Album auch Leute erreicht, die sagen: Hardcore? Habe ich früher gehört, das ist Jugendkram“, erklärt Philipp und führt aus: „Vielleicht kann man es auch machen, wenn man älter ist und immer noch Bock hat. Vielleicht kommt so der Spaß zurück.“

Und noch etwas ist ihnen wichtig: „Dieses Album zu produzieren war für uns selbst eine unglaublich spannende Zeit. Textlich, musikalisch, freundschaft­lich. Wir hoffen, dass es auch für andere ein Vehikel wird, um in Kontakt zu kommen, ins Gespräch, in Austausch. Genau dafür machen wir das.“„Songs For The Haunted“ ist keine nostalgische Geste, sondern ein ernst gemeintes, starkes Album. Es verbindet die DNA von RITUAL mit den Biografien der letzten 15 Jahre, es klingt zugleich vertraut und neu. Und vor allem: Es ist ein Album. Kein Content, kein Algorith­musfutter. Ein Werk, das man am Stück hören will – vielleicht im Herbst auf Platte, vielleicht live, vielleicht beides. Für RITUAL ist „Songs For The Haunted“ nicht nur der Endpunkt einer jahrelangen Reise, sondern gleichzeitig ein Neuanfang. „Ich bin einfach froh, wenn das Album endlich draußen ist“, sagt Julian und man spürt in jedem seiner Worte: „Das ist mental eine riesige Erleichterung.“ Doch es geht nicht nur um die Veröffentlichung, sondern auch um das, was danach kommt. „Ich freue mich unglaublich auf die Shows und den Austausch mit den Leuten“, erzählt Julian weiter. „Das ist für mich das Größte – ob die Leute die Platte lieben oder vielleicht auch nicht so viel damit anfangen können, spielt gar keine so große Rolle. Wichtig ist, dass es überhaupt ein Gespräch gibt, dass etwas in Bewegung kommt. Am Ende ist es genau das, was Hardcore für mich ausmacht: dieses Vehikel, um mit Menschen in Kontakt zu kommen, ins Gespräch zu kommen. Das ist, worauf ich mich am meisten freue.“

Was die Zukunft angeht, sind RITUAL offen: „Es gab keinen großen Masterplan, kein Ziel, das wir unbedingt erreichen wollten. Es war vielmehr dieses Gefühl: Wir probieren es einfach, schauen, was passiert, und wenn am Ende nur ein Song entsteht, der uns etwas bedeutet, ist das schon mehr, als wir erwartet haben.“ „Songs For The Haunted“ ist für RITUAL der Startschuss für eine zweite Runde, deren Regeln sie selbst bestimmen. „Wir schulden niemandem etwas. Wir machen Musik, weil sie uns verbindet. Alles andere ist Bonus.“ Und dann fällt ein Satz, der wie ein Motto über diesem ganzen Gespräch steht: „Wenn man nach 14 Jahren zurückkommt und immer noch dieselbe Energie spürt wie früher – dann weiß man, dass es echt ist.“

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