RITUAL

Foto© by Moritz Hagedorn

Es verfolgt dich

2005 erschien mit der Single „One Foot In The Grave“ die erste Veröffentlichung der Hardcore-Band RITUAL aus dem Ruhrgebiet. Zwei weitere folgten, drei LPs wurden eingespielt, bis sich RITUAL ab 2010 von der Szene entfremdeten und 2012 schließlich auflösten. 2022 kehrten sie für einige Konzerte zurück. Und nun überraschen RITUAL mit einer neuen LP namens „Songs For The Haunted“. Seit langem hat mich keine Veröffentlichung mehr mit so vielen Ideen und Stilen überzeugt – und doch klingt die Platte wie aus einem Guss. Grund genug, mich mit Julian (voc) und Philipp (dr) zu einem Videocall zu treffen.

Philipp, du bist bei der Post-Punk-Band MESSER aktiv. Sind RITUAL ein guter Ausgleich dazu?

Philipp: Es ist ja zunächst einmal so, dass MESSER als Ausgleich zu RITUAL gestartet waren, da das ja die erste große Band in meinem Leben war. MESSER kamen irgendwann später. Mein musikalischer Horizont erweiterte sich über Hardcore hinaus und SONIC YOUTH und Krautrock kamen dazu. MESSER boten eine gute Möglichkeit, sozusagen auch kreativ zu altern. Und wer da was ausgleicht, die Frage ist eigentlich hinfällig. Nach ein paar Jahren merke ich nun, dass ich die spezifische Energie von Hardcore vermisst habe. So sehr wie bei MESSER der Plan besteht, dass es die Band bis zum Opa-Alter gibt, haben RITUAL etwas, das mir MESSER nicht geben können – deswegen muss es RITUAL jetzt wieder geben.

Euer Song „Take heart stay punk“ von 2006 hatte zum Inhalt, dass man seine Philosophie ins Alter mitnehmen soll. Ihr wurdet 2022 schon mal darauf angesprochen – wie sieht es heute aus?
Julian: Die Texte waren thematisch nicht falsch. Verändert hat sich die Form, nicht der Inhalt.

Ich habe gelesen, dass du gesagt hättest, nicht mehr so politische Lieder zu schreiben wie früher. Du hast allerdings auch gesagt, dass die persönlichen Themen im Endeffekt trotzdem politisch sind. Wäre es nicht aktueller oder wichtiger denn je, über tagespolitische Dinge zu singen?
Julian: Mit RITUAL hatten wir zu der Zeit keine Eisen im Feuer, an denen wir gearbeitet haben. Bei meinen Bands, die ich da aktuell hatte, habe ich es eher kryptisch gehalten, weil sie zu der Zeit auch diesen Anstrich hatten. Das war ein bisschen vertrackteres Zeug, da mochte ich das mehr. Auch textlich Bilder zu zeichnen, die man nicht sofort versteht, die erst mal ein Gefühl vermitteln und jetzt nicht nach vorne raus gehen, kann politisch sein. Das hat sich natürlich auch wieder ein bisschen gewandelt, und auf unserer neuen Platte sind eine Menge Songs, die ich als politisch bezeichnen würde. Als wir angefangen haben, die neuen Sachen zu schreiben, haben wir uns auch darüber unterhalten. Die Songs können gar nicht unpolitisch sein, weil wir ja eben in dieser heftigen Zeit leben und damit fertig werden müssen. Ebenso beschäftige ich mich damit, wie ich im Zusammenhang mit dieser Welt selbst damit klarkommen kann, mit Mental Health – und dann hast du trotzdem auch Kapitalismus- und Gewaltkritik, was wiederum zu Songs mit politischen Texten führt.
Philipp: Gewandelt hat sich eigentlich wirklich nur die Form des politischen Textens. Im Hardcore ist es oft so: „Dieses Lied geht gegen dies“ und „Das Lied geht gegen das“. Es applaudieren dann immer genau die Leute, die es eh schon so sehen. Diese Form von schlichter Parteiname für oder gegen etwas ist sicherlich etwas, das wir in der Form des Textens für uns nicht mehr so glaubwürdig fanden.

Es heißt, dass ihr euch 2010 von der Hardcore-Szene entfremdet hattet. Wieso?
Philipp: Wir haben sehr viel gespielt, eine Zeit lang fast jedes Wochenende, dazu kamen noch Tourneen. Zum Teil sind wir auch auf Festivals gelandet. Da trifft man eben auch auf „Bier-und-Stiefel-Hardcore“, wovon wir uns entfremdet haben. Solche Veranstaltungen waren für uns auch nicht besonders Punk. Dazu kam auch eine komische Professionalisierung, mit der wir irgendwie gefremdelt haben. Ich habe direkt ein paar Veranstaltungen vor Augen, bei denen ich wirklich nicht wusste, was wir da eigentlich machen.

Kann man so etwas wie die Mitte zwischen zu professionell und Dümpel-Hardcore überhaupt erreichen?
Philipp: Ich meine nicht, dass das zwei gegensätzliche Pole sind. Wir haben bei irgendwelchen Festivals gespielt, auf denen beispielsweise MADBALL waren, die sind ja sozusagen der Blueprint für das, was ich mit „Bier und Stiefel“ meine. Und wen man erreicht? Das wissen wir gerade jetzt mit diesem Album nach so vielen Jahren auch nicht. Dieses Album ist natürlich nicht mit spezifischen Hoffnungen entstanden, außer mit der, dass wir es schaffen würden, mal wieder zusammen, auch auf die Distanzen hin gemeinsam neue Musik entstehen zu lassen und ein paar weitere Konzerte zu spielen – und uns wieder miteinander musikalisch zu befassen. Und das hat für uns gut geklappt.

Ihr habt 2022 gesagt, dass ihr keine neue Musik mehr aufnehmen und ebenso keine Touren mehr machen würdet. Jetzt haben wir 2025 und eine große Platte ist da.
Julian: Zu dem Zeitpunkt war das auch genauso gemeint. Und dann kam es anders. Wir haben Demos rumgeschickt und die fanden irgendwie alle gut. Unser Gitarrist, der vormals 15 Jahre in Berlin gewohnt hat, ist mit seiner Family wieder zurück Richtung Recklinghausen gezogen. Wir haben uns einfach so getroffen, ein bisschen gequatscht und abgehangen. Und einfach mal auch zusammen Musik gemacht. Dann war das auf einmal da, ohne dass es Absicht war.

Kommen wir zu eurer neuen LP „Songs For The Haunted“. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal eine so krass abwechslungsreiche Platte gehört habe. Es geht hart los, beim dritten Lied musste ich sofort an HOT WATER MUSIC denken, beim vierten noch mehr. Dazwischen all die harten Nummern, bis dann dieses DEPECHE MODE-artige Lied kommt, das mich total umgehauen hat. Wie seht ihr das, wenn ihr die LP so insgesamt betrachtet?
Julian: Ich habe mir von Anfang an vorgestellt, dass sich ein Hoffnungsschimmer, was Zart-Emotionales und was absolut Monströs-Aggressives an beiden Enden die ganze Zeit um die Platte streiten. Dieses Bild war im Kopf. Ich wollte es so bunt wie irgend möglich haben, aber trotzdem sollte es sich wie aus einem Guss anfühlen. Ich wollte auch ohne Rücksicht auf Verluste unsere verschiedenen Einflüsse unterbringen. Und das ist nun dabei rausgekommen. Man hätte auch sagen können, wir machen zehn Hardcore-Songs und damit ist die Bude fertig. Aber das war uns einfach nicht genug. Es waren diese 13 Demos, die es gab, und die haben es alle auf die Platte geschafft.
Philipp: Es hätte ja schon auch mehr Demos gegeben, das kann man, glaube ich, schon sagen. Uns war auch wichtig, dass wir ein Album schreiben, das war beim letzten von 2011 auch schon so. Da bin ich sehr konservativ. Ich bin Album-Hörer und muss eine Dramaturgie bekommen. Ich finde es bei Hardcore-Bands oft langweilig, wenn nur durchgeklopft wird, wie Julian gerade auch meinte. Insofern stellten wir uns schon auch Fragen: Wie ordnet man die Songs auf der Platte an? Wie gestaltet man die Übergänge zwischen den Songs? Schon allein da ist sehr viel an Arbeit reingeflossen. Es war unser Wunsch, dass das hinterher nicht sozusagen so ein Eklektizismus ist, der irgendeine bunte Collage ergibt. Die Verschiedenheit sollte letztendlich dann auch eine Stringenz haben.

Habt ihr euch vorher keine Gedanken über Streaming gemacht? Die Platte ist fast eine Dreiviertelstunde lang – aber wer beschäftigt sich heute noch mit einem Album?
Philipp: Wir haben überlegt, das Album zu kürzen und etwas runterzunehmen. Aber dann war klar, dass wir es ohnehin nur für uns machen, also haben wir alles drauf gelassen. Dass das fürs Streaming-Zeitalter eigentlich total dumm ist, ist uns klar.
Julian: Wenn es Leute gibt, die keine Zeit haben, sich darauf einzulassen, weil es zu lang ist, dann ist es eben so. Deswegen gab es auch keine weiteren Überlegungen mehr, ob wir das Streaming-tauglicher machen.

Ihr habt mich mit der neuen LP an MY HERO DIED TODAY erinnert, der Münchner Band, die 2024 noch mal vier Songs veröffentlicht hat. Deren letzter Output davor war ja 2000.
Philipp: Ja, bei uns ist es ja letztendlich auch so gekommen. Ich finde das immer sympathisch, wenn ich sehe, dass sich Bands nicht zu schade sind, sich noch mal aufzuraffen, auch wenn es bei denen, wie bei uns jetzt nicht mit riesigen Erfolgsaussichten passierte, sondern wirklich aus purem Bock. Wenn man mit einer Band, die man mal hatte, viel verbindet, mit den Leuten, mit der Musik und mit gemeinsamen Erinnerungen, dann sollte man das einfach machen. Ich empfinde das gerade als eine total berauschende Sache und verstehe mittlerweile das Konzept Reunion wirklich gut. Gerade auch bei MY HERO DIED TODAY drängte sich ja überhaupt kein Verdacht auf ökonomische Interessen auf. Man merkt da wirklich, dass es die Liebe ist, die die Leute zueinander und zur Musik haben.

Im Song „There’s only us“ gibt es die interessante Zeile: „There’s no light / There is only us“. Was bedeutet das konkret für euch?
Julian: Im Grunde genommen ist es Religionskritik und zielt darauf ab, dass die meisten Weltreligionen etwas versprechen. Wenn man sich nach irgendwelchen Regeln gut benimmt, habe man am Ende irgendwas davon. So verschenkt man allerdings die Zeit, diesen Moment zum besten Moment zu machen und Gutes bewirken können. Es gibt uns jetzt gerade und das sollten wir möglichst gut nutzen.
Philipp: Es gibt einfach ein Leben vor dem Tod.

„Silver lining“ und auch „In the rain“ erinnern mich total an HOT WATER MUSIC.
Julian: Das ist lustig, zu „Silver lining“ sagen manche HOT WATER MUSIC, andere sagen, wir erinnern sie an GASLIGHT ANTHEM, wieder andere an HIGH VIS. Und wir haben einfach nur einen Song gemacht.

Im Text heißt es unter anderem: „Listen, kid / Learn how to lose friends / Lose love / Lose yourself / And how to love your life“. In welchem Alter sagt man das seinem Kind?
Julian: Den Song habe ich tatsächlich mit meiner Tochter im Kopf geschrieben. Er ist eigentlich aber gleichzeitig auch ein offener Brief an alle Kids und auch die inneren Kinder, die wir alle noch in uns haben. Das sind auch Sachen, die ich vielleicht mal ganz gerne als Kind oder als Heranwachsender gehört hätte, als Ratschlag, also eine Art Bestärkung oder Wertschätzung. Wenn man das jemanden mit auf den Weg gibt, finde ich das einfach schön. Und das trägt die ganze Atmosphäre von dem Song.

Auch wenn die Message am Ende total positiv ist, können die ersten Parts aber auch sehr erschrecken.
Julian: Ja, aber mit dem Nebensatz ist immer noch das „aber“ dran: Dass das alles einfach auf dich zukommt, aber du immer stark genug bist und ich immer für dich da bin. Das finde ich sehr positiv und hoffnungsvoll.

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