ROLO TOMASSI

Foto© by Jake Gravbrot

Leben, als ob es ein Morgen gäbe

Seit 2005 sind ROLO TOMASSI um Sängerin Eva Korman und ihren Bruder, Keyboarder und Sänger James Spence, mittlerweile aktiv. Da wäre es doch eigenartig, wenn diese Zeit spurlos an der Band aus dem britischen Sheffield vorbeigegangen wäre. Und das ist sie auch nicht. Mit dem hibbeligen Mathcore der frühen Tage haben ROLO TOMASSI größtenteils abgeschlossen und machen auf ihrem sechsten Album „Where Myth Becomes Memory“ jetzt ihren ganz eigenen Sound, bei dem nichts als die selbstgesetzten Regeln gelten. Und auch sonst hat die Band den jugendlichen Leichtsinn hinter sich gelassen, wie Gitarrist Chris Cayford und Bassist Nathan Fairweather im Interview berichten. Allerdings nur, bis man wieder gemeinsam im Tourbus sitzt.

Zu Beginn eurer Karriere waren ROLO TOMASSI ein perfektes Beispiel für eine junge, wilde Band. Wie sieht es heute aus?

Chris: Nun, wir sind definitiv nicht mehr ganz so jung und wahrscheinlich auch nicht mehr ganz so wild. Wir sind aber immer noch genauso aufgeregt, wenn es darum geht eine Platte zu veröffentlichen und wieder Konzerte zu spielen. Ansonsten sind wir wohl ein ganzes Stück erwachsener geworden über die Jahre. Die Band ist ein absolutes Leidenschaftsprojekt für uns. Wir haben alle Vollzeitjobs, also muss es uns ja ziemlich ernst sein, wenn wir die Sache schon so lange durchziehen. Wir wissen aber die Möglichkeiten zu schätzen, die wir mit ROLO TOMASSI haben, also steigt nun die Vorfreude auf die Veröffentlichung des neuen Albums.

Stimmt, es ist wahrscheinlich nicht einfach, permanent dabeizubleiben und auch immer wieder Zeit für Aufnahmen und Touren freizuhalten.
Chris: Ja, genau. Aber wir haben eine gute Balance gefunden. Wir wollen gar nicht mehr in die Situation kommen, dass die Band für unser Einkommen entscheidend ist. Dadurch können wir unser Ding durchziehen und wissen jeden gemeinsamen Moment noch mehr zu würdigen – genau wie wir durch Corona gelernt haben, jede Show noch mehr zu schätzen.

Aber besteht dann nicht die Gefahr, dass man zu vorsichtig mit allem wird? Könnt ihr noch impulsiv sein?
Chris: Das ist ja das Ding: Wenn wir alle zusammen im selben Raum sind, passiert genau das. Es ist wie mit einem alten Freund, den man lange nicht gesehen hat. Wenn man sich wieder trifft, ist es so, als hätte man sich am Vortag zuletzt gesehen. Genauso ist es auch mit der Band. Sobald wir wieder im Van sitzen, ein bisschen verkatert, gehen die alten Spiele wieder los. Dann reist man schon mal ein paar Jahre in der Zeit zurück. Von solchen Momenten gibt es noch viele bei uns.

Verlief der Entstehungsprozess von „Where Myth Becomes Memory“ auch so unbeschwert? Eva lebt permanent in den USA und der Rest zumindest nicht in derselben Stadt.
Nathan: So stressig, wie es sich in der Theorie anhört, war es eigentlich nicht. Das Album entstand in unterschiedlichen Phasen des Lockdowns. Und als wir soweit waren, ins Studio zu gehen, war es kein Problem, für die Arbeit das Haus zu verlassen. Außerdem waren wir direkt im Studio untergebracht und somit ganz unter uns. Nur Eva konnte für die Aufnahmen tatsächlich nicht aus den Vereinigten Staaten anreisen, aber auch dafür haben wir eine Lösung gefunden. Sie war in einem Studio in New Jersey und wir haben es geschafft, alle technischen Details per Videokonferenz zu klären. Dann wurde tagsüber in England aufgenommen und danach unmittelbar in den USA weitergearbeitet. Es lief wirklich gut, weil es sich wie ein stetiger Prozess angefühlt hat.

Wann habt ihr „Where Myth Becomes Memory“ aufgenommen?
Chris: Nach einer zweijährigen Phase des Schreibens ging es im Januar 2021 für drei Wochen ins Studio. Die fertigen Master haben wir bereits kurze Zeit später abgenickt. Wir haben also noch nie so lange auf einem komplett fertigen Album gesessen wie dieses Mal. Eine kuriose Erfahrung, denn so haben sich die Songs wieder komplett neu angefühlt, als wir sie vor kurzem zum ersten Mal live gespielt haben. Aber das ist auch eine gute Sache, denn im Studio reibt man sich an so vielen Kleinigkeiten und Details auf, die der Hörer wahrscheinlich noch nicht mal mitbekommt. Und dann kommt da eine Pause, in der man sich nicht mehr mit den Aufnahmen beschäftigt. Ich glaube, ich habe die Platte ein halbes Jahr nicht gehört, nachdem sie fertig war, erst wieder, als die Vorbereitungen für die Konzerte losgingen. Dadurch klang manches für mich ganz anders, als ich es in Erinnerung hatte.

Und warst du nach sechs Monaten immer noch zufrieden mit dem Ergebnis?
Chris: Es klang halt alles viel zu neu, als dass ich es nicht hätte mögen können. Ich war ganz aufgeregt, als ich es durchhörte. Ich dachte nur: Stimmt, das haben wir ja auch gemacht. Ach, so klingt das!

Was war der Grund dafür, dass ihr so lange mit der Veröffentlichung gewartet habt? War es aufgrund der Pandemie und der damit zusammenhängenden Konzertsituation? Oder weil die Vinyl-Produktion aktuell einfach ewig dauert?
Nathan: Nichts davon. Wir wollten dieses Mal einfach sicher sein, dass alles mit genügend Vorlauf passiert und alle Dinge im Vorhinein in Ruhe geplant werden können. Das Album schon im Herbst zu veröffentlichen, erschien diesbezüglich wie ein Risiko. Es erst im Februar zu tun, hat uns die Möglichkeit gegeben, alles zu bedenken und zu sortieren. Ein weiterer Faktor war, dass wir mit einem neuen Label an unserer Seite arbeiten, und da wollten wir wissen, was dieses Team noch einbringen kann. Nachdem wir alle schon so lange in Bands spielen, war es dieses Mal ein ganz anderer Prozess. Normalerweise produziert man Musik und dann möchte man sie, koste es, was es wolle, schnellst möglich veröffentlichen. Es ist schön, auch mal etwas Zeit und Liebe in den Planungsprozess stecken zu können.

Das bringt uns wieder zurück zum Anfang. Ihr seid anscheinend erwachsen geworden. Wenn man jung und wild ist, nimmt man an einem Tag etwas auf und will es am nächsten Tag mit der Welt teilen.
Nathan: Na ja, so war es schon immer noch, als wir das Studio im Februar 2021 verlassen haben. Aber dann haben wir beobachtet, wie es andere machen, die sich mehr Zeit lassen, und festgestellt, dass dies wohl eine bessere Vorgehensweise ist.

Etwas anders zu machen, das erfordert Selbstvertrauen. Seid ihr eine selbstbewusste Band?
Chris: Sehr selbstbewusst, haha.
Nathan: Spaß beiseite. Während Chris das Album ein halbes Jahr nicht angerührt hat, war es bei James und mir das komplette Gegenteil. Wir haben es wirklich oft gehört. Und ich weiß nicht, ob sich so etwas wie Selbstvertrauen eingestellt hat, aber ich habe die Platte wirklich lieben gelernt. Dadurch ist es mir mittlerweile recht egal, wenn die Leute die Musik vielleicht anders wahrnehmen. Diesbezüglich besitzen wir wohl tatsächlich Selbstvertrauen. Wir sind sehr überzeugt davon, etwas zu veröffentlichen, das unserer künstlerischen Vision so nah kommt wie nichts zuvor.

Das mit dem Selbstbewusstsein war eine sehr offene und etwas gemeine Frage. Ich dachte dabei an die Tatsache, dass ihr nicht unbedingt Single-Material produziert. Zwar werden die Songs zunehmend eingängiger, aber trotzdem seid ihr ja noch weit entfernt davon, Popmusik zu machen. Heute muss ein Album aber möglichst viele Singles bieten, damit es promotet werden kann. Da benötigt eine Band ein gewisses Selbstvertrauen, wenn sie sich dem nicht fügt.
Chris: Das ist vielleicht einer der coolsten Aspekte an dieser Platte: Wir hatten ein neues Label und wussten nicht, welche Vorstellungen das Team beim Thema Singles hat. Natürlich war alles schon fertig produziert und an den Songs konnte nicht mehr geändert werden, aber wir fragten uns, was sie wohl als erste Single vorschlagen würden. Ulkigerweise wollten sie ursprünglich „Drip“ als erste Auskopplung – einen sechsminütigen Song, dessen Intro schon über eine Minute dauert. Nicht das radiofreundlichste Stück Musik. In diesem Moment wussten wir, dass wir mit den richtigen Leuten arbeiten, weil sie nur meinten: „Macht euch doch darüber keine Gedanken. Lasst uns den Track veröffentlichen, wir alle lieben ihn!“ Aber zurück zum Thema: Über die Verwertbarkeit unserer Musik können wir uns einfach keine Gedanken machen. Zehn Songs, alle mit drei Minuten Länge, wäre wohl nicht das, was wir aufrichtig liefern könnten. Wir wären da gar nicht in der Lage, unsere Gedanken und Ideen auf unsere Art und Weise entwickeln. Außerdem ist die Länge gar nicht entscheidend, es geht nur darum, dass es geil klingt.