© by Christoph ManglerSHIRLEY HOLMES dürften viele als ausgelassene, energetische und schräge Punk-Gruppierung kennen, die ihre Messages gerne mal zwischen den Zeilen versteckt. Das Ganze haben sie bislang oft humorvoll und mit einer gewissen Distanz gemacht. Auf ihrem neuen Album „Mein bestes Selbst“ zeigt sich das Trio überraschend persönlich, sagt aber auch, dass sich dieses „Nackigmachen“ noch nicht komplett gut anfühlt. Wieso es trotzdem dazu gekommen ist, haben uns Mel, Ziggy und Chris erzählt.
Ihr habt dem Ox bereits 2020 ein Interview gegeben. Damals war vor allem die Pandemie und die damit verbundenen Einschnitte für euch als Band ein großes Thema. Auf eurem neuen Album ist deutlich zu hören, dass sich eure Sorgen verschoben haben. Mit was für Gedanken seid ihr an die neue Platte herangegangen?
Mel: Das waren unterschiedliche Phasen. Ein Song wie „Aggressive Musik“ ist sogar noch während der Pandemie entstanden und das hört man meiner Meinung nach auch raus. Bei anderen Songs hatte sich die Welt bereits weitergedreht. Wir standen zum Beispiel auch im Proberaum, als der Krieg in der Ukraine anfing. Solche Erlebnisse fließen bei uns eins zu eins in die Songs ein. Das hört man zum einen dadurch, wie wir unsere Instrumente spielen: Wie klingen Drums und Bass? Wie sehr ballert die Gitarre? Und zum anderen daran, was unser Unterbewusstsein für Texte hervorbringt. Das ist echt total spannend.
Ziggy: Ein weiterer prägender Tag war natürlich der 7. Oktober, der Angriff der Hamas auf Israel. Auch diese Nachricht kam, als wir im Studio standen, und so etwas spiegelt sich auf jeden Fall in unserer Musik wider. Allgemein konnten wir uns von all den extremen Ereignissen der vergangenen Jahre kaum freimachen. Irgendwann kann man ja fast nur noch hysterisch lachen – oder weinen. Gleichzeitig wollten wir nicht alles nur schwarzsehen und hatten Sorge, dass das Album vielleicht zu düster wird. Insgesamt haben wir hoffentlich noch die Kurve gekriegt. Trotzdem steht die eher gute Laune der vorherigen Alben nicht mehr unbedingt im Vordergrund.
Ein Song, der für mich wegen seiner bedrückenden Stimmung heraussticht, ist „Angst & Hobbys“. In dem macht ihr deutlich, dass Unsicherheiten und Ängste aktuell eine große Rolle bei euch spielen. Hilft euch das Musikmachen, um mit solchen Gefühlen umzugehen, oder macht es sie vielleicht sogar noch präsenter?
Ziggy: Angst ist ein Thema, mit dem sich wohl alle Menschen verbinden können. Mich selbst beschäftigt es in jedem Fall leider häufiger. Mit einer Zeile wie „Andere haben Hobbys, ich habe Angst“ versuche ich, diesem manchmal erdrückenden Gefühl etwas Leichtigkeit in Form von Humor oder Selbstironie entgegenzusetzen. Ist vielleicht etwas speziell, aber eben meine Art, damit umzugehen.
Für Musikmachende können Angstzustände extrem einschneidend sein. Ist Angst ein Teil eurer Kunst oder versucht ihr, eure Musik davon unberührt zu lassen?
Ziggy: Ich glaube, dass negative Gefühle für die Kunst extrem entscheidend sind. Es gibt natürlich auch Songs, in denen es darum geht, dass alles schön ist, aber ich persönlich finde die Auseinandersetzung mit schwierigeren Themen interessanter. Ich glaube, dass das bei uns einfach dazugehört, sonst müssten wir wahrscheinlich ein anderes Genre wählen.
Mel: Ich denke ehrlich gesagt darüber nicht so viel nach. Ich gehe in den Proberaum und dann passiert irgendetwas. Bislang haben wir oft Dinge zwischen den Zeilen gesagt. Jetzt hat es sich so ergeben, dass die Texte persönlicher sind als auf unseren vorherigen Alben, und irgendwie fühlt es sich auch nicht hundertprozentig cool an, all das für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Ihr müsst also noch damit warmwerden, dass die neue Platte insgesamt persönlicher ist?
Mel: Ja, tatsächlich. Bei mir bleiben private Dinge normalerweise eher im engen Kreis und die neuen Songs fühlen sich ein bisschen so an wie sich nackig machen. Unterm Strich kam das alles aber einfach so aus uns raus und war Teil eines natürlichen Prozesses. Wir hoffen einfach, dass wir mit den persönlichen Texten anderen irgendwie helfen können, und das wäre dann das Nackigmachen wieder wert.
Noch mal zum Thema Unsicherheiten: Als Band gibt es viele Dinge, die man nicht beeinflussen kann. Vor ein paar Jahren solltet ihr zum Beispiel als Support für DIE ÄRZTE auftreten. Das Ganze fiel aber wegen eines Unwetters wortwörtlich ins Wasser. Wie geht ihr mit solchen Rückschlägen um?
Chris: Das war ein krasser Moment. Dieses Konzert wäre damals der krönende Abschluss einer langen Festivalsaison gewesen. Wir waren top vorbereitet, standen schon auf der Bühne – und plötzlich wird alles abgesagt. Aber solche Momente gehören bei einer Band einfach dazu. Man plant alles durch und plötzlich kommt etwas dazwischen. Als ich wieder zu Hause war, hatte ich das Gefühl, dass ich das alles erst mal ein paar Tage verarbeiten muss. Eine Stunde später kam aber schon die Nachricht rein, dass DIE ÄRZTE uns einen Ersatz-Gig in Konstanz anbieten und wir innerhalb eines Tages entscheiden müssen, ob wir das Angebot annehmen. Also mussten wir direkt unser kleines Team mobilisieren und schauen, wie wir das organisiert bekommen. Wir haben als Band über die Jahre gelernt, dass vieles oft nicht so läuft, wie man es sich vorstellt, sich dafür aber ganz andere Möglichkeiten ergeben.
Mel: Und dieses Learning passt auch gut in die aktuelle Zeit, in der so viel passiert und alles so viel unplanbarer geworden ist.
Ziggy: Ich finde es total gut, was Chris gesagt hat. Man muss einfach für alles offen sein, was kommt. Das habe ich am Anfang vielleicht noch nicht so gesehen und da war die Enttäuschung auch mal größer. Am Abend des abgesagten Gigs haben uns die DONOTS im Backstage auch noch zum Jahresabschlusskonzert eingeladen. Und DIE ÄRZTE haben wir seitdem ja auch noch mehrmals als Support begleitet.
Mel: Mir haben diese Erfahrungen auch in Phasen des Albumprozesses geholfen, in denen es mal nicht ideal gelaufen ist.
Haben solche Ereignisse auch mal an der Bandchemie gekratzt?
Ziggy: Natürlich gibt es manchmal Dinge, die an der Bandchemie rütteln. Es sind aber meistens nicht die großen Themen, sondern viel banalere Dinge, die für Diskussionen sorgen.
Chris: Ich glaube auch, dass so Großereignisse wie der abgesagte Gig eher zusammenschweißen. Generell gehören zu einer Band viele intensive Auseinandersetzungen und Prozesse, die wir über die Jahre echt gut gemeistert haben. Das macht uns aus und deshalb gibt es uns auch noch in der Formation. Eine Band zu sein, ist einfach etwas völlig Verrücktes. Und man muss selbst verrückt sein, um zu dritt in einem Auto zu sitzen und acht Stunden zu einem Konzert zu fahren, bei dem man noch nicht weiß, ob alles klappt.
In „Übermorgen“ geht es um Selbstoptimierung und die Schwierigkeit, die eigene To-Do-Liste abzuarbeiten. Welche Punkte auf euren Listen sind eure absoluten Endgegner?
Mel: Ich würde jetzt direkt Steuererklärung sagen, aber das wäre zu langweilig.
Chris: Bei mir sind es Berichte und alles, was mit schriftlichen Abgabeterminen zu tun hat.
Ziggy: Ich würde sagen, dass die Zeit als solche mein Endgegner ist. Der Tag müsste deutlich mehr als 24 Stunden haben, damit ich alles erledigen kann.
Nachdem wir bislang eher über ernstere Themen geredet haben, würde ich gerne noch auf den Song „Sommerstadt (Recharge me)“ zu sprechen kommen. Für mich wirkt die Nummer wie ein positiver Rettungsanker auf dem Album. War das eure Intention?
Ziggy: Der Song entstand eher aus einem Gefühl heraus. Ursprünglich sollte er „Sonnenallee“ heißen. Als sich aber im Zuge des 7. Oktobers der Kontext der Sonnenallee in Berlin änderte, haben wir den Song noch mal überarbeitet. Dabei ging es uns einfach darum, der Leichtigkeit des Gitarrenriffs nachzukommen.
Während das Album an vielen Stellen eher wie eine große Sorgenfalte klingt, wirkt der Albumtitel „Mein bestes Selbst“ auf mich wie ein Gegensatz zur Musik. Inwieweit war das beabsichtigt?
Ziggy: Das war natürlich so gewollt und der Titel ist auch sehr ironisch gemeint. Die Zeile „Mein bestes Selbst“ taucht ja auch im Song „Übermorgen“ auf. Der Song dreht sich um das Thema Prokrastination und handelt davon, dass das mit dem „besten Selbst“ gar nicht so einfach und vielleicht auch gar nicht so wichtig ist. Allgemein erzählt das Album auf unterschiedliche Weisen davon, dass der Weg zum „besten Selbst“ voller Herausforderungen ist, die einen, gerade in dieser Zeit, schnell in den Wahnsinn treiben können. Da lohnt es sich durchaus, mal die ganze Idee in Frage zu stellen.
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