STATICLONE

Foto© by Meridith Osifchin

Geheimtipp Philadelphia

Wenn man derzeit die Entwicklungen in den USA mitbekommt, kann einem Angst und Bange werden. Umso erfreulicher ist es da, wieder neue Subkulturen zu entdecken. So macht gerade Philadelphia auf sich aufmerksam, denn die ansässige Szene gehört zu einer der angesagtesten im Lande. Während man sie in den früheren Hotspots New York, Los Angeles oder auch Washington in den letzten Jahren mit der Lupe suchen musste, findet man in der größten Stadt Pennsylvanias unzählige Aktivitäten der Punk- und Hardcore-Gemeinde.

Eine der Bands, über die in den nächsten Jahren bestimmt einiges zu lesen sein wird, steht derzeit mit ihrem Debütalbum in den Startlöchern: STATICLONE. Das Quartett verwurstet auf „Better Living Through Static Vision“ so ziemlich alles, was hart ist. Wir haben Frontmann Gee Hirsch getroffen, der uns sowohl über STATICLONE aufklärt als auch einen kleinen Einblick in die sehr aktive Szene an der amerikanischen Ostküste gewährt.

Gee, hier in Europa kennt man eher die Bands aus den großen Metropolen. Szenekenner könnten bestimmt auch ein oder zwei Bands aus Philadelphia nennen, aber richtig bekannt ist eure Stadt hier nicht. Müssen wir uns jetzt alle schämen?
Niemand muss sich für irgendetwas schämen, denn wir sind ja auch ganz schön weit weg. Als ich das letzte Mal aus Europa nach Hause geflogen bin, hat es über 16 Stunden gedauert. Das sind ja Welten. Aber es ist schön, dass du nach der Szene hier fragst, denn wir haben einiges zu bieten. In Philadelphia gibt es eine richtig große Punk-Community, eine sehr aktive Metal-Szene und auch recht viele Hardcore-Bands. Das Gute daran ist, dass sich viele Bands die Musiker teilen, so dass ein großer Zusammenhalt untereinander besteht. Jeder kennt sich irgendwoher oder hat mal mit ihm oder ihr zusammen gespielt. Das ist super, denn immerhin leben hier fast zwei Millionen Menschen, wenn man die Vororte mitzählt.

Gibt es in Philadelphia auch einen Club, in dem sich fast alles abspielt? Das CBGB’s oder Whisky a Go Go von Pennsylvania?
Auf jeden Fall! Wir haben ein wirkliches Kleinod hier in der Chestnut Street. Das nennt sich First Unitarian Church of Philadelphia und ist ein historisches Gebäude, das unter Denkmalschutz steht. Es ist ein großer Kulturkomplex, im dem nahezu alles stattfindet. Von Yogakursen über Lesungen bis hin zu Konzerten. Sogar Sprachkurse und Erwachsenenbildung gibt es hier. Schon Martin Luther King hat hier Seminare besucht. Als ich Anfang der 1990er begann, mich intensiv für Musik zu interessieren, war das mein erster Anlaufpunkt. Hier werden viele Konzerte veranstaltet, von großen Sachen bis zu kleinen Matinees am Sonntag. Da hat schon alles gespielt, was ein Mikrofon halten kann. Aber nicht nur Hardcore, Metal oder Punk, sondern auch viele andere Genres werden hier bedient. Ich war auch schon auf einigen heftigen HipHop-Shows und sogar auf dem ein oder anderen Rave. Das ist es doch, was Menschen brauchen, um einander zu verstehen. Auch mal über den eigenen Tellerrand zu blicken und interessante Dinge zu sehen und zu erleben. So etwas baut Brücken und reißt Mauern ein.

Ein ähnliches Modell fahrt ihr ja auch bei STATICLONE, oder? Stilistisch kann man euch schwer einordnen. Beim Hören von „Better Living Through Static Vision“ kann man MOTÖRHEAD, BLOOD FOR BLOOD und noch eine Menge anderes heraushören, was aber schwer zuzuordnen ist. Wie würdest du euren Sound beschreiben?
Für mich ist das einfach Hardcore-Punk. Bei den von dir genannten Bands als Inspiration oder Referenz würde ich bei MOTÖRHEAD auf jeden Fall mitgehen. Die Stimme von Lemmy inmitten des derben Rocksounds vergöttern wir alle und manchmal klinge ich wirklich ein bisschen wie er. BLOOD FOR BLOOD würde ich jetzt nicht nennen, aber eine Nähe zum Hardcore haben wir auf jeden Fall. Nach New York City ist es gar nicht so weit und wir sind früher oft zu Konzerten dahingefahren. Die Szene dort kennt ja jeder und wir haben da auch oft rumgehangen. Bands wie AGNOSTIC FRONT oder MADBALL in ihrer Hometown zu sehen, ist fast schon Inspiration genug, eine eigene Band gründen zu wollen. Ich liebe den NYHC-Sound, auch die eher unbekannten Gruppen wie MAXIMUM PENALTY oder BURN. Aber es gibt noch unzählige andere Einflüsse, die bei uns eine Rolle spielen. Ich könnte jetzt stundenlang weitererzählen und die Leute damit langweilen, hahaha.

STATICLONE sind eine verhältnismäßig junge Band. Ihr habt 2021 euer erstes Demo veröffentlicht, in Eigenregie, es folgten zwei Singles auf einem lokales Label und nun seid ihr bei Relapse Records unter Vertrag, wo ihr das neue Album veröffentlicht. Das ist ein ziemlich schneller Aufstieg, oder?
Wer kann, der kann! Nein, das wäre ungerecht den Bands gegenüber, die sich tagtäglich den Allerwertesten abspielen und es nie zu einem großen Label geschafft haben. Die beiden Singles sind übrigens auf Six Feet Under erschienen. Das ist ein kleines Underground-Label hier in Philly, die wirklich richtig coole Sachen machen. Für eine Europatour von den MONGOLOIDS haben die mal eine limitierte Kassetten-Edition gemacht, die war richtig stark. Aber als wir mit STATICLONE immer mehr Konzerte gespielt haben und auch immer mehr Anfragen kamen, haben wir uns entschieden, dass wir versuchen sollten, größere Labels auf uns aufmerksam zu machen. Natürlich hagelte es reihenweise Absagen, aber unser Drummer Jeff kannte jemanden bei Relapse Records. Das Label ist übrigens auch hier in Philadelphia ansässig. Wo wir wieder einmal bei der kleinen Szene sind, in der über hundert Ecken jeder jeden kennt. Sie fanden unseren Stil wohl ganz gut und so kam eins zum anderen.

Eines der Pressefotos zeigt euch vier vor einem übervollen Schallplattenregal. Für Inspiration ist also gesorgt. Wem gehören diese Mengen an Vinylscheiben?
Das ist der Eingangsbereich von Jeffs Haus und zeigt nur einen Teil seiner Plattensammlung. Der Typ ist komplett irre, was das angeht. Er hat eine Zeit lang als Verkäufer in einem Plattenladen gearbeitet und war sein bester Kunde, haha. Besser als in der Kneipe! Aber wir sind alle absolute Sammler. Leider gibt es die Probleme mit dem Versand. Kennst du die deutsche Band SLON? Die haben ein richtig geiles Album namens „Doppelganger“ am Start. Das läuft bei mir rauf und runter, aber ich kann mir die Platte nicht als physisches Exemplar kaufen. Fast 30 Dollar würde der Versand kosten, das ist ja fast doppelt so teuer wie die Platte selbst. Jeff ist da anders, er ist schon mehrmals mit leeren Koffern nach Japan geflogen, nur um sich Schallplatten zu kaufen. Der hat von dem Land kaum was anderes gesehen als die Plattenläden.

Gee, du hast eben von den 1990er Jahren erzählt. Sowohl das Cover von „Better Living Through Static Vision“ als auch das Video zu „Honeycomb“ nehmen diesen 1990er Vibe auf und schicken den Betrachter auf eine Zeitreise. Wie kam es zu dieser Hommage an die gute, alte Zeit?
Das Cover geht auf ein Foto von Jeff zurück. Das Originalbild haben wir als Backprint für unser Shirt „Alone in Philadelphia“ verwendet. Es zeigt ein brennendes Polizeiauto auf der Hauptstraße hier vor dem Rathaus. Jeff hat es bei den Protesten um den Tod von George Floyd vor knapp fünf Jahren aufgenommen. Das Plattencover und das von dir angesprochenen Video hat ein Grafikdesigner hier aus Philly gemacht. Wir alle sind ja mit den Musikvideos von MTV großgeworden und dies greift das auf. Wo gibt es heute noch richtig coole Videos zu sehen? Das wollten wir mit STATICLONE ändern und das Ergebnis ist wirklich toll geworden.

Last but not least, besteht die Chance, euch in nächster Zeit mal hier in Europa zu sehen?
Spruchreif ist bis jetzt noch nichts, aber wir arbeiten daran. Das neue Album ist jetzt raus und dazu werden wir hier in der Gegend einige Release-Konzerte spielen. Danach ist eine kleinere US-Tour geplant und gegen Ende des Jahres könnte es passieren, dass STATICLONE euch besuchen kommen. Haltet also die Augen und Ohren offen, wir freuen uns schon auf euch.

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