STATUES

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Saurons Auge füttern

Seit Ende Oktober ist „Dopamine“ raus, das vierte Album von STATUES aus Umeå in Schweden, und wieder einmal schafft es das Trio, sich zwischen Traditionspflege in Sachen US-Punk der 1980er und der Gegenwart zu behaupten. Sänger und Gitarrist Johan Sellman beantwortete ein paar Fragen zu Stadt, Schweden und Songs.

Wer in den 1990er Jahren schwedischen Punk entdeckt hat, denkt beim Namen deiner Heimatstadt Umeå sofort an den damaligen Boom. Wie sieht die Musikszene bei euch heutzutage aus?

Sie macht gerade eine Art Verwandlung durch. Es gibt viele Bands, die proben und auftreten, aber es fehlen die Veranstaltungsorte. Das Verket ist immer noch super, ein fantastischer Ort, wo sich junge und ältere Musikfans treffen. Die Gemeinde tut nicht viel dazu, und auch die Studentenvereinigungen bekommen jedes Jahr weniger Geld. Die Politiker geben also im Grunde ihr Bestes, damit die Kids zu Hause bleiben – oder Ärger machen. Manchmal gibt es einen Lichtblick. Als REFUSED hier ihre Abschiedskonzerte spielten, ließen sie einige kleinere lokale Bands im Vorprogramm auftreten, was echt viel bedeutet. Und ab und zu gastieren ein paar tourende Bands in den lokalen Clubs – auch wenn es nicht mehr viele davon gibt. Es gibt einen neuen Veranstaltungsort namens Paviljongen, von dem ich hoffe, dass er für mittelgroße Bands geeignet ist. Trotzdem überlebt die Szene dank hartnäckiger Menschen, die sich einfach weigern, mit dem Spaß aufzuhören. Das ist wahrscheinlich das Typischste an Umeå.

Hier in Deutschland haben wir Punkbands, die Stadien füllen. Gibt es etwas Ähnliches im Norden?
Punkrock überlebt nur mit Hilfe von engagierten Menschen. Leute, die wirklich dafür brennen, sowohl junge als auch nicht mehr ganz so junge. Es gibt immer noch ein paar autonome Veranstaltungsorte im Norden, und es gibt immer noch eine Szene, die damit verbunden ist, sowie Hardcore-Fans, die Konzerte organisieren und hinterher auch noch den Boden wischen. In den 1990ern fand man überall Vertreter der verschiedensten Stile, und ich hoffe, dass wir wieder dahin zurückkommen. Es ist gefährlich für eine Musikszene, wenn sie zu sehr in Nischen zerfällt – dann fängt alles an, gleich zu klingen und gleich auszusehen. Was Bands angeht, sieht es eigentlich gut aus. Viele der älteren Bands spielen entweder rauhen Punk, modernen Hardcore oder Trallpunk, also so was wie BAD RELIGION mit schwedischen Texten. Ältere Bands, die unsere Einflüsse teilen, sind aber wahrscheinlich eher in Südschweden zu finden. Bands wie PABLO MATISSE und SWEET TEETH fühlen sich für mich in Bezug auf die Energie als auch Ästhetik immer noch wie Seelenverwandte an. Was die jüngere Generation angeht, denke ich, dass es ihnen weniger wichtig ist, sich an ein bestimmtes Genre zu binden. Sie kopieren vielleicht ein paar Punk-Klassiker, aber gleichzeitig kümmern sie sich überhaupt nicht um Kategorien – sie picken sich einfach Elemente aus allen Bereichen heraus, und manchmal entsteht dabei etwas wirklich Neues. Mir fallen gerade keine jungen Bands ein, die physische Tonträger veröffentlichen, aber hoffentlich kommt das wieder. Die Punk-Szene selbst existiert weiter – die Namen und Gesichter ändern sich, aber der Spirit bleibt bestehen. Und anders als in den 1990ern sind jetzt viel mehr Frauen dabei, zumindest hier in Umeå.

Ihr beschreibt eure Musik als „verwurzelt im Erbe von SST und Dischord“. Welche Bands müssen in diesem Zusammenhang erwähnt werden?
Wenn wir sagen, dass unsere Musik im Erbe von SST und Dischord verwurzelt ist, geht es nicht nur um den Sound – es geht um die Einstellung und die Herangehensweise. Natürlich sind HÜSKER DÜ die offensichtlichste Referenz, aber es findet sich bei uns auch ein bisschen was von DINOSAUR JR., BAD BRAINS, SOUNDGARDEN und SONIC YOUTH – die alle bei SST angefangen haben. Auf dem neuen Album gibt es sogar Spuren von Freejazz, was ebenfalls mit der experimentelleren Seite dieses Labels zu tun hat. Beide Labels waren total offen – Hardcore-Punk und eher melodischer Punk konnten da problemlos nebeneinander existieren. Vielleicht haben wir zu viele Indierock-Elemente, um dorthin zu passen, aber hey, wir kommen ja nicht aus D.C. und sind sowieso zu alt, um ständig auf Tour zu gehen. Von SST und Dischord haben wir uns auch die DIY-Einstellung abgeschaut: Alles selbst aufnehmen, die Dinge nach unseren eigenen Vorstellungen gestalten und damit nicht wirklich Geld verdienen. Die Hardcore-Wurzeln von Dischord sind bei uns immer präsent, auch wenn der Sound manchmal melodischer oder atmosphärischer ist – es ist dieselbe Energie, die uns antreibt. Letztlich nähern wir uns gerade der Songform von MINOR THREAT an – kurz, direkt und ohne unnötige Übergänge. Jeder Part muss sich seinen Platz verdienen.

Welche Rolle spielt die Verbindung einer Band zu einem Label in Zeiten, in denen die jüngere Generation Musik über Playlists und Algorithmen entdeckt?
Ein Label hat für die meisten Menschen heute keine große Bedeutung mehr. Keiner entdeckt noch Musik durch das Durchstöbern von Plattenkisten oder das Lesen von Linernotes. Für uns hat ein Label jedoch immer noch eine Bedeutung. Ich kaufe mir immer noch Alben, ohne sie vorher gehört zu haben, wenn sie auf dem richtigen Label sind. Ich arbeite auch als Musiklehrer für Kinder im Alter von 13 bis 15 Jahren, und die entdecken manchmal tolle Sachen über Chatsnap – ja, genau so geschrieben. Ich hoffe und glaube sogar, dass diese Handy-Apps ihre Einstiegsdroge für eine intensivere Beschäftigung mit Musik sein werden – wie damals bei uns die Schallplatten. Letztendlich ist es dieselbe Neugier, nur das Format hat sich verändert. Sie tauschen Links aus und ich hoffe, dass sie irgendwann auch wieder Kassetten tauschen.

Eure letzten beiden Alben sind bei Lövely erschienen. Was ist mit denen passiert?
Lövely ist pleite gegangen, was für die Bands, die gerade kurz davor waren, ihr neues Album da zu veröffentlichen, echt hart war. Wir hatten eine gute Zusammenarbeit mit ihnen und wünschen ihnen alles Gute. Wir hatten gerade unser neues Album fertiggestellt und beschlossen, das selbst in die Hand zu nehmen, und auch schnell ein neues Label gefunden, das uns unterstützt.

Ihr kommt aus dem Land, das der Welt Spotify gebracht hat und in dem Streaming schon eine große Sache war, als wir hier in Deutschland noch nicht mal den Namen dieses Unternehmens buchstabieren konnten.
Streaming hat alles verändert, zum Guten und zum Schlechten. Es hat Musik zugänglicher gemacht, aber auch einen Großteil der lokalen Musikkultur zerstört. Wir sind damit aufgewachsen, Bands über Freunde, Fanzines und Plattenläden zu entdecken – physische Formate zu finden, die uns alles bedeuteten. Jetzt hat man alles in der Hosentasche, aber irgendwie fühlt es sich auch kleiner an. Ich erinnere mich, wie ich Musik über Napster gesammelt habe – plötzlich hatte ich alles, aber am Ende habe ich es weniger gehört. Schweden war beim Streaming seiner Zeit voraus. Vielleicht haben wir es zu schnell akzeptiert – vor lauter Stolz auf die Technologie, aber blind dafür, was wir dafür aufgegeben haben. Seit dem Aufstieg von Napster geht es bei Musik nur noch darum, innerhalb weniger Sekunden die Aufmerksamkeit des Users zu gewinnen. Ich finde mich darin nicht mehr wirklich zurecht, deshalb nutze ich Streaming hauptsächlich für Podcasts – und höre stattdessen meine Schallplatten.

Die neueste Funktion von Spotify ist, dass immer mehr Metadaten gespeichert werden, etwa die Stimmung der Musik und des Inhalts durch Schlüsselbegriffe.
Spotify, oder auch Daniel Eks Mordor, wie ich es nenne, ist ein notwendiges Übel, mit dem wir als kleine Band leider leben müssen. Wir lehnen so ziemlich alles ab, wofür es steht – außer diese eine Sache, die wir tatsächlich sehr zu schätzen wissen, nämlich dass unsere Musik dadurch für jeden überall verfügbar ist. Wenn es eine echte Alternative gäbe, würden wir sofort wechseln. Vielleicht könnte Tidal unser Valinor sein, immerhin gibt es etwas bessere Bedingungen für die Bands. Aber so wie es ist, müssen wir das Auge von Sauron füttern und so tun, als würde er keine Armee aufbauen, um die Subkultur komplett zu übernehmen.

Was gibt es dir emotional, Teil einer Band zu sein?
Wir treffen uns einmal die Woche und proben. Es ist das Beste überhaupt, etwas Kreatives mit einer Gruppe cooler Leute zu machen, mit denen man gerne zusammen ist. Ich liebe es total, Songs zu schreiben, das ist fast schon nicht mehr gesund. Aber es hilft mir, mit dieser kranken Welt zurechtzukommen. Ich glaube jetzt nicht, dass morgen die Welt untergeht, und es war sicher nicht toll, die Weltkriege zu erleben, aber es gibt aktuell Dinge, die mir wirklich Angst machen. Zum Beispiel der Abbau unabhängiger Medien und Forschung. Mich in Indierock- und Punk-Songs darüber auszulassen, hilft mir extrem, damit umzugehen. Mir ist bewusst, dass es ein Privileg ist, Musik zu machen, die die Leute hören wollen. Und das wäre für ein paar alte Knacker aus dem Norden Schwedens ohne die Technologie, die sie angeblich so hassen, gar nicht möglich.

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