TALCO

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Lockdown-Maskerade

Die italienischen Ska-Punks TALCO wollten 2020 eigentlich ihr neues Album „Videogames“ herausbringen. Ein reguläres. Veröffentlicht wird demnächst aber nicht „Videogames“, sondern „Locktown“. Das enthält keinen Punkrock, sondern eher akustischen Folk. Vor allem aber wird es unter dem Namen eines während der Corona-Krise entstandenen Nebenprojekts namens TALCO MASKERADE unters Volk gebracht. Was es damit auf sich hat, legt uns, neben einigen interessanten Künstleransichten, Frontmann Tomaso „Dema“ De Mattia dar.

Was hat es mit dem Projekt TALCO MASKERADE auf sich?

Das ist entstanden aus einer spontanen Idee. Es hat uns erlaubt, diesem schwierigen Jahr 2020 mit Hoffnung zu begegnen. Es hat der Band erlaubt, etwas zu tun. TALCO MASKERADE verkörpert quasi unsere Folk-Seele – also jene Facette von TALCO, die früher mal eine größere Rolle gespielt hat. Auf unseren letzten Alben nahm der Punkrock dem Folk viel Raum weg, was zwar eine natürliche Entwicklung war, dennoch hat mich die Erinnerung an die damalige Zeit zuletzt doch gereizt. Und während des Lockdowns begann ich eben, viele von italienischem und amerikanischem Folk beeinflusste Songs zu schreiben. Wir erdachten uns diese Art Parallelwelt und trennten, wenn du so willst, die Seele der Band in zwei Teile: Punk und Folk. Ich weiß, das klingt jetzt ein bisschen ...

... seltsam?
Ja. Wie bei Harry Potter, haha. Aber es ist wirklich nichts Magisches. Es ist der Weg, die beiden ursprünglichen Elemente des TALCO-Sounds gemeinsam hervorzuheben.

Euer Album trägt den Titel „Locktown“. Wir wissen natürlich alle, worauf dieser Titel anspielt. Ist „Locktown“ demnach eine Art Corona-Konzeptalbum oder eher ein von Corona inspiriertes Album, das thematisch weiter gefasst ist?
Lass mich etwas weiter ausholen. Wir alle wissen, wie schwierig diese Momente zuletzt für uns alle waren. Doch für mich ist diese negative Zeit paradoxerweise ins genaue Gegenteil umgeschlagen. Sie bescherte mir mehr Positivität in meinem Leben. Diejenigen, die mich kennen, wissen, dass mir Geld schon immer weniger wichtig war, als meine Träume zu verwirklichen. Meine Vorstellung von Reichtum besteht darin, das zu haben, was ich zum Leben brauche. Vielleicht mit einem Notgroschen extra, haha. Und ich denke, es ist genau das, was mir hilft, solch schwierige Zeiten mitunter sogar zu genießen. Weil ich dann nämlich sehr stark reflektiere und mich noch intensiver auf mein engstes Umfeld konzentrieren kann. Soll heißen: ich denke dann noch mehr nach. Und diese Gedanken wollte ich eben in ein Album fließen lassen. Ich habe mich nie für platte Slogans begeistert. Ich möchte versuchen, die Musik als Therapie zu nutzen und als Ausdruck meines seelischen Unbehagens über das, was mich bewegt und stört. Denn das ist für mich die Definition und der Nutzen von Kunst.

Wahre Kunst entsteht also in den Situationen, in denen man nicht nur das Schöne im Leben sieht?
Ja. Und man sollte sich nicht schämen, Unbehagen zu kanalisieren, eben in Musik. Erst das gibt einem eine gewisse Stabilität im Leben. Und hier sind wir bei der Antwort auf deine Frage: Genau das ist „Locktown“ für mich. Es geht um meine Gedanken angesichts des Verhaltens der Menschen im vergangenen Jahr. Und natürlich auch um jede Form von Egoismus in Zeiten der Pandemie.

Eigentlich wolltet ihr ja als TALCO das neue Album „Videogame“ veröffentlichen, musstet diesen Plan aber wegen der Pandemie fallen lassen. Wie hart hat Corona euch als Musiker getroffen? Und wie ist die Situation für Künstler im Allgemeinen in Italien?
Na ja, das Einzige, was wir nicht wie in den vergangenen Jahren machen konnten, war auf Tour zu gehen. „Keine Kleinigkeit“, wirst du jetzt sicher sagen.

So ist es. Das muss einen Musiker doch treffen.
Ja. Das tut es auch, da stimme ich dir zu. Aber Musik ist in erster Linie eine Leidenschaft, und sie live auszudrücken ist ein immenses Glück. Aber es ist eben auch nur ein Teil dieser Leidenschaft. Sie täglich zu leben bedeutet auch, sich zu Hause einzuschließen – was mir nun sehr gut gelungen ist, haha –, endlos auf der Gitarre herumzuspielen, neue Songs zu schreiben, nach neuen Zielen zu suchen, sich zu verbessern. In diesem Sinne hat sich bei mir also nicht viel verändert. So verrückt es klingt, ich hatte viel mehr Zeit, mich der Musik zu widmen. Man kann sagen, die Zeit des Stillstands war für mich ein Grund für noch mehr Arbeit. Sie gab mir die Möglichkeit, mich weiterzuentwickeln und Neues auszuprobieren. Davon handelt auch der Song „Fine di una storia“: Ich war zum ersten Mal in meinem Leben in der Lage, die Zeit rein nach meinen Bedürfnissen zu gestalten. Und was nun die Lage der Kulturschaffenden in Italien angeht: Was wir leisten, ist hier noch nie als Arbeit betrachtet worden – einfach weil wir das tun, was uns gefällt. Arbeit ist der italienischen Mentalität gemäß völlig losgelöst von Leidenschaft. Und das ist auch der Grund, warum wir als minderwertige Spaßmacher angesehen werden. Ohne jede Hilfe oder Rücksichtnahme. Gerade jetzt, da die Pandemie wütet.

Was kann da Abhilfe schaffen?
Wenn man es philosophisch ausdrücken möchte: Eigentlich bräuchte es eine Kunst- und Kulturrevolution, in der künstlerische Individualität gebündelt wird und über das Kollektiv eine Solidarität mit Chancengleichheit erreicht. Aber das ist utopisch, wenn man sich die heutige Unterhaltungsbranche anschaut. Zu diesem Thema habe ich für „Locktown“ den Song „Freak“ geschrieben. Er handelt von einem verstümmelten Clown, der von den Zuschauern verspottet wird, die ihn tanzen sehen. Er ist allein, aber auch auf seine Weise ein positiv Verrückter, der sich trotz allem irgendwie vom Glück ernährt: Weil seine Vorstellungskraft es ihm erlaubt, dem, was er tut, mit Leidenschaft nachzugehen. Genau das ist das Glück, das die Kunst einem schenkt. Es ist eine Befriedigung, die ein oberflächliches Publikum, das von seinem Alltag frustriert ist, niemals wird nachvollziehen können.

Ihr kommt aus der Umgebung von Venedig. Die Stadt ist normalerweise das ganze Jahr durch von Touristen überlaufen. Was ist das für eine Atmosphäre, die dort jetzt herrscht in der, wenn man so will, „Locktown“?
Es gibt unglaubliche Fotos von Venedig während der Pandemie, die zum einen gespenstisch wirken, zum anderen aber auch poetisch, weil sie beim Betrachter den Respekt erzeugen, den man vor der Schönheit dieser Stadt einfach haben muss. Das Wasser der Lagune ist dank dieser Menschenleere so klar und die Kunst dort, das künstlerische Erbe, derart frei zu betrachten, das ist ein Gegengewicht zu all dem Gespenstischen. Es sollte uns alle zum Nachdenken anregen, wie sehr die Raserei der heutigen Zeit diese Schönheit gefährdet.

Im Video zu eurem bereits acht Jahre alten Song „La danza dell’autumno rosa“, der im neuen musikalischen Gewand auch auf „Locktown“ vertreten ist, verwendet ihr zahlreiche symbolische Elemente, die sich auf politische Agitatoren beziehen. Zudem kommt darin eine Gruppe Menschen vor, die eine Revolution anzettelt und an die Graphic Novel „V for Vendetta“ erinnert. Wenn ich mich nun so umschaue, wenn ich Parteien wie die AfD in Deutschland sehe oder die Aluhüte, die versuchen, Corona zu leugnen, dann denke ich: Dieser Song und dieses Video sind noch aktueller als 2012.
So ist es. Und auch dafür steht „Locktown“. Das Corona-Virus hat das Schlimmste in unserer Gesellschaft zum Vorschein gebracht – auf allen Ebenen. Und ich denke, die Wurzel allen Übels liegt in den sozialen Medien. Nicht in den sozialen Medien an sich, sondern darin, wie sie genutzt werden. Diese Vorstellung, es sei demokratisch und Ausdruck von Meinungsfreiheit, jemanden zu demütigen wegen eines Kommentars, ist so, als ob jemand in dein Haus kommt, nachdem er draußen auf der Straße in Scheiße getreten ist, nur weil er glaubt, dass es seine persönliche Freiheit ist, seine Schuhe auf deinem Kissen abzuwischen. Freiheit aber beruht zwingend auf Gegenseitigkeit und Respekt.

Was wird aus dem angesprochenen neuen TALCO-Album?
„Videogame“ wurde kurz vor Beginn der Pandemie fertig und wir haben uns entschieden, es dann herauszubringen, wenn wieder Normalität eingekehrt ist und wir die Konzerte wieder so erleben können, wie sie einmal waren.

Corona-konforme TALCO-Konzerte sind nicht drin?
Nein. Stand jetzt nicht. Mir käme es jedenfalls seltsam vor, eines unserer Sets vor sitzenden Menschen zu spielen.