© by Dominik DabrowskiWas 2014 über Nacht mit einem selbst hochgeladenen Video begann – „Immer und ewig“ von der EP „Licht“ –, wurde mit den Konzeptalben „Machtwort“ (2015) und „Zwischenwelt“ (2019) fortgesetzt. Dazwischen erschien noch die NRW-Orange County-Collab-EP „Compilation Of Unity“ (2017) mit LASTLIGHT. Seit der 7“ „Fokus“ ist nun Dennis (STILL SCREAMING, BRIGHTSIDE, RYKER’S) mit dabei und teilt sich den Gesang mit Matzo. Mit „Karma“ erzählen die Nordrhein-Westfalen die Geschichte von „Machtwort“ und „Zwischenwelt“ weiter, wie gewohnt mit massig Energie. Ich traf die beiden Sänger zu einem sehr ausführlichen Videocall.
Die neue LP beginnt mit dem Track „Nerv“, der stark an „Schatten“, den Opener der ersten EP „Licht“, erinnert. War das Absicht, warum diese Referenz?
Matzo: Ja, das war so gedacht, das Stück fängt eigentlich genau so an. „Nerv“ war wieder gedacht als kleine Ohrfeige zu Beginn, wenn du einschaltest und gar nicht weißt, was das jetzt ist, und es eigentlich ein zweites Mal hören musst, um zu verstehen, was gemeint ist. „Schatten“ beschäftigt sich mit der Thematik, durch Konsum ruhiggestellt zu werden. Doch dadurch, dass du dich nur mit diesen äußeren Umständen beschäftigst, wirst du nicht zu deiner eigenen, inneren Wahrheit finden. „Nerv“ nimmt das auf: Du merkst, dass sich nichts verändert hat, und fragst dich, wie fest man den Nerv noch drücken muss, damit man das irgendwann versteht. Auf die Band bezogen bedeutet es für mich, dass viel geschrieben und gesagt wurde und sich nicht gerade viel verändert hat.
Wenn man eure zwei Singles mal außer acht lässt, ist es das dritte Konzeptalbum in Folge. Gibt es eine inhaltliche Klammer, beziehen sie sich aufeinander?
Matzo: Bei „Machtwort“, der ersten LP, haben wir uns den Lebensweg und die verschiedenen Phasen eines Menschen angesehen und wie er mit sich und der Welt verbunden ist. „Zwischenwelt“ hat diesen Menschen in einer Zeit begleitet, in der er überfordert ist, in der immer dichteren, globalisierteren Welt Antworten auf all die komplexen Fragestellungen zu finden, die sich ergeben. „Karma“ ist der nächste Entwicklungsschritt: Ja, es ist alles enorm kompliziert, es gibt aber einfache Prinzipien, die gelten. Es geht um Ursache und Wirkung. Wenn ich einen Apfelbaum will, nehme ich dafür Apfelsamen. Wenn ich Pfirsich pflanze, bekomme ich keinen Apfelbaum. Ich werde auch keine Liebe zurückbekommen, wenn ich Hass gebe. Das haben wir auf „Karma“ auf das Individuum und auch auf die globalen Kontexte bezogen. Die Single „Fokus“ war das Zwischending. Es war nach Corona und wir wollten etwas Positives rausbringen und sagen, dass man sich auf das konzentrieren soll, was man selbst steuern und ändern kann, und sich nicht nur damit beschäftigen, was gerade in China war oder was Trump wieder gesagt hat. Das war der Übergang zu „Karma“: Es gibt Prinzipien und Tugenden für dich, und wenn du dich danach richtest, kannst du dein Leben auch in die Hand nehmen und einen geraden Weg gehen.
Wenn man Liebe geben muss, um Liebe zurückzubekommen – wie soll das konkret funktionieren mit Leuten, die völlig narzisstisch sind? Solche Menschen werden in einem Gespräch nur zustimmen, wenn du bei ihnen zu allem ja sagst, auch wenn es totaler Blödsinn ist. Das Extrembeispiel ist jetzt Trump.
Dennis: Die Frage ist, ob man mit solchen Menschen überhaupt weiterkommen muss. Mit Leuten, mit denen ich keine Ebene habe, muss ich nicht auf Teufel komm raus klarkommen. Ich kann sie ziehen lassen. Ansonsten ist es für mich ja verschwendete Lebenszeit.
Die Frage ist eher so gemeint, ob das Prinzip die Formel für den Weltfrieden ist – für mich funktioniert es nicht. Niemand wird Trump bei irgendetwas überzeugen können.
Matzo: Ich habe so ein kleines Buch vom Dalai Lama, in dem immer nur so kurze Gedankengänge von ihm stehen. Das Prinzip von Gandhi, seine Wange auch dann noch hinzuhalten, wenn man schon einen Schlag abbekommen hat, kann es ja nicht sein. Beim Dalai Lama gibt es dagegen einen Unterschied zwischen Gleichgültigkeit und Gleichmut. Es kann dir zum Beispiel gleichgültig sein, wie Trump drauf ist. Gleichmut hingegen bedeutet für mich zu akzeptieren, dass der nun mal da ist. Und das bedeutet gleichzeitig auch, dass wenn etwas Ungerechtes passiert, man auch etwas dagegen tun muss. Was nicht in Gewalt ausarten muss – es gibt viele Mittel und Wege, seine Stimme zu erheben. Etwa sich aufstellen, zusammentun, mobilisieren oder was auch immer.
Wie ist es live, wenn ihr quasi zwischen den Kapiteln hin- und herspringt? Stört es euch manchmal und würdet ihr gerne eine Platte am Stück spielen?
Dennis: Ich kann mir vorstellen, dass Matzo gerne eine Platte am Stück durchspielen würde, für mich ist es das bessere Konzept, die besten Songs von allen Platten zu spielen, da ich nicht so tief in die Philosophie des Gesamtkonzepts eingestiegen bin. Ich würde auch nicht unbedingt ein Album durchspielen, weil es den einen oder anderen Song gibt, den ich live nicht singen will, da haben wir öfter Diskussionen. „Omega“ ist zum Beispiel so einer, weil ich den einfach nicht fühle, obwohl es ein klasse Song ist. Ich habe für mich die Songs und Texte herausgesucht, die mir persönlich was bringen in den verschiedenen Situationen und Lebenslagen, in denen ich mich gerade befinde. Genauso ist es auch mit „Karma“ – wir haben uns die Texte aufgeteilt. Ich habe eher so die persönlicheren Texte geschrieben, die wir auf das Gesamtkonzept gemünzt haben. Es ist einfach eine individuelle Betrachtungsweise.
Ihr seid beide Sänger und Songschreiber. Wie sieht bei euch der Ablauf aus?
Dennis: Manche Songs fühlt man direkt, wenn man sie hört. Bei solchen habe ich dann immer sofort einen Refrain im Kopf, wie etwa bei „Waffe“. So ergibt sich das dann. Beim Schreiben tauschen wir uns dann miteinander aus. Wir schicken uns die Texte und ergänzen sie gegebenenfalls. Der Grundstein wird einzeln gelegt, was wir dann vom Song abhängig machen. Je nachdem, wer den Song besser fühlt, der schreibt dazu dann den Text.
Matzo: Manchmal setzen wir uns mit den Texten auch zusammen und gehen noch einmal gemeinsam drüber, wobei meist auch noch viele Ideen entstehen.
Nach und nach drifteten viele Länder noch weiter nach rechts als ohnehin schon, wie Ungarn, Österreich oder Italien. Den größten Schritt haben jetzt die USA gemacht. Habt ihr eine Idee, warum das so wurde, wo es uns „im Westen“ platt gesagt doch lange so gut ging, wie noch nie? Vor ein paar Jahren haben wir darüber gesprochen, dass eine ganze Generation positiv nach vorne geht. Bei Fridays for Future waren ja weltweit Millionen auf der auf der Straße. Heute hat sich der Zeitgeist genau umgekehrt.
Matzo: Meiner Ansicht nach spielen Social Media eine große Rolle, da nur eine Seite richtig verstanden hat, wie man diese richtig bespielt, also Propaganda macht. Dazu weiß ich nicht, wie die Algorithmen ticken oder welche KI-Bots da rumschießen. Das haben die demokratischen Parteien irgendwie nicht auf dem Schirm, jedenfalls sind die da nicht.
Die Linke plötzlich doch – und schon schießen sie in den Umfragen nach oben ...
Matzo: Ja, es gibt dazu ja noch die verschiedenen Funktionssysteme, nehmen wir mal Bildung, Gesundheit, Recht, Politik und so weiter, die mit verschiedenen „Gegensatzpaaren“ funktionieren. Ökonomie ist „Geld haben – kein Geld haben“, Gesundheit ist „gesund sein – krank sein“, Politik „Macht haben – keine Macht haben“, Bildung ist „Wissen – kein Wissen“ und so weiter. Mittlerweile hat die Ökonomie allerdings alle der anderen Systeme infiltriert. Es geht im Gesundheitssystem gar nicht mehr darum, ob ich krank oder gesund bin, sondern darum, ob man bei einer Operation Geld verdienen kann oder nicht. Und danach wird gehandelt. In der Politik ist es mittlerweile genauso. Das beste Beispiel ist wieder Trump, der das als Geschäftsmann betreibt und Deals aushandelt oder eben nicht.
Und somit werden Feinde zu Freunden. Jetzt, da es ums Geldverdienen geht wie mit der Ukraine, stehen sie sich plötzlich ganz nah.
Matzo: Genau.
Dennis: Wir hatten gerade das Thema soziale Medien, in denen die AfD mit ihrer Desinformation die größte Rolle spielt. Dort werden gezielt Influencer genutzt, um Ängste und Verschwörungstheorien zu verbreiten und Vorurteile zu festigen. Meine größte Sorge ist, wenn du nicht mehr weißt, ob die Person vor dir auf dem Bildschirm real ist und sie das gesagt hat, was du hörst. Es sieht genauso aus, die Stimme ist dieselbe. Du weißt aber nicht, ob das echt ist. Und genau solche Parteien wie die AfD nutzen dann so etwas aus. Was uns dazu bei Corona erstmals auf die Füße gefallen ist, ist die Tatsache, dass es im Internet kein Bewertungssystem gibt. Du kannst auf Amazon ein paar Sternchen vergeben und das war’s dann auch.
Und nachdem eine Seite wie Facebook verpflichtet wurde, aufgrund eines Faktenchecks Lügen herauszunehmen, hat sich das jetzt auch wieder erledigt, weil Trump das rückgängig machen ließ.
Dennis: Genau. Du siehst es ja immer wieder. Das beste Beispiel: Wenn etwas passiert, waren es laut Internet sofort „die Migranten“, auch wenn es überhaupt noch keine offizielle Meldung gab.
Mit „Karma“ seid ihr auf Cargo gelandet. Wie kam das zustande?
Matzo: Bei „Zwischenwelt“ hatten wir eigentlich schon den Wunsch, mit einem Label zusammenzuarbeiten, das eine größere Reichweite hat. Das ist wohl auch so ein Social-Media-Ding. Du postest etwas und der Algorithmus sorgt dafür, dass es die Leute sehen, die dich eh schon kennen. Und so bleibst du in deiner Bubble. Wir haben immer auf Konzerten neue Leute dazugewonnen. Der digitale Bereich ist aber nicht unser Steckenpferd. Deshalb war der Gedanke, dass wir vielleicht ein Partnerlabel finden könnten, das uns an dieser Stelle mehr Unterstützung geben könnte. Es hat sich dann so ergeben, dass unser Gitarrist Tim, der selbst mal da gearbeitet hat, Micha von Cargo getroffen hat. Tim hat uns dann gefragt, ob wir nicht einfach mal bei Cargo anfragen sollen, was wir auch gemacht haben. Im Nachhinein haben wir uns gewundert, dass wir das nicht schon vorher gemacht haben, da sie ihren Sitz in Wuppertal, quasi um die Ecke von unserem Proberaum haben. Das ist natürlich super, weil man zwischendurch einfach mal hingehen kann, um Hallo zu sagen oder einfach mal eine Frage zu stellen. Es ist super, dass sie uns genau das geben können, was wir brauchen. Und sie konnten sich gut vorstellen, mit uns als Band zu arbeiten, in Bezug darauf, was wir auch als Message mitbringen. Und nach der ersten Zeit kann man sagen, dass es genau der richtige Schritt war.
TAUSEND LÖWEN UNTER FEINDEN sind ja jetzt zehn Jahre am Start. Was könnt ihr beide im Rückblick sagen? Auch wenn ihr eine unterschiedliche Geschichte mit der Band habt.
Dennis: Ich bin ja erst seit der letzten EP dabei. Aber tatsächlich habe ich das ganze „Löwen-Leben“ mit begleitet. Die erste EP ist damals auf meinem Label Ready To Fight erschienen. Die haben wir damals völlig DIY gemacht, selbst gestempelt, das Cover gemacht, selbst rausgebracht und auch selbst vertrieben. Insofern war ich ein kleiner Teil der Mannschaft und habe mich bei letzten EP „Fokus“ umso mehr gefreut, jetzt richtig zum Team zu gehören. Außerdem verbindet Matzo und mich schon eine lange Freundschaft, wir haben auch schon bei STILL SCREAMING zusammen gesungen. So führen wir unsere gemeinsame Bandgeschichte mit TAUSEND LÖWEN UNTER FEINDEN fort.
Matzo: Ich knüpfe da an und möchte auf den Grundgedanken der Band kommen, da der bei „Karma“ noch mal ganz besonders rausgekommen ist. Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir ein Kollektiv sind und nicht nur die einzelnen Mitglieder, die auf der Bühne stehen. Es geht zunächst mal um die Message und darum, dass hier Freunde etwas zusammen machen. Dazu gehören neben den Musikern eben auch die Grafiker, die Leute, die im Studio etwas aufnehmen, die Flyer basteln, die Konzerte veranstalten, die die Songs hören, die Massage weiterverbreiten – das ist alles Teil dieser Band. Das ist ja genau das, was Dennis gemacht hat: Er hat bei „Licht“ mitgesungen, die EP auf seinem Label herausgebracht und ist teilweise bei Shows für ein Feature mit auf die Bühne gekommen. Oder auch unser ehemaliges Bandmitglied Basti, der nach „Zwischenwelt“ ausgestiegen ist, hat jetzt für „Karma“ ein Klavierstück produziert. Dann ist jetzt Cargo noch dazugekommen mit Leuten, die mitziehen und das Ding promoten. Dieser Kollektiv- und Freundschaftsgedanke zieht sich einfach durch die ganze Bandgeschichte durch und das ist total schön. Dass der Grundgedanke der Band letztlich aufgeht, ist für mich das Highlight.
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