Unter Augenhöhe

Foto© by Stephan Moeller

LSD: Abhängigkeit von der Frontsau

An wen denkst du zuerst, wenn ich BEATSTEAKS, DACKELBLUT, PASCOW oder THE BABOON SHOW sage? Wahrscheinlich nicht an Bernd Kurtzke, Heiner Ebber, Swen Pascow oder Frida Ståhl, sondern an Arnim, Jens, Alex und Cecilia. Und woran denkst du zuerst beim Begriff LSD? Sicher nicht an das häufig verspottete Phänomen der „Lead Singer Disease“, mit der der exponierte und vermeintlich überhebliche Charakter von Band-Frontleuten beschrieben wird.

Per Definition meint „Lead Singer Disease“ also das auffällige Ego-Verhalten von Frontpersonen – leider immer noch meistens Frontmänner –, die durch das stetige Rampenlicht und die Aufmerksamkeit der Fans abheben. Innerhalb von Bandkonstrukten ist dieser Begriff meist ironisch konnotiert. Merkmale einer unter der „Lead Singer Disease“ leidenden Frontperson könnten zum Beispiel eine allgemeine Sonderbehandlung, Dünnhäutigkeit bei Kritik, Dominanz bei Bandentscheidungen oder die Suche nach Bestätigung sein. Aber auch bei minimaler Verspätung beim Einladen werden aus Bandkreisen Sprüche wie „Elfmeter ohne Torhüter:in“ versenkt. Im schlimmsten Fall kann LSD dazu führen, dass sich Bands auseinanderleben und schließlich auflösen. Keith Richards verwendete den Begriff 2010 in seiner Autobiografie im Zusammenhang mit Mick Jaggers Verhalten als Frontmann. Kürzlich tauchte der Begriff auch im Podcast „Hotel Matze“ in einem Interview mit Heidi Reichinnek auf. Grund genug, sich diesem Thema als Frontsänger einer mittelkleinen Punkband selbstreflexiv – unter Augenhöhe – und höchst subjektiv zu nähern.

Leadsänger:innen geben der Band in der Regel ein Gesicht, stehen auf Fotos meistens in der Mitte und live ebenfalls im Zentrum der Aufmerksamkeit. Ich selbst bin Leadsänger „meiner!“ Band LETO und werde von „meinen!“ Bandmitgliedern regelmäßig – meist liebevoll – als „Planet“ betitelt. Im Songwriting-Prozess fordere ich „meine!“ Band süffisant mit dem ironischen Zusatz „spielt Marionetten!“ zur Umsetzung „meiner!“ „grandiosen!“ [sic] Ideen auf.

Nachdem ich vor zwei Jahren die Gitarre an unser neues Bandmitglied Davie abgegeben hatte, weil mir die Kombination aus Schreien, Singen und Gitarrenspiel allmählich zu komplex geworden war, nahm ich sofort das veränderte Augenmerk des Publikums wahr. Die Blicke folgten mir auf Schritt und Tritt. Klar, mit nur einem Mikrofon in der Hand fällt Bewegung viel leichter. Und da, wo Action ist, wird eben hingeguckt. Allerdings nahm ich auch fernab von Bühnenbewegung ein neues Maß an merkwürdig anmutender Aufmerksamkeit durch das Publikum wahr, das mit meiner neuen Position in der Band einherging. An dieser Stelle sei nur kurz angemerkt, dass mein erster Auftritt ohne Gitarre im rappelvollen SO36 als Support für LOVE A stattfand, ohne dass ich wusste, wie ich mich als Frontsänger bewegen sollte. Zu meinem Glück richteten Intuition, Emotion und eine relativ anstrengende Gesangstechnik meinen Körper. Es bleibt der Grundsatz: Authentizität vor Ästhetik!

Während ich das hier schreibe und dabei meiner vorab erstellten Textgliederung folgen möchte, merke ich, dass ich in all den Jahren als Musikschaffender eigentlich kaum einer Leadperson begegnet bin, auf die die oben beschriebene Definition zutrifft. Ich muss ein Zwischenfazit ziehen: Punk und ernsthafte LSD schließen sich im Grunde aus. Allüren und Egotrips entstehen doch da, wo der Erfolg zu Kopf steigt. Im unmittelbaren Umfeld von LETO kämpfen eigentlich alle Bands um Plattenverkäufe, um jedes einzelne Konzertticket im Vorverkauf und darum, die Busmiete für den nächsten Weekender bezahlen zu können. Im weitesten Sinn sind Allüren und Ego im Punk-Genre zum Glück immer noch verpönt. Meiner Erfahrung nach liegt der Fokus eines Konzertabends in fast allen Fällen darauf, dass Band und Publikum eine gute Zeit haben. In fast 20 Jahren Live-Musik bin ich nur äußerst selten Menschen begegnet, die die Band zur reinen Erhöhung ihres eigenen Selbst nutzten.

Dazu spricht sich unsoziales Arschlochverhalten von Bands gerade im Live-Sektor schnell rum. Szenerestriktionen wirken eben doch noch, sei es bei Cateringwünschen, laut denen M&M’s nach Farbe vorsortiert werden sollen, oder bei übergriffigem und vulgärem Machtverhalten des Frontsängers während des Soundchecks. Anstatt mit zu großen Egos quälen sich Bands mit ganz anderen internen Sorgen herum. Da ist der Schlagzeuger, der nach dem Konzert immer schnell los möchte. Da ist der Frontsänger, der wieder nicht sein Gesicht für die ach so wichtige Instagram-Kampagne zur Verfügung stellen möchte. Oder die Bassistin, die um 21:30 Uhr die Probe verlässt, weil am nächsten Tag um 6:30 Uhr der Wecker für die Lohnarbeit klingelt. Oder die Tontechnikerin, die kurz vor dem Festivalauftritt absagen muss, weil sich statt des Tour-Wochenendes ein deutlich lukrativerer Job aufdrängt, der aus monetären Gründen angenommen werden muss. Notiz an mich selbst: Die „Lead Singer Disease“ ist wahrscheinlich doch nur in mir relativ fremden Gefilden, wie der Alsterdorfer „Sporthölle“ oder der Barclays Arena in Hamburg, virulent.

Aber auch kleine Bands lösen sich aufgrund persönlicher Differenzen zuhauf auf. Anstelle aufgeblasener Egos gibt es bandinterne Diskussionen, die sich um den Spagat zwischen Lohnarbeit und dem zeitlich und finanziell belastenden Megahobby Band drehen. Meiner Beobachtung nach scheitern Bands häufig an einem unterschiedlichen Maß an Hingabe. Ein Bandmitglied glaubt fest an das Projekt und investiert Zeit, Muße und Geld, während das andere nur zur Probe erscheint und „mitspielt“. Unausgesprochene Konflikte hinsichtlich der Aufgabenverteilung werden im Tourbus von Auftritt zu Auftritt durch die Lande gefahren, nicht geklärt, und sorgen später für unüberwindbare Differenzen zwischen den Mitgliedern. In der Punk-Szene gibt es gar kein Problem mit zu großen Egos und LSD, sondern eher mit mangelnder Kommunikation bei der Aufgabenverteilung.

Zeit für die Selbstdiagnose und Therapie – dafür ist diese Kolumne schließlich da. Wie ist es eigentlich bei LETO? Habe ich LSD, liebes „gutefrage.net“? Haben wir ein Kommunikationsproblem? Bin ich wirklich der Planet und wenn ja, ist das für mich und die anderen okay? Und wie sieht die Aufgabenverteilung aus? Wie bereits erwähnt, habe ich als reiner Sänger der Band eine neue Rolle, die sich vor allem bei den Proben offenbart. Ohne Instrument um den Hals ist der Aufbau in Windeseile erledigt – zu Recht –, aber das direkte Einwirken im Songwriting-Prozess ist nicht mehr so einfach möglich. Seither gibt es von mir mündliche Aufforderungen wie „Buff tschik, buff buff tschik“ an den Schlagzeuger, „Probier mal dum dum, di dum dum“ an den Bassisten und „Da muss ein dededeeeeeedededeeeee kommen“ an den Gitarristen. Songs entstehen bei uns zunächst rein instrumental und erst Wochen danach schreibe ich die Texte.

Während Songs in der Vergangenheit bei uns immer aus einer gemeinsamen Jam-Session herausgepurzelt sind, entstehen diese mittlerweile unter anderem auch durch klare Vorgaben einzelner Bandmitglieder oder Duos aus der Band. Das hat zur Folge, dass die restlichen Mitglieder den Anweisungen hinsichtlich Akkordabfolge etc. in etwa folgen müssen. Seitdem ich keine Gitarre mehr spiele, sitze ich im Raum und versuche, Prozesse und Ideen zu koordinieren sowie Stränge verschiedener Riffs und Rhythmen zusammenzuführen. Ich glaube, meine Rolle kommt am ehesten der des „MD – Music Director“ nahe. Das klingt wichtig, und „das ist es auch, ihr Marionetten!“. Das ist für diese Kolumne insofern relevant, weil ich in diesen dirigierenden Momenten genau die Gefahr verspüre, einzelne Bandmitglieder zu übergehen, die Kreativität der Band zu beschneiden und schlussendlich die LSD-Diagnose verpasst zu bekommen.

Bandkonstrukte jeglicher Art scheinen ja derzeit ohnehin anachronistisch zu sein. Da treffen sich vier bis fünf erwachsene Menschen, die in vielen Fällen Vollzeitjobs nachgehen und gegebenenfalls Familie haben, mehrfach in der Woche. Und nun soll man sich auch kreativ nicht mehr voll ausleben können, weil gewisse Leute aus der Band finale Ideen vorgeben? Gekränkte Egos und Missverständnisse sind so doch eigentlich vorprogrammiert. In einer musikalischen Nische, die seit Jahren am Bluten ist, ist die allgemeine Dünnhäutigkeit ohnehin schon lange zu spüren. Auch ich bin lange davon ausgegangen, dass Aufgaben, Anteile und Organisation in der Band immer gerecht aufgeteilt werden müssen. Ich verzweifelte daran, dass so vieles an mir hängenblieb, forderte zu mehr Enthusiasmus auf und wies immer wieder auf die ungerecht verteilte Belastung hin. Eine Band ist ja mittlerweile auch irgendwie eine Promotion-Firma, ein Fotostudio, eine Konzert- und Grafikagentur, ein Versandshop, ein Tonstudio, eine Anwaltskanzlei und ein Reiseunternehmen – da fallen wirklich viele Aufgaben an.

Vor einigen Jahren wurde mir aber nach und nach klar, dass es gar keine Bands gibt, bei denen die Aufgaben gerecht aufgeteilt sind. In jeder Band gibt es immer ein bis zwei Personen, die besonders engagiert sind, vielleicht auch mehr Zeit haben und die Geschicke federführend lenken. In Bezug auf LSD ist es aus meiner Sicht eine große Kunst, trotz unterschiedlicher Hingabe und einer Aufgabenverteilung, die auf den ersten Blick unfair erscheint, alle in der Band mitzunehmen. In meiner Zeit als Musikschaffender habe ich viele Bands erlebt, die dazu nicht in der Lage waren. Wie in jeder Beziehung spielen auch in Bands Emotionen und Verletzungen eine überaus große Rolle. Wenn über diese Aspekte nicht kommuniziert wird, wird es still im Proberaum. Es folgt der klassische Instagram-Post, in dem von „musikalischen Differenzen“, „auseinandergelebt“ und „weiterhin Freunde“ die Rede ist. In den meisten Fällen heißt das übersetzt: „Wir haben nicht kommuniziert und uns mit der Zeit immer mehr gegenseitig verletzt.“

Das grundsätzliche Problem bei Riesenacts, bei denen sich LSD-Mick Jaggers für den ungekreuzigten Jesus halten, und kleinen Bands, die vor 80 zahlenden Personen spielen und auf vier verkaufte Shirts nach der Show hoffen, ist am Ende exakt das gleiche: Kommunikation und Konfliktmanagement. Eine Kunst, der nur wenige Menschen mächtig zu sein scheinen. Ich halte fest: Bands müssen mehr miteinander reden, ihre Egos zurückstellen, neuen Ideen gegenüber tolerant sein und der gemeinsamen Sache vertrauen. Ob Plenum oder mal Stadtpark statt Probe – egal. Ich bin froh, dass wir mit LETO immer noch in der Urbesetzung (plus Davie als zusätzlicher Freund) spielen und „meine Marionetten“ artig den Anweisungen des Planeten folgen. Am 01.11.2025 feiern wir unser zehnjähriges Bandbestehen übrigens im Molotow in Hamburg. Das scheint doch etwas zu heißen. Für euch mindestens, dass ihr jetzt Tickets kaufen solltet.

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