© by Ebru YildizUPCHUCK aus Atlanta sind KT (voc), Mikey Durham (gt), Hoff (gt), Ausar Ward (bs) und Chris Salado (dr/voc), gerade ist ihr drittes Album „I’m Nice Now“ auf Domino erschienen – und in Europa hatte man die Band bislang nicht auf dem Schirm, dabei machen sie in Sache Punkrock sehr viel richtig. Sie sind einerseits packend und eingängig und andererseits auch Vertreter:innen einer jungen, diverseren Generation. Ich sprach mit Sängerin KT.
Ich war gerade auf einem Punk-Festival und da sah ich sehr viele weiße Gesichter. Beim Anteil von People of Color besteht in der Punk-Szene in Europa definitiv noch Nachholbedarf. Die geringe Bühnenpräsenz weiblich gelesener Menschen ist ein ähnliches Thema. Wie sind deine Erfahrungen?
Ehrlich gesagt ist es in den USA nicht so viel anders, wenn du mich fragst. Eigentlich weltweit gesehen. Aber ich fokussiere mich lieber auf meine eigene Welt. Ich versuche, mich nicht zu sehr damit zu beschäftigen. Dass es sogar in Atlanta so ist, ist verrückt. Atlanta ist eine Art Mekka für Schwarze. Es sollte hier unzählige schwarze Bands geben. Aber ich denke, da bewegt sich gerade was, überall in den USA. Das Ding ist, wenn sich niemand auf die Bühne stellt und man es nirgends sehen kann, dann gibt es auch keine Inspiration. Wenn da nur weiße Männer stehen, wen soll sich eine schwarze Frau oder ein schwarzer Mann dann zum Vorbild nehmen? Ich weiß nicht, ob es tiefere Gründe gibt für diese mangelnde Bühnenpräsenz. Ob sie sich nicht willkommen fühlen oder die PoC-Community gar nicht zu solchen Veranstaltungen gehen will. Ich weiß, dass ich früher mal ein Problem damit hatte. Wenn ich auf ein Konzert ging, dachte ich oft: Huch, hier ist nur noch eine andere schwarze Person! Das war unangenehm. Aber dann fingen wir einfach an, unsere Homies mitzubringen, und haben uns in diese Szene integriert. Es ist irgendwie schräg und nicht wirklich begründbar, dass es nicht deutlich mehr PoC in Punkbands gibt. Wir sind ja alle gleichermaßen talentiert. Und in uns brodelt genug Wut! Es gibt so viel, worauf man wütend sein kann, wenn man eine Person of Color ist. Ich bin mir sicher, dass da Songs entstehen könnten mit großartigen Texten und viel Leidenschaft.
Immerhin ist die Punk-Szene in den USA da schon ein Stück weiter als hierzulande. Wie war dein Einstieg in diese Szene?
Ich glaube, keine der damaligen Bands existiert noch. Mir fällt gerade nicht mal mehr ein, wie der Laden hieß, wo wir immer hingegangen sind. Es war ein kleines Haus, das man zu einem Veranstaltungsort umgebaut hatte. Diese Gegend von Atlanta ist heute längst gentrifiziert. Manchmal haben mich Freunde auch mitgenommen zu Konzerten in der Mammal Gallery. Ich erinnere mich, dass ich mal zu einem Gig von einem meiner Kumpels gegangen bin. Bis auf einen waren alle Mitglieder seiner Band PoC. Ich weiß noch, dass ich dachte: Verdammt, das ist genau die Veränderung, die wir brauchen. Die komplette Szene war da, das Publikum war bunt gemischt: Leute aus der LGBTQIA+-Community, Schwarze, alle möglichen Hautfarben, alle möglichen Ethnien, alles ... Das war so cool! Das hat definitiv etwas verändert, was die Einschätzung meiner Möglichkeiten angeht und meinen Wunsch, selbst etwas zu machen,. Das meinte ich vorhin: Wenn du es nicht selbst siehst und erlebst, dass etwas für dich eine Option ist, dann passiert da auch nichts.
Wie alt warst du da, und wann kam dir die Idee, eine eigene Band zu gründen?
Ich war höchstens 18, 19. Und die Band? Ich habe diese Band nicht gegründet, das waren Mikey, Chris und Hoff, die seit langem schon was zusammen machen. Ich habe mit ihrem damaligen Bassisten an irgendwas gearbeitet, als der eines Tages: meinte: „Yo, wir suchen jemand, der in unserer Band singt, hast du Lust?“ Und ich sagte: „Scheiße ja, ich probier’s mal!“ Und ja, es hat irgendwie geklappt.
Was war deine Motivation?
Einfach mal was rauslassen. Es war keine Wut, keine Aggression, sondern einfach nur loslassen zu können. Es wirkt irgendwie therapeutisch, erst das Schreiben und dann darüber sprechen zu können – es war irgendwie wie Moshen. Beim Schreiben ist das Hauptziel, etwas loswerden zu können und anderen dabei zu helfen, das auch zu tun.
Die ganze Welt schaut derzeit auf die Vereinigten Staaten und fragt sich, was dort vor sich geht. Wie ist die Stimmung in Atlanta?
Wir sind alle ziemlich sauer. Trump tut alles in seiner Macht Stehende, um die Leute zum Schweigen zu bringen. In Washington, D.C. hat er quasi das Kriegsrecht verhängt, und ich bin mir ziemlich sicher, dass Atlanta auch bald dran ist. Atlanta ist eine Bullenstadt. Da läuft gerade einfach zu viel Scheiße auf einmal, um wirklich den Überblick zu behalten. Gerade was die Einwanderungsbehörde ICE abzieht ... die haben buchstäblich Konzentrationslager errichtet! Es ist ein bisschen dystopisch. Die Lage ist definitiv beschissen und keiner kann sagen, was als Nächstes noch alles passiert. Ich weiß wirklich nicht, wie die Zukunft aussieht.
Ist es für dich in solchen Zeiten ein geeignetes Mittel des Widerstands, in einer Band zu sein und sich auf der Bühne, in Texten, Songs und Videos äußern zu können?
Ja, bei jeder Show sage ich so etwas wie „Fuck ICE!“, und ja, es hilft, etwas sagen zu können und auch gehört zu werden.Wenn du keine Band hast, kannst du nur mit den Menschen sprechen, die du kennst. In „Tired“ singe ich: „I guess I’m preachin’ to the whole damn choir“. Ich hoffe, dass dieser Mann endlich aufhört mit dem, was er da tut. Aber es wird weitergehen, doch nichts wird mich davon abhalten, darüber zu sprechen, was los ist.
„I’m Nice Now“ ist euer drittes Album, aber für viele Leute in Europa wohl die erste Begegnung mit euch. Wie kamt ihr mit Domino zusammen?
Unser Manager Cyrus Lubin ist zugleich der Betreiber von Famous Class, dem Label, wo unsere bisherigen Platten erschienen sind. Er arbeitet aber auch für Domino, und wir sagten immer: Es wäre so cool, wenn wir uns hocharbeiten könnten, um einen Vertrag bei Domino zu bekommen. Das hat nun irgendwie geklappt und wir haben uns mit Domino getroffen und sie haben uns mehrmals live gesehen, obwohl das kein guter Start war: Sie haben tatsächlich zuerst ungefähr die schlechteste Show gesehen, die wir je gespielt haben, das war in San Francisco. Der Tontechniker kam da kurz vor dem Auftritt zu uns und sagte: „Hey, ich wollte euch nur sagen, dass ich keine Ahnung habe, was ich hier mache.“ Wir dachten nur: Was?! Und so klang das Konzert auch einfach beschissen. Ich glaube, sie haben das mitbekommen und gesagt: „Okay, wir geben euch noch eine Chance.“ Ich bin gespannt, was nun passiert.
Wie läuft es für euch bislang in den USA?
Ich denke, wir sind noch klein. Wir spielen meist in 150er-Läden, höchstens mal vor 200 oder 300 Leuten. Das ist unser Rahmen, es sei denn, wir sind mit anderen Bands auf Tour. Ehrlich gesagt mag ich kleinere Konzerte auch lieber. Lieber ein kleiner Club, der voll ist, als groß und halb leer.
Wie groß ist das Opfer, das man bringen muss, um eine Band auf diesem Niveau am Laufen zu halten?
Wir lieben, was wir tun. Und wir gehen so gut miteinander um, dass wir uns nicht spontan im Streit auflösen. Und wenn wir uns über einander aufregen, dann reden wir darüber. Und wir sehen, dass es mit kleinen Schritten vorwärtsgeht, wie zum Beispiel, dass wir nun bei Domino unter Vertrag stehen. Uns gibt es schon seit sieben Jahren und wir sind jetzt ein bisschen näher dran – und das ist alles, was zählt. Wir sind dankbar für alles, was wir erreicht haben.
Wie kam der Kontakt mit Ty Segall zustande?
Ty hat schon unser letztes Album produziert. Wir haben mal bei einem Konzert im Terminal West in Atlanta mit ihm gespielt. Als wir uns unterhielten, meinte er: „Hey, wir haben noch keine Vorband für die nächste Show. Wollt ihr mit uns nach North Carolina fahren?“ Das war der Auslöser. Dann stellte sich heraus, dass Cyrus, unser Manager, auch mit Ty befreundet ist, daher fragten wir ihn einfach, ob er mit uns die Platte macht. Und Ty nur: „Ja, klar, mache ich.“ Und als wir für die neue Platte wieder fragten, sagte er auch direkt zu. Er ist ein cooler Typ, er ist der „cool dad“, haha. Er unterstützt uns irgendwie dabei, unsere eigene Form zu finden ... es ist schwer zu beschreiben. Wir tun, was wir immer tun, aber dann sagt er so was wie: „Hey, probiert das mal aus. Ich finde, das ist eine coole Art, das zu machen. Probiert es einfach mal aus.“ Und dann wird es buchstäblich besser. Wir hatten nur zehn Tage Zeit, um das Album einzuspielen. Wir wollten, dass es so klingt, als wäre es live aufgenommen.
Was sind eure offensichtlichen und nicht so offensichtlichen Einflüsse und Inspirationen?
Meine Inspirationsquelle ist wirklich einfach das Leben. Eigene Lebenserfahrungen und Gespräche mit anderen und das Zuhören, wenn sie von ihren Erlebnissen erzählen. Ich höre wirklich alle Arten von Musik. Durch meine Eltern bin ich mit viel Reggae aufgewachsen, mein Vater ist Jamaikaner. Meine Eltern waren auch immer politisch engagiert. Also einfach mit offenen Augen durchs Leben gehen und zuhören, auch bei jeder möglichen Art von Musik. Und ich liebe die Punk-Energie!
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #182 Oktober/November 2025 und Joachim Hiller
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #182 Oktober/November 2025 und Joachim Hiller