
Hier an der Schreibmaschine: Beat-Man, Sänger der REVEREND BEAT-MAN ONE MAN BAND, seit kurzem auch bei dem Duo HIRNSCHRAUBE und natürlich THE MONSTERS. Die wurden von Pete von Slovenly Records eingeladen, in Afrika zu spielen, und ohne zu zögern sagten wir zu. Das war vor circa fünf Jahren.
Slovenly-Pete reiste daraufhin einige Jahre durch verschiedene Länder auf dem Kontinent, um sich ein Bild zu machen, und hat sich schließlich auf Kenia festgelegt. Dort fand er eine bestehende Infrastruktur für Musik fernab des Mainstreams vor, dieser populären weltweiten Verblödungsmusik, also Clubs, Backline, DJ-Kultur etc. „We’re Loud“ heißt seine Festival-Reihe, damit geht er in Länder, wo Trash-Punk, Noise oder Rock’n’Roll normalerweise nicht existieren. Er arbeitet zu 90% mit der lokalen Szene zusammen, um mit den dortigen Musikern und Veranstaltern etwas Neues zu kreieren, dazu lädt er Bands aus der ganzen Welt ein, um sich mit den Locals zu vermischen. Ein Konzept, bei dem wir jetzt schon ein paar mal dabei waren, und das in Kenia unglaublich gut funktionierte. Musiker, Veranstalter und Publikum waren begeistert, haben eigene Bands gegründet und sich schicke Kleider genäht, um sich zu präsentieren.
Pete hatte immer davon geträumt, DEATH, die legendäre Detroiter Proto-Punkband, und THE GORIES nach Afrika zu holen. Mit DEATH gelang ihm das jetzt auch. Problem Nr. 1 war wie immer das elende Geld. Kenia liegt von unserem Standpunkt aus mitten im Nirgendwo, unsere Flüge wurden jedoch glücklicherweise von der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia mitfinanziert und die Visa hatten wir in zehn Minuten online gelöst. Wir mussten uns aber aufteilen, damit sich die Reise lohnt, so sind wir vier Musiker in drei Bands dort aufgetreten. Als HIRNSCHRAUBE spielten wir am 20. November auf der Opening-Party im Shelter Club, am 21. November ich alleine als Reverend Beat-Man auf dem Dach eines Supermarkts bei einem Skate-Festival, das speziell für diesen Anlass ins Leben gerufen wurde. Und mit THE MONSTERS am 22. November im K1 Klubhouse mit DEATH, SEXFACES, CHOVU und anderen als sogenanntes „Schlussbouquet“ in Nairobi, bevor die ganze Crew außer uns auf die Insel Lamu weiterreiste.
Am Dienstag musste unser Flugzeug wegen Triebwerksschaden am Boden bleiben, so haben wir eine Nacht in Zürich verbracht, um dann am anderen Tag mit Qatar Airlines via Sarajevo, Athen, Syrien, und Irak in Doha zu landen, wo wir bei 30 °C einen 20-Euro-Kaffee tranken. Im Flugzeug gab es nur Hollywoodfilme und bei der Airshow fehlte Israel komplett auf der Karte, nicht eine einzige israelische Stadt wurde angezeigt. In Katar ist Homosexualität verboten, für Blasphemie kriegt man zehn Jahre Knast, aber öffentliche Enthauptungen gäbe es offiziell seit ein paar Jahren keine mehr, heißt es. Dafür hat uns dann Kevin Heart mit seinem Comedytalent über die Flugvorschriften aufgeklärt und alle haben herzlich gelacht. In Nairobi gelandet sind wir schließlich gegen Mitternacht, um uns an der Hotelbar mit den Kanadiern THE TRY UMPHS bis fünf Uhr morgens lokales Tusker-Bier in den Schlund zu gießen.
In Kenia sind Rock’n’Roll, Untergrund-Punkrock oder absurde Musik im allgemeinen praktisch nicht existent, es gäbe ein paar Bands, aber die spielen dann in Restaurants oder auf der Straße oder in Kleiderläden. Westlands, wo auch unser Hotel lag, ist ein Viertel von Nairobi mit Museen und Diskotheken, bis früh morgens ist Rambazamba. Lautstärkebeschränkung: Fehlanzeige. In der Luft liegt ein durchfallbrauner Dunst aus vertrockneter Erde und überall riecht es lecker nach Essen, meistens Roast Chicken, Fisch oder Rind mit Ugagi, ein fester, nach nichts schmeckender, klebriger Maisbrei, den man zu Plätzchen formt, um das gewürzte Essen einzuhüllen und in den Mund zu stecken. Jeder grillt etwas draußen, um an etwas Kohle zu kommen. Wenn du ein T-Shirt auf der Straße kaufen willst, kann der Preis zwischen 7 und 30 Euro betragen, kommt drauf an, wie du verhandelst. Bettler gibt es auch. Bei uns sind’s Junkies, Obdachlose oder missverstandene Wohlstandsjugendliche, dort sind’s Kinder, die dir am Zipfel hängen – je weißer, desto mehr Zipfelhänger.
„Asante“ heißt Danke auf Suaheli und schon so ein Wort genügt, um ein herzliches Lachen auf ihre Gesichter zu zaubern. Sowieso ist Flirten hier Volkssport Nr. 1, bei jeder Bestellung, Bezahlung oder Small Talk wird geflirtet auf Teufel komm raus, das fand ich am erfrischendsten an den Kenianern, die sind der komplette Aufsteller schlechthin.
20.11.2025 Shelter
Die Eröffnungsparty war im Shelter Club, der eingerichtet war, wie ein Afrikaner sich Europa vorstellt. Mir wurde bewusst, dass wir sehr laute und offensive Menschen sind mit einem nicht endenden Durst nach Bier. Wir fühlten uns wie eine Herde verdursteter Wasserbüffel, sahen aber wohl eher aus wie gut genährte rosarote Schweine, die rülpsend und schreiend immer mehr Bier bestellten. Die einheimische Bevölkerung trinkt allerdings nicht minder, wirkte aber eher zurückhaltend, nachdenklich, und studierte uns schon fast aufdringlich freundlich.
Der Club hatte am Ende der Bar eine Bühne aus Holzbrettern zusammengenagelt, dazu kamen zwei Boxen mit Mischpult und das Festival galt offiziell als eröffnet! Die erste Band waren SABABU, lokale Mädels, die sich extra für diesen Abend gegründet hatten und Freunde von LAST YEAR’S TRAGEDY waren. Zu Beginn waren sie zu viert dann kamen immer mehr dazu, bis sie acht waren, Ukulele, Bongos, Drums, Gitarren etc. Der Soundcheck dauerte zwei Generationen und es klang am Ende wie aus einer Blechdose. Vor dem Beginn musste der Soundmann noch schnell etwas Essen gehen, aber als er mit einem Burger in der Hand zurückkam, ließ ihn die Security nicht mehr rein, was er nicht so gut fand. Nach einem Handgemenge lag er dann unter der Security und wurde herausgeschmissen und das Konzert fing ohne ihn an. Der Soundmann war trotzig wie ein Pumuckl und ging nach Hause, um Fernsehen zu schauen. SABABU klangen wie ein debiler Mix aus THE SHAGS und einer Shred-Version von Rihanna. Der Sound wurde über die Dauer des Konzerts immer schlechter, weil jeder im Publikum an den Reglern herumzupfte, bis es Pete zu viel wurde, so dass er sich als Mediator ausgab, die Security davon überzeugte, ihn wieder reinzulassen, und den Soundmann von zu Hause zurück an die Regler holte. Der Sound wurde dann auch ein ganz klein wenig besser.
Man muss wissen, in Kenia ist es verboten, auf der Straße Zigaretten zu rauchen, das gibt circa 800 Euro Buße. Wie teuer öffentliches Fluchen ist, weiß ich nicht. Homosexualität ist auch hier strafbar und Kritik am König nicht willkommen. Den Girls auf der Bühne ging dies regelrecht am Arsch vorbei, sie haben das Festival-Motto „We’re Loud“ regelrecht verinnerlicht und das Konzert wurde zu einem politischen Manifest. Wobei sie gegen William Ruto (den Trump von Kenia) wetterten und sich gegen Femizide, national und international, stark machten und Genozide weltweit anprangerten. Wir Europäer können ja viel Blabla reden, aber wenn so eine Message aus den Mündern kenianischer Frauen kommt, dann steht man als weißer, privilegierter Schweizer mal mit offenem Maul da. Wie viel Mut das braucht und wie enorm stark die Frauen in Kenia sein müssen, blitzte hier nur kurz auf bei diesen musizierenden Mädchen, die wir dann alle tief ins Herz schlossen.
Die zweite Band am Abends waren dann wir, ich und Jan als HIRNSCHRAUBE, unser dritter Auftritt überhaupt. Wir haben keine Message, hauen einfach nur alles kurz und klein – beim Schlagzeug an diesem Abend leider wortwörtlich, das in sich zusammengefallen ist, nur wenn man es anschaute. Wir haben am Anfang gelacht, als sie sagten, bitte nicht zu hart auf die Felle schlagen, aber ein Floor-Tom-Fell kostet umgerechnet 200 Euro (in Europa 20 Euro). Mein Gitarren-Amp war dann so klein wie ein Mikrowellengrill, aber auf 110 V, und hatte einem Klang wie ein UKW-Radio. Wir haben aber gut gespielt, fand ich und die Kenianer:innen auch, sie haben wie verrückt Pogo getanzt. Am Schluss hat vor allem unser Soundmann Pumi viele Komplimente bekommen, er sei ein Gamechanger, hätten sie gesagt, mit dem Grinsen im Gesicht lebt er wohl heute noch, lange nach der Tour, wenn man ihn auf Aaraus Straßen ins Butchers wandern sieht.
Nach uns kamen THE TRY UMPHS, die eigentlich als Backing-Band von King Khan gebucht waren, da KK zur Zeit aber in Arizona im Knast seinen Rausch ausschläft, haben sie ohne ihn gespielt. Ein hippiesker zwei Meter großer Native-American-GG Allin mit langen schwarzen Haaren und seine nicht weniger verpeilten kanadischen Freunde spielten Psychedelic-Garage-Rock mit zwölfsaitigen Gitarren. Nach ihnen waren die lokalen Legenden LAST YEAR’S TRAGEDY dran. Sänger Nr. 1 sah aus wie ein somalischer Pirat und Sänger Nr. 2 wie ein Angestellter der ägyptischen Nationalbank. Sie spielten Metalcore mit Grunzstimme und der Bankangestellte sang süße Melodien drüber und räkelte sich wie ein Fisch in der Musik. Sie waren aber super, don’t get me wrong, und alle von Frau bis Mann von schwarz bis rosarot waren am Moshen und Pogo tanzen, dass es eine wahre Freude war. Wir (ich nicht) sind dann mit den durchgeknallten Kanadiern noch komplett abgesoffen, bis Bloodshot Bill (ebenfalls aus Kanada) und die großartigen SEXFACES (USA) auftauchten und sich dem Jaba Juice hingaben.
21.11.2025 Skate Jam!, The Mall Rooftop
Die Skater-Szene von Nairobi hatte sich schon am frühen Nachmittag auf dem Dach des Westlands-Kaufhauses versammelt, um auf ihren selbstgebastelten Rampen rumzuturnen, der PA-Mensch hatte gerade einen schlechten Tag und vergessen, wie man eine PA verkabelt, so ist erst mal überhaupt nichts gelaufen, bis er komplett vom Erdboden verschwunden ist. 21 CHILDREN, die Headliner aus Südafrika, haben überraschenderweise den Abend eröffnet und über ihre eigenen Verstärker gesungen. Die Band war der Oberknüller, super schneller, kompromissloser Oldschool-Hardcore –Gitarre, Drums, Gesang, schnörkellos, politisch, aggressiv, geil. Ihren Namen haben sie von einem Diskotheken-Gebäudeeinsturz in Soweto 2022, der damals 21 Jugendliche das Leben kostete. Nach ihrem Auftritt ist wieder lange nichts passiert, bis BLAQ HAMMER (USA) und DJ BAA (Kenia) sich entschlossen haben, nicht zu spielen. Nun war ich als REVEREND BEAT-MAN ONE MAN BAND an der Reihe. Ich stellte mein Kinderschlagzeug und den Toaster-Gitarren-Amp auf und wartete etwa zwei Stunden, bis sie die PA neu verkabelt hatten. Die Skater neben uns hat das nicht groß gestört, sie machten ihre Kapriolen und ich habe mir ein frittiertes Huhn gegönnt.
Am Anfang des Abends am Merchandise-Stand hatte mich eine Frau gefragt, um welche Uhrzeit ich spielen würde. Ich sagte „22 Uhr“, dann meinte sie: „Ah, drei Uhr morgens Keniazeit.“ Und wir lachten beide und am Ende hat sie recht behalten, hahaha. Ich hatte eine schwere Zeit auf der Bühne und konnte letztlich nur einen kleinen Teil von dem zeigen, was ich wirklich wollte. Alles ist auseinandergefallen, Bühne, PA, Schlagzeug, die Hi-Hat musste ich dreimal pro Song neu einstellen. Ich war die ganze Zeit dabei, mir selber nachzurennen, erst noch vom Jaba Juice und dem Huhn im Kopf vernebelt. Es war wie ein nicht endender Albtraum, der aber nach 45 Minuten abrupt aufhörte, wobei mir alle applaudierten, als ich aufwachte, das war sehr strange.
Nach mir kamen noch POWERSLIDE aus Nairobi, die einen wilden Mix aus Hardcore und Pop machten, und schließlich sind IRONY DESTROYED zehn Minuten vor ihrem Gig eingetroffen, wie eine kenianische Mafia-Gang mit Gitarren anstatt den Tommy Guns. Ich habe keine Ahnung, weshalb sie wussten, wann sie auftreten mussten. Ich denke, das war eher inszeniert, so wie bei einem Boxkampf der Auftritt des Champions. The game was: Hardcore-Metal, irgendwie alles irgendwo schon mal gehört, obwohl es sicher ihre eigenen Songs waren. Aber wie ich immer sage: Es ist tausendmal besser, Musik zu machen, als keine Musik zu machen.
Meine MONSTERS sind dann wieder so was von abgesoffen, das glaubt mir keiner auf diesem Planeten. Am Anfang habe ich krampfhaft versucht, irgendwie alles zusammenzuhalten, was mir natürlich nicht gelang. Sie haben wild gestikulierend diskutiert wie Doktoranden der Philosophie. In ihrer Wahrnehmung waren sie die ganz großen Vordenker der intellektuellen Hochkulturen, um dem Volk die Welt zu erklären, das Gelaber, das leider dabei rauskam, war ein lauwarmer Brei aus nicht zusammenhängenden Worten, sogar die Wörter in sich wurden neu erfunden und Buchstaben durch andere ersetzt. Das ganze Fiasko hatte angefangen mit einer Gallone Bier, dann kam der unsägliche Konyagi-Schnaps dazu und – „Oh nooo!“ – Jaba Juice, ein Drink aus dem Kathstrauch, der wie natürliches Amphetamin wirkt. Ich habe mich göttlich amüsiert und mir vorgenommen, meine Band noch öfter so abfüllen zu lassen, und mir die Reihenfolge der Getränke akribisch notiert, erstens ist’s inspirierend, zweitens macht’s Spaß. Ich habe an diesem Abend sicher zehn, zwanzig neue Songs geschrieben, die ich leider alle wieder vergessen habe, weil ich dann auch vom Schnaps trank und mich mit diesem abscheulichen Jaba Juice begoss. So konnten wir am Ende alle nicht mehr laufen oder nur Kurven absägend mit Gummiknien, zum Glück hatten wir einen athletischen 200-Kilo-Guide, der uns zum Hotel brachte.
22.11.2025 K1 Klubhouse
Das war der große Abend in Nairobi. K1 ist ein Zusammenschluss diverser Trink- und Esslokale mit zwei Bühnen, eine war richtig groß mit PA-Monitoren und so weiter. DEATH waren der Headliner. Die Band, die sich 1971 in Detroit, USA gründete, gilt als Vorreiter des heutigen Punk. Die Geschichte besagt, dass ihre Tonaufnahmen in den 1970ern verloren gingen, doch als ihre Kinder sich für die Musik ihrer Väter interessierten, waren sie so begeistert, dass sie sie neu veröffentlichten. Dies wurde per Zufall simultan von einem Dokumentarfilm begleitet, „(Before there was Punk, there was) A Band Called Death“ und so wurden sie weltberühmt. Im heutigen Line-up ist nur noch der Sänger übrig, der Rest ist zu alt oder gestorben, die fehlenden Mitglieder wurden aber durch ihre eigenen Kinder ersetzt. Auf dem Bandfoto auf dem Flyer vom Festival sind auch nicht die originalen DEATH zu sehen, es sind ihre Kids, die sich in die Klamotten ihrer Väter geschmissen haben, um sich im 1970er-Style in Pose zu werfen ... Haha, irgendwie genial. Der Linkshänder-Gitarrist spielt außerdem noch Schlagzeug für Iggy Pop und ist auch sonst ’ne coole Socke.
Das Festival wurde von BRIAN SIGU AND THE KAVIRONDO BLUES BAND mit Afrofolk-Fusion eröffnet, dann kamen SPITTING IMAGE aus den Staaten, ich weiß nicht mehr, von welcher Seite, aber ich würde jetzt auf den Osten tippen, mit Noiserock und einer sehr unkontrollierten Gitarrentechnik und einem Saxophon, das man leider nicht hörte, die waren aber wirklich super. Anschließend waren COMMANDO 9MM dran, eine legendäre spanische Band aus Madrid, die es seit 1883 gibt, sie spielten klassischen Punk, würde ich jetzt mal sagen, gemischt mit MOTÖRHEAD. Es folgten die komplett durchgeknallten SEXFACES aus Washington, D.C., deren Schlagzeuger ursprünglich aus Nairobi stammt. Seine Mutter lebt noch dort, sie hatten sich aber seit 15 Jahren nicht mehr gesehen wegen der idiotischen Visa-Vorschriften der USA. Bei diesem Konzert war es jetzt eben das erste Mal und es war eine Familien-Fiesta gigante! Halb Kenia war angereist ...
Der Auftritt der Band war auch super. Sal Go, die Gitarristin, hat definitiv nicht mehr alle Tassen im Schrank, sie gestikulierte und schrie wie ein Mark E. Smith nach einer Flasche Jaba Juice. Die Electric-Violinistin spielte ihr Instrument über einen Feedback-Verzerrer und der Rest glitt durch den Krach. Songstrukturen gab es keine, einfach kompletter Lärm, es war eine Riesenfreude.
Danach waren wir als THE MONSTERS dran, die PA war natürlich wieder komplett am Anschlag und unser Pumi quetschte ihr den letzten Ton raus, wir haben dann Vollgas gegeben und die Leute sind durchgedreht. Stagediving war der Hit des Abends, vor allem wieder diese Kenianerinnen ... An dieser Stelle muss ich mal ein Wort für die Frauen in Kenia einlegen, ultra stark, kämpferisch, kreativ und positiv eingestellt, viele schneidern ihre eigenen Kleider selber, sowie für ihre Freunde und auch für uns. Für Frauen in Kenia gibt es hinsichtlich der Kreativität keine Grenzen, die gehen aufs Ganze, das ist großartig zu sehen. Sie sprangen bei unserem Konzert in die Menge wie Popcorn und interessierten sich danach für unsere Musik, flirtend und nach Fakten fragend.
Viele Leute haben sich bei uns bedankt und sagten, dass wir etwas nach Kenia gebracht haben, das sie nicht kannten, die Art Gitarre zu spielen, Songs zu präsentieren etc. Das war alles sehr ergreifend und wir fühlten uns sehr geschmeichelt, obwohl wir ja im Grunde genommen ihre Rhythmen, die sie vor 500 Jahren nach Europa und die USA gebracht hatten, einfach durch den Fleischwolf gezerrt und weiterverarbeitet haben.
Nach uns kamen DEATH, die solide die alten Songs vortrugen, für die sie bekannt waren. Mein Highlight an diesen Abend waren aber CHOVU, Black Metal aus Kenia. Sie hätten vor einem Monat in der Schweiz auf dem antifaschistischem Black-Metal-Festival in der Reitschule Bern und an anderen Orten spielen sollen, da ihnen aber die Visa verweigert wurden, mussten sie ihre Tour absagen. Sie sind dann aus Trotz einen Monat lang durch Kenia getourt, ohne einen einzigen organisierten Gig zu haben, sind einfach in Städte gefahren und irgendwo aufgetreten. An einem Abend haben sie in einem Fischerort auf dem Dorfplatz gespielt und da kam die lokale Bevölkerung. Doch nach den Songs war Totenstille angesagt und kein Applaus, aber sie konnten ihre Münder vor Erstaunen nicht mehr schließen. CHOVU meinten, dass sie drei Tage später wieder zum Dorfplatz gingen und ein paar hätten immer noch dort gestanden mit dem Mund weit offen, hahahaha. Mindfuck 2000! Anyway, CHOVU schminkten sich backstage sitzend in einer Gruppe um einen Schimpansen-Schädel und machten komische Geräusche, der Bassist hüllte sich in einen Massai-Umhang und der eine Gitarrist verdeckte seinen Kopf mit einem Beduinen-Kopftuch. Dann war da noch eine Hexe, eine opulente in Tücher eingehüllte Schönheit, sie spielte mit Feuer und mörserte Knochen zu Staub. Die Show war etwas zwischen Voodoo-Ritual und sehr primitivem Black Metal. Es war eben Black Metal Kenia-Style, eine ganz eigene Mischung, und hatte nichts zu tun mit irgendwas, das ich je zuvor gehört hatte. Die ganze Black Metal-Szene von Nairobi war da und alle 15 von ihnen haben ihre geknoteten Haare durch die Luft propellert, dass es eine wahre Freude war. Sie haben den Saal innerhalb von zehn Minuten komplett geleert, das war einfach etwas zu wirr für alle und das Highlight des Jahres für mich.
Am Schluss spielten noch die einheimischen CRYSTAL AXIS, bei denen man eindeutig wieder irgendwelche abgekupferte Musik erkennen konnte, als sie dann „Killing in the name of“ spielten, war alles klar. Wir, die Musiker von CHOVU und SEXFACES, Fans und Promoter gingen dann noch eine Ziege opfern und aßen bis früh in den Morgen hinein. Bloodshot Bill gab auf dem Bass-Amp seine berühmten Hick-up-Melodien zum Besten und es kamen Leute zu mir und umarmten mich mit den Worten: „Kenia ist jetzt dein Zuhause, du bist einer von uns, und wenn du mal wiederkommst, geben wir dir Essen und Unterkunft.“ All diese Freundlichkeit und Brüderlichkeit, die Freude am Leben sind kaum in Worte zu fassen ... Da kam mir die Geschichte mit den Visa von CHOVU in den Sinn und ich hatte einen schalen Geschmack im Mund. Wenn mein Sohn, der auch afrikanischstämmige Freunde hat, mit ihnen in Bern um die Häuser zieht, werden sie mindestens einmal pro Nacht von der Polizei durchsucht, wenn er nur mit seinen pinken Kumpels unterwegs ist, nicht ein einziges Mal.
Freunde von mir in Toulouse haben eine kleines Theater namens Club 111 und sie beschäftigen manchmal afrikanische Flüchtlinge. Eines Tages schickten sie einen mit dem Lieferwagen los, um Requisiten aus ihrem Lager in der Schweiz zu holen, und er wurde ganze 20 Mal angehalten von der Polizei in Frankreich und der Schweiz. Hinterher hat er gesagt, dass er das niemals mehr machen will. Anyway, in Kenia wird mir brüderliche Freundschaft angeboten und in meinem Heimatkontinent werden diese Personen tagtäglich von der Polizei und den Menschen im Allgemeinen schikaniert und diskriminiert. Da muss ich schon mal schwer schlucken.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #184 Februar/März 2026 und Reverend Beat-Man