© by Alex MorganMit „Hymns In Dissonance“ kehren WHITECHAPEL zu ihren Wurzeln zurück, ohne sich dabei selbst zu kopieren. Der klassische Deathcore-Sound dominiert wieder. Wir sprechen mit Gitarrist Alex Wade sowohl über die Abkehr vom experimentelleren Sound der letzten beiden Alben „The Valley“ und „Kin“ als auch über die Absage der Lateinamerikatour im Winter.
Ihr musstet eure Konzerte in Lateinamerika wegen gesundheitlicher Probleme eures Sängers Phil Bozeman absagen. Möchtest du darüber sprechen? Wie wirkt sich das auf euch als Band aus? War es eine demokratische Entscheidung, die Tour nicht zu machen, oder habt ihr darüber nachgedacht, einen externen Sänger als Ersatz für Phil zu engagieren?
Ja, es ist eine ziemlich schwierige Situation, aber letztendlich ist es so: Phil ist wie ein Bruder für uns. Wir machen das jetzt schon seit fast 20 Jahren. Wir unterstützen uns alle gegenseitig, wenn es um die psychische und physische Gesundheit geht. Wenn jemand nicht in der Lage ist, auf Tour zu gehen, erwarten wir nicht, dass er es trotzdem macht. Was die Situation etwas schwierig macht, ist, dass Phil eben Phil ist. Er ist unersetzlich. Wir haben kurz darüber nachgedacht, einen Ersatz zu finden, aber ich meine, wir haben uns letztendlich überlegt, wenn jemand ein Ticket kauft, um WHITECHAPEL zu sehen, dass er das eigentlich tut, um Phil zu sehen. Das ist keine Herabsetzung der anderen Bandmitglieder oder so, es ist einfach eine Tatsache. Es fühlte sich für uns einfach nicht richtig an, die Tour mit einem Ersatzmann zu machen. Wir sind wir letztendlich hier, um Phil zu helfen, seinen Kampf zu überstehen. Was er in seinem Leben durchgemacht hat, ist kein Geheimnis. Er hat das bereitwillig mit all seinen Fans, Freunden und seiner Familie geteilt. Es ist einfach eine schwierige Situation, weil die Medikamente ihn geistig beeinträchtigen. Es ist etwas, das er versuchen will, um seinen Zustand zu verbessern und von den Medikamenten wegzukommen. Ich bin nur froh, dass er gesagt hat, dass er die Tour nicht machen kann. Ich will nicht, dass er mitfährt, wenn er nicht mitfahren will. Mir ist es lieber, er ist fit und einsatzbereit, als dass er sich bei dem Versuch, die Reise nach Südamerika zu machen, mental beschädigt. Das größte Problem ist einfach, dass er ständig fliegen muss. Er kommt mit dem Fliegen nicht so gut klar, aber er macht es, weil er weiß, dass es Teil seiner Arbeit ist. Wenn wir irgendwo außerhalb der USA spielen wollen, muss er fliegen. Es war also wirklich ein schlechtes Timing. Ich war froh, dass THY ART IS MURDER trotzdem in der Lage waren, die Shows zu spielen, denn es sieht so aus, als ob die Leute dennoch kommen. Die Shows laufen wirklich gut für sie, also haben wir das Beste aus einer schlechten Situation gemacht. Es hätte schlimmer kommen können, also bin ich wirklich froh, dass es so lief, wie es lief. Phil hat sein Statement abgegeben. Es war sehr aufrichtig, wie ich fand. Ich denke, dass er das getan hat, ist auch ein Teil seines Heilungsprozesses. Es laut zuzugeben und all seinen Fans gegenüber dazu zu stehen.
Jetzt ein harter Schnitt auf das kommende Album. Wann kam die Entscheidung, den Stil von „The Valley“ und „Kin“ nicht fortzusetzen, sondern zur ersten Phase der Band zurückzukehren?
Es war etwas, das wir alle zu diesem Zeitpunkt für notwendig hielten. Ich denke, was wir zuletzt gemacht haben, war großartig. Unsere Fans haben es wirklich genossen, eine andere Seite von uns kennen zu lernen. Es gibt viele Bands, die so etwas versuchen und nicht unbedingt Erfolg haben. Ich finde aber, dass wir es ziemlich gut hinbekommen haben, etwas Neues auszuprobieren, ohne unsere WHITECHAPEL-Ader zu verlieren. Und ja, bei „Hymns In Dissonance“ war es wirklich Phil, der uns alle inspiriert hat, zu diesem alten Sound zurückzukehren. Er sagte: „Mann, wir haben unsere ganze Karriere, wir können ein Album machen, das sich mehr auf die alten Sachen bezieht, und dann können wir zurückgehen und mehr singen. Und wir müssen nicht irgendeinem Schema folgen.“ Ich denke, dass es für uns in dieser Zeit, in der die harte Musik und der klassische Deathcore wieder aufleben, einfach Sinn macht, daran anzuknüpfen und uns auf unseren alten Sound zu besinnen, auf das, worauf die Band aufgebaut hat. Nach den ersten drei Alben hatten wir das Gefühl, dass wir nicht unsere ganze Karriere lang bei Brutal Deathcore bleiben sollten. Wir hatten das Gefühl, dass wir uns irgendwie verändern mussten. Also machten wir das und dann hatten wir diese moderneren Platten wie „Whitechapel“, „Our Endless War“ und „Mark Of The Blade“. Die waren irgendwie fast mehr Metalcore. Ich meine, es war immer noch Deathcore, aber weißt du, es war definitiv so, dass wir einfach versucht haben, mehr eine Metalband zu sein. Und dann haben wir auf „The Valley“ und „Kin“ den Gesang eingeführt. Wir haben einen progressiveren Sound gewollt. Es hätte Sinn gemacht, diese Trilogie zu vollenden, aber am Ende war Phil einfach sehr leidenschaftlich dafür, wieder etwas richtig Hartes zu machen. Für mich ist das, was er will, genau das, was ich machen will. Wenn er darauf brennt, zu singen und diese Art von Sound zu spielen, dann machen wir das auch. Wenn er darauf brennt, wieder richtig brutal zu klingen, dann machen wir das. Wir haben uns sozusagen nach ihm gerichtet, denn letztendlich hängt es von ihm ab, was er gesanglich machen will. Um ehrlich zu sein, hat er einfach gesagt, dass er nicht wirklich Lust hat, auf dieser Platte zu singen. Also sagten wir: „Cool. Du willst brutal singen? Alles klar.“ Und so haben wir es gemacht.
Was mir an dem Album wirklich gefällt, sind die Ernsthaftigkeit, die Aufrichtigkeit. Du hast schon erwähnt, dass Deathcore wieder eine Sache ist. Heute ist Brutalität sehr gefragt, es gibt unzählige Leute, die auf YouTube auf die härtesten neuen Songs und Breakdowns reagieren und Grimassen schneiden. Wie seid ihr da nicht in die Falle getappt, zu einem reinen Gimmick zu verkommen?
Wir mussten definitiv auf Zehenspitzen gehen, aber letztendlich, als wir die Band gründeten und die ersten drei Alben machten, war dieser Sound authentisch. Für uns ist es also nicht so, dass wir diesen Sound schon immer gemacht haben und jetzt versuchen, Deathcore zu machen. Wir haben mit diesem Scheiß angefangen. Ich meine, es gab definitiv Bands, die das vor uns gemacht haben. SUICIDE SILENCE oder JOB FOR A COWBOY, die haben uns am Anfang definitiv stark beeinflusst. Aber wir kamen direkt danach. Für uns gab es nichts, was wir hätten machen können, was ein Gimmick gewesen wäre. Wir haben den Sound mitgestaltet. Wir haben uns buchstäblich gesagt, wenn schon, dann machen wir die verdammt noch mal härteste Platte, die wir machen können. Und ich meine, dazu gehören auch Breakdowns, aber auch so etwas wie zu Beginn von „Hymns In Dissonance“. Da gibt es keinen Breakdown, aber der Anfang des Songs ist purer Hass, pure Wut. Unser Ziel war es, die wütendste Platte zu machen, die wir machen können, und dass die Leute das verstehen. Ich habe das Gefühl, dass alles, was wir gemacht haben, authentisch ist. Auch die Songs mit Gesang. Es ist nicht so, dass wir kitschige Lieder geschrieben hätten, um ins Radio zu kommen. Das waren authentische, von Herzen kommende, irgendwie traurige Lieder. Darauf kommt es uns an. Wir machen einen authentischen Sound und versuchen nicht, wie eine Band zu klingen, die wir nicht sind.
Hast du jemals darüber nachgedacht, alte Songs im neuen Gewand neu aufzunehmen oder sie zu remixen oder remastern, um sie in einem zeitgemäßer klingen zu lassen?
Ich hatte ein paar Ideen. „The Somatic Defilement“ hat bald 20 Jahre auf dem Buckel. Das wird im Jahr 2027 sein. Ich dachte, es wäre vielleicht cool, ein paar unserer Lieblingsstücke davon neu aufzunehmen. Nehmt mich da nicht in die Pflicht. Ich weiß nicht, ob das tatsächlich etwas wird, aber ich dachte einfach, dass das eine coole Idee sein könnte, diese alten Songs in einem moderneren Sound zu haben. Aber das Problem dabei ist, dass viele Leute sagen: „Ich mag den alten Scheiß sowieso lieber“. Das ist es also, was uns davon abhält, so etwas zu machen, aber es ist ja nur eine Idee. So etwas könnte cool sein, aber ich bin mir nicht sicher, ob wir die Zeit dafür finden.
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