
Der Name des jüngsten Neuzugangs bei Noisolution klingt, als käme er aus dem arabischen Sprachraum. Die vier Tonakrobaten von ZHAAT verarbeiten in ihrem Sound Melodien und Rhythmen aus dem Orient, kommen aber aus Leipzig. Die acht Songs des Debütalbums „Other Prophets“ bewegen sich zwischen Post-Hardcore, Weltmusik, Stoner-Rock und Psychedelic. Sie kriechen durch dichtes Unterholz und paddeln über mächtige Ströme, um auf der Hochebene mit voller Wucht anzugreifen. Das Ergebnis der Bemühungen ist verblüffend, abwechslungsreich und kraftvoll. Sänger und Gitarrist Clemens Tremmel beantwortete unsere Fragen.
Wie hat 2017 alles angefangen mit der Band?
Nick und ich, wir haben uns auf einem Konzert kennen gelernt und ziemlich schnell im Proberaum losgelegt. Da hat man sofort gemerkt, dass die Chemie stimmt. Ich habe schon immer nach einem Schlagzeuger gesucht, der ordentlich reinhauen kann und trotzdem nicht zu stumpf spielt. Gerade wenn es ein bisschen feuriger wird, braucht man einfach einen guten Drummer. Das hat alles super gepasst, auch vom Humor her. Wir haben das alles nicht zu ernst genommen mit der Band. Die anderen beiden haben wir dann gezielt gesucht, die sind später dazugekommen. Wir haben alle irgendwo anders studiert, sind aber aus beruflichen Gründen irgendwann alle in Leipzig gelandet.
Kurios ist die Geschichte eures Bandnamens. Was hat ZHAAT für eine Bedeutung?
Tatsächlich klingt die Story ausgedacht, sie ist aber zu schön, um sie sich auszudenken. Wir haben lange nach einem Bandnamen gesucht und konnten uns auf keinen Vorschlag einigen. Irgendwann waren wir dann so weit, ein Fantasiewort zu nehmen, das die Energie der Musik aufgreift. Tatsächlich war es so, dass unser ehemaliger Gitarrist Richard ein paar Buchstaben zusammengefügt hat. Er meinte einfach: ZHAAT klingt gut, aber das Z vorne spricht man wie ein scharfes S. Dann haben wir ihn gefragt, was das bedeuten soll, und er sagte: Keene Ahnung! Das sah eben cool aus, habe ich einfach so hingeschrieben. Das fanden wir dann alle spannend und passend. Ein Jahr später habe ich dann gegooglet, ob es was zu ZHAAT gibt. Haha. Da war aber nichts zu finden, nur ein paar kryptische arabische Verweise. Dann habe ich weiter geforscht und tatsächlich gibt es das Wort im Arabischen, natürlich anders geschrieben. Das Wort kann man übersetzen mit dem Begriff Essenz. Was das Innere eines Wesens ausmacht. Das fanden wir cool, denn uns geht es auch darum, unser Innerstes nach außen zu kehren. Gerade mit dieser orientalischen Note in unserem Sound hat sich das angefühlt wie eine Fügung.
Woher kommt dieser Vibe in eurer Musik?
In jedem schlummert ein inneres Feuer, jeden treibt etwas anderes an. Der eine steht auf Erdbeeraroma und der andere schwört auf Bananengeschmack. Der Fan von Bananen schafft es aber nicht, den Typen mit dem Erdbeer-Faible davon zu überzeugen, dass er es besser weiß. Dass Bananen viel reichhaltiger und gesünder sind. Aus irgendeinem Grund sagt der: Ich kann nichts dafür, bei Erdbeeren werde ich einfach schwach. Genauso ist es bei mir, wenn es um Musik geht. Wenn ich mich zwischen Dur und Moll entscheiden müsste, würde ich immer Moll wählen. Bei Schwarz oder Weiß würde ich immer Schwarz nehmen. Das steckt also seit Kindheitstagen in mir drin. Vielleicht war ich in meinem vorherigen Leben ja ein Inder oder auch ein Perser.
Gab es irgendeinen Impuls? Hast du mal eine Reise in den fernen Osten gemacht?
Als Jugendlicher bin ich früh mit Krautrock- oder Progressive-Bands wie KING CRIMSON oder Jazz-Fusion-Bands wie MAHAVISHNU ORCHESTRA in Kontakt gekommen. Ich erinnere mich auch noch gut daran, wie ich das erste Mal AT THE DRIVE-IN gehört habe und Omar Rodriguez so wunderbar schiefe Töne gespielt hat. Das hatte ich vorher noch nie gehört. Dass so schräge Klänge so gut funktionieren können, hat mich sehr fasziniert. Das hat auch viel mit der Plattensammlung meines Vaters zu tun, in der ich zum Beispiel auch Musik von Ravi Shankar entdeckt habe.
Wie seid ihr zu eurem Sound gekommen? Gab es einen Plan?
Dadurch, dass Nick und ich die Band gestartet und anfangs zu zweit Musik gemacht haben, hatten wir die Basis schon mal festgelegt. Da gab es noch nicht so viele Mitstreiter, mit denen wir die Dinge ausdiskutieren mussten. Wir hatten schnell unsere Energie gefunden. Das heißt, er hat mir bei den Riffs nicht reingeredet und ich ihm nicht bei seinen Beats. Haha. Es sollte auf jeden Fall ballern und ein bisschen irre sein. Aber schon mit dem Anspruch, auch intelligent und sensibel zu sein. Also Zuckerbrot und Peitsche. In dem Moment, in dem man sich sicher fühlt, kommt der Energieschub. Inzwischen jammen wir viel und lassen einfach ein Aufnahmegerät mitlaufen. Dann schneiden wir die besten Parts raus und bauen daraus unsere Songs. Als Quartett mussten wir uns erst noch finden, weil wir alle ganz unterschiedliche Musik hören. Nicht alles, was ich höre, mögen die anderen auch. Privat höre ich fast nur ruhiges Zeug wie etwa SIGUR RÓS. Ich arbeite gerne mit Bildern. Bestimmte Sounds fühlen sich für mich zum Beispiel an wie Wasser. Fühlt sich das an wie ein Bach oder wie ein Ozean? Dann will ich richtig tief eintauchen. Irgendwann steigt auch der Druck und es wird dunkler. Das Licht geht aus und es wird ruhiger. Das ist für mich ein Leitfaden im kreativen Prozess. Wenn dann Bilder aufploppen, die mit dem Thema Ozean nichts zu tun haben, will ich die lieber für einen anderen Song verwenden.
Kommt das vielleicht von deinem Beruf als Bildender Künstler? Du bist erfolgreich und hast sogar eigene Ausstellungen.
Ein Kunststudium ist wie ein an sich selbst angewandtes Psychologiestudium. Man fordert sich ständig selbst heraus mit Fragen wie: Wenn du morgen stirbst, was ist dein letztes Bild? Darüber muss man erst mal nachdenken, und erforscht dann, was einen tatsächlich berührt, was einen antreibt, was die innere Notwendigkeit ist. Mit Sicherheit übertrage ich das auch auf die Musik. Obwohl ich da natürlich lockerer sein muss, weil wir vier Leute sind und ich nicht immer meinen Kopf durchsetzen kann. Wir wollen alle Spaß haben. Das Schöne an der Musik im Vergleich zur Kunst ist, dass Dinge passieren, mit denen man nicht gerechnet hat, die man gar nicht auf dem Schirm hat. Bei aller Konzentration ist das jedes Mal auch ein schönes Experiment. Wir lachen uns auch immer wieder kaputt, wenn wir eine Stunde lang auf einem Riff herumkauen und einer spielt plötzlich was anders und die Töne sind völlig irre.
Das Album heißt „Other Prophets“. Die Songs tragen Titel wie „Maniac“, „Kante“ oder „Ramses“. Gibt es da einen roten Faden, eine inhaltliche Verbindung?
Ich habe immer wieder an ein Konzeptalbum gedacht, aber die anderen in der Band haben das nicht so gesehen. Die Songs funktionieren auch einzeln wunderbar und sind nicht zwangsläufig voneinander abhängig. Trotzdem empfinde ich das Album als in sich geschlossen. Die Songs ergänzen sich trotz ihrer Unterschiedlichkeit und ergeben ein stimmiges Gesamtbild. Mit dem Namen „Other Prophets“ stellen wir die Frage: Wer sind denn die anderen Propheten? Früher waren es vielleicht Abraham oder Mohammed. Heute ist es vielleicht die Künstliche Intelligenz? Wir fragen außerdem: Wer ist abhängig von denen?
Gemischt hat das Album Charlie Paschen von COOGANS BLUFF. Wie seid ihr zusammengekommen?
Wir hatten Charlie gar nicht auf dem Schirm. Wir haben nach einem Mischer gesucht und ein Kumpel von uns hat ihn vorgeschlagen, weil er sein Studio in der Nähe unseres Proberaums hat. Das war totaler Zufall und dann hat er auch noch Sachen produziert, die wir selbst super finden, etwa ROTOR. Wir haben ihn angefragt und er hatte Bock und Zeit. Wir hatten noch keine Erfahrung im Studio, wir waren eine reine Proberaumband. Wir hatten alles selbst aufgenommen und waren verblüfft, was er aus den Aufnahmen noch rausholen konnte. Er hat ein sehr gutes Händchen und konnte sich schnell in unsere Musik einfühlen. Es war unkompliziertes Arbeiten. Er hat dafür gesorgt, dass wir den Sound nicht zu sehr glattbügeln. Wörtlich sagte er: Dem Drachen darf man die Zähne nicht ziehen, sonst ist es kein Drachen mehr. Bis dahin kannten wir Charlie gar nicht und hatten ihn auch noch nie gesehen. Das ist fast wie mit dem Bandnamen. So ging es auch weiter. Charlie hat das Album Arne von unserem Label Noisolution geschickt und wir hatten zwei Tage später Post von ihm mit dem Angebot zusammenzuarbeiten. Das ist alles eine fast schon unheimliche Häufung von Zufällen.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #183 Dezember 2025/Januar 2026 2025 und Wolfram Hanke
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #182 Oktober/November 2025 und Wolfram Hanke