ZOO ESCAPE

Foto© by Marie Lehmann

Rock’n’Roll für die Bourgeoisie

ZOO ESCAPE sind die bayerische Antwort auf GIUDA. Das Quartett aus München schafft den nahtlosen Schulterschluss zwischen 77er-Punk, Powerpop und Glamrock. Das jüngst erschienene selbstbetitelte zweite Album ist das erste für das italienische Punk- und Ska-Label KOB Records von LOS FASTIDIOS. Laut Marc, Lukas und Alex, die uns das Interview gaben, eine große Ehre und Chance.

Wie hat das alles angefangen mit ZOO ESCAPE? Habt ihr vorher in anderen Bands gespielt?

Marc: Wir sind jetzt im 17. Jahr unserer Bandgeschichte. Als wir angefangen haben, waren wir Teenager. Wir hatten Freunde, die in anderen Münchner Punkbands wie GUMBABIES oder DESTINATION: FAILURE! gespielt haben. Da waren wir eher die kleinen Brüder, die mitgeschleppt wurden. Alex und ich kennen uns, seit wir zwei Jahre alt sind, also über 30 Jahre lang. Wir standen immer auf dem Fußballplatz nebeneinander und mussten unseren älteren Brüdern beim Kicken zuschauen. Irgendwann haben wir zusammen Zeitungen ausgetragen und ich wollte eine Band gründen. Alex hatte durch den Umzug eines Freundes einen Bass zu Hause, sich aber noch nie wirklich mit Musik beschäftigt. Also haben wir die Band gegründet und dann Lukas angerufen, weil wir gehört hatten, der kann gut Schlagzeug spielen. Unser erstes Treffen war im Babalu Club in Schwabing. Nach zwei Jahren kam noch Gregor dazu und das ist die Band bis heute.

Ist München ein guter Ort, um eine Band zu gründen? Wie ist die Punk-Szene dort?
Lukas: Der größte Unterschied zu Hamburg oder Berlin ist, dass man nicht wirklich aus der Stadt rauskommt, um Konzerte zu spielen. Wenn man anfängt, hat man die Jugendzentren um München herum, aber es ist schwer weiter herauszukommen. Das ist in Düsseldorf anders, da spielt man schnell mal in Köln, Dortmund oder Bonn. Da ist es leichter, Kontakte in andere Städte zu knüpfen.
Marc: Ich fand das aber nie negativ. In Locations wie dem Kellerclub Sunny Red haben wir viele Erfahrungen gesammelt. Anfangs haben wir fast wöchentlich irgendwo in München gespielt. Ganz oft im Feierwerk, im Kafe Marat, in der besetzten Kunstakademie oder für Kindergärten. Wir sind in unterschiedlichen Kulissen aufgetreten, einfach um zu spielen. Dafür war München richtig gut. Weil das eine sehr konservative Stadt ist, bildete sich ein harter Kern von Leuten aus der Punkrock- und Indie-Szene, die sehr viel gemeinsam auf die Beine gestellt haben. Es gibt in München vier Haupt-Proberäume, in denen sich die Leute sehr intensiv damit auseinandersetzen. Je konservativer die Stadt, desto härter der Nerd-Kern.

Wie ist euer Soundmix aus 77er-Punk, Britpop und Glamrock entstanden? Gab es Bands, für die ihr euch alle begeistert habt?
Marc: Der Sound ist ein Ergebnis von vielen historischen Kämpfen in der Band. Für uns waren britische Punkbands der ersten Stunde wichtig. Für mich war es das Größte, dass wir mal STIFF LITTLE FINGERS auf Tour begleitet haben. Mit dieser Musik bin ich aufgewachsen. Mein Papa hat das immer im Auto gehört. Ähnlich war es mit LURKERS. Deshalb gab es schnell eine Vorstellung von einem Sound und einem Look, der sich stark am Britpunk der späten 1970er orientiert hat. Das haben wir viel gemeinsam gehört.
Lukas: Neben all diesen alten britischen Helden haben uns auch Bands wie RANCID, BAD RELIGION oder NOFX lange begleitet, vor allem in den frühen Jahren. Es gab also einige Bands, die wir richtig cool fanden. So ähnlich wollten wir klingen. Wir wollten von Anfang an eine Punkband sein, haben aber genug Raum für eigene Ideen gelassen und nicht einfach nur gecovert. Deshalb haben wir von Anfang an eigene Songs geschrieben und so hat sich unser Sound im Laufe der Jahre weiterentwickelt.

Worum geht es denn in euren Texten? Habt ihr als Band auch eine politische Agenda?
Marc: In den Texten geht es vor allem die zentralen persönlichen Themen wie Freundschaft, Verlust oder Liebe. Wir kommen aber alle aus der linken Szene und wurden im Kafe Marat sozialisiert. Das ist ein linksalternatives, selbstverwaltetes Zentrum. Gregor hat dort lange das queere Café geleitet. Wir haben auch immer bei den CSDs in München gespielt. Queer war uns als Thema also wichtig, Antifa war wichtig. Das ist auch immer noch so. So ist auch unsere Verbindung zu LOS FASTIDIOS entstanden. Das ist unsere Attitüde, aber nicht der Inhalt unserer Texte.

Warum habt ihr euch einst französische Pseudonyme gegeben? Marc Villon, Gregor Clochard, Truc Trouve oder Luc Batteur ...
Marc: Das hat als blöder Witz angefangen. Manchmal bekommt man eben Spitznamen und wird die dann nicht mehr los. Ich bin sehr frankophil aufgewachsen und hatte als Teenie immer einen Gedichtband von François Villon in der Tasche, dem Dichter der Überschreitungen im Spätmittelalter. Deshalb hat mich ein Kumpel immer Marc Villon gerufen. Und irgendwann hatten wir dann alle französische Pseudonyme. Das war in einer Zeit, als uns Glam-Punk und Kunstfiguren sehr wichtig waren. Außer Marc Villon ist davon bis heute aber nicht viel geblieben.
Lukas: Die verwenden wir schon lange nicht mehr. Das war mal kurze Zeit so ein Spiel. Wir haben das einfach mal probiert. Da ging es auch darum, wie wir uns auf unserer ersten Platte nennen sollen. Hängengeblieben ist aber nur Marc Villon, wir anderen verwenden inzwischen unsere normalen Namen.
Alex: Wir haben auch eine ganze Zeit lang unserer Musik einen eigenen Genre-Begriff verpasst. Suicide Pop nannten wir das, weil nicht immer nur Punk auf dem Flyer stehen sollte. Das haben wir aber auch irgendwann wieder abgelegt. Inzwischen können wir mit Punkrock/Powerpop sehr gut leben.

Wie ist euer Bandlogo entstanden? Statt Hammer und Sichel habt ihr Martini-Glas und Sichel.
Alex: Die Idee für das Logo stammt von David. Im Zuge dessen haben wir überlegt, unsere Musik als „Rock’n’Roll for the Bourgeoise“ zu bezeichnen. Weil wir den Glamour mit dem Dreck verbinden wollten. Endlich ist dieses Motiv auch auf dem Cover. Bislang hatten wir das nur auf Stickern.
Marc: Dass wir diese Variante lustig fanden, hat mit unserer Sozialisation zu tun. Aber wir bevorzugen die post-sowjetische Lesart mit Spaß haben am Leben. Ein Kumpel von GUMBABIES hat das mal als Pichel-Sichel bezeichnet. Wir wollten einfach was Provokatives. Das steht dafür, dass man auch mal das Vergnügen im Leben ernten muss. Und ich finde, es sieht einfach super aus.
Lukas: Das ist links und hedonistisch gleichzeitig.

Wie viel DIY steckt in ZOO ESCAPE? Worum kümmert ihr euch selbst, wo lasst ihr euch helfen?
Marc: Das Album ist komplett DIY entstanden. Da haben unserem Produzenten Simon Rose viel zu verdanken. Wir haben wahnsinnig viel Zeit in seinem Studio in Schwabing verbracht. Lukas hat dann die Designs gestaltet. Aktuell arbeiten wir an verschiedenen Musikvideos, das entsteht auch alles in Zusammenarbeit mit Freunden. Da ist unter anderem Schtiefn von ERECTION aus Regensburg beteiligt. Dieses DIY-Prinzip wollen wir nicht aufgeben, das ist uns extrem wichtig. Deshalb war es auch nicht schwer für uns, Vertrauen zu den Leuten von KOB Records zu fassen. Die arbeiten ähnlich wie wir.

Was macht ihr, wenn ihr nicht mit ZOO ESCAPE auf der Bühne steht? Womit bezahlt ihr eure Miete?
Marc: Einige Jahre lang haben wir die Band sehr ernst betrieben und unzählige Konzerte gespielt. Damals haben wir auch teilweise zusammengewohnt. Drei der fünf Bandmitglieder haben sich eine Wohnung geteilt. Unser Proberaum lag direkt nebenan. Wir haben ein halbes Jahrzehnt fast jeden Tag miteinander verbracht. Zu dieser Zeit haben wir aber alle studiert oder Ausbildung gemacht. Da haben wir nicht so viel Geld gebraucht. Nach der Pandemie mussten wir uns neu orientieren. Ich habe inzwischen meine Promotion in Soziologie gemacht und arbeite als Post-Doc an der Uni in Berlin.
Alex: Ich bin studierter Ingenieur und als technischer Laborleiter an der Uni in München. Meine Aufgabe ist es zu schauen, dass die wissenschaftlichen Mitarbeiter die Technik problemlos benutzen können. Da geht es um intelligente modale Verkehrssysteme.
Lukas: Ich bin Illustrator und Grafiker und habe zehn Jahre lang als Freelancer gearbeitet. Jetzt bin ich bei einer Agentur. Meine eigenen Sachen kann man sich anschauen, wenn man „shiparrt“ und München googlet. Gregor macht unter dem Pseudonym GrGr viel eigene Musik.

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