
Es ist im Grunde eine banale Weisheit: Musik muss und kann einen auf ganz verschiedenen Ebenen mitreißen. Und die ist bei KREATOR klar definiert: es ist eine sehr körperliche, physische Ebene. KREATOR springen dich an, sie packen dich mit Haut und Haar, am ganzen Leib. Das muss man erfahren haben. Und verblüffenderweise funktioniert das sogar im Kino, ich habe es im August erlebt bei der Premiere der Band-Doku „Hate & Hope“, als man in der Essener Lichtburg bei den Konzertszenen mit 100 dB akustisch verprügelt wurde. Nur wenige Bands haben es bei mir in den letzten Jahren geschafft, mich live so in Beschlag zu nehmen, in einen Tunnel zu ziehen, NAPALM DEATH, A PLACE TO BURY STRANGERS und WOLVES IN THE THRONE ROOM waren die anderen. Extreme, intensiv, sehr laute Musik. Und vielleicht liegt da der Schlüssel zum Verständnis des Phänomens KREATOR – oder auch dazu, warum die Band manche Menschen „kriegt“ und manche nicht. Mille beschreibt sein Erleben solcher Auftritte im Ox-Interview so: „Das ist wie ein Rausch. Es ist ein Rausch an Energie, Sound und visuellen Eindrücken. Im besten Falle vergehen anderthalb Stunden wie im Flug. Du denkst, wow, schon der letzte Song!“ Und auch im Studio ist es, immer wieder, der Versuch, noch einen draufzulegen. Wie auch live nicht in die Situation zu geraten, dass Menschen sagen: „War okay, aber letztes Mal war’s geiler.“ Ein Umgang mit dem Genre, den nicht alle Thrash-Traditionalisten goutieren. Jene, die alles, was nach 1987 in dem Sektor veröffentlicht wurde, für neumodisch halten, wie ihre Geistesverwandten in Punk und Hardcore. Mille sieht das so: „Wir versuchen, den Metal ein Stück weiterzubringen, beziehungsweise den KREATOR-Metal, unsere Version von Metal.“ Dafür haben sie diesmal im schwedischen Örebro mit Jens Bogren im Fascination Street Studio mit einem echten Chor aufgenommen, hatten für die Gangshouts unter anderem Leute von MILLENCOLIN da, haben mit Francesco Ferrini von FLESHGOD APOCALYPSE gearbeitet – und als Gastsängerin ist bei „Tränenpalast“ Britta Görtz von HIRAES dabei. Mit „Satanic anarchy“ haben sie einen Song, der beinahe schon ... Pop ist. Also: der starke Melodien hat („JOURNEY!“, wird hier eingeflüstert) – und einen Text, der als Kommentar zum weltweiten Trend zu populistischen Staatenlenkern, ihrer Programmatik und Anhängerschaft gelesen werden kann. In „Blood of our blood“ ist das verklausulierter, in „Psychotic imperator“ werden zwar keine Namen genannt, aber jeder kann sich seinen Reim darauf machen, wer gemeint sein könnte. An anderer Stelle, siehe „Tränenpalast“ oder „Seven serpents“, ist es textlich eher introspektiv oder mystisch. Zurück zur Musik! Zehn Songs mit Trademark-Sound, erstaunlich schnell durch, kurzweilig, gemäß der ewig gültigen Regel: „all killer, no filler“.
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