Interviews & Artikel : COR :: ox-fanzine.de

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Interviews & Artikel

COR

Meister in der Kategorie „Freistil“

COR (ohne E hinten) kommen aus Rügen, und da soll es zwar sehr schön sein, aber eine Punkrock-Hochburg ist die Insel hoch im Norden sicher nicht. Und doch kommen COR von da, halten als einsamer Leuchtturm der Gegenkultur die Stellung und haben unlängst mit „Freistil Kampfstil Lebensstil“ via Bad Dog ihr neues Album veröffentlicht, das metallisch-hardcorige Härte mit direkten, aber smarten deutschen Texten verbindet. Frontmann Friedemann beantwortete meine Fragen zu Inselleben, Attitüde und Idealen.

Was zur Hölle treibt ihr auf Rügen? Dauerurlaub?

Ein Dasein ohne fließend Wasser, Strom und Verbindung zur Außenwelt fristen! Nein, im Ernst – das Leben auf Rügen, ist wie das Leben irgendwo in Deutschland. Es ist die Hälfte des Jahres ruhig, ist eben der „Arsch der Welt“, und im Sommer bricht der Sturm los und es herrscht pures Chaos. Als Rüganer hat man den Vorteil, unverbrauchte Natur und Ruhe zu finden, wann man will, ohne dafür etliche Kilometer fahren zu müssen, ein Vorteil, den wir nicht missen wollen. Irgendwie ist hier alles unverbrauchter, wir leben ein wenig hinterm Berg. Ansonsten haben wir hier dieselben Probleme wie das gesamte Land, angefangen von extrem hoher Arbeitslosigkeit, Bürokratie, Totalausverkauf der Region und so weiter. Also sucht man sich einen Weg, um zu protestieren, und auf dieser Suche sind wir dann beim guten alten HC-Punk hängen geblieben. Und so verbringen wir unsere Tage mit Proben, Touren, Songs schreiben und Lebensunterhalt verdienen.

Was geht da bei euch in Sachen Punkrock?

Wir haben und hatten auf Rügen immer eine sehr kleine, aber feine Undergroundszene, die von Punk, HC, Oi! bis hin zu Death- und Black-Metal reicht. Die Wurzeln dafür wurden schon zu Ostzeiten gelegt, als hier von der Staatsmacht unbemerkt, oft im Schutz der Kirche, Konzerte gespielt wurden, zum Beispiel von FEELING B., und sich Bands gründeten – eine der Bekannteren dürfte TONNENSTURZ sein. Es gibt derzeit auf Rügen circa zwanzig aktive Bands, einen alternativen Club, das Mah K Ina in Bergen, ein etabliertes Sommerfestival und circa einmal im Monat ein Punkrock-/R’n’R-Konzert. Die werden dann zumeist von uns als Band und mit Hilfe von Freunden veranstaltet, das läuft alles plusminus Null und ist komplett „Do It Yourself“, eben fürs Herz und nicht für den Geldbeutel. Neben kleineren Bands haben hier schon THE BONES, KNORKATOR, THE HIDDEN HAND und POTHEAD gespielt. So versuchen wir, vor allem die jüngeren Leute an die Musik zu führen, da sie hier sonst von Drogen, Alkohol, Naziströmungen und Sinnlosigkeit aufgefressen werden!

Apropos Punkrock: In welcher Schublade versteckt ihr euch denn am liebsten?

Am liebsten wäre es uns, wenn irgendjemand eine neue Schublade aufmacht und da steht dann nur „COR“ drauf.

Und was bitteschön ist „Rügencore“?

Das könnte auch auf der Schublade draufstehen: „COR – Rügencore/Trashrock“. Es ist eine Tatsache, dass man die Musik nicht mehr neu erfinden kann, man kann sie nur interpretieren und im eigenen Stil präsentieren. Das Rad ist erfunden, man muss es nur in die eigene Richtung drehen. Unsere Richtung heißt „Rügencore“ oder „Trashrock“. „Rügen“ für unsere Heimat, „core“ als Hinweis, in welche Richtung es stilistisch ungefähr geht. „Trashrock“ ist eine Erfindung unseres Gitarristen – „Trash“ also beinahe wie in Thrash Metal, da wir gern einige typische Elemente verwenden wie dessen Doublebass und Gitarrenarbeit, und „Rock“ für den Dreck. Punk, Hardcore, Rock’n’Roll! Gitarrist und Drummer sind bei uns eher die Techniker, Perfektionisten, ich und der Basser eher die musikalischen Dreckspatzen, also der Punkrock-Anteil.

Musikalisch erinnert ihr mich an Spätachtziger/Frühneunziger-Bands wie C.O.C., PRONG oder PANTERA. Einverstanden? Oder was sind eure Einflüsse?

Das ist sehr nett gesagt, PANTERA ist eine der wenigen Bands, auf die wir uns bandintern einigen können. Für mich persönlich sind die eine der fettesten Bands, die es jemals gab. Ich hab die mal als Vorband von MEGADEATH in Hamburg gesehen, ich denke 1992. So eine Wahnsinnspower habe ich live nie wieder gesehen. Kein Gepose und Geblare wie in späteren Jahren, sondern eine halbe Stunde Geballer. Zwei Jahre später waren sie satt, voll gepumpt mit irgendwelchen Drogen und richtig scheiße. Da hab ich an einen Spruch gedacht, den mir vor Jahren ein befreundeter Studiofritze gesagt hat: „Es gibt drei Dinge, die man braucht, um guten, dreckigen Rock zu machen: beschissenes Essen und Trinken, kein Geld und Dreckswetter!“. Da steckt auf jeden Fall ein Körnchen Wahrheit drin. Bands, die wir gerne hören, sind MOTÖRHEAD, SLAPSHOT, SHEER TERROR, SAINT VITUS, THE HIDDEN HAND, DEBRIS INC., HASS, EMILS und eine Menge anderer, quer durch alle Stile handgemachter Musik.

Deutsche Texte, harte Musik, gröliger Gesang. Das mag so manchem politisch nicht unverdächtig erscheinen, leider. Euer Statement dazu?

Ich kann auch deutsch singen, ohne in BÖHSE ONKELZ-Pathos oder TOTE HOSEN-Peinlichkeit zu verfallen. Wir spielen hauptsächlich in Deutschland, wir machen Musik, um eine Aussage zu treffen und wir wollen sofort verstanden werden. Deshalb singen wir deutsch. Außerdem sehe ich mich technisch nicht in der Lage, einen sinnvollen, perfekten Text in einer anderen als meiner Muttersprache zu schreiben, weil mir einfach die Grundlagen fehlen. Wenn ich da einige Bands sehe, die gezwungen englischsprachige Texte auf 10.-Klasse-Schulenglisch-Niveau machen, na ja ... Tja, und dann kommt es vor, dass Leute Worte wie „weiß“, „Freiheit“, „Heimat“ aus deinen Texten – und dem Zusammenhang – herauspicken und erstmal profan „Nazis“ schreien. Es liegt uns nichts ferner als das. Deutsche Texte, weil es am besten geht und verständlich ist, harte Musik, weil wir es so mögen, und gröliger Gesang, weil ich zu schlecht bin, etwas anderes zu machen.

Eure Texte sind erstaunlich vielschichtig und damit beinahe ein Gegensatz zur sehr direkten, brachialen Musik. Wie kommt’s?

Wir machen, wie oben erwähnt, Musik, um Text zu transportieren. Wir wollen uns äußern, unsere Meinung sagen. Das bedeutet für uns Undergroundmusik und unterscheidet uns vom Pop, wo nur oberflächliches Blabla zu hören ist. Wir wollen textlich anecken, anpissen und sicher gehen, dass das auch sofort verstanden wird. So kann man Spacken und Idioten gleich aussortieren und von seinen Konzerten und Platten fern halten. Wer textlich im Trüben fischt, nur um am rechten Rand Platten zu verkaufen, wird auf seinen Konzerten die Konsequenzen in Form von „Ins Maul schlagen“-Sport ernten. Das hat nichts mit Underground zu tun! Wir nutzen die Musik, um Text zu transportieren und Lieder zu machen, die man mitsingen kann. Wir könnten auch komplizierter, aber wozu? Vielleicht machen wir ja als alte Säcke mal eine Platte, wo alle schrägen Sachen drauf sind, die keiner hören will.

COR ... Fehlt da nicht ein E? Oder was hat es mit dem Namen auf sich?

Da stößt die PC-Technik an ihre Grenzen, denn unter das O gehört ein Punkt, weil COR die lateinische Bezeichnung für Herz ist! Da wir mit Herz und Seele diese Musik machen und lieben, was wir tun, fanden wir den Namen passend. Außerdem ist er kurz und gut zu merken.

Bitte mal einen Überblick über die Bandgeschichte: Wer, wann, wo, warum, weshalb?

Die Band besteht seid 2002 aus mir, Friedemann, am Gesang, Johannes an den Drums, Pilse an der Gitarre und Matze am Bass. Wir leben, wohnen und rocken auf der Insel Rügen. Bisher gibt es fünf Veröffentlichungen: „Viva la homo sapiens“ – CD 2002, Eigenproduktion, nicht mehr erhältlich –, „Flüstern und Schreien“ – CD 2003, Eigenproduktion, nicht mehr erhältlich –, „Jenseits von Eden“ – Picture-LP 2003, Eigenproduktion –, „Baltic Sea For Live“ – Split-CD 2004, Puke Music Berlin – und „Freistil Kampfstil Lebensstil“ – CD/LP 2005, Coretex und Puke Music Berlin. Für Ende 2006 ist die nächste Platte geplant, inklusive ein paar Neuaufnahmen von den nicht mehr erhältlichen ersten Alben als Bonustracks.

Kann’s sein, dass ihr musikalisch zwar die Ultraharten gebt, aber eigentlich doch echt nette Jungs seid?

Wir sind, laut Aussage unserer Mitmenschen und Eigeneinschätzung, sogar sehr nett. Ich mag nicht diesen „Wir sind die Härtesten und schlagen gleich allen aufs Maul!“-Style , das ist Großraumdiskothekenverhalten und da hab ich keinen Bock drauf. Leider brennen mir liveshowtechnisch oft die Birnen durch, doch aus Erfahrung kann ich sagen, vom Mikro-vor-den-Schädel-Knallen und böse gucken bekommt man Kopfschmerzen. Außerdem denken dann einige, dass du zur obengenannten Fraktion gehörst, deshalb versuche ich auch weiße Krafthemdchen im Feinripp-Design zu vermeiden.

Wie man so hört, seid ihr gut mit den TROOPERS befreundet ...

Ja, das stimmt. Matze und ich spielen bei und für Atze. Wir trennen beide Bands jedoch strikt, weil TROOPERS im Endeffekt Atzes Band ist und wir nur die Begleitung. Das heißt, wir machen zwar zusammen die Lieder, Atze schreibt und komponiert aber 99,9 Prozent. Wir versuchen, den Namen TROOPERS bei den COR-Geschichten raus zu halten, da wir eine andere Musik machen und vermeiden wollen, dass wir über TROOPERS unsere CDs verkaufen. Wenn die Leute COR hören wollen, dann wegen COR und nicht, weil zwei TROOPERS-Leute da mitspielen. Natürlich tun sich durch die TROOPERS-Connections auch Möglichkeiten auf und dafür sind wir Atze auch sehr dankbar.

Ein Blick auf eure Tourdaten offenbart, dass ihr fast nur im Osten, inklusive Berlin, spielt. Wie kommt’s?

Das war bis 2005 so, wird sich aber 2006 ändern. Es ist halt das Problem aller kleineren Bands: keiner kennt sie, keiner will sie. Sogar wenn sie nur für Essen/Trinken/Sprit spielen, wie wir in den meisten Fällen. So spielt man dann meist nur in der eigenen Region, welche wir in den letzten Jahren erst mal auf den Osten Deutschlands ausgeweitet habe, werden nun aber verstärkt die alten Bundesländer und auch das Ausland angreifen, wie Italien oder Österreich, wo die Platte im Februar 2006 über rebeat music herauskommt. Es ist schwierig, ohne die Unterstützung irgendeiner Booking-Agentur in bestimmte Clubs/Bereiche zu kommen, und so arbeiten wir mit einer kleinen Firma namens Red Eyes Booking zusammen und machen das Meiste selbst, das dauert und stresst, ist aber der richtige Weg. Punkrock/HC ist pures Scheißgeschäft, und wer nichts wert ist, wird nicht unterstützt. Schade, dass auf diese Politik auch viele Clubs einsteigen und auch das Publikum oft lieber „Support the Underground“-Shirts trägt, anstatt das dann auch mal zu tun.

Von der Insel auf die Insel: Ihr habt eure aktuelle Platte auf Mallorca aufgenommen?

Wir hatten die Schnauze voll vom bisherigen Studio und der Unruhe, die eine Stadt wie Berlin nun mal mit sich bringt, und haben nach Alternativen gesucht. So kamen wir zu Madze, einem Deutschen, der nach Malle abgehauen ist und dort ein Studio aufgebaut hat, das Sonic Temple. Mal abgesehen davon, dass Madze viele geile Produktionen gemacht hat oder daran beteiligt war, zum Beispiel SPERMBIRDS, FRONTKICK, TRAGEDY, BOMBENALARM, PUGENT STENCH, er über fette analoge Technik verfügt – was natürlich heißt, dass man ein wenig Spielen können sollte, Tricksen ist nicht! – und er unsere musikalische Sprache spricht, ist er auch noch ein feiner Mensch. Wir haben die gesamte Platte in sechs Tagen auf Band gehabt und dann zwei Wochen lang relaxt gemischt. Immer ruhig und sachlich, ohne Stress. Nach allen Aufnahmen, die ich bisher gemacht habe, hab ich nicht mehr geglaubt, dass so was möglich ist. Wir sind Madze dankbar, dass er unseren Sound verstanden und gebannt hat. Dieses Studio ist ein Geheimtipp, hört euch seine Produktionen einfach mal an.

Joachim Hiller

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #64 (Februar/März 2006)

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