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Interviews & Artikel

KREATOR

T(h)rash Art

„Phantom Antichrist“ heißt das neue Album der Essener Thrash-Legende KREATOR, die sich nach einer prägnanten Frühphase in den Achtzigern in den Neunzigern etwas in musikalischen Nebenstraßen verlaufen hatte, um sich seit Mitte des letzten Jahrzehnts wieder auf alte Stärken zu besinnen und seitdem das zu tun, was der Band am besten steht: schnörkellosen, brutalen Thrash Metal zu spielen, der in seiner Kompromisslosigkeit viel vom frühen Hardcore hat. Anstatt nun anlässlich des neuen Albums im Detail die Studioarbeit zu erläutern oder über kompositorische Feinheiten zu sinnieren, beschloss ich, Sänger und Gitarrist Mille die bisherigen Albumcover vorzulegen und mir diese kommentieren zu lassen, um so etwas über den Zusammenhang zwischen visuellem und musikalischem Auftreten zu erfahren. Gerade im Metal sind aufwendige Coveratworks schließlich ein wichtiger Aspekt in der Wahrnehmung der Band seitens der Fans – und außerdem stellte sich im Verlauf des Gesprächs heraus, wie eng Coverartwork und Bandentwicklung miteinander verknüpft sind. Ein spannendes, offenes Interview, das sogar dem Nicht-Metal-Fan interessante Erkenntnisse liefern dürfte.

„Endless Pain“ (1985)

Zu diesem Cover hatten wir damals gar keine Meinung. Wir waren Kiddies, noch nicht volljährig, meine Mutter musste meinen Plattenvertrag unterschreiben. Wir fuhren nach Berlin, um unser erstes Album aufzunehmen, und vorher noch rief uns Karl Walterbach von unserem Label an und sagte, er habe ein super Cover für uns. In Berlin zeigte er uns dann das Bild, das letztlich das Cover wurde. Phil Lawvere, von dem das Gemälde stammt, hatte Walterbach mehrere seiner Bilder verkauft, manche davon kamen bei CELTIC FROST zum Einsatz, und dieses eben bei uns. Das eigentliche Logo von uns, das unser Schlagzeuger gemalt hatte, war übrigens mit C, also wir schrieben uns zuerst CREATOR, doch dann hatten wir die Idee das mit K zu schreiben und Phil hat das Logo dann entsprechend bearbeitet. Dass unser Bandname sich mit K schreibt, war also nicht wirklich geplant, das ist eher Zufall. Ich hatte mir später die Geschichte einfallen lassen, Kreator sei ein Dämon aus dem isländischen Heldenepos Edda, aber das stimmt gar nicht, da hatte mich auch mein Geschichtslehrer auf eine falsche Fährte geführt. Das Cover wurde uns also letztlich „aufgedrückt“, aber ich muss sagen, ich finde es gut.

Man sieht da Blut, tote Menschen, Köpfe, die auf Pfähle gespießt sind ... Was habt ihr euch dabei gedacht?

Nichts, hahaha! Du musst dir vorstellen, dass ich vor allem Fan dieser Musik war, ich war ja gar kein richtiger Musiker. Und für mich als Metal-Fan sah dieses Cover genauso super aus wie die Cover der anderen Metal-Bands, die ich damals gehört habe. Ich finde das Cover auch heute noch gut, ich mag ja solchen ... Kitsch. In meine Wohnung hängen würde ich mir das heute aber trotzdem nicht. Damals war ich Fan dieser ganzen Fantasy-Ästhetik, damals lief gerade „Conan der Barbar“ im Kino, und so fanden wir alle das Cover gut: Blut, Tod, Macht, Schlacht, da war alles dabei.

Und was sagten deine Eltern zu dem Meisterwerk?

Das hat die überhaupt nicht interessiert, die haben wohl gar nicht so recht begriffen, was wir da machten.

Zu der Zeit bekam Jello Biafra in den USA gerade Ärger mit Tipper Gore und dem FBI wegen des „Schweinkram“-Posters zum „Frankenchrist“-Album, das eigentlich nur ein Bild des renommierten Künstlers HR Giger war.

Jello ist ein paar Jahre älter, der wusste, was er tat, im Gegensatz zu uns. Und mal ehrlich, im Vergleich zu Gigers „Penis Landscape“ ist unser Cover harmlos. Das tut niemandem weh, außer Leuten, die nicht auf diese Metal-Klischees stehen.

„Pleasure To Kill“ (1986)

Das Cover hat eine ähnliche Entstehungsgeschichte. Das erste Album hatte sich entgegen unserer Erwartungen super verkauft, und so rief uns Walterbach an und sagte, wir müssten ein zweites Album machen. Darüber haben wir natürlich gefreut, haben entsprechend bewusst an unseren Songs gearbeitet, wohingegen wir beim ersten Album dachten, das wäre so eine einmalige Sache. Also gaben wir uns mehr Mühe. Irgendwann bekamen wir dann vom Label ein Bild zugeschickt, wieder von Phil Lawvere, aus der gleichen Bilderserie. Ich finde das Motiv ungewollt klassisch: Es ist bis heute unser beliebtestes Cover. Als wir das damals sahen, war die Reaktion einstimmig: Super! Warum? Schwer zu beschreiben. Es ist sicher beeinflusst von Luis Royo, diesem spanischen Fantasy-Maler, wobei das vom Künstlerischen her eher Comic als tradtionelle Kunst ist. Außerdem passte das Cover bestens zu unseren Texten. Wir hatten das Cover schon, bevor das Album aufgenommen wurde. Ich musste noch ein paar Texte schreiben, und dabei hatte ich dann immer das Covermotiv vor Augen. Wir dachten uns irgendwelche Geschichten von irgendwelchen Schlachten aus. Der Albumtitel wiederum ist beeinflusst vom Film „Gesichter des Todes“, in dem es eine Szene gibt, wo aus dem Off der Satz „It’s a pleasure to kill ...“ gesagt wird. Meine Idee war eigentlich gewesen, ein Konzeptalbum zu machen über verschiedene Arten zu sterben, hahaha. Das hat dann aber irgendwie nicht so ganz geklappt, aber so eine Art roter Faden ist das schon, mit Songs wie „Under the guillotine“ und „Rippin corpse“ – eine Leiche kommt und bringt dich um, oder deine ganze Familie, hahaha.

Warum hast du so böse Texte geschrieben und nicht zur Akustikgitarre über Blümchen auf der Wiese gesungen?

Das ist eine Frage, die ich mir auch schon oft gestellt habe. Wir waren eben eine Metal-Band und wollten das Härteste machen, was es gibt.

War man sich damals der Klischees, die man da pflegte, bewusst?

Nein! Das Wort Klischee war uns nicht mal bekannt, uns war es todernst mit allem, was wir da machten. Ich finde das auch immer noch gut ... Wir waren Teenager, wir mochten Horrorfilme und Death-Metal-Bands wie BATHORY, POSSESSED, SLAYER, frühe METALLICA, MERCYFUL FATE. Das waren unsere Vorbilder, vor allem MERCYFUL FATE und POSSESSED, und unser Ziel war, noch härter zu sein als die. Auf dem ersten Album war ja auch noch viel Pseudo-Satanismus enthalten, wobei wir ja gar keine Ahnung von Satanismus hatten. Wir hatten uns sogar ein Buch gekauft, in dem so Rituale drinstanden, „Das siebte Buch Mose“ oder so, wo Zaubersprüche drinstehen sollten. Wir versuchten das dann auch mal zu praktizieren, aber das klappte nicht, weil man da das Blut von einem Elch haben musste, der schon seit sieben Jahren tot ist oder so. Also haben wir das Buch zur Seite gelegt. Und so war „Pleasure To Kill“ dann pure Fantasie, da war kein richtiger Sinn dahinter. Für mich ist das intuitive naive Kunst – oder wegen mir auch nicht Kunst. Wir waren uns damals aber keinesfalls der Tatsache bewusst, dass wir da ein Album aufnehmen, zu dem mir bis heute Fans sagen, wir sollten doch mal wieder eine Platte wie „Pleasure To Kill“ machen. Dabei waren wir damals während vor und nach den Aufnahmen immer nur betrunken. Das war alles sehr locker im Studio, wir hatten sogar recht viel Zeit – wie viel Zeit, das wurde uns erst bewusst, als wir am letzten Tag auf unsere Labelkollegen INFERNO trafen und uns die erzählten, dass sie nur ein Wochenende haben für die Aufnahmen. Damals lernten wir auch erstmals, wie es ist, ein Album professionell aufzunehmen, wir stellten Harris Johns, der unser Album aufnahm, eine Menge Fragen, denn er war damals der Top-Produzent, er hatte unter anderem SLIME produziert. Wir spielten ihm unsere Lieblingsplatten vor, und er sagte immer nur, das könne er besser. Und um auf das Artwork zurückzukommen: das war eigentlich nebensächlich.

„Terrible Certainty“ (1987)

Dazu gibt es eine gute Geschichte. Wir haben in Würzburg ein Konzert gespielt, und in dem Hotel hing dieses Bild, das da auf dem Cover zu sehen ist – allerdings ohne diesen Dämon. Es zeigt die Karlsbrücke in Prag. Wir haben das Bild dann einfach aus dem Hotel geklaut und den Künstler kontaktet, da stand ein Name drauf. Wir fragten, ob wir das Bild benutzen können, und er sagte nein. Wir schickten das Bild dem Walterbach von unserem Label, der fand das auch gut, und er sagte, er werde das den Lawvere nachmalen lassen. Das Ergebnis war dann unser Cover. Er hat das eigentliche Motiv ergänzt um den Dämon und diese Ruinenstadt. Das war unser erstes Cover, an dem wir als Band mitgearbeitet haben, zu dem wir uns bewusst Gedanken gemacht haben.

Was für ein Typ ist dieser Phil Lawvere?

Ich hatte bis vor Kurzem nie Kontakt mit dem. Der hatte damals diese Bilder wohl mit irgendeinem Handschlag-Deal an Walterbach verkauft, wir waren da gar nicht eingebunden. Nach all den Jahren kam er jetzt auf uns zu und wollte Geld von uns haben, mit der Begründung, seine Bilder hätten das Image von KREATOR geprägt. Aber damals wusste ja keiner, was aus uns mal wird, und wie gesagt, wir waren in diese Deals damals gar nicht eingebunden.

„Extreme Aggression“ (1989)

Eine absolute Katastrophe, das war alles nicht so geplant ... Wir hatten damals Kontakt zu den Leuten von ASSASSIN aus Düsseldorf, wir sind bis heute mit denen befreundet, und einer von deren Freunden zeichnete Comics, der hatte auch was mit WARLOCK zu tun. Also sagte ich dem, unser neues Album werde „Extreme Aggression“ heißen, ob er da nicht ein Cover zeichnen könne. Das tat er, aber das war totaler Schrott. Da stand so ein Typ vor dem Spiegel und aus seinem Kopf kam „unser“ Dämon. Das sah aber nicht gut aus, ich wollte das Cover nicht haben. Das Album musste aber raus, und das war sowieso schon ein Drama, wir hatten das Album zweimal aufnehmen müssen, alles war chaotisch. Wir hatten also ein Zeitproblem, und so kam die Idee, eben mal ein Bandfoto aufs Cover zu machen – und das war das Ergebnis. Ich sagte damals in Interviews zwar, das sei Absicht gewesen, das Bandfoto ein Statement, aber aus heutiger Sicht gebe ich zu, dass es kein Statement war, sondern einfach Scheiße, dumm gelaufen, haha. Das Cover fällt immerhin aus dem Rahmen, es gibt kein anderes KREATOR-Cover, das so aussieht.

Ist die Platte im „Werkkanon“ von KREATOR auch sonst eine Ausnahme?

Es ist das Album, mit dem wir international und kommerziell bis dato den größten Erfolg hatten. Damals lief die Thrash-Welle so richtig, wir waren deren deutsche Vertreter, und ich finde das Album viel, viel besser als „Terrible Certainty“, die Produktion ist ausgefeilter, wir haben spieltechnisch mehr gewagt. Es ist ein Album, das von der Produktion her US-Standard hatte – bis dahin hatte ich nie den Sound bekommen, den ich im Kopf hatte. Wir waren damals für die Aufnahmen lange in Los Angeles, und in der Folge wurden eine Menge Leute auf uns aufmerksam, unter anderem kam es auch zu diesem Dokumentarfilm „Thrash Altenessen“. Das war so ein kleiner Hype.

„Coma Of Souls“ (1990)

Wir hatten damals vier Alben in fünf Jahren aufgenommen, das ist total hart für heutige Verhältnisse. Und so kam es, dass wir 1990 schon wieder ein neues Album einspielen sollten. Wir hatten aber erst drei Stücke, worauf es hieß, dann sollten wir eben sieben weitere machen und ab ins Studio. Walterbach war da sehr vehement, und wir fühlten uns künstlerisch völlig überfordert. Und so „schusterten“ wir das Album nicht gerade zusammen, aber wir machten das Beste aus der Situation, wobei auch unser damals neuer Gitarrist hilfreich war, der sich viel einbrachte. Als das Album fertig war, war ich ziemlich durch. Ich will nicht sagen, dass wir damals eingebildet waren, aber wir waren schon etwas seltsam drauf, so in der Art „Wir müssen jetzt erstmal drei Wochen nach Berlin ins Studio, um Demo-Sessions zu machen“. Wir wussten damals noch nicht, dass einem das Label so was eiskalt auf die Rechnung setzt ... Walterbach hatte praktischerweise ein eigenes Studio. Durch diesen Berlin-Aufenthalt hatten wir Kontakt zu Andreas Marschall, der das Cover zu Jörg Buttgereits „Nekromantik“ gemalt hatte. Das gefiel mir sehr gut, ich hatte damals gerade Hieronymus Bosch für mich entdeckt, und so traf mich mit Marschall, und meine Idee war, klassische Kunst mit modernen Comic-Elementen zu verbinden. Ich finde, das Motiv passt zum Titel „Coma Of Souls“, und es wurde da auch ein Ausschnitt aus „Garten der Lüste“ von Bosch verwendet. Das Thema des Albums ist ja, dass die Menschen gar nicht ihr echtes Leben leben, sondern sich in einem Koma befinden. Ich würde sagen, zu 80% ist das Cover Andreas Marschalls Idee, zu 20% meine. Für mich ist das eines der besten KREATOR-Cover. „Für so ein Metal-Cover ganz gut“, hahahaha.

„Renewal“ (1992)

Das Album ist ein ganz spezielles Thema. 1992, als das entstand, war die Band durch, ausgelaugt, übertourt, überarbeitet – und dann hieß es, wir machen jetzt was Neues, ihr könnt uns alle am Arsch lecken. Diese Einstellung zieht sich durch das ganze Album, und wir haben damals versucht, Hardcore- und Industrial-Einflüsse einzubringen. Ich hatte solche Musik damals schon lange gehört, mich künstlerisch etwas eingeengt gefühlt. Du musst dir vorstellen, ich habe die Band mit 16 angefangen, war totaler Metalhead. Ich mochte die Musik ja, hatte aber keine Gelegenheit, mich als Musiker mal auszuleben, andere Einflüsse einzubringen, herumzuexperimentieren. Also haben wir gesagt, wir kümmern uns nicht um die Erwartungshaltung der Leute, sondern machen das Album so, wie wir das haben wollen. Das Coverartwork ist von dem englischen Künstler Dave McKean, und ich hatte die Vorstellung eines Motivs, das etwas mit dem Thema Kontrolle zu tun hat, ein Stück heißt ja auch „Realitätskontrolle“, inspiriert von George Orwell. Das ganze Album hat ja einen Orwell-Touch, es dreht sich alles um die Idee eines Überwachungsstaats, was ja auch Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger schon ein Thema war. Ich ließ Dave McKean freie Hand und weiß ehrlich gesagt nicht, was er mit dem Motiv sagen wollte. Es ist sehr surreal und künstlerisch wohl das beste KREATOR-Cover. Die Fans allerdings fanden das nicht so toll, es ist wohl zu wenig typisch für KREATOR. Dabei ist es das Cover, das ich mir am ehesten in die Wohnung hängen würde. Da fehlt eben der sonst immer präsente Dämon, aber von dem her, was mich an Kunst anspricht, ist es mein Lieblingscover.

Du hast es eben angesprochen, der Dämon ist so was wie euer Trademark. Hattet ihr, ähnlich wie IRON MAIDEN mit ihrem „Eddie“, im Hinterkopf, dass es wichtig ist, so ein künstlerisches Trademark zu haben?

Nein, das hat sich so entwickelt. Zur Zeit der ersten drei Platten war ich noch nicht so weit, das Verständnis kam erst Anfang der Neunziger, als ich mich begann für Kunst zu interessieren, für Sachen wie Richard Kerns „Cinema of Transgression“. Ich finde es schade, dass viel zu selten ein intellektueller Anspruch mit Coverartwork verbunden wurde. Man ist durch diverse Umstände leider viel zu oft gezwungen, Coverartworks anders zu machen, als man sie gerne hätte. Man erstellt einerseits das künstlerische Konzept eines Albums, ist dann aber andererseits nur ein Teil der Band und muss sich fügen. Metal ist ein Selbstläufer, hat einen gewissen Pathos, der nicht unbedingt immer dem entspricht, was ich privat so denke und mache. Da ist man oft in einer Zwickmühle.

„Cause For Conflict“ (1995)

Das ist mein Anti-Lieblingscover, das ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Wir hatten einen Künstler dafür vorgesehen, einen brasilianischen Tätowierer namens Junior, und der hat diesen Dämon gemalt. Dann hat Dirk Rudolph, der viel für Philipp Boa und RAMMSTEIN gearbeitet hat, das Gemälde digital bearbeitet. Es ist aus heutiger Sicht aber eher „na ja“, so typisch Neunziger. Ein guter Versuch, es hat Atmosphäre, aber ich weiß nicht so recht, was ich davon halten soll. Das Originalgemälde war nur der blaue Kopf. Dirk war damals einer der ersten, der richtig gut mit Photoshop umgehen konnte.

Damals war dieses Programm noch was für Profis, die sich entsprechend rechenstarke Apple-Computer leisten konnten.

Genau, und man sieht dem Cover eben genau an, in welcher Zeit und unter welchen technischen Umständen das entstanden ist. Man hat eben ausprobiert, was die Technik so hergibt – wahrscheinlich wird man in 20 Jahren so über den Film „Avatar“ urteilen. Eine bestimmte Message hat das Cover übrigens nicht, es war eine komische Zeit, die Neunziger will ich lieber abhaken.

„Outcast“ (1997)

Wir fanden damals gut, was Dirk Rudolph gemacht hat, und so haben wir ihn für „Outcast“ ein komplett eigenes Cover machen lassen. Das Logo ist in Holz geschnitzt, der hat das tatsächlich von Hand gemacht. Dann hat er diesen Typen da fotografiert und den Rest in Photoshop gemacht. Ich finde das künstlerisch gut, aber es hat nicht viel mit den KREATOR von „Pleasure To Kill“ zu tun. Als Poster hat das damals aber sehr gut gewirkt, und es ist eines unserer besseren Cover. Aber: Was viele Leute unter KREATOR verstehen, ist das aber nicht. Und auch nicht das, was ich unter KREATOR verstehe. „Outcast“ und „Renewal“, das wären Cover gewesen, die für ein Soloprojekt von mir gepasst hätten.

Hast du dich damals nicht auf deinen Instinkt verlassen?

Nein, diese Cover waren schon genau das, was wir damals haben wollten. Wir wollten außergewöhnliche Metal-Cover haben, aber ich bin der Meinung, dass dieser Metal-Pathos, diese „Pleasure To Kill“-Männchen bei uns einfach dazugehören. Für mich ist das wichtig, auch wenn ich weiß, dass das eigentlich Quatsch ist, dass es trivial ist und auch künstlerisch nicht besonders wertvoll. „Outcast“ würde ich mir allerdings in die Wohnung hängen.

Wichtig ist dir also so ein gewisser flashiger Comic-Effekt – es muss splattern.

Ja, genau! Ich hatte ja auch mal die Idee, dass Richard Kern ein Video für KREATOR drehen soll. Ich habe den angerufen, erzählte ihm, wie gut ich seine Kurzfilme mit Lydia Lunch finde, ob er nicht ein Video für uns drehen könne. Darauf antwortete er, das seien alles Sachen, die er 1980, 1983 gemacht habe. Damals sei er ein totaler Junkie gewesen, er stehe heute künstlerisch ganz woanders, und da wusste ich, dass ich das, was ich mir vorstellte, von ihm nicht bekommen würde. Mit Jörg Buttgereit war das genauso, vom ihm wollte ich so ein „Nekromantik“-artiges Video, und da wurde auch nichts daraus, aus dem gleichen Grund. Ich glaube, in der Hinsicht bin ich wie die KREATOR-Fans, die von uns am liebsten noch mal ein Album wie „Pleasure To Kill“ haben würden. Ich habe also gelernt, dass ich heutzutage kein Video mit Buttgereit oder Kern mehr machen kann, weil die Typen künstlerisch woanders stehen. Trotzdem fände ich es als Fan super, wenn Buttgereit heute noch mal einen Splatterfilm drehen würde – er selbst fände die Idee vielleicht nicht so gut. Was nun KREATOR betrifft, habe ich meinen Frieden geschlossen mit den Wünschen der Fans: KREATOR haben ein gewisses Trademark, und dem müssen wir gerecht werden. Gleichzeitig muss das aber auch für mich knallen. Das Artwork eines Albums repräsentiert die Musik darauf, und weil „Outcast“ etwas anders war, passt das Cover auch: es war ein außergewöhnliches Album mit einem außergewöhnlichen Cover.

„Endorama“ (1999)

Das ist mein absolutes Hass-Cover. Ein Schnellschuss, es passt irgendwie zur Musik, aber eigentlich ist es totaler Quatsch. Damals war unser Verhältnis zu unserem Management ein totaler Krampf, wir standen kurz vor der Trennung, und wir wollten wieder mit Dirk Rudolph zusammenarbeiten, doch es hieß, der sei zu teuer. Also ein Schnellschuss, wir blätterten ein Fotobuch durch, stießen auf dieses Bild, wir wollten die Rechte daran haben, aber so schnell ging das nicht, und so hat uns das dann ein Künstler nachgemalt. An sich ist das nicht schlecht, aber wenn ich nur an das ganze Drumherum damals denke – ganz schlimm. Es passt aber zum Album, denn das ist ein kontroverses KREATOR-Album, das es so gar nicht hätte geben sollen. Musikalisch ist es aber hochwertig, es ist eher ein Wave-Album. Es war der Abschluss einer Ära, der Neunziger.

„Violent Revolution“ (2001)

Das Cover stammt von Andreas Marschall, der zu diesem Zeitpunkt eigentlich raus war aus dem Geschäft, der machte kaum noch Coverartworks damals. Andreas hatte sich inzwischen als Cutter und Regisseur etabliert, ich musste ihn vorsichtig überzeugen, wieder für uns zu arbeiten. Ich hatte ihm damals den Titel genannt, doch der erste Entwurf war nichts, der Dämon so als Freiheitskämpfer mit Stirnband und Knarre – das wollte ich nicht, ich will keine Schusswaffen auf meinem Cover. Ich schlug ihm dann vor, etwas Ähnliches wie auf „Coma Of Souls“ zu machen, nur moderner. Und so kam dann dieser Entwurf, der es letztlich wurde. Was genau diese Zeichen darauf bedeuten, weiß ich allerdings nicht mehr – ich habe es vergessen ... Ich finde es gut, es knallt, wobei ich nicht weiß, was er sich im Detail gedacht, was es mit „Violent Revolution“ zu tun hat. Es ist ein plakatives, großartiges Cover, und das ist für mich wichtig. Ein Artwork muss nicht immer eine Message haben.

„Enemy Of God“ (2005)

Leider ist das Cover nur ein Teil des eigentlichen Artworks. Was man da sieht ist ein Kompromiss. Auf dem Original sieht man noch zwei so Cyborg-artige Frauen, aber das kam leider nicht aufs Cover. Joachim Luetke hat das Artwork gemacht, es gefällt mir, aber es erinnert mich auch etwas an „Violent Revolution“. Nur ist das Original, aus dem heraus wir das Artwork genommen haben, viel viel besser als das Cover, das nur einen Ausschnitt darstellt. Eigentlich wollte ich damals ja ein Cover von Hansruedi Giger, hatte auch Kontakt, nur sind dessen finanzielle Vorstellungen unerfüllbar. Ich erfuhr dann, dass das Cover, das mich auf Giger brachte, in Zusammenarbeit mit Luetke entstanden war, und so sprach ich ihn an. Er arbeitet ähnlich wie Dirk Rudolph mit so einer Mischung aus Gemälde einerseits und Photoshop andererseits.

Bei all deiner Begeisterung für Kunst: Hattest du nie das Bedürfnis, die Originale etwa dieses Covers als großformatigen Druck zu Hause an der Wand hängen zu haben?

Nein, ich habe zu Hause so gut wie keine musikalischen Requisiten stehen oder hängen. Ich bin kein Sammler, ich mag Sachen kurz, und dann stehen sie wieder in der Ecke.

„Hordes Of Chaos“ (2009)

Ich finde das Cover generell gut, aber ... Ich sprach damals mit Joachim Luetke, von dem auch dieses Artwork stammt, dass ich keine Knarren auf dem Cover haben will. Luetke hatte die Idee, auf dem Cover so total abgefuckte Typen darzustellen, „hordes of chaos“ eben. Dann bekomme ich aber den Entwurf, und entgegen meinem Wunsch sind da aber Knarren zu sehen, ein altes Maschinengewehr. Ich will das aber nicht, finde das doof, ich mag keine Waffenverherrlichung, das finde ich scheiße. Dann lieber einen Typen mit Schwert – wer hat denn heutzutage noch ein Schwert, verstehst du? Luetke sagte, das seien aber alte Gewehre, von Neunzehnhundertirgendwas. Ich: Nein, will ich nicht. Er: Kann ich aber nicht mehr ändern. Letztlich konnte ich mich nicht durchsetzen, die waren auf dem Artwork, und so bin ich mit dem Cover nicht 100% zufrieden, mir gefällt der Gesichtsausdruck von dem Typen auch nicht, diese Titten sind auch doof. Insgesamt ist es aber ein gutes Cover, das aber nur einen Ausschnitt des ganzen Artworks zeigt, das wir dann als Bühnen-Backdrop verwendet haben. Luetke ist wirklicht gut, aber ich habe da eben wiederholt die Erfahrung gemacht, dass es schwer sein kann, seine Coverwünsche exakt umgesetzt zu bekommen.

Nun hast du wiederholt gesagt, dass du keine Schusswaffen auf deinen Plattencovern magst. Warum eigentlich? Ansonsten sind die doch nicht gerade gewaltfrei und durchaus blutig.

Es macht für mich einen Unterschied aus, ob man da eine Fantasiewaffe wie ein Schwert zeigt, oder ob man da eine Schusswaffe zeigt. Da habe ich gleich Assoziationen wie Waffenhandel, Krieg, Gewalt. Das geht gegen meine ästhetischen Vorlieben und meine Prinzipien, mit Waffen assoziiere ich nur Negatives, das ich in meiner Welt nicht haben will. Klar passiert auf KREATOR-Covern auch Gewalt, aber eben nicht diese reale Alltagsgewalt.

„Phantom Antichrist“ (2012)

Besser geht es nicht als dieses Cover, oder? Das ist von Wes Benscoter, einem amerikanischen Zeichner. Der hat schon zig andere Metal-Cover gemacht, unter anderem für SLAYER, aber mir hat besonders das letzte Cover von AUTOPSY gefallen, und so fragte ich ihn, ob er nicht unser Cover machen kann. Ich gab ihm den Titel und sagte, ich wolle ein ähnliches Cover wie „Pleasure To Kill“, nur eben moderner. Er sagte zu, aber dann hörte ich nichts mehr von ihm, er reagierte nicht auf meine Mails, und ich machte mir schon über einen anderen Künstler Gedanken. Doch dann kam eine Bleistiftskizze des Motivs, und ich fand es sofort großartig. Es ist wie bei „Pleasure To Kill“ eine Szene, die nichts mit der Realität zu tun hat, aber total knallt, es ist eben alptraumhafter Surrealismus: Was macht der Typ da, warum hängen die da rum, und so weiter. Die vier Pferdeköpfe kann man als Referenz an die vier Reiter der Apokalypse deuten. Ich hatte Wes erklärt, dass es auf dem Album wieder um die typischen KREATOR-Themen geht. 2011 wurde Osama Bin-Laden gefunden, umgebracht und seine Leiche im Meer versenkt, wobei es in der muslimischen Kultur keine Seebestattung gibt. Nun tauchten da schnell Spekulationen auf, ob Bin-Laden wirklich gefasst wurde, ob er wirklich tot ist – er ist quasi der „Phantom Antichrist“. Wes hatte allerdings nur den Titel bekommen, nicht den Songtext, und das Cover ist das, was er aus dem Thema gemacht hat. Das hat nicht unbedingt eine tiefsinnige Bedeutung, aber das Motiv passt gut zu uns, und Motiv und Titel passen, und so bin ich total zufrieden damit. Es muss einfach knallen.

Ist das eine wichtige Funktion bei einem Metal-Cover?

Das ist wie bei einem Filmplakat früher: Das muss einen ansprechen, man muss Lust bekommen, den Film sehen zu wollen. Ob die Erwartungen vom Film erfüllt werden, ist dann eine ganz andere Sache. Letztlich ist das dann nicht anders als meine Erfahrung im Umgang mit Cover-Künstlern: Man kann zwar Vorgaben machen, aber man weiß trotzdem nie genau, was man bekommt. Ich habe schon mit Musikern gesprochen, die machen da selbst Skizzen und ganz exakte Vorgaben, aber das kann ich nicht. Ich kann nur pauschal sagen, wie diesmal: Mach was, damit man sich bedroht fühlt, Angst bekommt.

Du scheinst mit dem neuen Cover richtig glücklich zu sein.

Vielleicht liegt es daran, dass es neu ist. Aber ich stehe eben auf Cover wie die de MISFITS früher. Das ist für mich große Kunst, obwohl es nur Comic-Art ist. Ich kann mich daran aber richtig erfreuen – und wer weiß, vielleicht gefällt mir unser neuestes Cover in fünf Jahren auch nicht mehr.

Trifft es dich, wenn jemand in euren Covern Trash und nur die Erfüllung von Metal-Klischees sieht?

Überhaupt nicht. Wer so was sagt, mag Metal wohl generell nicht. Man kann niemanden davon überzeugen, das gut zu finden. Ich hätte mir aus persönlichem Interesse auch vorstellen können, mit John Baizley von BARONESS zu arbeiten, der auch die Cover von KYLESA und KVELERTAK gemacht hat. Aber dieser Stil hätte nichts mit KREATOR zu tun, und außerdem hat Baizleys Artworks derzeit eben jeder. Den Stil von unserem Cover hat zwar auch seit 20 Jahren schon jeder – aber nicht in dieser Qualität, haha. Ich mache mir in der Hinsicht keinen Stress, beobachte aber schon genau die Trends in Sachen Cover-Ästhetik, und Künstler wie Frank Kozik oder Derek Hess kommen und gehen auch wieder, wobei Hess’ SEPULTURA-Cover ein gutes Beispiel für ein schönes Cover ist, das aber überhaupt nichts mit der Band zu tun hat. Und deshalb reiht sich „Phantom Antichrist“ schon vom Artwork her in die Reihe großer KREATOR-Platten wie „Pleasure To Kill“ und „Endless Pain“ ein. Natürlich ist KREATOR eine Band, die auch politische und sozialkritische Themen hat, aber wenn man dann abends auf einer Bühne steht, ist es in erster Linie Unterhaltung. Dazu gehört eine entsprechende Optik, deshalb gibt es bei uns Bühnen-Backdrops mit dem Covermotiv, und ich mag es nicht, wenn so was trivialisiert wird, wenn da von Klischees geredet wird von Menschen, die das nicht verstehen wollen. Klischees gibt es schließlich überall, bei Punk, bei Hardcore, bei Indierock. Wir müssen uns dennoch damit abfinden, dass wir, egal wie viel Herzblut wir in eine Sache stecken, damit immer auch Klischees bedienen. Daran muss nichts schlecht sein, es muss alles nur gut gemacht sein, und dann habe ich auch kein Problem damit, das auch meinem Alter noch zu machen. Man macht das alles doch nur, weil man davon überzeugt ist.

Joachim Hiller

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© by Ox-Fanzine / Ausgabe #102 (Juni/Juli 2012)

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