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Interviews & Artikel

MUDHONEY

Die letzten Grunge-Dinosaurier

MUDHONEY gehören zu den wenigen Helden der frühen Neunziger, die den Grunge-Boom in Seattle ohne Macke überstanden haben. NIRVANA waren gleich nach dem Suizid von Kurt Cobain tot, SOUNDGARDEN sind es nach dem Selbstmord von Chris Cornell inzwischen auch. ALICE IN CHAINS versuchen gerade einen Neustart mit neuem Sänger, einzig PEARL JAM ziehen einsam ihre Kreise durch die Stadien dieser Welt. MUDHONEY waren nie so groß wie die übermächtige Konkurrenz aus Seattle, vielleicht hat sie das gerettet. Ihr zehntes Album „Digital Garbage“ erscheint wieder bei Sub Pop. Da, wo alles angefangen hat. Sänger und Gitarrist Mark Arm arbeitet dort sogar als Warehouse Manager und nimmt sich fürs Ox-Interview eine kurze Kaffeepause.

Anfang August wurde der 30. Geburtstag von Sub Pop in Seattle groß gefeiert, unter anderem mit einem Festival, bei dem auch MUDHONEY gespielt haben. Wie war es?


Das hat großen Spaß gemacht. Es herrschte einfach ein sehr guter Vibe. Jeder schien glücklich zu sein. Viele großartige Bands haben gespielt. Niemand war gemein oder unfreundlich. Zumindest unter denjenigen, die ich gesehen habe.

Die Bürgermeisterin hat den 11. August zum „Sub Pop Day“ erklärt. Was bedeutet das, ist das jetzt ein offizieller Grunge-Feiertag?

Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, ob der jetzt jedes Jahr gefeiert wird. Ich dachte, der sei nur dieses Jahr gewesen. Ich war bei der Zeremonie nicht dabei, also habe ich die Rede nicht gehört. Ich finde es lustig und irgendwie auch cool. Es ist schön, mit der Stadt verbunden zu sein, die normalerweise von ziemlich spießigen Leuten verwaltet wird. Im Sommer gibt es immer die Seafair Torchlight Parade, ein Fackelzug durch die Stadt, und Sup Pop-Mitbegründer Jonathan Poneman war eine Art Anführer der Parade. Es ist immer lustig, wenn so etwas passiert. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Stadtväter in unseren Anfangstagen sicher die Nase über uns gerümpft haben.

In Deutschland ist es unvorstellbar, dass eine Stadt einem Indie- oder Punklabel einen ganzen Tag widmet.

So sollte es ja auch sein, oder? Haha.

Mit MUDHONEY seid ihr 2002 nach einigen Alben für Reprise wieder zu Sub Pop zurückgekehrt. Was verbindet dich mit diesem Label? Abgesehen davon, dass du dort arbeitest.

Sub Pop lag vom ersten Tag an ums Eck für uns. Und schon davor, als ich noch bei GREEN RIVER war, hat Sub Pop unser Album rausgebracht. Sie haben uns von der ersten Single an unterstützt. Damals waren sie noch gar kein richtiges Label. Bruce Pavitt hatte zu diesem Zeitpunkt erst eine Handvoll Platten veröffentlicht. Und er gab uns jede Menge Tipps: Da müsst ihr hingehen. Der hilft euch. Da könnt ihr das Vinyl pressen lassen ... Sie waren vom ersten Moment an extrem hilfsbereit. Wahrscheinlich hätten wir das Label damals gar nicht verlassen, wenn wir gewusst hätten, dass NIRVANA Sub Pop später retten würden.

Und wie ist Sub Pop für dich? Dein Label, dein Arbeitgeber, eine Art Familie?

Ich würde sie als sehr enge Freunde bezeichnen. Familie würde ich nicht sagen. Freunde kann man sich aussuchen, Familie nicht. Und meistens gibt es in Familien mehr Streit als unter Freunden. Ich bevorzuge also Freunde.

Welche Bands aus der jüngeren Generation von Sub Pop-Bands magst du am liebsten?

Oh, da gibt es jede Menge. Ich sitze ja hier an der Quelle. PISSED JEANS, HOT SNAKES, METZ, CLIPPING, SHABAZZ PALACES oder HERON OBLIVION. Ich denke, als Nächstes kommt die zweite MASS GOTHIC-Platte, die lohnt es sich anzuhören, oder auch die neue Cullen Omori-LP.

Dieses Jahr wird nicht nur dreißig Jahre Sub Pop Records gefeiert. Auch MUDHONEY gibt es jetzt dreißig Jahre. Habt ihr schon gefeiert?

Wir feiern unseren Geburtstag immer an dem Tag, an dem die Originalbesetzung zum ersten Mal geprobt hat. Das war der Neujahrstag 1988. Damals war unser erster Bassist Matt Lukin aus Aberdeen zu Besuch. Normalerweise schicken wir uns immer noch eine verkaterte Textnachricht: „Hey, Glückwunsch! Schon wieder ein Jahr geschafft!“

Hast du noch Kontakt zu Matt?

Na klar. Er arbeitet inzwischen als Schreiner. Er kriegt aber keine Glückwunsch-Mail mehr, weil er nicht mehr in der Band ist. Dieses Jahr habe ich ihn nicht getroffen. Ich habe aber gehört, er war in einer Bar in Seattle. Es war aber total chaotisch an diesem Abend. Wir sind gerade angekommen und haben unser Equipment ausgeladen. Ich hatte keine Kraft mehr auszugehen. Wenn das nicht gewesen wäre, hätte ich ihn wahrscheinlich noch gesehen.

Ihr spielt also keine spezielle Show oder veröffentlicht eigens einen Tonträger zu diesem Jubiläum?

Nein. Wir haben ja dieses Jahr ein reguläres Album am Start. Eigentlich hätte es schon früher erscheinen sollen. „Digital Garbage“ eingeschlossen sind die letzten drei Alben alle zu einem Jubiläum erschienen. 20. Geburtstag, 25. Geburtstag und 30. Geburtstag. Das war aber nicht unser Plan. Wir haben unsere Record-Release-Show mit den SCIENTISTS am 29. September in Seattle gespielt. Das war ziemlich gut.

Was ist in den fünf Jahren seit „Vanishing Point“ bei MUDHONEY passiert?

Die Kinder von unserem Gitarristen Steve waren noch ein bisschen jünger, also hat er viel Zeit zu Hause verbracht. Deshalb waren wir nur vereinzelt auf Tour. Außerdem lebt er inzwischen in Portland. Das bedeutet für ihn drei Stunden Autofahrt nach Seattle. Wenn wir proben, ist er also lange unterwegs. Es ist folglich härter für ihn, mit uns an neuen Songs zu arbeiten. Außerdem haben wir vor zwei Jahren ein paar Shows mit unserer anderen Band MONKEYWRENCH gespielt. Dafür mussten wir viel proben und das hat uns auch davon abgehalten, uns mit MUDHONEY zu beschäftigen. Wir mussten alle Songs neu lernen, damit wir einige Gigs in Australien spielen konnten. Wir hatten mit MONKEYWRENCH schon zehn oder fünfzehn Jahre lang nichts mehr gemacht. Es hat sich aber gelohnt, die Konzerte waren großartig. Eigentlich sollten wir ja auch beim All Tomorrow’s Parties Festival in Manchester auftreten, das von DRIVE LIKE JEHU kuratiert wurde. Aber das ganze Projekt kam nicht zustande und kollabierte finanziell. Zum Glück sind wir nicht ins Flugzeug gestiegen.

Lass uns über das neue Album reden. „Digital Garbage“ habt ihr es getauft. Was meinst du damit?

Es gibt einfach so viel Mist im Cyberspace. Die ganze Welt beschäftigt sich permanent damit, was im Internet oder auf dem Smartphone passiert. Es hat zum Glück nicht die Ausmaße einer Mülldeponie, aber es nimmt schon ziemlich viel Raum ein, finde ich.

Der Albumtitel stammt aus dem Song „Kill yourself live“, ein Lied über Social Media.

Es geht generell um extreme Formen von verschiedenen Verhaltensweisen. Nicht nur in den Medien. Leute machen Stepptanz, um Aufmerksamkeit zu bekommen, posten Videos davon auf YouTube, Facebook oder Instagram. In der Hoffnung, dass andere Menschen mögen, was sie machen. Mir ist es total fremd, wie Menschen auf diese Art nach Bestätigung suchen und sich total zum Affen machen.

Nutzt du selbst soziale Medien?

Nein. Ich sehe es immer nur bei meiner Frau oder meinen Freunden. Dafür will ich keine Zeit opfern. Immer wenn die Leute nichts zu tun haben, holen sie ihre Handys raus und schauen irgendwas an. Oder manchmal zücken sie auch mitten in einem Gespräch ihr Handy und tippen darauf herum. Das finde ich ätzend. Ich verbringe meine Zeit lieber mit echten Dingen, die mich umgeben. Auf diesen Plattformen wird so viel künstliche Empörung erzeugt. Egal, worum es geht, Politik oder Tierschutz. Darauf habe ich keine Lust.

Einer der stärksten Songs auf dem neuen Album ist „Paranoid core“. Da geht es um ein ganz ähnliches Thema.

Ich weiß nicht, ob es bei euch in Deutschland auch solche Typen gibt. Für mich ist das eine ziemlich amerikanische Angelegenheit. Rechte Populisten, die Empörung produzieren. Sie machen Leuten Angst und ziehen ihren Profit daraus. Zum Beispiel der rechtsgerichtete Journalist und Verschwörungstheoretiker Alex Jones mit seiner Website „Infowars“. Oder Fox News natürlich, die ein Riesengeschäft daraus machen, alte, weiße Menschen in Panik zu versetzen. Sie streuen Verschwörungstheorien, schüren Ängste und verkaufen dann das passende Gegenmittel. Alex Jones verscherbelt zum Beispiel Vitamine, die dir helfen, deine Angst zu überwinden. Oder sie rufen dazu auf, sich Goldreserven anzulegen, weil der Aktienmarkt zusammenbrechen wird. Erst Panik verbreiten und dann das Survival-Kit für die letzten Tage anpreisen.

Ein anderer Song klingt nicht weniger dramatisch: „Next mass extinction“. Worum geht es darin?

Es hat schon fünf Massenaussterben in der Tier- und Pflanzenwelt seit der Entstehung unseres Planeten gegeben. Und laut Wissenschaftlern stehen wir am Anfang der sechsten Welle dieser Art. Und dieses Massenaussterben wird das erste sein, das von einer Spezies auf dem Planeten selbst verursacht wurde. Es ist also ein sehr sarkastischer Song über die Zerstörungswut des Menschen.

Du beschäftigst dich auch mit dem rechten Aufmarsch in Charlottesville 2017. Euer neues Album spiegelt also so ziemlich jedes Problem aus der jüngsten Zeit wider.

Ja, leider. Ich würde lieber eine Platte über andere Dinge schreiben. Es beschäftigt mich aber so sehr, was aktuell in Amerika und in der Welt passiert, ich kann nicht anders. Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, wie man sich als Künstler in Amerika zur Zeit nicht mit diesen Dingen auseinandersetzen kann.

Das klingt ja alles ziemlich finster. Ist auch eine Wende zum Besseren in Sicht? Oder ist das eine ständige Abwärtsspirale?

Das ist schwer vorauszusagen. Ich habe die Hoffnung nicht verloren, dass es irgendwann auch wieder aufwärts geht. Das Pendel muss ja auch mal wieder in die richtige Richtung schwingen. Aber mit Donald Trump wird das nichts. Er ist so ein scheinheiliger Rassist, der etwas entfesselt hat, das sich bisher keiner getraut hat. Jetzt kommen die ganzen rechten Arschgesichter aus ihren Löchern: Wenn der Präsident so reden kann, dann darf ich das auch.

In Deutschland haben wir auch große Probleme mit rechten Populisten. Und bei uns kommt noch die Flüchtlingsdiskussion dazu, die einfach nicht abreißt.

Und weißt du, was verantwortlich dafür ist, dass so viele Menschen auf der Flucht sind? Die verdammten Kriege im Mittleren Osten, ausgelöst durch die Vereinigten Staaten – das ist die Wurzel des ganzen Flüchtlingsproblems. Ohne die Invasion im Irak hätte sich das alles nicht so schlimm entwickelt. Dann wären auch nicht so viele Menschen gezwungen, vor Bomben und Gewalt aus ihrer Heimat zu fliehen. Und wenn jemand diesen verdammten Assad ausgeschaltet hätte, wären die Syrer jetzt garantiert glücklich in ihrem Land.

Zurück zu MUDHONEY. Ihr gehört ja zu den letzten Dinosauriern der Grunge-Szene der frühen Neunziger, von PEARL JAM mal abgesehen. Was ist eure Überlebensstrategie?

Na ja, ALICE IN CHAINS versuchen es ja gerade mit einem neuen Sänger. Und SOUNDGARDEN würde es sicher noch geben, wenn Chris sich nicht umgebracht hätte. Nun, erstens haben wir uns nicht umgebracht. Es klingt schrecklich, aber so ist es eben. Und außerdem mögen wir uns einfach und wir mögen, was wir machen. Und mögen ist eine deutliche Untertreibung.

Und wie hat sich die Musikszene in Seattle entwickelt? Wie ist es dort jetzt im Vergleich zu den Neunzigern?

Davon habe ich nicht wirklich viel Ahnung. Ich verbringe die meisten Wochenenden am Strand und gehe surfen, so oft es geht. Die Küste ist etwa zweieinhalb Stunden entfernt. Das ist meine Strategie, wenn es darum geht, meine Zeit mit sinnlosen Dingen zu vergeuden, haha. Wenn ich auf Konzerte gehe, dann meistens, um die Bands von alten Freunden anzuschauen. Am liebsten besuche ich dann auch frühe Shows, damit ich genug Schlaf bekomme, um den nächsten Arbeitstag zu überstehen. Aber soweit ich das mitbekommen habe, gibt es eine sehr lebendige Szene. Viele Menschen, die abends ausgehen, und fast jeden Abend Konzerte. Ich denke, es ist heute einfacher, in Seattle als Band zu existieren, als in den Achtzigern. Es gibt viel mehr Möglichkeiten aufzutreten.

Gibt es momentan noch weitere Nebenprojekte außer MONKEYWRENCH?

Für mich aktuell nicht. Unser Schlagzeuger Dan Peters spielt noch in einer Band namens THE TRIPWIRES, zusammen mit den Brüdern Jim und Johnny Sangster. Jim hat lange als Bassist bei THE YOUNG FRESH FELLOWS mitgewirkt. Und sein Bruder Johnny hat unsere letzten beiden Alben aufgenommen. Und hier machen sie eine Art Seventies-UK-Pubrock im Stil von DR. FEELGOOD. Großartiges Zeug. Unser Bassist Guy ist nebenbei in einem Synthesizer-Kollektiv. Mit zwei Leuten an Synthesizern und einem dritten, der sich um Projektionen kümmert. Das finde ich großartig. Wie frühe KRAFTWERK, ohne Beats, nur Soundscapes. Sie nennen sich THE BEAUTY HUNTERS und sie spielen nur an abgefahrenen Orten, zum Beispiel in einem Skatepark, am tiefsten Punkt einer Bowl.

Und du? Machst du noch irgendwas neben der Musik? Malen, Bücher schreiben oder sonst etwas Kreatives?

Es klingt vielleicht seltsam, aber für mich ist Surfen eine Form von Kunst. Es hat ein hohes Level an persönlichem Ausdruck. Es unterscheidet sich damit fundamental von anderen Sportarten. Nur Skateboarden ist vergleichbar. Keine Welle ist wie die andere. Du musst viel improvisieren und damit umgehen, was auf dich zurollt. Und ich mache das nicht für andere, sondern nur für mich selbst. Zum Spaß. Ich versuche, mir immer lange Wochenenden zu nehmen und stehe dann von Freitag bis Sonntag auf dem Brett. An der Küste von Washington und von Oregon gibt es ein paar wundervolle Spots mit fast unberührter Natur. Dort fühlt man sich, als gäbe es dort kein urbanes Leben. Einfach wundervoll.

Wolfram Hanke

Webseite

© by Ox-Fanzine / Ausgabe #140 (Oktober/November 2018)

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