100 KILO HERZ

Foto© by Ania Sudbin

Punk im Freibad

Neun Jahre haben die „Brass-Punks“ aus Sachsen inzwischen auf dem Buckel, fleißig waren sie in dieser Zeit auch und mit „Hallo, Startblock“ erscheint jetzt das vierte Studioalbum. Zum dritten Mal interviewe ich die Jungs nun schon, wobei ich mit Marco, dem Gitarristen, der hier zusammen mit Sänger Steffen zu Wort kommt, ohnehin fast von Beginn an in stetem Austausch stehe. Über Trennungen und den „neuen“ Sänger wurde bereits genug geredet, so dass ich mich jetzt hauptsächlich mit dem neuen Werk des Sextetts beschäftigen möchte.

Das Cover mit dem Freibad ist eine starke Idee. Aber ist so ein Bad nicht nur dann romantisch, wenn man sich dort so ziemlich alleine aufhält?

Marco: Uns hat die Idee von Anfang an gepackt. Es ließ sich so viel damit machen und kreativ arbeiten. An Romantik haben wir dabei tatsächlich eher weniger gedacht.

Ihr seid nun sechs Jungs, wohnt ihr alle fußläufig voneinander entfernt oder trefft ihr euch auch nur zum Auftritt oder zu Aufnahmen, weil es sonst schwer zu handhaben ist?
Marco: Mittlerweile ist das tatsächlich etwas schwerer. Claas hat es wieder nach Hamburg verschlagen, Steffen lebt in Berlin und nur der Rest wohnt in oder um Leipzig herum. Insofern ist die gemeinsame Zeit schon sehr reduziert auf wenige Proben, und eben die Konzerte und die Studioarbeit. Das ist leider so, zumal wir alle noch voll berufstätig sind.

Apropos live spielen. Torben Meissner von RANTANPLAN erzählte mir neulich, dass er immer häufiger Bands aus dem Punk-Genre sieht, die live im Playback agieren. Habt ihr so was auch schon erlebt und was ist eure Meinung dazu?
Steffen: Am Ende des Tages wollen die Menschen vor der Bühne unterhalten werden. Und von 500 Leuten im Publikum merken es vielleicht zwei, dass da nicht alles 100% live ist. Ich habe bei meiner anderen Band GRUNDHASS auch Backingtracks mitlaufen. Es ist logistisch und vor allem finanziell ein großer Unterschied, mit zwei oder mit fünf Menschen auf Tour zu gehen. Kunst ist Freiheit und wenn sich jemand an Backingtracks stört, steht es ihm frei, nicht zum Konzert zu kommen. Bei 100 KILO HERZ ist allerdings alles live, das ist natürlich noch mal eine ganz andere Energie, die da von der Bühne kommt, alleine durch die Anzahl an Musiker:innen.

Bei eurem Live-Akustikalbum habt ihr ja eingeräumt, dass es da einige Spielfehler gab, die auch hörbar sind. Finde ich cool. Läuft heute nicht ohnehin alles immer zu glatt ab?
Marco: Ich bin da komplett bei dir. Für mich gehören kleine Verspieler einfach dazu und machen es auch charmanter und authentischer.

Diesen Sommer spielt ihr auf der Warmup-Party beim Hurricane als auch auf dem Taubertal Festival. Das ist eine positive Entwicklung, die so nicht immer absehbar war, oder?
Marco: Es war immer ein Traum, mal bei diesen großen Festivals aufzutreten. Wir sind mega happy, dass wir in den letzten Jahren so viel erleben durften. Da haben sich wirklich einige Türen geöffnet, womit wir nie gerechnet haben. Auf der anderen Seite vermisse ich es aber auch, insbesondere in diesem Jahr, auch bei den kleineren DIY-Festivals am Start zu sein. Ich hoffe, dass wir da 2026 wieder mehr Möglichkeiten haben.

Wird aus 100 KILO HERZ also bald eine Profi-Band oder ist so eine Aussage in der heutigen Zeit zu spekulativ?
Marco: Ich verschwende an so was keinen Gedanken mehr. So ein verkrampftes Profi-Ding kann ich mir insofern nicht vorstellen, als es bedeuten würde, dass wir einfach viel zu viele faule Kompromisse eingehen müssten. Da müssten wir Shows annehmen, auf denen wir sonst nie spielen würden, nur um Geld zu verdienen. Auf keinen Fall. Unabhängigkeit und Freiheit sind uns viel zu wichtig.

Bei euch steht ja immer das Konzept „Pass auf dich auf“ auf dem Plan. Wie steht es um Zusammenhalt und Empathie in der Punk-Bubble bei Live-Gigs? Und wie begegnen euch Bands aus anderen Genres? Gibt es da Unterschiede?
Marco: Nehmen wir mal ausschließlich die Festivals als Vergleich. Da hast du für uns eben das Rock am Kuhteich oder das Rock am Berg, die beide mega wichtig sind und auf denen wir von Anfang an stattgefunden haben. Wir sind bis heute freundschaftlich eng verbunden und tun alles, was wir können, um diese Festivals zu unterstützen. Der Zusammenhalt und die Solidarität sind da schon sehr stark. Die Künstler:innen, die da auf der Bühne stehen, wissen genau, worum es aktuell geht, und das verbindet natürlich. Aber auch auf den Mainstream-Festivals wird mehr und mehr politisch Flagge gezeigt und das ist auch gut und wichtig. Ich mag da einfach Künstler wie Bosse beispielsweise. Aber zurück zu deiner Frage. Wir sind nicht kontaktscheu und haben bisher eigentlich nur gute Erfahrungen mit anderen Künstler:innen sammeln dürfen.

Eure Songs thematisieren häufig Probleme, aber auf euren Fotos habt ihr stets ein Lächeln im Gesicht. Das ist mir lieber als diese oberharten Posen einiger Musiker, aber wie passt das bei euch zusammen?
Marco: Diese Diskussion führen wir tatsächlich bei jedem Fotoshooting aufs Neue. Und letztlich fliegen immer die zu ernsten Bilder raus, weil es uns als Typen einfach nicht widerspiegelt. Wir sind positive, hoffnungsvolle und zuversichtliche Menschen und da passt eben ein Lächeln doch besser.

Zum neuen Album: Das Stück „Im selben Boot“ hat eine starke Botschaft, aber wie soll dies heute noch gehen, da die Menschen sich immer mehr voneinander abgrenzen und in ihre virtuelle Scheinwelt abtauchen?
Steffen: Genau darum geht es in dem Song ja. Wir alle bewegen uns in unseren kleinen Filterblasen. Egal ob virtuell oder im echten Leben. Wobei ich diese Grenze heute nur noch ungern ziehe. Das Internet ist Teil der Realität. Leute meiner Generation und jüngere sind damit aufgewachsen, haben Freund:innen und Beziehungen im Internet. Und diese sind, auch wenn sie im virtuellen Raum stattfinden, sehr real. Jedenfalls driftet die Menschheit gefühlt immer weiter auseinander. Der Song ist eine Beobachtung des Phänomens. Eine Lösung haben wir jetzt auch nicht unbedingt parat, aber eben die Gewissheit, dass wir alle dran sind, wenn es wirklich vorbei ist. Egal, in welcher Filterblase wir stecken.

Thema Einsamkeit. Hier in meinem Bezirk Berlin Reinickendorf gibt es nun sogar die erste Angestellte im Bezirksamt, die sich um einsame Menschen kümmert. Hauptsächlich kommen dort alte Leute hin. Aber ist das nicht ein toller Gedanke, sollten wir nicht bald eine Anti-Einsamkeits-Taskforce extra für junge Leute gründen?
Steffen: Einsamkeit wird zur Volkskrankheit, ohne Frage. In meinen Augen liegt das vor allem am Mangel an Angeboten. Berlin ist dafür ein gutes Beispiel. Seit die CDU hier wieder regiert, werden Gelder für soziale und kulturelle Einrichtungen drastisch gekürzt. Jugendzentren mit Freizeitangeboten müssen schließen. Und die Kids hängen entweder auf der Straße herum und machen unbeaufsichtigten Blödsinn oder schließen sich in ihre Kinderzimmer ein und vereinsamen. Und auch bei den Erwachsenen wird es eng, da die Lebenshaltungskosten immer weiter steigen. Da überlegt man sich vielleicht zwei Mal, ob man mit anderen Menschen aufs nächste Konzert geht oder lieber alleine zu Hause Fernsehen schaut. Klar, wir müssen da als Bürger:innen die Hand ausstrecken, aber vor allem liegt es in der Verantwortung der Politik, hier zu handeln und nicht alles wegzukürzen, was keine direkten Profite erwirtschaftet.

In eurem Song „3:00“ finde ich einen Anknüpfungspunkt zum Thema. Steffen, du sitzt im Video mit der Band bis drei Uhr nachts an der Bar, fährst dann betrunken im Taxi heim und besingst deine Traurigkeit. Da stellt sich die Frage, was das Schlimme daran ist, die Nacht durchzuzechen mit Freunden?
Steffen: Erst mal ist es überhaupt nicht schlimm, Zeit mit Freund:innen zu verbringen und dabei auch das eine oder andere alkoholische Getränk zu trinken und auch ab und zu mal über die Stränge zu schlagen. Problematisch wird es allerdings, wenn das zur Regelmäßigkeit wird. Und wir leben in einem Land, in dem dieses Suchtverhalten durch alle Schichten, vom linken Punk bis zum konservativen Rentner, abgefeiert und verherrlicht wird. Ich habe in meinem Umfeld genug Menschen erlebt, die früher als „Partytiere“ galten, später aber einsame, traurige Persönlichkeiten mit Suchtproblem waren. Und um genau so einen Fall geht es in dem Song.

Das Thema Alkohol taucht bei euch ja nicht zum ersten Mal auf. In einem Stück singt ihr von euch als „Taugenixe“ und wiederum „Wir sind die letzten an der Bar“. Das verstehe ich nicht recht ... Taugenixe seid ihr ja absolut nicht und Wasser trinkt man selten an der Bar, oder?
Steffen: Unsere Texte sind in den meisten Fällen recht ernst und politisch. Das wirkt manchmal so, als ob wir den ganzen Tag in Diskussionskreisen sitzen und uns ausschließlich bei stillem Wasser über die aktuelle politische Lage unterhalten. Aber natürlich ist das nicht so. Wenn wir auf Tour sind, haben wir Spaß, machen Quatsch und trinken auch mal ein paar Bierchen. Wie schon vorher gesagt, der gelegentliche Rausch soll überhaupt nicht schlechtgeredet werden.

Marco, wir tauschen uns ja auch ab und an über Rotwein aus. Wie ist denn der „Konsens“ bei dem Thema innerhalb der Band? Ich meine, angesoffen auf die Bühne geht ihr sicherlich nicht, aber wie geht ihr beim Zusammensein damit um?
Marco: Wir haben vor ein paar Jahren eine schlimme Erfahrung damit gemacht und daraus die klare Konsequenz gezogen, dass es uns wichtig ist, dass jeder zu 100% spielfähig sein muss. Ein paar Bierchen gehören hier bei dem einen oder anderen dazu, um die Nervosität im Vorfeld zu kompensieren. Ansonsten gilt wie eigentlich immer, jeder kann tun und lassen, was er will, so lange er nicht unangenehm auffällt.

„Leben und sterben lassen“ handelt von Kriegsprofiteuren, in diesem Fall Aktionäre von Firmen wie Rheinmetall, völlig verständlich, das anzuprangern. Verzweifelt man nicht ab und an, wenn man ständig hört, unsere Regierung unterstützt weiterhin dieses oder jenes Land mit Waffen, und alle nicken dazu?
Steffen: Rüstungsaktionär:innen sind nur ein Beispiel, das in diesem Song vorkommt. Viel mehr geht es um eben jene Menschen, die immer wieder von „Leben und leben lassen“ sprechen, wenn man sie auf ihr unsoziales und schädliches Verhalten hinweist, weil sie so leben, dass sie der Menschheit die Lebensgrundlage entziehen. Sei es eben durch Rüstungsaktien, Diesel-SUV fahren oder Inlandsflüge, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Denn wenn sie weiter so leben, wie sie eben leben, dann wird es diesen Planeten für uns nicht mehr lange geben. Das Ganze soll auch gar kein erhobener Zeigefinger sein. Wir alle verhalten uns nicht perfekt. Aber wenn wir schädlich handeln, dann müssen wir uns das wenigstens eingestehen, anstatt es schönzureden. Und natürlich ist das frustrierend, sowohl auf der weltpolitischen Ebene als auch im kleinen, privaten Umfeld. Aber dafür machen wir ja Musik, da kann man diesen Frust auf gesunde Weise rauslassen.

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