100 KILO HERZ

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Was kommt nach dem Umbruch?

Die Leipziger 100 KILO HERZ haben sich neu sortiert und starten mit frischer Energie durch. Auf „Hallo Startblock“ treffen politische Themen auf eine positive Grundhaltung, trifft Nachdenklichkeit auf Aufbruch. Im Interview sprechen Steffen und Marco über Veränderungen, Optimismus trotz Krisen und darüber, wie man auf den Trümmern tanzt, ohne das Wesentliche aus dem Blick zu verlieren.

Ihr nennt euer neues Album „Hallo Startblock“. Das klingt fast wie ein Debüt.

Steffen: Wir haben in der Band einiges umgestellt. Christian und ich sind neu dabei, und gerade ein Wechsel beim Gesang ist ein großer Einschnitt. Wir wollten mit frischem Wind weitermachen. Kein kompletter Neuanfang, aber schon ein Sprung ins kalte Wasser. Da passt der Titel ganz gut.

Also ein Neustart mit Erfahrung im Rücken?
Marco: Ich würde sogar sagen, es ist der nächste logische Schritt für uns. Mit Steffen kam nicht nur eine neue Stimme, sondern auch ein frischer Blick auf die Welt. Früher waren unsere Texte oft eher düster, jetzt ist ein positiverer Vibe dazugekommen. Trotz allem da draußen schauen wir optimistischer auf die Dinge. Für mich war der Sängerwechsel vorher wirklich ein Angstfaktor. Rückblickend war’s eigentlich gar kein großes Thema. Es geht einfach weiter, vielleicht sogar euphorischer.
Steffen, du strahlst im Gespräch jetzt auch. Woher kommt dieser positive Blick auf die Dinge? Gerade in Zeiten, die alles andere als leicht sind?
Steffen: Das kommt stark aus meiner eigenen Geschichte. Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, in dem alles eher negativ war, mit viel Missmut, viel Pessimismus. Irgendwann habe ich beschlossen: So will ich nicht sein. Ich versuche, das Positive zu sehen, auch wenn die Welt manchmal unterzugehen scheint. Und ja, ich bin oft gut gelaunt. Manche nervt das sogar, weil ich ständig grinse, haha. Aber mit genau dieser Haltung sind wir auch an die Texte fürs Album herangegangen: Die Welt ist schwierig, aber wir machen das Beste draus.

Glaubt ihr, dass Musik in solchen Zeiten helfen kann? Nicht nur dem Publikum, sondern auch euch selbst?
Steffen: Auf jeden Fall. Für uns passiert das auf zwei Ebenen. Zum einen ist Musik ein Ventil. Wenn ich zu Hause Texte schreibe, kann ich all meine Wut, Angst oder Traurigkeit rauslassen. Und dann ist da das Publikum: Wenn du auf einem Konzert Menschen siehst, die eure Songs mitfühlen, merkst du, wie viel das bedeuten kann. Auch wenn es „nur“ 90 Minuten Flucht aus dem Alltag sind, das kann enorm viel Kraft geben.
Die Konzertbranche steht gerade ziemlich unter Druck. Gleichzeitig sehnen sich viele Menschen nach echten Erlebnissen, nach Nähe. Wie erlebt ihr die aktuelle Lage?
Marco: Wir spüren das auch. Die Erwartungen sind überall gestiegen: Bei uns selbst, bei Veranstaltern, bei Partnern. Natürlich wünscht man sich ausverkaufte Touren wie früher, aber das ist momentan schwieriger. Trotzdem bewegen wir uns auf einem Niveau, von dem ich vor zehn Jahren nicht mal geträumt hätte. Was mich mehr beschäftigt: Große Produktionen wie METALLICA, Springsteen oder die Hosen füllen Stadien, während kleine Clubs und Jugendhäuser kämpfen müssen. Da spielt eine Band für 10 Euro Eintritt und die Leute bleiben weg. Das tut weh. Und ehrlich gesagt, ich weiß nicht, wie man das löst.

Kommen wir zu eurem neuen Album. Viele Songs greifen die aktuelle gesellschaftliche Lage auf. Das ist also ein Thema, das euch beschäftigt?
Steffen: Viele Songs greifen tatsächlich die aktuelle Situation der Welt auf, aber aus verschiedenen Blickwinkeln. Dann gibt es Songs wie „Im selben Boot“, in dem es um Krypto-Wirtschaft und Profitgier geht und die Idee, dass immer mehr Geld das Einzige ist, was zählt. Dazu kommen auch düstere Stücke wie „Dem Untergang geweiht“. Er beschreibt ein Endzeitgefühl, aber mit dem Gedanken: Okay, dann tanzen wir eben auf den Trümmern.

Düster, aber ehrlich.
Steffen: Es klingt erst mal alles etwas negativ, aber wir haben bewusst immer auch ein Augenzwinkern eingebaut. Und persönliche Songs wie „Mit dir“ oder „3 Uhr“ sorgen dafür, dass es nicht nur gesellschaftskritisch bleibt. Wir wollten ein ausgewogenes Album schaffen, das zum Denken anregt, aber nicht verbittert.

Euer Album wirkt tatsächlich weder verbittert noch düster. War es euch auch wichtig, dem Endzeitgefühl etwas entgegenzusetzen?
Steffen: Wir versuchen immer, die Dinge nicht zu negativ zu sehen. Auch wenn es manchmal schwerfällt. Deswegen gibt es in unseren Songs auch immer einen kleinen positiven Twist.

Welcher davon ist aktuell dein Lieblingssong, Steffen?
Steffen: Ich würde sagen: „Der letzte Tag“. Vor allem wegen des Features mit der Band ELL. Wir hatten die Idee für den Song und noch einen offenen Part. Dann haben wir ihn ELL geschickt, völlig ohne Vorgaben. Was sie zurückgeschickt haben, war einfach unglaublich. Sie haben den Song auf ein ganz neues Level gehoben. Ich saß da mit offenem Mund. Das ist für mich echte Zusammenarbeit, nicht einfach nur ein großer Name, der was einsingt, sondern echte kreative Energie.

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