AS EVERYTHING UNFOLDS

Foto© by Century Media

Tränen im Regen

Vor zwei Jahren verlor die britische Band ihren Schlagzeuger Jamie. Wir sprechen mit Sängerin Charlie Rolfe unter anderem darüber, wie dieses Ereignis, aber auch ihre Liebe für Computerspiele das neue Album „Did You Ask To Be Set Free?“ beeinflusste.

Ich weiß, dass du gerne Videospiele spielst – insbesondere „Stardew Valley“. Ziehst du daraus Inspiration für deine Musik?

Definitiv. Es ist jetzt nicht ein einzelnes Spiel, das mich direkt inspiriert hat. Wenn, dann vielleicht „Cyberpunk 2077“ – aber ich habe es noch nicht gespielt. Alle sagen, es wird mein Leben verändern, und genau deshalb habe ich es noch nicht angefangen, weil es mein Leben übernehmen würde. Aber das Worldbuilding in Rollenspielen hat großen Einfluss darauf, wie ich Musik schreibe oder Konzeptalben aufbaue. Ich habe zum Beispiel schon als Kind „Die Sims“ gespielt. Und irgendwann wird das langweilig, also fängt man an, eigene Geschichten zu erfinden, Welten in Welten zu erschaffen. Selbst als Kind habe ich mit Spielzeug ganze Städte gebaut – Hotels, Flughäfen, komplette Welten. Und später, bei Spielen wie „Baldur’s Gate 3“, ist es wieder dieses riesige Worldbuilding. Ich glaube, ich habe diese Fähigkeiten über Jahre hinweg entwickelt und jetzt in meine Musik übertragen. Gerade bei diesem Album war das ein neues Element, das ich früher schon versucht habe, aber nie richtig umsetzen konnte.

Hast du mal „Clair Obscur: Expedition 33“ gespielt?
Nein, aber es steht auf der Liste. Es ist in meiner Steam-Bibliothek. Ich glaube, man muss sich für so ein Spiel wirklich eine Woche Zeit nehmen und komplett in dieser Welt leben. So spiele ich gerne Games – und so schreibe ich auch Musik. Wenn ich zu lange Pausen mache, verliere ich den Faden der Story.

Das Spiel behandelt Verlust und Trauer. Ihr wart durch den Tod eures Schlagzeugers Jamie auch mit diesen Themen konfrontiert, wie hat der Umgang damit dieses Album beeinflusst?
Die Hälfte ist schon davor geschrieben worden. Es war eigentlich eine positive Phase 
– wir hatten mit dem letzten Album viel getourt, alles lief gut. Unser Leben schien in eine bestimmte Richtung zu gehen. Und dann passierte diese Tragödie, und wir mussten unser Leben neu bewerten. Wir mussten intern besprechen, ob wir überhaupt weitermachen wollen. Aber wir hatten noch so viel zu sagen. Das war der Grund, warum wir weitergemacht haben. Die zweite Hälfte entstand danach. Es ist ein Album über Hoffnung und Trauer. Es hat diese zwei Seiten. Es war schwer zu schreiben, weil es sich wie ein Werk in zwei Teilen anfühlte. Aber jetzt, als fertiges Produkt, fühlt es sich wie eine Einheit an – wie ein eingefrorener Moment in der Zeit. Neulich saßen wir zusammen und haben einfach tief durchgeatmet und gesagt: Es ist geschafft! Und wir sind stolz darauf.

Die Musik wirkt für mich heavier als auf den vorherigen Alben. Kam das vor oder nach dem Verlust?
Tatsächlich gab es schon vorher härtere Songs. Instrumental hat sich die Richtung nicht grundlegend geändert. Es hat eher verändert, wie wir uns beim Schreiben gefühlt haben und welche Geschichte wir erzählen wollten. Aber klanglich war es relativ ausgeglichen.

Lass uns über „Set in flow“ sprechen. Der Song ist aus der Perspektive eines Replikanten aus „Blade Runner“ geschrieben. Wie kam es dazu?
Ich habe „Blade Runner“ erst vor etwa vier Jahren zum ersten Mal gesehen. Der Film hat bei mir unglaublich viele Fragen ausgelöst: Was macht einen Menschen menschlich? Wenn wir künstliche Wesen erschaffen könnten, die anatomisch exakt wie wir sind – sind sie dann Menschen? Ich habe mich zu der Zeit mit der Terror-Management-Theorie beschäftigt, also der Idee, dass Menschen Konzepte wie Religion erschaffen, um existenzielle Angst zu bewältigen. Diese Theorie bildet auch das Konzept dieses Album. „Blade Runner“ passte da perfekt rein. Besonders die Fortsetzung „Blade Runner 2049“ und der Soundtrack haben mich extrem inspiriert. Der Song ist aus der Perspektive eines Replikanten geschrieben, der erkennt, dass was er ist. Wenn man nicht darüber informiert wird, weiß man es ja nicht. Und dann stellt sich die existenzielle Frage: Bin ich weniger wert, weil ich erschaffen wurde und nicht geboren?

Ein weiterer Song ist „Edge of forever“. Warum eine richtige Ballade?
Wir finden, ein Album braucht Ruhepunkte. Ich habe Probleme mit Platten, die zwölf Songs lang gleich klingen. Wir haben schon immer mit Genres gespielt. Die Instrumentalversion ist recht locker entstanden. Und ich habe den Songtext komplett auf dem Weg ins Studio im Auto geschrieben. Ich habe das Demo auf Repeat laufen lassen und die Lyrics immer wieder gesungen, bis sie perfekt saßen. Ich war damals sehr von dem asiatischen Konzept des „Red String of Fate“ beeinflusst, also dass Menschen schicksalhaft miteinander verbunden sind. Ich hatte gerade den Film „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ gesehen, das war stark in meinem Kopf präsent.

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