
Der in Berlin ansässige Gitarrist Ronan Crix von den aus UK stammenden BASEMENT ist mit seinen Bandkollegen gerade in den USA gelandet, um Promo für das neue Album „Wired“ zu machen, nur um in der Folgewoche dasselbe im Vereinigten Königreich zu tun. Nach acht Jahren Release-Pause werden im Zeichen der Musik also wieder ordentlich Kilometer abgerissen. Während ihrer Auszeit haben BASEMENT, ähnlich wie auch schon SUPERHEAVEN, dank der unergründlichen Mechanismen des Internets viele Fans hinzugewonnen, zugleich aber auch neue Ansätze und Erkenntnisse über sich selbst und ihre Musik gewonnen.
Band vs. Leben
Nach dem letzten Album habt ihr euch zwar nicht offiziell aufgelöst, nichtsdestotrotz folgte das zweite Mal in eurer Karriere eine recht lange Pause. Welche Hintergründe hatte dieser Einschnitt?
Wir hatten für diese Auszeit nie einen konkreten Plan und wir haben uns auch bewusst dagegen entschieden, sie nach außen überhaupt als solche zu bezeichnen. Für uns fühlte es sich so an, als hätten wir alles aus der Band herausgeholt, was zum damaligen Zeitpunkt möglich war. Und dann kam auch noch die Pandemie dazu. Einige von uns sind umgezogen, im Privatleben wurde vieles ziemlich hektisch. Wir waren aber nie grundsätzlich abgeneigt, irgendwann wieder etwas zusammen zu machen. Es musste sich einfach richtig anfühlen, genau darauf haben wir gewartet.
Aber je länger man Abstand gewinnt und sich vom Leben als Vollzeitmusiker entfernt, wird es da nicht auch immer schwieriger zurückzukommen?
Gute Frage. Ich glaube, selbst als wir die Band komplett ausgeblendet hatten, ist sie trotzdem ein Teil von uns geblieben, weil wir immer als Freunde miteinander verbunden waren – wir standen die ganze Zeit in Kontakt. In gewisser Weise fühlte es sich deshalb gar nicht wie eine echte Pause an. Wir haben in dieser Zeit zwar keine
Musik gemacht, waren aber immer noch eine Band. Die Entscheidung, wieder richtig einzusteigen, war nicht ganz unkompliziert, gleichzeitig war aber eben die Überzeugung da, dass wir immer diese Band bleiben werden. Schließlich passte das Timing und die Leute wollten wieder etwas von uns hören. Deshalb erschien es gleichzeitig ein wenig schwierig – und völlig logisch.
Schwierig, weil es immer komplizierter wird, das andere Leben, das man sich aufgebaut hat, zurückzulassen?
Oder zumindest war mit ein Grund dafür, dass wir nach „Beside Myself“ ausgebrannt waren: Wir waren einfach ständig auf Tour. Es ist nie leicht, sein Zuhause und das soziale Umfeld mit allem Drum und Dran zu verlassen. Wenn man dann bis zu sechs Monate im Jahr unterwegs ist, fühlt man sich irgendwann ziemlich entwurzelt. Zum Glück haben wir alle Partnerinnen oder Partner, die dafür Verständnis haben, das ist absolut essenziell. Trotzdem, es bleibt es schwierig, so lange von zu Hause weg zu sein. Aber wie bei allem ist es ein Geben und Nehmen. Die Erfüllung und die Freude, die wir daraus ziehen, eine Band zu sein, sind einfach enorm.
Was genießt du am meisten daran, wieder Musiker zu sein und zu reisen?
Es gibt einfach nichts Besseres, als live zu spielen, das hat einen gewissen Suchtfaktor. Wenn eine Show gut läuft, wenn plötzlich alles zusammenpasst – man selbst spielt gut, die Verbindung zum Publikum stimmt – dann entsteht ein Gefühl, das man kaum anders reproduzieren kann. Wir haben die neuen Songs bisher kaum live gespielt, zumindest nicht in veröffentlichter Form. Deshalb ist es für uns gerade das Wichtigste überhaupt, sie endlich live präsentieren zu können. Wir freuen uns wahnsinnig darauf, neues Material zu haben und es unter die alten Songs mischen zu können, die wir ja schon wirklich lange spielen. Ich kann es kaum erwarten, wieder diese Nervosität und Aufregung zu spüren, wenn man etwas Neues auf die Bühne bringt.
TikTok vs. Millennials
Wenn andere Bands nach langer Pause zurückkommen, müssen sie meistens erst mal hoffen, dass ihre Base überhaupt noch da ist. Bei euch war es eher umgekehrt, während ihr weg wart, sind viele neue Fans hinzugekommen.
Ehrlich gesagt hatte ich mir damals, als die Pause anstand, insgeheim vorgenommen, dass ich nur wieder einsteigen möchte, wenn es einen echten Grund dafür gibt. Also wenn man merkt, dass uns die Leute tatsächlich wieder sehen wollen. Ich wollte nicht zurückkommen und nur auf Gleichgültigkeit stoßen. Zu beobachten, dass die Band während unserer Auszeit trotzdem gewachsen ist, hat einen großen Anteil daran, dass wir irgendwann gesagt haben: Okay, vielleicht waren wir doch nicht so verrückt. Vielleicht haben wir tatsächlich etwas richtig gemacht. Und genau dann haben wir wieder angefangen zu schreiben.
Wie habt ihr überhaupt bemerkt, dass eure Musik viral geht?
Ich hatte über längere Zeit gesehen, dass unsere monatlichen Hörerzahlen ungefähr gleich waren. Dann haben sie sich plötzlich innerhalb weniger Monate ständig verdoppelt. Ich habe überhaupt nicht verstanden, was da passiert. Ich habe nicht mal TikTok und schrieb dann irgendwann in den Gruppenchat: „Habt ihr die Streamingzahlen gesehen? Was geht da gerade ab?“ Schließlich habe ich erfahren, dass ein Teil davon mit diesem völlig absurden TikTok-Meme rund um „Covet“ zusammenhing. Das war einer dieser Momente, in denen man feststellt: „Oh je, ich bin wirklich ein Millennial. Ich habe keine Ahnung, was hier passiert.“ Ich brauchte ernsthaft jemanden, der mir das erklärt. Es ist komplett kontraintuitiv: Du hörst mit dem auf, was du fast zehn Jahre lang gemacht hast – und genau dann werden plötzlich mehr Leute darauf aufmerksam.
Identität vs. Weiterentwicklung
„Wired“ klingt definitiv nach BASEMENT und trotzdem anders. Habt ihr eine bewährte Methode, Songs zu schreiben, oder hat sich der Ansatz nach all der Zeit und mit den Erfahrungen der letzten Alben geändert?
Wir haben unsere Herangehensweise tatsächlich verändert, allerdings hatten wir keinen konkreten Masterplan dafür. Früher war es meistens so, dass Alex und Andrew das Fundament eines Songs geschrieben haben und wir anderen später unsere eigenen Parts ergänzt haben. Das hat auch funktioniert. Diesmal sind wir anders vorgegangen: Wir haben oft nur mit einem winzigen Teil einer Idee angefangen, vielleicht einem kleinen Riff oder einer kurzen Leadmelodie, und geschaut, wohin uns das führt. Wir haben einfach geschrieben, aufgenommen und anschließend entschieden, ob wir es cool finden. Außerdem haben wir niemandem etwas vorgespielt – abgesehen von dem Produzenten, mit dem wir gearbeitet haben. Wir wollten uns nicht von außen verunsichern lassen oder unsere eigene Vision verwässern. Das Album sollte exakt das werden, was wir selbst schreiben wollten. Und wir wollten das Selbstvertrauen haben zu sagen: Wir finden das gut, genau so soll es klingen.
Auch soundtechnisch scheint ihr mit „Wired“ Neues probiert zu haben.
Wir wollten unbedingt vermeiden, dass das Album überproduziert wirkt. Bei unseren früheren Platten haben wir uns gar nicht so viele Gedanken darüber gemacht, wie das Ergebnis klingen würde. Das haben wir oft einfach den Produzenten oder Toningenieuren überlassen. Diesmal wollten wir viel mehr Kontrolle darüber haben, wie die Songs rüberkommen sollen. Als „Beside Myself“ damals fertig war, hatte das Album einen sehr sauberen, radiotauglichen und polierten Klang. Ich mag die Platte immer noch sehr, aber rückblickend wollten wir diesmal bewusst etwas anderes. Viele Bands klingen heute sehr ähnlich: riesige Gitarrensounds, perfekt klingende Drums, alles komplett auf Linie. Wenn man das ständig hört, ist es irgendwann ermüdend. Wir wollten stattdessen etwas, das sich wirklich nach einer Band anhört, die zusammen spielt. Roh, menschlich, mit kleinen Fehlern. Aber genau diese kleinen Fehler werden Teil der Songs und geben ihnen Charakter.
Wenn man auf einer neuen Platte bewusst etwas anders macht, heißt das ja nicht automatisch, dass man das letzte Album bereut.
Der klassische Kommentar lautet ja: „Sie klingen nicht mehr wie früher.“ Aber will irgendwer wirklich immer wieder exakt dasselbe hören? Wir haben diesen Sound doch schon gemacht – und wir lieben diese Platten auch weiterhin. Aber für uns wäre es langweilig, „Colourmeinkindness“ quasi noch mal zu schreiben. Dieses Album existiert bereits. Warum sollten wir das wiederholen? Viel spannender ist es doch, sich weiterzuentwickeln, und ich glaube, dass es genug Leute gibt, die das genauso sehen.
Was ist für dich das Besondere am neuen Album?
Das Werk als Ganzes. Ich hätte nie gedacht, dass wir so klingen können. Im Grunde finde ich, dass diese Platte einfach sehr cool klingt und sich nicht mit etwas vergleichen lässt, das ich in den letzten Jahren gehört habe. Aber in erster Linie klingt es für mich komplett nach uns selbst und das macht mich stolz. Es ist sehr befriedigend, diese Musik zu hören, in das die so viel Arbeit gesteckt haben und die am Ende genau so geworden ist, wie wir sie uns vorgestellt haben. Obendrein empfinde ich es als ein großes Glück, heutzutage überhaupt noch ein Album machen zu können. Wir sind schon so lange dabei und dass Leute das weiterhin unterstützen und daran interessiert sind, ist etwas Besonderes.
Hunderte Gespräche vs. ein Blick genügt
Seid ihr beim Songwriting eine sehr harmonische Band?
Ich habe das Gefühl, dass wir heute eine ganz andere Band sind als noch zu dem Zeitpunkt, als das letzte Album entstanden ist. „Wired“ ist einerseits mit viel Aufwand entstanden, aber gleichzeitig hat es sich auch irgendwie mühelos angefühlt. Wir haben viel daran gearbeitet, auch außerhalb des eigentlichen Songwritings gut miteinander zu kommunizieren. Wir führen hunderte Gespräche pro Woche, einfach um uns gegenseitig auf dem Laufenden zu halten: „Wie geht’s dir?“, „Wie fühlst du dich damit?“, „Hast du den Song gehört? Was hältst du davon?“ Durch diese ständige Kommunikation und das Gefühl, wirklich auf einer gemeinsamen Wellenlänge zu sein, wurde das Schreiben plötzlich sehr einfach und hat uns auch sehr viel Freude bereitet. Es gab keine Idee, die als „dumm“ galt. Jeder konnte alles sagen, was ihm einfiel, und wir haben es ausprobiert. Manchmal denkt man, etwas wird nicht funktionieren oder nicht gut klingen, und dann stellt sich das Gegenteil heraus. Diese kleinen Zufälle sind ein großer Teil davon, was „Wired“ jetzt ausmacht. Fünf Leute an einem so persönlichen Projekt gleichermaßen zu beteiligen, ist eigentlich schwierig, aber gerade dadurch gewinnt man eine Vielzahl an Perspektiven und das verändert die Songs auf minimale, aber entscheidende Weise. Am Ende entsteht daraus etwas Einzigartiges.
Wenn du eure Art der Kommunikation beschreibst, klingt das eigentlich nicht nach fünf Jungs, die miteinander Musik machen und auf Tour gehen.
BASEMENT sind eine Band, die permanent Witze macht. Alles, was wir sagen, ist irgendwie ein Witz. Das Problem ist, dass es manchmal fast unmöglich ist, ein „ernstes“ Gespräch zu führen. Unsere Witze sind so speziell und eng mit unserer gemeinsamen Geschichte verbunden, dass sie von außen wahrscheinlich überhaupt keinen Sinn ergeben würden, selbst wenn ich sie erklären würde. Wir haben einen sehr eigenen, sehr speziellen Humor. Das kommt einfach daher, dass wir so viel Zeit miteinander verbringen. Irgendwann entwickelt man so etwas wie einen gemeinsamen Kopf. Manchmal müssen wir einen Witz nicht mal aussprechen. Ein Blick reicht und alle wissen genau, was gemeint ist.
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