
Sie sind ja nun auch schon eine Weile dabei, aber trotz dreier LPs auf Glitterhouse und einer Europatour vor vier Jahren blieb ihnen der Durchbruch verwehrt Verständlich ist das nicht, denn was BORED! in der Gelsenkirchener Kaue live boten, war unglaublich gut: Stampfender Schweinerock, wie ihn nur Australier machen können, irgendwo zwischen STOOGES, frühen AC/DC, RADIO BIRDMAN und was es down under sonst noch an Rock-Ikonen gibt. BORED! kick ass! Ich sprach mit Sänger/ Gitarrist Dave Thomas und Bassist Russell.
Dave, irgendwie seid ihr eine Band, bei der man das Gefühl hat, es gebe sie schon Ewigkeiten.
Stimmt, das geht mir auch so. Aber wir sind erst seit sechs Jahren zusammen. Aber ich bin auch der einzige, der vom Ur-Line-Up übriggeblieben ist. Die anderen Leute in der Band sind zum Teil erst vor kurzem eingestiegen.
Euer erstes Album kam damals in Europa bei Glitterhouse raus.
Ja, und seitdem haben wir jedes Jahr eine Platte aufgenommen macht insgesamt also sechs. Die ersten drei kamen bei Glitterhouse, dann zwei bei Normal, und die letzte war auf Subway. Unser siebtes Album ist schon aufgenommen und wird hoffentlich Ende des Jahres erscheinen. Vielleicht nehmen wir auch in Deutschland ein paar Songs auf, mal sehen.
Als damals eure LP bei Glitterhouse erschien, ging das bei denen ja gerade so los mit dem SubPop-Hype.
Es hat uns wohl schon ein bisschen geholfen, dass man uns in diesen Kontext brachte. Wir haben in Europa mehr Platten verkauft als in Australien, aber das ist bei den wenigen Leuten, die in unserem Land leben, auch keine Kunst.
Live spielt ihr ziemlich reine Rockmusik - keinen Punk, keinen Hardcore, keinen Grunge.
Ich denke, das einzige, was wir spielen können, ist dieser Art von primitivem Rock'n'Roll. Ich finde es wichtig, dass man uns nicht kategorisieren kann. Wir spielen eben „OzRock" - und sonst nichts.
Wo siehst du denn die musikalischen Wurzeln von eurem doch Irgendwie typischen „Oz-Rock"?
Die Antwort wird dich kaum überraschen: STOOGES, MC 5, RADIO BIRDMAN, SAINTS...
...was ist mit den frühen AC/DC?
Zu einem gewissen Grad auch die, aber nicht wesentlich. Heute kannst du die natürlich komplett vergessen.
Aus welchem Teil Australiens kommt ihr denn?
Aus Melbourne und Geelong. Das liegt beides an der Südostspitze, unterhalb von Sydney. Es ist o.k. dort zu leben, auch wenn natürlich nicht so viel los ist wie hier bei euch. Und wenn man von seiner Musik leben will, ist es natürlich um so schwerer, weil es in ganz Australien eigentlich nur vier große Städte gibt, in denen man spielen kann - und die liegen auch noch tausende Kilometer von einander entfernt. Allerdings ist das Leben bei uns auch viel entspannter und weniger hektisch als hier, aber du bist trotzdem in Kontakt mit der ganzen Welt. Es ist also wirklich nicht so, dass man von allem abgeschnitten am Arsch der Welt lebt.
Ich habe gehört, dass du nach der Tour eventuell in Europa bleiben willst.
Ja, ich überlege mir das ernsthaft: Musik machen, eine Band aufbauen, da hätte ich Bock drauf. Berlin hat mir sehr gut gefallen, dort würde ich gern leben - wahrscheinlich auch deshalb, weil es mich etwas an Melbourne erinnert. Klar, es sieht in Berlin viel schäbiger aus, aber das ist für Rock'n'Roll genau das richtige. Die anderen werden aber wohl zurückfliegen.
Das würde bedeuten, das BORED! nach der Tour gestorben sind.
Ja. Die neue Band würde wohl unter einem anderen Namen laufen, aber man könnte sicher auch ein paar BORED!-Songs spielen.
Ist die Undergroundszene in Melbourne denn auch so stark fraktioniert wie hier?
Nein, denn es sind meistens nicht allzu viele Leute in der Szene. In Melbourne speziell ist es derzeit sehr gut, denn es gibt jetzt auch mehrere Läden, wo man spielen kann. Außerdem sind nicht ständig Konzerte, so dass die Leute eigentlich auf jedes Konzert gehen, das stattfindet.
Was Touren von Bands aus dem Ausland betrifft, seid ihr aber doch sicher etwas abgeschnitten, oder?
Nein eigentlich gar nicht. Bevor wir nach Europa flogen, hatten gerade PAVEMENT und JOHN SPENCER BLUES EXPLOSION gespielt. Im Monat spielen sicher zwei oder drei ausländische Bands in Melbourne, und außerdem gibt es einmal im Jahr in Sydney „The Big Day Out", ein riesiges Festival, wo wirklich alles spielt, was man sich wünscht. Das Problem für ausländische Bands ist, dass die Flüge nach Australien sehr teuer sind, und sie dann kaum die Chance haben, mit den wenigen Konzerten, die bei uns möglich sind, ihr Geld wieder reinzubekommen.
Ich habe gehört, dass australische Bands die Möglichkeit haben, von der Regierung finanzielle Unterstützung für Touren im Ausland zu bekommen.
Ja, sowas gibt's. Allerdings musst du denen beweisen, dass du eine typisch australische Band bist, dass du etwas hast, was keine andere Band hat. Die Prozedur ist aber mühsam und dauert ein Jahr oder so.
Spielen denn die asiatischen Länder eine Rolle für euch? Das ist ja beinahe um die Ecke.
Man bekommt mit, dass immer mehr australische Bands diese Möglichkeit nutzen, denn es ist ein riesiger Markt. Aber du mußt erstmal den Einstieg finden. Für uns haben diese Länder also noch keine Bedeutung.
In Australien seid ihr auf Shock Records.
Ja, und es ist derzeit das größte Independent-Label. Sie haben auch einen eigenen Vertrieb und beliefern über 500 Läden. Aber über das Thema sprichst du am besten mit Russell, denn er arbeitet bei Shock.
In Australien sollen CDs sehr teuer sein, und Vinyl so gut wie ausgestorben.
Die Majorlabels sind sehr dominant auf dem australischen Markt, und sie versuchen natürlich, die CD-Preise gnadenlos nach oben zu treiben. Eine CD kostet bei uns mittlerweile zwischen 28 und 30 australischen Dollar, also um die 35 Mark. Aber die Produktionskosten sind, wie du weißt, in den letzten Jahren stark gefallen. Irgendjemand schiebt sich also ganz dick Kohle ein. Shock Records haben eine Weile lang versucht, den Preis niedrig zu halten und ihre CDs für 27 Dollar in die Läden zu bekommen. Aber die haben sich nicht darum gekümmert, sondern sie wie die Major-CDs für 30 oder 32 Dollar verkauft. Was willst du also machen? Wenn die Leute die CDs trotzdem kaufen, kann man ihnen auch nicht helfen. Was Vinyl betrifft, so ist dieses Format tatsächlich so gut wie ausgestorben. Ein paar wenige Leute kaufen es noch, aber es lohnt sich für ein Label nicht mehr.
Die CD-Einführungskampagne war in Australien also so erfolgreich wie nirgendwo sonst auf der Welt.
Definitiv. In Australien leben gerade mal 18 Millionen Menschen, der Markt ist also nicht gerade groß und deshalb leicht zu kontrollieren.
Wieviele CDs können BORED! denn in Australien verkaufen?
Rund 1.500, allerhöchstens 2.000. Und das ist für eine australische Band schon ziemlich gut. Das bedeutet aber auch, dass es unmöglich ist, von seiner Musik zu leben - außer du bist Solokünstler und ziehst mit deiner Gitarre durch die Pubs von Melbourne und Sydney. In der Zeit zwischen 1986 und 1988 war es allerdings mal möglich, mit einer Band zu überleben, aber diese Zeiten sind vorbei.
Was ist denn mit dem Klischee vom biertrinkenden, tätowierten Australier, der in einem abgefuckten Vorstadthaus lebt?
Solche Leute gibt es durchaus, aber sie sind so typisch für Australien wie Bayern in Lederhosen für Deutschland. Ich kenne glücklicherweise kaum solche tätowierten Prolls. Australien unterscheidet sich im Grunde nicht besonders von Europa, denn nach dem Krieg sind jede Menge Deutsche, Italiener, Griechen, Jugoslawen, Ungarn und so weiter nach Australien ausgewandert. In Melbourne haben die Hälfte der Leute in unserem Alter zumindest einen in Europa geborenen Elternteil. Deshalb unterscheidet sich unsere Kultur nicht wesentlich von der europäischen und steht auch immer noch mit Europa in Kontakt. Und wirtschaftlich steht Australien insgesamt besser da als viele europäische Staaten.
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #18 III 1994 und Joachim Hiller