© by Michalis KyriazidisDie wohl produktivste Post-Punk-Band Griechenlands hat nach diversen EPs gerade das zweite Album „Harm Reduction“ herausgebracht. Es ist düsterer als der Vorgänger, verliert dabei jedoch nie die Hoffnung. CHAIN CULT aus Athen touren seit Jahren fleißig durch die Welt. Drummer Vangelis und Gitarrist Dino erzählen nach ihrem Konzert in Amsterdam von den Ursprüngen der Band und dem neuen Album. Bassist und Sänger Jason, der gesundheitlich leicht angeschlagen war, kommt kurz vor Ende des Interviews dazu und fasst die Essenz der Band abschließend zusammen.
Wie hat es mit CHAIN CULT angefangen?
Vangelis: Wir haben uns in der DIY-Szene von Athen getroffen und angefreundet. Damals spielten wir alle in verschiedenen Projekten, hauptsächlich Hardcore-Punk-Bands. Wir haben Gigs füreinander organisiert, waren zusammen auf Tour und haben gemeinsam Split-EPs veröffentlicht. Einige unserer Bands wurden in gewisser Weise inaktiv, legten eine Pause ein oder lösten sich auf. Wir waren fast ein Jahrzehnt lang befreundet, bevor wir 2017 CHAIN CULT gründeten. Wir haben zusammen überlegt, was wir machen wollen, und hatten ähnliche Vorstellungen, Ideen und Geschmäcker.
Dino: Wir haben viel Post-Punk gehört. Und ich denke, es war an der Zeit, etwas Neues zu spielen, das anders war als der Hardcore-Punk, den wir davor gemacht haben. Und wir wollten dieses Mal definitiv mehr reisen! Als Trio ist das einfacher. Sowohl finanziell als auch was Kommunikation und Planung angeht.
Ihr habt eure Wurzeln in der DIY-Szene, wie hat sich diese eurer Ansicht nach in den letzten Jahren gewandelt?
Vangelis: Die griechische Szene war früher viel aktiver. Es gab eine Club-Szene und eine Squat-Szene, doch es wurden in den letzten Jahren viele Orte geräumt. Es gibt mittlerweile weniger Bands und auch weniger Leute, die etwas veranstalten. Aber es gibt sie noch. Das ist unser Hintergrund und da hat sich für uns auch nicht so viel verändert – anders als die Welt um uns herum. Die Trends in der Musik verändern sich. Gerade gibt es in Griechenland wieder viel antifaschistischen Hip-Hop. Als wir angefangen haben, kamen super viele Leute zu Punk- und Hardcore-Konzerten, das ist weniger geworden. Im Ausland ist es noch mal anders. Wir spielen in Squats, Hausprojekten oder kommerziellen Clubs, wo auch immer. Das ist eigentlich egal. Das Wichtigste ist die persönliche Verbindung zu den Leuten vor Ort.
Spielt das Alter da auch eine Rolle oder wechseln eventuell nur die Musikstile, die gerade angesagt sind?
Dino: Na ja, wir haben natürlich alle so ein gewisses Alter ... Die derzeit aktiven Leute sind 30, 35 und aufwärts. Jüngere Menschen mögen eben andere Sachen. Da gibt es leider wenig Nachwuchs. Es sind ja auch immer Kreisläufe. Vermutlich kommt Punk auch irgendwann wieder mehr in den Fokus.
Wäre das frustrierend für euch, wenn ihr irgendwann in der Zukunft super bekannt werdet, aber vielleicht zu alt seid, um Konzerte zu spielen?
Dino: Ich hoffe einfach, dass wir bis dahin weitermachen, ohne Pause.
Vangelis: Wir mögen alle Bands, die einfach ihr Ding durchziehen. Das wollen wir auch. Ich möchte außerdem immer hinterfragen, warum ich etwas mache, und mich nicht bequem zurücklehnen. Sollte ich irgendwann die Verbindung zur DIY-Szene verlieren, ziehe ich mich vielleicht da raus. Wenn es irgendwann nicht mehr passt, gehen wir eben in eine andere musikalische Richtung. Und was Booking und Konzertorganisation angeht: Ich würde mir wünschen, dass Veranstalter:innen mal das große Bild sehen. Gerade dort, wo man keine Probleme mit der Polizei oder den Nachbarn hat, sollte man die Konzerte super zugänglich halten. Das bedeutet zum Beispiel familienfreundliche Zeiten, damit von Teenagern über Eltern und Rentner alle kommen können. Dasselbe gilt für Menschen mit eingeschränkter Beweglichkeit. Das ist super wichtig! Um die Bands, die man liebt, zu unterstützen, sollte man Konzerte für alle ermöglichen.
Ihr habt 2018 ein Demo veröffentlicht, das sehr gut ankam. Wie ging es von da an weiter?
Vangelis: Du hast recht, innerhalb der Szene war das Feedback auf das Demo wirklich sehr gut. Wir haben das Demo aufgenommen, es hier und da hingeschickt und ein Label gesucht. La Vida Es Un Mus aus London hat uns geantwortet und so hat unsere Zusammenarbeit begonnen. Das Demo wurde später noch auf Vinyl veröffentlicht und ist nun quasi unsere erste EP.
Ihr habt also das Label kontaktiert und nicht andersrum?
Dino: Ja, wir haben ganz traditionell Tapes an einige Plattenfirmen geschickt. Natürlich mit einer netten Nachricht dazu. Ehrlich gesagt haben wenige Labels überhaupt geantwortet, oder wenn, dann erst Monate später. La Vida Es Un Mus hat sich zurückgemeldet, wir haben miteinander gesprochen und nach kurzer Zeit die Kollaboration eingeleitet.
Wurde die Zusammenarbeit mit einem britischen Label durch den Brexit beeinträchtigt?
Dino: Es haben sich natürlich ein paar Sachen verändert, dazu kommen hier und da ein paar Extrakosten hinzu. Aber am Ende des Tages sind wir aber total zufrieden mit der Arbeit des Labels und deswegen bleiben wir dort.
Im selben Jahr folgte mit „Isolated“ direkt eine weitere EP und nur ein Jahr später das Album „Shallow Grave“. Dann gab es eine kleine Pause bei den Releases ...
Dino: Pandemie ... und 2021 erschien dann „We’re Not Alone“.
Das ist so ein klassischer Corona-Release, oder? Eure US-Tour wurde abgesagt und stattdessen habt ihr die EP herausgebracht?
Dino: Genau so war das.
Im Oktober habt ihr euer neues Album „Harm Reduction“ veröffentlicht. Wie lief der Songwriting-Prozess ab?
Vangelis: Bei den anderen Releases haben wir alle die Grundideen beigesteuert. Auf dem Demo sind beispielsweise sechs Songs drauf, davon hat jeder von uns zwei geschrieben oder die Ideen dazu gehabt. Bei diesem Album war tatsächlich Dino die treibende Kraft. Er hat total viel Initiative gezeigt und uns voll motiviert und mitgerissen. Gleichzeitig arbeiten wir natürlich alle gemeinsam an den Tracks. Jeder trägt seinen Teil dazu bei. Insgesamt haben wir immer alle immer das Endergebnis vor Augen, und das ist die jeweilige Platte. Die einzelnen Songs sind so was wie Stationen auf einer Reise. Das behalten wir beim Komponieren immer im Hinterkopf.
Dino: Auch wenn ich dieses Mal viele Ideen mitgebracht habe, ohne die anderen beiden wären das Ganze gar nicht möglich. Manchmal schreibt man ein Riff, probiert aus, schiebt es hin und her. Manchmal dauert so was. Manchmal geht es schnell. Es hängt ja auch alles ein bisschen von der Zeit ab, die man so hat. Wir haben fast alle normale Jobs, das schlaucht natürlich, deswegen brauchen Dinge teilweise doppelt so lange.
Vangelis: Ich mag an CHAIN CULT besonders, dass die Band vom Sound her relativ begrenzt ist. Das ist eine Herausforderung, man wird auf eine andere Art kreativ. Ich glaube, wir haben insgesamt einen ähnlichen Style und eine gemeinsames Vorstellung davon, wie das Endresultat klingen soll. Manchmal habe ich eine Idee und wenn die anderen beiden sagen, hey, das ist es noch nicht ganz, etwas fehlt oder muss geändert werden, dann vertraue ich darauf und wir probieren was anderes. Es geht nicht ums Ego, sondern um das gemeinsam erreichte Ergebnis.
Dino: Das Album ist insgesamt dunkler, denn die Zeiten, in denen wir leben, sind auch dunkler geworden. Jason schreibt zwar hauptsächlich die Texte, aber ich kann sie immer nachvollziehen und mich mit ihnen identifizieren. Sie sind düsterer geworden, aber es gibt auch immer dieses Gefühl von Hoffnung und Widerstand. Das war bei uns immer da.
Welches ist euer persönliches Lieblingslied vom neuen Album?
Vangelis: Ich glaube, ich mag wirklich alle Songs! Dinos Gitarre in „Red lines“ finde ich toll, sie berührt mich. Genauso spricht mir der Text von „Ending things“ voll aus dem Herzen. Gerade wie Jason es singt. Das ist einfach besonders und bestätigt für mich diese enge Verbindung mit den anderen beiden in der Band.
Dino: Bevor ich mein persönlichen Lieblingssong raushaue, will ich noch kurz sagen, dass wir drei es immer cool finden, wenn der letzte Song auf einem Release ein Hit ist. Es ist wie das letzte Kapitel eines Buchs. „Concrete wind“ ist so ein Hit. Wir finden den Song alle sehr stark, fast wie eine Hymne. Als wir den im Proberaum gespielt haben, hatten wir alle eine Gänsehaut. Das Lied mit seinen zwei Riffs ist an sich total simpel, aber es ist einfach ein Highlight.
Kann man die beiden letzten Alben miteinander vergleichen? Was war für euch dieses Mal anders?
Vangelis: Ich glaube, das neue Album ist weniger geradlinig.
Dino: Ja, ich denke auch, dass das jetzige Album vielleicht etwas weniger zugänglich ist. Es ist einfach alles etwas düsterer, die Atmosphäre, die Texte und es hat eine etwas andere Produktion. Es gibt viel mehr Gitarre. Vangelis hat auch was Neues mit den Drums ausprobiert.
Vangelis: Stimmt, es gibt jetzt ein paar Overdubs. Wir haben auch das erste Mal ein bisschen mit elektronischeren Klängen herumprobiert und vielleicht ist das auch etwas, was wir in Zukunft mehr ausbauen wollen.
Wie kam das neue Material live bisher an?
Dino: Ziemlich gut. Wir haben nicht so viele Reviews gelesen, aber live funktionieren die neuen Songs ziemlich gut.
Vangelis: Die Leute reden auf jeden Fall mehr mit uns darüber. Das finde ich cool, weil es irgendwie konstruktiv ist. Die Platte hören Menschen mit den unterschiedlichsten musikalischen Backgrounds. Klar, nicht allen gefällt alles. Aber wir bekommen viel Feedback. Das passiert bei dieser Platte viel öfter als vorher. Ich finde das spannend und sehr bereichernd.
Dino: Es ist aber eigentlich egal, wie es ankommt, ich freue mich einfach darüber, neue Musik herauszubringen.
Ihr tourt ja sehr viel. Wie bringt ihr das mit euren Jobs unter einen Hut?
Dino: Das ist auf jeden Fall schwierig. Wir nutzen im Prinzip unseren ganzen Urlaub für die Band. Das schaffen wir momentan sowohl körperlich als auch mental, auch wenn es ganz schön anstrengend sein kann. Aber das, was ich aus den Touren mit CHAIN CULT für mich persönlich rausziehe, ist das alles wert! Alle guten und schlechten Dinge. Das Leben auf Tour entspricht an sich eher meinem Naturell. Mit der Band reisen, jeden Abend eine Show an einem neuen Ort spielen, das ist toll! Ich wünschte, ich hätte keine beruflichen Verpflichtungen. Und solange ich das noch schaffe, mache ich das!
Vangelis: Mir geht es genauso. Ich habe gerade meine Lohnarbeit gekündigt und fokussiere mich jetzt nur auf die Musik. Ich unterrichte Schlagzeug, bin DJ und spiele noch in zwei weiteren Bands. Früher habe ich viel gearbeitet und sehr viele Projekte gehabt. Jetzt konzentriere ich mich auf wenige Bands zusammen mit meinen Freunden und auf die Touren. Ich mag nicht so viele Dinge im Leben, aber auf Tour zu sein ist eine der Sachen, die ich wirklich liebe. Besonders mit diesen beiden Menschen!
Gibt es Orte, wo ihr noch spielen wollt?
Dino: Ich würde super gerne noch mal an der Westküste der USA spielen. Es war so weit weg von Zuhause, aber es hat sich so herzlich, intensiv und leidenschaftlich angefühlt, dort zu spielen. Das lag natürlich vor allem an den Menschen, denen wir begegnet sind.
Vangelis: Ja, die US-Tour war toll! Wegen Corona wurde es um drei Jahre verschoben. Als die Grenzen damals dicht gemacht wurden, hatten wir alle noch die Hoffnung, dass wir die zumindest die zweite Hälfte der Tour noch spielen könnten. Aber dann stand quasi die Welt still.
Dino: Wir waren am Boden zerstört. Aber rückblickend war es vielleicht auch gut so. In der Zwischenzeit haben viel mehr Menschen unsere Band entdeckt, und als wir endlich dort waren, haben kamen tatsächlich recht viele Leute auf die Konzerte. Wir haben wirklich in den kleinsten Örtchen am Pazifik in einem Hinterhof gespielt und die Leute kannten die Texte! Das werde ich nie vergessen. Wir waren dreißig Tage auf Tour. Das würde ich gerne noch mal machen.
Jason: Wir wollen einfach die Welt bereisen und überall spielen! In Amerika, in Australien und in der Antarktis!
Dino: Genau, immer wieder an neuen Orten spielen und neue Menschen kennen lernen.
Was für euch ist das Beste daran, Teil von CHAIN CULT zu sein?
Jason: Das sind wir drei! Diese Verbindung und unser Umgang miteinander. Es geht da um Respekt und die unterschiedlichen Bedürfnisse zu unterschiedlichen Zeiten. Man hört einander besser zu und achtet auf die anderen.
Vangelis: Man lernt sich dabei auch selbst besser kennen. Man hat auf Tour nicht so viel Zeit für sich selbst, sondern verbringt die mit den anderen. Wir sind immer zusammen.
Dino: Wir sehen die Welt einfach auf dieselbe Art und Weise. Das hier könnte ich nicht mit vielen Leuten machen.
Jason: Genau, am Ende des Tages geht es bei uns immer um Nähe und Freundschaft.
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Diskografie
„Demo 2018“ (12“, La Vida Es Un Mus, 2018) • „Isolated“ (7“, La Vida Es Un Mus, 2018) • „Shallow Grave“ (LP, La Vida Es Un Mus, 2019) • „We’re Not Alone“ (7“, La Vida Es Un Mus, 2021) • „Harm Reduction“ (LP, La Vida Es Un Mus, 2024)
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #177 Dezember 2024/Januar 2025 2024 und Laura ShenaNigan
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #178 Februar/März 2025 und Joachim Hiller