CHEPANG

Foto© by Ivan Bideac

Von Nepal nach New York

Nach mehreren Platten auf dem Kölner DIY-Label Holy Goat, ist die 2016 gegründete „Immigrindcore“-Band aus Queens, New York nun beim US-Extremmusik-Spezialisten Relapse untergekommen. Die Selbstbeschreibung Immigrindcore bezieht sich auf die Herkunft der Musiker aus Nepal, was sich auch an zig Stellen von Band und Musik niederschlägt. Was es damit auf sich hat, erklärt uns Gitarrist Kshitiz Moktan.

Wie kommt es, dass ein paar Jungs aus Nepal in den USA eine Band gründen?

Wir stammen alle ursprünglich aus Kathmandu in Nepal, leben aber seit einiger Zeit in den USA, vor allem in New York. Wir kannten uns schon mehr oder weniger gut aus Nepal und haben später in New York City dann unsere Band gegründet. Es existiert also eine unterschwellige Verbindung zwischen dem, wo wir herkommen und wer wir sind, und der Tatsache, dass wir jetzt in NYC zusammen Musik machen. Das ist unsere „Von Nepal nach NYC“-Geschichte. Für uns ist es ein großer Glücksfall, vielleicht sogar Schicksal, dass wir hier jetzt gemeinsam genau diesen Sound machen können, auf den wir stehen.

Gibt es aktuell irgendwelche Grind/Metal/Hardcore/Punkbands in Nepal?
Ja, es gibt tatsächlich tolle Bands in Nepal. Das Gute dort ist, dass es keine spezielle Szene für jedes einzelne Underground-Genre gibt, sondern die Bands sich zusammentun und gemeinsam Konzerte spielen. Die Szene ist natürlich klein, aber sehr vielfältig. Es gibt auch großartige nepalesische Grindcore-Bands wie DISCORD, MARANATHA oder GAMO GRIND. Gute Hardcore-Acts sind zum Beispiel SIX COFFINS und NAINSHOOK.

Wie seid ihr damals auf die Idee gekommen, eine Band zu gründen?
Wir haben CHEPANG 2016 gegründet, da habe ich noch in meiner früheren Band SANGHARSHA gespielt. Damals traf ich hier in NYC Gobinda, unseren jetzigen Schlagzeuger, der mir vorschlug, ein bisschen zusammen zu jammen, und damit ging alles los. Wir fingen an, Songs zu schreiben für unsere erste 7“, und fragten Bhotey Gore, der zu dieser Zeit in Boston lebte, ob er bei uns singen will, und so kam eins zum anderen.

Wie seid ihr zum Grindcore gekommen, und welche Bands und Platten waren oder sind für dich wichtig?
Ich habe Punkmusik ziemlich früh entdeckt, das war noch damals in Nepal. Es gab ja noch kein Internet, also hörten wir nur Kassetten. Ich erinnere mich noch an meine erste Punk-Kassette, da waren BAD RELIGION drauf. Nach und nach fing ich an, nach weiteren Punk-Tapes zu suchen. Ich war fasziniert davon, wie schnell diese Band spielen, und meine Interesse an immer schnellerer Musik brachte mich schließlich zum Grindcore. Meine wichtigsten Platten sind „Damaged“ von BLACK FLAG, die erste MINOR THREAT-EP, „The Inalienable Dreamless“ von DISCORDANCE AXIS, „Relief“ von AGENTS OF ABHORRENCE und das selbstbetitelte Album von FORCE.

Ihr integriert auch traditionelle nepalesische Elemente in euren Grindcore-Sound. Wie passt das zusammen?
Im ersten Moment klingen diese traditionellen Töne fremdartig, aber die Intention, mit der wir sie spielen, ist ziemlich ähnlich. Für uns ist es sowieso selbstverständlich, uns der verschiedensten Stile zu bedienen und sie in unsere Musik zu integrieren. Unser Sound soll möglichst facettenreich sein, da hilft dieser traditionelle Einschlag. Wir wollen uns als Band ganz dynamisch entwickeln, ohne irgendwelche Beschränkungen. Am Ende ist es auch nur Musik ohne Form oder Farbe, die uns als Ausdrucksform dient wie jede andere auch.

Mit der aktuellen Regierung hat sich das politische Klima in den USA verändert. Wie wirkt sich das auf euch aus als Band, die aus Einwanderern besteht?
Wir leben einfach weiter wie bisher. Wer wir sind, was wir repräsentieren und woher wir kommen, wird sich letztlich nie ändern. Jetzt ist das Wichtigste, dass das Leben weitergeht und wir versuchen, das Beste daraus zu machen. Aber egal, wer du als Mensch bist oder wofür du stehst, am Ende werden Glaube, Liebe und Hoffnung triumphieren.

Ihr nennt eure Musik sogar „Immigrindcore“. Wie definiert ihr das?
Wir sind Immigranten, die in einer Grindcore-Band spielen, also heißt unsere Musik Immigrindcore. Mehr steckt nicht dahinter.

Eure neue Heimat ist NYC, eine klassische Einwandererstadt. Wie ist eure Beziehung zu NYC?
NYC ist ein großartiger Schmelztiegel, da passen wir gut rein. Die Stadt weist nicht nur in Bezug auf Ethnien und Bevölkerung eine starke Dynamik auf, sondern auch in künstlerischer Hinsicht, und das sorgt in Sachen Kreativität ständig für Bewegung. Jeden Tag finden die unterschiedlichsten Kunst- und Musikveranstaltungen statt, die auch einen selbst neu inspirieren. Wir lieben diese Stadt, denn wir haben hier ein Zuhause gefunden, in dem Andersartigkeit akzeptiert wird und sogar Teil der Kultur und des Alltags geworden ist.

Das Coverartwork für „Jhyappa“ ist sehr komplex. Was stellt es dar, wer hat es geschaffen?
Das war der japanische Streetart-Künstler Masato Chaos, der derzeit in New York lebt. Er ist bekannt für seine großartigen Wandgemälde. Das Motiv hat er auf eine Leinwand gemalt und dann weitere Elemente wie Skizzen hinzugefügt, so kam dieses wunderschöne Artwork zustande. Auf „Jhyappa“ dreht sich alles um das „Streben nach dem Verständnis des eigenen authentischen Selbst“ und das sollte sich auch im Cover widerspiegeln. Ich spielte Masato die Platte vor und erzählte ihm ,worum es in den Songs geht. Dann erklärte ich ihm noch, dass ich etwas in Richtung Selbstverbrennung als Motiv haben wollte. Der Akt der Selbstverbrennung richtet sich hier aber nicht gegen eine Regierung oder Religion, sondern gegen dich selbst. Sie steht für einen Prozess, dein authentisches Selbst zu finden, indem du dich von allem Negativen befreist, was auch nur du selbst tun kannst. Du siehst also, das komplexe Artwork repräsentiert hier auch einen komplexen Inhalt.

Wie kam der Deal mit Relapse Records zustande? Bisher habt ihr eure Sachen selbst rausgebracht oder in Zusammenarbeit mit dem deutschen Label Holy Goat Records.
Wir waren schon bei der letzten Platte mit Relapse im Gespräch. Genau genommen waren wir diejenigen, die sich vorher an sie gewandt haben. Aber da hatten wir schon alles für die Veröffentlichung von „Swatta“ vorbereitet, also kam das nicht zustande. Aber bei „Jhyappa“ haben wir uns nun wieder gemeldet und wir wurden in die Familie aufgenommen. Wir sind dankbar, jetzt Teil ihres Labelrosters zu sein, und sind gespannt, was die Zukunft bringt.

Man munkelt, dass Relapse den Vertrag angeboten haben mit der Bedingung, dass die Texte nicht mehr auf Nepalesisch, sondern auf Englisch sein sollten. Nun, du singst immer noch in ... wie heißt deine Sprache eigentlich? Ist „Nepalesisch“ überhaupt richtig?
Das ist nur ein Gerücht. Relapse war für alles offen, was wir künstlerisch machen wollten. Ich glaube auch nicht, dass Sprache mittlerweile in der Musik überhaupt noch eine Barriere darstellt, erst recht nicht in Zeiten von KI-Übersetzungs-Tools. Musik funktioniert doch heutzutage weitgehend global. Ich meine, überleg mal, wie viele Top-Acts der Popmusik aktuell aus Südkorea kommen und auf Koreanisch singen. Eigentlich ging es doch in der Punk-Szene auch immer darum, Grenzen zu überwinden, und dass wir in unserer Muttersprache Nepali singen, trägt dazu bei, diese Idee Wirklichkeit werden zu lassen.

Angeblich habt ihr frühere Alben schon mal gerne als euer letztes angekündigt ...
Das hat etwas zu tun mit der Art, wie wir die Dinge angehen. Der Gedanke, dass es unser letztes Album sein könnte, motiviert uns dazu, alles dafür zu geben. Wenn du jeden Tag so lebst und feierst, als sei es dein letzter, bist du gut vorbereitet und dein Leben bekommt einen Sinn. Ich glaube, das hat mit der spirituellen Prägung zu tun, die wir unbewusst aus unserer alten Heimat mitgebracht haben. Das liegt sozusagen in der Natur eines jedes Nepalesen: Lebe dein Leben in vollen Zügen.

Betrachtet ihr euch selbst als Band oder eher als Kollektiv? Die Besetzung scheint ja je nach Gelegenheit öfter zu variieren.
Als Kollektiv. Unser Ziel ist es, Grindcore immer wieder neu zu erfinden und der freien Entfaltung dabei keine Schranken zu setzen. Jedes weitere Mitglied des Kollektivs bringt einen eigenen Ansatz mit und fügt dem CHEPANG-Sound eine neue Perspektive hinzu. Zum Beispiel sind das aktuell die Noise-Parts, die Wreckless Life beigesteuert hat. Die kannst du in dem Track „Shakti“ hören. Das klingt neu und anders – und so halten wir das Ganze interessant.

Ralf von Holy Goat schrieb mir: „Frag sie nach Hochseefischen“ ...
Oh ja, wir haben jetzt auch ein Kollektiv zum Fischen gegründet, das „Gurkha Commando Fishing Team“. Wir genießen einfach die Zeit auf dem Wasser und es macht Spaß zu fischen. Wir haben uns aber auch schon fast umgebracht, als wir weit draußen auf hoher See waren und plötzlich das Wetter umschlug. Aber wie ich immer sage, man soll das Leben voll auskosten, jeder Atemzug könnte der letzte sein.

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