DEMENTED ARE GO

Foto© by Dirk Behlau

Die letzten Psychos?

Nichts trägt so viel Charme und Unvergänglichkeit in sich wie ein Debütalbum. Als ich die 1986 erschienene LP „In Sickness & In Health“ von den Walisern DEMENTED ARE GO erstmals hörte, konnte ich es kaum glauben – so viel Neues, so viel Wucht, dabei ist es im Grunde nur Rock’n’Roll gemixt mit Punk. Doch die Gitarre und der Gesang des einzigen noch verbliebenen Gründungsmitglieds Mark „Sparky“ Phillips packen mich bis heute. Zuletzt war es recht still geworden um die Ende 1981 gegründete Psychobilly-Band – das letzte (starke) Album „Welcome Back To Insanity Hall“ liegt auch schon 13 Jahre zurück. Als mich nun die Mail mit der Ankündigung ihres neuen Albums „Psychotic Mutilation“ erreichte, war das der sofortige Startschuss, um Kontrabassist Grischa Dördelmann (von den Ruhrpott-Psychobillys PITMEN) zu den Hintergründen zu befragen.

Grischa, du bist nun seit fast 20 Jahren bei DEMENTED ARE GO und hast tatsächlich noch deine alte Mail-Adresse. Du setzt überall auf Kontinuität, oder?

Ja, es sind fast 20 Jahre mit DEMENTED ARE GO, eine für mich unvergessliche Zeit. Unglaublich. Dabei wollte ich eigentlich nie Teil dieser Band sein. Es kommt eben immer anders, aber dann mit voller Wucht. Kontinuität? Ich versuche allen, vor allem mir, das Leben einfach zu machen. Deswegen habe ich auch schon immer die gleiche Telefonnummer.

Weil die erwähnte Adresse auch mit deiner anderen Band PITMEN zu tun hat, kleine Nebenfrage: Geht es mit denen auch weiter? Ich frage nicht für einen Freund, sondern als Fan ...
PITMEN existieren weiterhin. Wir haben vor einigen Jahren auch mal wieder ein Album veröffentlicht und spielen ab und zu irgendwo. Außerdem haben wir schon wieder an neuem Material gearbeitet. Holger und ich sind nur ständig mit anderen Sachen beschäftigt, ich spiele gefühlt in tausend Projekten.

Hast du nicht mal als Automechaniker gearbeitet? Was machen die anderen neben der Band?
Ich habe noch nie in einer Autowerkstatt gearbeitet. Es ist mein Hobby, an Karren zu schrauben. Deswegen besitze ich auch eine kleine private Werkstatt. Die Musik hat so viel Platz in meinem Leben eingenommen, dass ich keine Zeit mehr zum Arbeiten finde. Sparky und ich sind die Einzigen in der Kapelle, die von der Musik leben. Holger repariert nebenher fleißig Verstärker und Gitarren bei einem Equipment-Verleiher und Gaybeul steht kurz vor der Rente als Feuerwehrmann in Dijon.

Nach dem letzten Album stieg euer Drummer Chris aus und 2013 kam dafür Gaybeul Gualdi. Er war oder ist ja auch Mitglied bei den feinen HAPPY ON THE ROAD. Hat das etwas im Bandgefüge verändert? Ich nehme an, dass er am Songwriting eher weniger beteiligt ist?
Was das Songwriting angeht, herrscht bei uns immer das totale Chaos. Deswegen dauern die Veröffentlichungen immer ewig. Jeder gibt seinen Senf dazu. Und ganz ehrlich – HAPPY ON THE ROAD hatte ich bis eben gar nicht mehr auf dem Schirm, haha. Wir machen einfach alle viel zu viel. Gaybeul spielt ja auch bei WAMPAS und THE ASTRO ZOMBIES. Als Chris die Band verließ, hinterließ er ein großes Loch. Es kamen einige Schlagzeuger und haben sich vorgestellt, einige haben sogar Shows mit uns gespielt, es war aber im Grunde eine Katastrophe nach der anderen. Zum Glück hatten wir unseren Freund Köfte von MAD SIN, der wirklich alle DEMENTED ARE GO-Songs kennt und sie am Schlagzeug umsetzen kann. Er hat uns immer wieder sehr gut ausgeholfen. Gaybeul kam erst auch nicht in Frage, da er zu weit entfernt wohnt. Letztendlich sind wir froh, dass er doch den Weg zu uns gefunden hat. Mit seiner ruhigen Art und menschlichen Gelassenheit hat er der Band noch mal einen neuen Kick gegeben.

Dann heißt es ja wohl weiterhin, dass es mehrere Flüge benötigt, um gemeinsam proben und spielen zu können?
Mehr oder weniger. Sparky wohnt in Rotterdam und Holger in Mülheim an der Ruhr. Sparky kommt meist einen Tag vorher zu mir und wir starten dann gemeinsam. Gaybeul sammeln wir immer irgendwo ein, oder er ist schon selber zum Veranstaltungsort gereist. Manchmal treffen wir uns aber auch irgendwo auf einem anderen Kontinent am Flughafen. Geprobt wird nie. Dafür haben wir einfach keine Zeit.

Wie siehst du als alter Hase die hiesige Psychobilly-Szene? Ich finde es ist wie im Punk, es fehlt offenbar zunehmend an Nachwuchs.
Eine ganz brisante Frage. Wenn ich eine ehrliche Antwort gebe, werden mich 90% der Leute respektive Bands hassen. Nur so viel: Ich finde es furchtbar, wie viele Szene-Zerstörer-Kapellen mittlerweile in diesem Genre versuchen, Gehör zu finden. Leute, lernt verdammt noch mal euer Instrument und vielleicht etwas über Strukturen und erschreckt mir das Publikum nicht! So, jetzt bin ich mal wieder das arrogante Arschloch. Die Szene ist hoffnungslos überaltert. Was nicht alleine daran liegt, dass mögliche Newcomer von einigen Leuten komplett vergrault wurden. Aber ich bin immer sehr interessiert an dem „Nachwuchs“. Jede neue Kapelle höre ich mir an und komme auch gerne mit allen ins Gespräch. Es sind viele tolle Leute dabei und einige haben echt geile Ideen. Nur ist die Szene so klein, dass es wirklich jede Band bereits nach kurzer Zeit auf die Bühne schafft. Das ist nur leider oft etwas zu früh. Ich würde mir wünschen, dass einige Kapellen etwas mehr Zeit im Proberaum verbringen und nicht wie wild drauflos hacken. Die Qualität leidet sehr darunter, wenn sie es nicht tun.

Was ist für eine bekannte Band wie euch der wichtigste Grund, ein neues Album herauszubringen? Weil man damit live sein Repertoire erweitern kann oder weil es „einfach an der Zeit“ ist?
Beides. Wir wollen einfach wieder neue Sachen zusammen erschaffen. Ob wild, aggressiv, ruhig oder romantisch, egal. Einiges wird auch im Live-Set zu hören sein. Wir hatten viele der Songs jetzt seit über zehn Jahren auf Halde liegen, aber der Studiotermin wurde immer wieder verschoben. Wir sind eben faule Säcke, oder einfach zu busy. Bei der Produktion des neuen Albums gab es auch wieder unglaubliche Zwischenfälle. Um das kurz zu erläutern: Bei „Welcome Back To Insanity Hall“ ist unser Soundingenieur und Produzent Tim Buktu, noch bevor es zum Mix kam, überraschend verstorben. Diesmal haben wir eine Vorproduktion bei einem Freund gemacht und wollten die Platte in Dortmund aufnehmen. Wir hatten schon das Schlagzeug aufgebaut, doch der Soundmann war irgendwie extrem langsam. Dann haben wir auf seinen Wunsch hin die Aufnahmen unterbrochen. Kurz darauf ist auch er verstorben. Schlechtes Omen. Irgendwie haben wir es schließlich in ein Studio nach Rheinberg geschafft. Hier haben wir uns sehr gut aufgehoben gefühlt und wollen auch zukünftige Sachen dort aufnehmen. Und ja, dieser Soundmann lebt noch. Dass es mit dem neuen Album so lange gedauert hat, kann ich mir nur damit erklären, dass wir nach der letzten Platte einen neuen Schlagzeuger suchen mussten. Dann hatte Sparky einen Schlaganfall und ich einen Herzinfarkt, und der Corona-Scheiß kam noch dazu ... Wir haben haben uns dann mehr auf die Live-Shows konzentriert.

Eigentlich ist „Psychotic Mutilation“ erst euer achtes richtiges Studioalbum. Aber das ist völlig egal, solange die Qualität so hoch ist. Ich finde, es steckt viel „Oldschool“ drin, ähnelt etwas dem letzten Album, ist eventuell noch vielschichtiger. Dennoch erinnert es mich auch an „Tangenital Madness“ oder „Orgasmic Nightmare“, wobei es nicht so hart und verspielt ist wie „Hellbilly Storm“. Wie siehst du das?
Puh, darüber habe ich noch nie nachgedacht. Für mich ist jedes Album immer einen neue Herausforderung. Klar, der DEMENTED ARE GO-Sound steht im Mittelpunkt. Aber ich schaue nie zurück. An jedem der vorherigen Alben waren andere Mitglieder beteiligt und hatte demnach andere Einflüsse. Diesmal hat sich Holger stark ins Songwriting eingebracht und konnte seine Vorstellungen gut umsetzen.

Ich muss dich natürlich auch nach Sparky fragen. Wie geht es ihm? In Sachen Disziplin scheint es ja besser zu laufen ...
Es geht ihm gut. Danke der Nachfrage. Okay, er hat immer noch, wie wir hier sagen, „sehr nett einen anne Waffel“, aber wer will schon einen normalen Bürger auf der Bühne sehen? Für mich ist er einer der letzten richtigen Psychos. Wir kommen alle super miteinander klar. Es ist jetzt eine gewisse Struktur in der Kapelle zu erkennen, in der jeder seinen Platz gefunden hat. Das hilft natürlich sehr.

Für mich ist Psychobilly weiterhin eine enorm spannende Musik. Da kann so viel drinstecken: Rockabilly, Blues, Punk, Country und selbst Metal-Elemente. Warum scheint die Szene aber dennoch zu stagnieren? Viele Bands – neben DEMENTED ARE GO waren das METEORS, GUANA BATZ, FRANTIC FLINTSTONES, FRENZY, BATMOBILE, TORMENT und PHARAOHS – klingen heute ähnlich wie bereits zu Beginn der 1980er Jahre.
Die von dir genannten Bands sind, bis auf eine Ausnahme, alle aus dem UK. Dort herrscht meiner Meinung nach ein spezielles Musikverständnis. Ich erlebe dort auf unseren Touren oder Festivalaufenthalten immer wieder sehr viele gute Bands. Leider verschwinden die dann irgendwo im Nichts. Ganz anders im Rest von Europa. Speziell in Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien haut mich nichts mehr vom Hocker. Die Bands können nur noch zu verzerrter Gitarre grunzen oder slappen so schnell auf ihrem Bass, wie physikalisch überhaupt möglich. Eine Band klingt wie die andere. Und jeder findet sich geil und alle hypen sich gegenseitig bis zum Himmel. Mir tut es wirklich leid, dass ich so schlecht über den Nachwuchs rede. Aber ich bin teilweise kurz davor, die Segel zu streichen und verliere die Lust, noch viele Shows zu besuchen. Ein Nachwuchswettbewerb von Teenagern ist teilweise anspruchsvoller. Ein Szenefremder würde sich kaputtlachen.

Wobei eure Shows ja meist ausverkauft sind und auch coole Acts wie THE NEVROTIX oder THE LAB RATZ existieren ...
Die LAB RATZ kenne ich gar nicht. Da muss ich erst mal das Internet befragen ... NEVROTIX sind echt nette Jungs. Sehr geiler Neo-Rockabilly. Du hörst schon nach den ersten Tönen, dass sie wissen, was sie tun. Eine von hundert neueren Bands, die was kann. Leider kommen die von zu weit weg und sind demnach nicht oft zu sehen. Ich freue mich immer, wenn wir spielen. Oft sind dann, egal wo, die gleichen Gesichter im Publikum. Aber das zeigt mir, dass wir doch irgendwas richtig machen. Und ja, es sind fast alle Konzerte ausverkauft.

Letzte Worte, neue Ziele?
Ziele? Ich wünsche mir eine tolle funktionierende Rockabilly- und Psychobilly-Szene für die nächsten Jahre und werde nicht aufhören, diese Art von Musik zu machen und zu lieben. Im Moment stecke ich viel Arbeit in meine andere Band DUKES OF TIJUANA, außerdem starte ich gerade noch zwei neue internationale Projekte, wovon eines mehr in Richtung Punk und Hardcore geht, beim anderen ist es mehr Blues und Swing. Ob das etwas wird? Ich denke ja. Die ersten Songs sind schon geschrieben. Aber DEMENTED ARE GO stehen bei mir immer an erster Stelle. Wir wollen weiterhin die Bühnen rocken und mit den Leuten feiern. Alt sein kann jeder. Ich bin glücklich, dass es eine Frau an meiner Seite gibt, die mich unterstützt und den ganzen Scheiß mitmacht.

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