ELECTRIC CALLBOY

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Prokrastinierer hassen diesen Trick

Kaum eine andere Band hat es hierzulande geschafft, so einen Hype zu kreieren wie ELECTRIC CALLBOY. Aus dem ehemaligen Geheimtipp wurde in kurzer Zeit ein stabil etablierter Name in der Szene. Das Ende der Pandemie im Jahre 2022 war für viele im übertragenen Sinne ein Befreiungsschlag. ELECTRIC CALLBOY nahmen dies jedoch sehr wörtlich und wuchsen seitdem zu einer der erfolgreichsten Bands des Genres an.

Mein Sohn ist euer größter Fan und ich habe ihn gefragt, was ich zum Einstieg fragen soll. Er wollte gerne wissen, was das peinlichste war, was euch auf der Bühne passiert ist.

Nico: Das ist gar nicht lange her. Du versuchst auf der Bühne ja schon irgendwie eine gewisse Präsenz zu haben und der coole Typ zu sein, es werden viele Fotos gemacht. Es wird gefilmt und du willst nicht aussehen wie so ein Vollidiot. Aber es kommt dann doch vor, dass man vielleicht mal stolpert oder versucht, was zu trinken, aber trifft seinen Mund irgendwie nicht. Was auch immer. Ich habe es tatsächlich vor kurzem geschafft, fast von der Bühne zu fallen. Ich habe mich mit Ach und Krach noch irgendwie festhalten können und wurde dann von Daniel, unserem Bassisten wieder nach oben gezogen. In meinem Kopf habe ich das richtig cool gerettet. Ich bin da so seitlich runtergefallen und dachte, ich hätte mich da festgehalten wie Tom Cruise in seinen besten Jahren. Am Arsch. Ich sah aus wie der letzte Vollidiot. Ich hing da mit einem Buckel wie der Typ von „300“ mit dem starken Arm. Ja, das war mir sehr peinlich.
Kevin: Also gerade bei Social Media muss alles immer perfekt sein. Man hat das Gefühl, es sind da auch alle perfekt. Das beeinflusst uns alle. Dabei ist es doch eigentlich gar nicht schlimm, wenn man mal unperfekt ist und auch mal sagt, dass nicht immer alles geil läuft. Trotzdem ist das auf der Bühne in unserem Gehirn drin, dass wir immer perfekt funktionieren wollen. Ich habe mal wogegen getreten auf der Bühne, die allerdings nass war. Ich bin so was von weggerutscht und lag auf dem Rücken wie eine Schildkröte. In einer fast ausverkauften Lanxess Arena. Das war mir unangenehm.
Nico: Man ist als Sänger und Shouter immer sehr sehr pingelig mit seiner eigenen Leistung. Zumindest geht es uns beiden so. Es gibt einfach Tage, an denen du ein bisschen heiser bist und deine Stimme nicht so ganz da ist. Wir haben leider Gottes auch Songs, die sehr hoch sind. Mir ist es immer sehr unangenehm, wenn ich mal so einen richtig schönen, hohen Ton nehmen will, gehe da mit vollem Selbstbewusstsein rein und dann kommt da nichts aus mir raus. Sehr peinlich, aber passiert.

Seit 2022 seid ihr eigentlich nur unterwegs gewesen, habt große Touren absolviert und Songs veröffentlicht. Habt ihr in der ganzen Zeit auch mal etwas auf euch geachtet und Pause gemacht?
Kevin: Das ist ein krasses Thema, das du da ansprichst.
Nico: Ja. Also wir haben es geschafft, Kinder dazwischen zu machen.
Kevin: Wir haben an sich ja eine gute Zeit. Mal so ganz kritisch dahingestellt. Aber da steckt so viel dahinter. Wir sind hart an der Grenze. Gerade die Tour, die wir jetzt gerade fahren. Da ist so viel Rumgerenne, so viel An- und Ausziehen. Das ist wirklich anstrengend und da muss man schon sehr achtsam sein. Nicht nur für uns, sondern auch für unsere Leute zu Hause. Unsere Frauen, zum Beispiel also, was die da leisten müssen, wenn wir auf Tour sind. Die halten ja zu Hause komplett die Fahne oben. Das ist schon ein wichtiges Thema für uns.
Nico: Es sind viele Dinge, die sehen die Menschen da draußen auch gar nicht. Die Arbeit hört ja nie auf. Natürlich haben wir uns hier und da auch ein bisschen Urlaub anberaumt. Trotzdem checkst du deine Mails. Trotzdem guckst du noch irgendwie, was gerade abgeht. Ich glaube, die ersten vier Jahre, die ich in der Band war, stand dieser Hobbyaspekt noch viel mehr im Vordergrund. Die letzten zweieinhalb Jahre ist daraus immer mehr Business geworden. Das darf man nicht vergessen. Dinge zu planen, zu organisieren, eine 5-Tage-Woche hier im Studio zu haben, wann immer wir nicht auf Tour sind, was nicht gerade oft ist. Du brauchst neue Ideen, neuen kreativen Input. Dann ist aber manchmal die Batterie einfach leer. Nur ist es auch so, dass wir unseren Job maximal lieben. Auf der Bühne zu stehen und zu sehen, was die Menge zurückgibt, lädt einen dann auch wieder auf. Aber ja, es ist schon viel. Das ist definitiv der Punkt, dass wir, während wir unseren Job auf der Bühne machen, unsere Batterie wieder aufladen.
Kevin: Wenn man das so abschließen würde, hört sich das sehr negativ an. Aber wir sind uns einig, dass man das im Blick behalten muss. Wir haben viele wundervolle Leute um uns herum. Ein großes Team in unterschiedlichen Bereichen, die uns helfen. Ohne das wäre es auch gar nicht mehr zu stemmen. Diese ganzen Touren, die ganzen Sachen, die im Hintergrund ablaufen. Allein die Tatsache, dass wir jetzt reden. Das möchte ich nicht selber in einen Kalender einpflegen. Auch wenn sich das jetzt so abgehoben anhört, aber da gibt es jetzt zum Glück jemanden, der das macht. Ich kriege einen Link und eine Uhrzeit. Das gibt uns wieder viel Freiheit, was dazu führt, dass wir die eigentliche Arbeit, die Passion, die Musik und diese Kreativität wieder viel besser ausleben können und dafür sind wir sehr dankbar.

Aus anderen Genres wie zum Beispiel HipHop kennt man es, dass Künstler über einen längeren Zeitraum viele Songs schreiben, die einzeln für sich stehen. Diese werden gerne mal zu einem sogenanntes Mixtape zusammengefasst und veröffentlicht. Ist „Tanzneid“ euer Mixtape?
Nico: Nee und zwar aus folgendem Grund: Wir sind tatsächlich nicht die Band, die auf Tour schreibt. Wir sammeln mal Ideen auf Tour. Wir haben immer unser Handy am Start. Da wird mal eine Melodie eingesummt oder mal eine Textidee runtergeschrieben.
Kevin: Wir haben auch einen Aufnahmerack dabei. Das wird nur nicht benutzt.
Nico: Wenn wir wirklich mal Zeit haben, hier bei uns im Studio, wo wir uns am wohlsten fühlen und alles haben, was wir brauchen. Das waren so die Zeiten, die wir intensiv genutzt haben, wenn wir mal zwei Monate dafür übrig hatten.
Kevin: Ich habe auch das Gefühl, dass da zwei Persönlich­keiten aufeinanderclashen. Wenn wir auf Tour sind, dann funktionieren unsere Gehirne ganz anders. Da sind wir auf Entertainment und auf Schlagfertigkeit aus. Wenn ich nach Hause komme und ich weiß, jetzt habe ich wieder drei Wochen Zeit im Studio, dann erst kommt mein Gehirn mal etwas zur Ruhe. Eigentlich haben wir immer gesagt: zweieinhalb Jahre für ein Album. Vier Jahre sind schon viel, und das wollen wir auch nicht noch mal so machen.
Nico: Wenn wir dir die Ordner zeigen würden, mit aussortierten Ideen oder nicht fertiggestellten Songs, würdest du dich totlachen. Stücke, die wir vor vier Jahren angefangen haben zu schreiben, haben so heftig an Aktualität für uns verloren, dass die niemals Platz auf einem aktuellen Album finden würden. Dinge, die wir vor vier Jahren geil fanden, finden wir jetzt teilweise total scheiße. Unser Sound hat sich auch krass entwickelt über die letzten Jahre. Wir machen viele Dinge anders. Ein Song wie „Ratatata“ allerdings, der auch schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, hat aber immer noch diesen Vibe, den wir fühlen. Das ist ein Song, der für uns mit auf dieses Album musste, ganz, ganz viele andere Songs haben das nicht geschafft. Zukünftig wäre es schon schön, wenn wir da mehr fokussierte Zeit hätten, die wir wirklich mal auf ein Album werfen können.

Vier Jahre sind eine wirklich lange Zeit. Ich denke, vor vier Jahren wäre die Nummer mit „Brawl Stars“ auch noch kein Thema gewesen, oder?
Kevin: Das war der Wahnsinn. Es kam jetzt nicht so völlig aus dem Nichts. Wir kannten „Brawl Stars“. Ich hatte es sogar mal auf meinem Handy und habe es mal mit meinem Neffen gezockt. Deswegen fanden wir es auch so witzig, als die anklopften und sagten: „Ey, wir finden eure Mucke geil und wir haben hier diesen Charakter“. Zuerst waren wir uns nicht sicher. Wir wollen immer authentisch sein und nichts machen, was nicht Hand und Fuß hat. Aber wir hatten gerade diesen Song im Studio auf dem Tisch, bei dem wir nicht weiterkamen. Da ging es um Explosionen, um etwas, das raus will. Wir wussten noch nicht, was wir daran haben. Dann kamen die um die Ecke mit Damien und seinem Metallherz. Wir fanden die Idee geil und haben gesagt, wir testen das mal. Es hat dann richtig gut funktioniert. Also let’s go. Dieses „Brawl Stars“-Thema ist ja ein Riesending. Die haben so viele Spieler. Das ist aber so ein cooles, alternatives Team, das dahintersteckt. Das war wirklich spaßig.
Nico: Es ist auch ein schönes Gefühl, das von denen in die Hand bekommen zu haben. Am Ende ist es ja deren Produkt, das so gut läuft, und wir sollen die Band sein, die diesen neuen Charakter einführt. Als wir dann angefangen haben, die Lyrics für den Song zu schreiben, hatten wir ultra viel Spaß daran. Wir haben denen das dann geschickt und die hatten noch zwei bis drei Vorschläge, die auch wirklich gut waren. Du hattest sofort das Gefühl, da sitzen Leute, die wirklich wissen, wovon sie reden. Mit diesem Team zu arbeiten war wirklich easy.

Und während ihr mit so einem brandaktuellen Thema wie „Brawl Stars“ die Kids abholt, finden sich für deren Eltern gleichzeitig auch THE OFFSPRING auf dem Album wieder.
Kevin: Ja, denn das sind ja mittlerweile wir selbst. Das war für uns die ganz egoistische Erfüllung eines Kindheitstraums. Ich habe damals einen Freund gehabt, bei dem ich THE OFFSPRING zum ersten Mal auf CD hörte. Der hatte eine Gitarre. Ich fand das so geil, wie er die Songs gespielt hat, dass ich mir deshalb meine erste Gitarre gekauft habe. Wie das Feature zustande kam, hat uns total ein geiles Gefühl gegeben. Und wie cool einfach Dexter ist. Man sagt ja: „Never meet your heroes“. Aber in diesem Fall war es kein Fehler. Wir waren natürlich sehr vorsichtig, wie das so ist. „Hallo, Herr Holland, wäre das für Sie okay, wenn Sie diese Zeile vielleicht ... ist egal, auch wie Sie das machen.“ Und so weiter. Aber er war die ganze Zeit so cool. Er hat uns gesagt, wie gern er unsere Mucke mag und er große Lust darauf hat.
Nico: Er stand hinter dem Ganzen und hat einfach mit großem Spaß bei allem mitgemacht. Da war er sich für nichts zu schade. Das erfüllt mich so krass mit Stolz, dass du da jemanden hast, der aus einer ganz ganz anderen Ecke kommt und dort eine Legende ist, der so sehr an das glaubt, was du da gerade machst.
Kevin: Wir hatten, zum Beispiel in unseren Anfängen ein besonderes Feature, das war so was von eingekauft. Das war echt ätzend, weil du in jeder Pore dieses Künstlers gemerkt hast, der hat gar keinen Bock darauf. So was machst du, wenn du jung und unerfahren bist und dein Label dir sagt, dass das eine gute Idee wäre. Jetzt haben wir uns ein Standing erarbeitet, mit dem das ein bisschen einfacher geht. Trotzdem ging es uns dabei zu keiner Zeit um irgendwelche finanziellen Interessen bei diesem Feature. Dexter traf uns in Belgien beim Graspop Metal Meeting, sagte uns, dass er zu Hause oft unsere Musik hört, und hat sich die Show angesehen. Daraus ist dann eine Freundschaft entstanden. Wir haben ihn gefragt und er war sofort dabei.
Nico: Es gibt doch diesen tollen Satz: Da werde ich meinen Enkelkindern noch von erzählen. Wenn ich so alt werde und meine Kinder sich entscheiden sollten, Nachwuchs zu bekommen, dann gibt es da ein paar Dinge. Ich werde mit Sicherheit nicht jedes Foto, was wir bei Live-Konzerten gemacht haben oder jede Story auf Tour auspacken. Es gibt aber so kleine Schlüsselmomente in unserer Karriere. Unsere erste Goldene Schallplatte zum Beispiel oder als wir zum ersten Mal vor unseren Familien in einer Arena gespielt haben. Dieses Feature ist aber auf jeden Fall dabei. Da werde ich, wenn ich alt und klapprig bin, gerne von erzählen, mit Tränen in den Augen.

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