FAT WRECK CHORDS

Foto© by Fat Wreck Chords

Reloaded

Seit Ende 2024 gab es Gerüchte, am 9. Juli wurde es offiziell: Das in Los Angeles ansässige Independent-Label Hopeless Records übernimmt Fat Wreck Chords. Die Feinheiten des Deals stecken im Detail. Als Teil des Deals übernimmt Hopeless den Katalog von Fat Wreck Chords, wobei es Fat Mike und seiner Ex-Gattin Erin, die schon lange federführend war im Alltagsgeschäft, wichtig war, dass mit dem Wechsel alle noch ausstehenden Bandabrechnungen für die aktuell bei dem Label unter Vertrag stehenden Künstler ausgeglichen wurden. Und ein sehr wichtiger Aspekt: Hopeless wird keine neuen Bands für Fat Wreck Chords unter Vertrag nehmen. Fat Mike und Erin behalten den Namen, das Logo und die Marke und werden das Label auch weiterhin nach außen vertreten – speziell im Kontext von dessen 35. Geburtstag, der diesen Herbst gefeiert wird. Wir sprachen mit Louis Posen, Gründer und Inhaber von Hopeless Records.

Louis, kannst du ein paar Erinnerungen mit uns teilen, wie du auf Fat Wreck aufmerksam geworden bist und wie du das Label damals wahrgenommen hast?

Ich bin mit Musik aufgewachsen, die ich heute als Mainstream-Punk und -Alternative bezeichnen würde, wie THE RAMONES, THE CLASH, X, THE SMITHS, SOFT CELL und andere. Als ich 1989 die Highschool verließ, entdeckte ich Fanzines wie Maximum Rocknroll und Flipside und begann, meine Zeit in Independent-Plattenläden zu verbringen. So kam ich in Kontakt mit Leuten wie zum Beispiel meinem Freund Tom Richmond, die mir noch mehr Underground- und Independent-Musik näherbrachten. Ich glaube, die erste Fat Wreck Chords-Platte, die ich kaufte, war „The Longest Line“ von NOFX auf Vinyl. Das muss 1992 bei Aron’s Records in Hollywood gewesen sein. Durch Zines und Mailorder-Kataloge, die vielen Releases beilagen, und gute Freunde entdeckte ich Indielabels wie Fat Wreck, Epitaph, Lookout! und begann, ihre Platten zu kaufen und Konzerte von deren Bands zu besuchen.

In der Geschichte des Punkrock gibt es nur wenige Labels, die so lange durchgehalten haben – von den „klassischen“ kalifornischen Labels der 1990er Jahre gibt es wohl nur noch Hopeless, Epitaph, Alternative Tentacles und Fat Wreck.
Ich hatte das große Glück, in den frühen 1990ern in die Independent-Punkrock-Szene einzutauchen und mein eigenes Label zu gründen. Die Labels florierten mit unglaublichen Line-ups, einige der Bands schafften sogar den Durchbruch in den Mainstream und die Community war voller Energie, Möglichkeiten und Verve. Ich denke, dass es auch heute eine großartige Punk-Szene mit tollen Indielabels gibt. Es sieht nur anders aus und klingt auch anders. Es wird immer eine nächste Generation junger Leute geben, die mit dem Status quo nicht zufrieden sind und sich durch Musik, Kunst oder Mode ausdrücken wollen.

In Zeiten, in denen Streaming das vorherrschende Medium ist, scheinen viele junge Leute nicht mehr über Labels neue Musik zu finden – anders als wir damals mit SST, Touch And Go, BYO, Alternative Tentacles, Taang! und so weiter. Was bedeutet das für dich als Labelbetreiber, wenn das Label und sogar die Band oder der Künstler nicht mehr relevant sind, sondern nur noch der Song oder gar dessen erste 20 Sekunden auf TikTok?
Ich denke zwar, dass viele Musikfans passiver geworden sind und Songs eher nach Sound und Stimmung hören, was durch die Funktionsweise von Streaming-Plattformen noch verstärkt wird. Aber ich glaube trotzdem, dass es eine große Anzahl von Menschen gibt, für die Musik immer noch etwas mit Kultur, Lifestyle und Community zu tun hat. Diese Musikfans fühlen sich eher von Künstlern wie unseren angesprochen und kennen und vertrauen den Labels, die hinter ihnen stehen.

Früher wurde das Künstlerportfolio vieler Labels durch den persönlichen Geschmack und die Verbindungen des Besitzers geprägt. So war es bei allen großen klassischen Hopeless-Bands, bei Epitaph, bei Fat Wreck ...
Bei Hopeless waren schon immer die Fans der eigentliche Motor. Ich habe meine individuellen Vorlieben als Musikfan, aber ich verstehe auch, dass die anderen Teammitglieder, unsere Künstler und die Fans in der Community ihren eigenen Geschmack haben. Wir haben versucht, ein Repertoire zusammenzustellen, das die Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Punk- und Alternative-Szene repräsentiert.

Am 9. Juli wurde bekanntgegeben, dass Fat Wreck ab sofort von Hopeless übernommen wird. Was hat es damit auf sich?
Ich habe Mike 1993 kennengelernt, nachdem ich ihn spontan angerufen habe, weil ich ein Musikvideo für den Song „Bob“ drehen wollte, als ich noch auf der Filmhochschule war. Wir wurden Freunde, bald habe ich auch ein Video für LAGWAGON gedreht, ich saß mit Mike in den West Beach Studios, als PROPAGANDHI „How To Clean Everything“ aufgenommen haben, und ich war bei einigen Konzerten der 1994er Mons-Tour von NOFX, wo sie von STRUNG OUT begleitet wurden. Als mich GUTTERMOUTH, für die ich gerade ein Video drehte, baten, eine 7“ von ihnen zu veröffentlichen, fragte ich Mike und Erin, ob sie mir ein paar Tipps geben könnten, wie man eine Platte rausbringt. Sie waren so nett und luden mich nach San Francisco ein, um mir das Fat Wreck-Büro zu zeigen. Ich habe mich mit ihrem Team angefreundet und sie leisteten mir unschätzbare Hilfe beim Aufbau von Hopeless Records. 30 Jahre später, als Mike und Erin nach dem richtigen Partner für Fat Wreck suchten, hatten wir das Glück, auf ihrer Shortlist zu stehen, wer für das Label und die Künstler infrage kommt. Wir haben über ein Jahr lang gemeinsam überlegt, wie das funktionieren könnte, und sind zu einem großartigen Ergebnis gekommen, das die Geschichte von Fat Wreck würdigt, seine Präsenz bewahrt und sich um den Katalog und das Künstlerportfolio kümmert.

Erste Gerüchte kursierten bereits Ende 2024, und wie es bei Gerüchten so ist, vermuten die Leute bei einer solchen Veränderung nur das Schlimmste. Kannst du uns bitte sagen, was ihr genau vorhabt? Werden Fat Mike und seine Ex-Frau Erin weiterhin an der Suche und dem Signing von Bands beteiligt sein? Wird das Fat Wreck-Team weiterhin von San Francisco aus arbeiten?
Fat Wreck wird so weiterexistieren, wie es alle lieben. Unser Ziel ist es, unsere Infrastruktur, Beziehungen und Ressourcen einzubringen, um das bestehende Angebot zu ergänzen. Die Fat Wreck-Veröffentlichungen werden genauso aussehen und sich genauso anfühlen wie bisher. Wir haben nicht vor, etwas an der Aufmachung oder der Ausrichtung zu ändern. Nur Künstler, die bereits zum Labelroster gehören, können neue Musik bei Fat Wreck rausbringen. Mike und Erin werden weiterhin involviert sein und das Label auf verschiedene Weise promoten. Sie werden das Logo und die Markenrechte behalten, es soll Pop-up-Shops, Festivals und einen Merchandise-Store geben. Wir werden das Label von unserem Büro in Los Angeles aus betreiben und ein Teil des Teams wird entweder bei Erin und Mike oder bei uns bleiben.

Ich schätze, wegen des bevorstehenden Wechsels war es in den letzten Monaten ziemlich ruhig, was Veröffentlichungen von Fat Wreck angeht. Welche neuen Platten sind in Planung?
Aktuell stehen drei neue Releases an: „Lighten Up“, das erste neue Album von BAD COP/BAD COP seit fünf Jahren; „A To H“, der Auftakt einer dreiteiligen Archivreihe von NOFX mit unveröffentlichten und raren Aufnahmen. Dann gibt es noch die „20th Anniversary Edition“ von „Exile In Oblivion“ von STRUNG OUT mit einer brandneuen Single namens „Glass houses“, die ganz im Geiste des Originalalbums geschrieben und aufgenommen wurde.

Was hast du noch für Pläne für das Label? Bei einem so riesigen Backkatalog kann ich mir vorstellen, dass etliche Platten inzwischen vergriffen sind. Stehen viele Neuauflagen an?
Ja, mit so einem fantastischen Katalog gibt es so viele tolle Möglichkeiten: Rereleases, Jubiläen, Boxsets, bisher Unveröffentlichtes und so weiter. Außerdem gibt es viele Möglichkeiten, die Geschichte von Fat Wreck und seine Bedeutung für die Entwicklung des Punk zu erzählen.

---

Die offiziellen Statements von Fat Mike und Erin
Fat Mike:
„Nachdem wir in den letzten drei Jahren mit so vielen verschiedenen Labels über eine Zusammenarbeit gesprochen haben, haben Erin und ich gemerkt, dass Hopeless die einzig richtige Wahl ist. Wir sind seit über 30 Jahren mit Louis befreundet und er ist jemand, der immer das Beste für alle will. Ich vertraue voll auf seine Haltung und sein Gespür für das Vermächtnis von Fat Wreck Chords.“
Erin Kelly-Burkett: „Das ist zwar eine der schwersten Entscheidungen, die ich je getroffen habe, aber auch eine der spannendsten. Fat Wreck ist seit 35 Jahren mein Baby. Für mich ist es mehr als ein Label, es ist eine Community, ein Zuhause und ein Vermächtnis. Etwas, das wir von Grund auf aufgebaut haben. Louis versteht das, und ich kann mir niemanden vorstellen, der Fat Wreck besser weiterführen könnte. Als echter Fan weiß Louis aus erster Hand, worum es bei Fat Wreck geht, und wird mit Sorgfalt und Respekt auf dem Fundament aufbauen, das Mike und ich gelegt haben. Diese Bands sind meine Familie, und ich weiß, dass sie bei Hopeless in guten Händen sind.“

Anzeige