LETO

Foto© by Manuela Hörnlein

Eiszeit in der Alsterdorfer Sporthölle – Eine Bestandsaufnahme zur Lage im Live-Business

Im Rahmen unseres zehnjährigen Bandbestehens habe ich mir einen kleinen Rückblick gegönnt, unter anderem in Bezug auf die heutige Clublandschaft und deren Bedeutung für mittelkleine Bands. Ich bin Jannes, Sänger der Hamburger Post-Hardcore/Post-Punk-Band LETO. Nach drei Alben sind ein paar Tourerfahrungen und vor allem viele Eindrücke zusammengekommen, die ich hier – vielleicht etwas emotional – zu ordnen versuche. Dieser Bericht hat weder einen journalistischen Anspruch noch kann ich aus meiner Position alle Aspekte der Debatte beleuchten. Das Insiderwissen von Menschen, die in der Musikwelt arbeiten und auch wirtschaftlich von ihr abhängig sind, fehlt mir einfach.

Jede:r bekommt das landesweite Clubsterben mit. In Hamburg allein sind Beispiele wie die Astra Stube, das Headcrash, der erzwungene Umzug des Molotow und die Rettung des Hafenklang bezeichnend. Die katastrophale Lage in der Clublandschaft, vor allem bei Läden mit einer Kapazität von 300 Personen und weniger, ist auch auf Bandseite immer konkreter spürbar: Da gibt es etliche Mails vor dem Konzert, in denen jedes (nicht) verkaufte Ticket reflektiert und abgewogen wird, abgezählte Biere und Getränkechips im Backstage, spätere Get-Ins, stramme Curfews, damit pünktlich um 22:30 Uhr DJ Doppelklick die Leute mit lauten Bässen an die Theke drückt. Da lauern Deals, bei denen Künstler:innen weder Essen noch Buy-out bekommen, während Busmieten mittlerweile bei 500 Euro pro Wochenende liegen. Ich könnte die Liste ewig fortsetzen. Als Band gäbe es also neben dem Social-Media-Druck etliche Gründe, aufzuhören oder erst gar nicht anzufangen.

Es läge nahe, mit dem Finger auf die „bösen“ Veranstalter:innen und Clubbetreibenden zu zeigen. Doch im Gespräch wird immer wieder klar, dass man diese Umstände genau diesen Personen nicht anlasten kann. Vielmehr sind die Kosten in dem ganzen Live-Game völlig aus dem Ruder gelaufen – das berichten eigentlich alle. Das Hamburger Clubkombinat, der Interessenverband von mehr als 100 Clubbetreiber:innen, Veranstalter:innen, Booker:innen und Agenturen, vermeldete für 2024 einen Umsatzrückgang von 11% und einen Gewinneinbruch von ca. 20% im Vergleich zu 2023. Neben dem allgemein veränderten Ausgehverhalten des Publikums seit Corona führen die Clubs die allgemeinen Preissteigerungen im Bereich Wareneinkauf, Personal, Technik und Betriebskosten an.

Für uns als LETO ist diese Krise unmittelbar spürbar. Das Booking, das ich dankenswerterweise (hüstel) übernehmen darf, ist von drei „As“ geprägt: Angst, Anspannung und Absagen. Und ich meine damit nicht die Absagen, bei denen auf Bookinganfragen gar nicht geantwortet wird. Dieses Spiel kennen wir alle, seitdem es den ersten Live-Club der Welt gibt, und das ist auch okay so. Vielmehr sind es Absagen trotz totaler musikalischer Überzeugung und großem Bockfaktor. Bands, die den Laden nicht garantiert voll machen, stellen bei der allgemeinen Schieflage ein zu großes Risiko dar. Mittelkleine Bands und Aufbau-Acts finden dadurch zunehmend weniger Bühnen, die bespielt werden können. Die allzu wichtige Ochsentour ist so kaum mehr möglich beziehungsweise findet mindestens ohne Hörner statt.

Diese Umstände im Live-Business mittelkleiner Bands (LETO schweben irgendwo in einem gesunden Spannungsfeld zwischen ausverkauftem Molotow und 14 zahlenden Menschen in Karlsruhe) haben meiner Meinung nach wiederum unmittelbare Effekte auf die Bandszene. Da nicht mehr genügend Bühnen frei sind, gibt es einen großen Run auf die übrig gebliebenen – das schürt auch innerhalb der Szene negative Vibes und Missgunst. Wenn man als Band durch das Booking-Nadelöhr durch ist und den Bus vor dem Club parkt, tragen die oben beschriebenen Umstände nicht unbedingt zur besseren Laune innerhalb der Band bei. Und schlechte Laune ist nicht die beste Grundlage für gute Performances und neue Bandfreund:innenschaften zwischen den zwei bis drei Gruppen, die zur Minimierung des Risikos mindestens gebucht werden. Ich verspüre in der Szene eine gewisse Ellenbogenmentalität, Eigensinn und den Hang zum Alleingang. Auch aufgrund zunehmender Klickzahlvergleiche gönnt man sich häufig den Dreck unter den Bundstäbchen nicht mehr. Anstatt an guten gemeinsamen Tourkonzepten oder Konzertreihen zu arbeiten, bröckeln die Zähne der Szene gewaltig.

Die größeren Bands hängen (mit einigen Ausnahmen) derweil in dem Roster und den Restriktionen ihrer Booking-Agentur. Die Supportslots werden im Sinne des Künstler:innenaufbaus verständlicherweise mit Bands aus den eigenen Reihen besetzt. Das war natürlich schon immer so, ist nur in Anbetracht der dezimierten Auftrittsmöglichkeiten ein weiterer hinderlicher Faktor für neue Bands und solche ohne Agentur. An Festivalslots braucht man gar nicht erst zu denken.

So, und nun? Ist alles schlecht? Lausen sich Bands heutzutage im Backstage gegenseitig die Haare und erdolchen sich mit zerbrochenen Sticks? Nein, ganz sicher nicht! Live-Konzerte mit einer Kapazität von unter 300 sind meines Erachtens einfach unfassbar intensiv und vor allem schön. Die Erfahrung zeigt mir aber, dass es immer stärker auf einzelne Menschen und Kollektive ankommt, denen die Musik und die allgemeine Live-Kultur am Herzen liegt. Auf unserer Tour sind wir solchen Menschen zum Glück sehr häufig begegnet – zum Beispiel im Bla in Bonn oder im Eisen in Bremen. Allerdings wird beim obligatorischen Chili sin Carne vor der Show auch von diesen Personen fast immer Ähnliches berichtet: „Das wird in Zukunft eng!“ – Konzerte für Nachwuchs-Acts und kleine Bands sind in akuter Gefahr. Und ohne all den tollen Veranstalter:innen zu nahe treten zu wollen, fällt natürlich auf, dass „die Guten“ eher ein paar Tage mehr auf dem Buckel haben. Junge Hüpfer:innen mit solchen Idealen findet man gefühlt seltener – angesichts der Lage verständlich, aber natürlich auch doppelt gefährlich, wenn die letzten „Guten“ nicht nur wirtschaftlich, sondern auch altersbedingt wegbrechen.

Politik und das profitorientierte Musikbusiness müssen doch erkennen, dass derzeit am falschen Jenga-Stein gezogen wird – dem letzten und mittleren in der untersten Reihe. Während an einem Ende der im überstumpfen Winkel aufklaffenden Schere kleine Clubs ums Überleben kämpfen, spielen am anderen Ende große Bands in der in Sekunden ausverkauften Alsterdorfer Sporthölle oder BARclays Arena. Die 50-Euro-Gildan-Shirts gehen genauso tausendfach wie das 10-Euro-Holsten aus der Dose über die Theke. Das sind in vielen Fällen keine Konzerte mehr, sondern überinszenierte Events, die dem Publikum fast ausschließlich zur Selbsterhöhung auf Social Media dienen.

Um die Clublandschaft, die schon immer den entscheidenden Gegenpol zu dieser Eventisierung darstellte, zu retten, braucht es gezielte, großzügige Förderprogramme. Die Lösung kann meiner Meinung nach nicht nur der ständige Appell an den Vorverkauf sein. Der Vorverkauf ist natürlich wichtig, aber er krankt auch an der allgemeinen Lage im Land und dem veränderten Ausgehverhalten des Publikums und stellt nur eine Facette des allgemeinen Teufelskreises dar. Wir brauchen im Clubbereich eine Bazooka, eine Gießkanne, einen Doppelwumms – egal. Hauptsache, faire Förderprogramme, die reales Geld in die mit „FCK AFD“-Stickern beklebten Stahlblechkassen bringen und eben nicht vor allem in den Hochkultur-Sektor fließen. Vielleicht sollten wir als LETO auch einfach auf Oboe, Klarinette, Fagott und Pauke umsteigen, um an den randvollen Fördertöpfen naschen zu dürfen.

Die politischen Entscheidungsträger:innen im kulturellen Sektor und die großen Player im Musikbusiness spielen buchstäblich mit dem Feuer oder haben schon längst alles in Brand gesetzt. Früher oder später wird erkannt werden, dass es durch fehlende subkulturelle Orte und geschlossene Clubs eben schlichtweg keinen Nachwuchs mehr gibt und dadurch auch für Eventim und Konsorten keine neuen Acts, die man später für die großen Popcorn-Events benötigt. Die Unterfinanzierung der Clublandschaft und die Hand an den Portemonnaies des Publikums bei Großveranstaltungen wird so früher oder später zur Eiszeit in der Sporthölle führen.

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