LETO

Foto© by Stephan Möller

Dunkle Wolken statt Bluesky: Bands und Social Media - Der Versuch einer Annäherung

Social Media – immer wieder Streitthema im Tourbus der Post-Punk-Band LETO, in der ich singen darf. Und immer wieder Hundescheiße unter den Schuhen, weil man den „Kauft Tickets“-Storys der Lieblingsband auf Insta mehr Aufmerksamkeit schenkt als dem Fußgänger:innenüberweg. Dieser Artikel soll sich subjektiv und ohne journalistischen Anspruch dem Thema „Bands und Social Media“ nähern.

Ich selbst nehme eine kritische, zynische Perspektive ein, weil mir (glaube ich) nichts anderes übrig bleibt. Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit sind wir bei diesem Thema in einer Art Ohnmachtsgefühl verbunden – ansonsten hättest du dieses Fanzine wohl nicht in der Hand, dessen Format so ziemlich diametral zu Social Media und dessen Geschwindigkeit steht. Mit „Social Media“ meine ich hier vor allem Instagram und Facebook. TikTok ist für mich nicht mehr machbar – und das ist wahrscheinlich auch gut so.

Auf dem Weg zur U-Bahn, mit besagter Hundescheiße unter dem Schuh, fällt mir auf, dass ich mittlerweile unterschiedlichste Genres an ihren verwendeten Filtern erkenne: Punk: Kein Filter, weil dagegen! Gröli-Punk: Schwarzweiß, damit die schwarzweißen Bandshirts noch besser zur Geltung kommen. Midwest Emo: „New York“, damit die Neo-Traditional-Tattoos noch besser herausstechen. Ü50-Rock: ... lassen wir das ... Egal, welcher Filter genutzt wird – im Gespräch mit anderen Bands wird ungefiltert und schnell klar, dass eigentlich niemand Bock auf diesen relativ neuen Platzhirsch im Band-Aufgabenkatalog hat. Und doch lassen sich alle von diesem Content-Bock auf die Hörner nehmen. In der Probe oder nach einem weiteren, leicht angesäuerten Aufruf in der WhatsApp-Gruppe wird schließlich doch das schwächste Glied oder „das Internetgesicht“ gefunden, das die neue Social-Media-Strategie in den Äther blasen soll.

Auffällig ist, dass viele Bands (inklusive meiner eigenen) auf inhaltlicher Ebene größtenteils das Gleiche tun. Zwischen Gesichtern der Band, die den Algorithmus angeilen sollen, tauchen Tour- und Albumgrafiken auf. Diese mögen auf den statischen Facebook-Profilen vielleicht noch irgendwie funktioniert haben, verglühen aber auf schnelleren Plattformen sofort und generieren kaum Reichweite. Das Albumcover, das vom befreundeten Grafiker in mühsamer Kleinstarbeit und 15 Korrekturschleifen pro Bandmitglied für ein Hundertstel des eigentlichen Tagessatzes entworfen wurde, wird von ganzen 212 Personen der gut 2.000 Follower:innen gesehen. Der Rülpser in die Kamera beim leicht versoffenen Auftritt in Coburg hingegen erreicht 497 Leute. Spannende Geschichten sucht man in den frischen Storys der Bands vergeblich. Es bleibt ein Einheitsbrei aus „Unser neues Album kommt“, „Wir haben neues Merch“, „Wir proben“, „Die Band ganz privat“, „Wir fahren Bus und sind auf Tour“ und „Kauft bitte Tickets im Vorverkauf für die nächste Tour“. Mich würde wirklich interessieren, wie viele Tickets tatsächlich aufgrund solcher Videos verkauft werden. Ich vermute, die Zahl ist gering.

Social Media beeinflussen auch das Kerngeschäft „Live“ immer stärker. Auf Tour begegnen mir immer häufiger Bands, bei denen Content-Menschen fester Bestandteil der Travelparty geworden sind. Formatgerecht wird Backstage-Quatsch aufgezeichnet. Beim Konzert selbst suchen Content-Creator:innen nach dem perfekten Kamerawinkel, damit am nächsten Tag in der Story ganze 31 Schultern der 42 Gäste ordentlich was hermachen. Manche Bands schrecken auch nicht mehr davor zurück, medienwirksame Publikumsaktionen wie das Handylichter-Meer oder das obligatorische Band-vor-Publikum-Bild zu inszenieren – Dinge, die es im Mainstream schon immer gab, die aber nun auch auf kleineren Clubkonzerten mit dem Zweck „Social Media“ verstärkt Einzug halten. Generell verdrängen leider dynamische, leicht verwackelte Storys des Publikums zunehmend echte Konzertfotografie. Beim Song mit den meisten Spotify-Klicks zücken zahlreiche Leute ihre Handys, um ihre Follower:innen in die nächste „FOMO-Attacke“ zu treiben. Im Hotelzimmer oder Stockbett hört sich die brav verlinkte und verkatert daliegende Band dann all die Videos und schiefen Töne des Vorabends an – meist parallel und ohne Kopfhörer, ohne ein Wort miteinander zu wechseln. Für den Ego-Push reinstallieren selbst die Idealist:innen der Band all die bekannten Apps, nachdem sie im Tourbus zum wiederholten Mal ihren Social-Media-Ausstieg proklamierten.

Ich wäre sehr dafür, Handys auf Konzerten zu verbieten. Diese ganzen Kameras verwirren mich nach wie vor komplett – sowohl als Gast im Publikum als auch auf der Bühne. Und wahrscheinlich ist das im Punkrock-Zirkus noch lächerlich harmlos im Vergleich zu anderen Genres. Ich selbst finde Bands besonders interessant, wenn sie sich eine gewisse Unnahbarkeit bewahren. Ich brauche keine engmaschigen Beiträge oder Bilder vom ersten Weihnachtstag unterm Tannenbaum. Die Verzahnung von Privatleben und Band nimmt immer mehr zu – und das tut den meisten Bands wahrscheinlich überhaupt nicht gut.

Eifersüchtig blicke ich auf Bands, die zwischen 2000 und 2015 ihren großen Erfolg hatten und Social Media quasi ignorieren (können). Eine Albumankündigung, eine Tourgrafik und die Menschen hören und kommen. Auffällig ist, dass sich das Publikum dieser Bands demografisch kaum zu verändern scheint – im Strobo blitzen kaum Gesichter ohne Krähenfüße auf. Auf einem Konzert solcher Bands fühlt man sich wie in einer vergangenen Zeit. Aber ich bin mir sicher, dass diese mindestens die besseren Konzerte und auf jeden Fall die besseren Momente für alle sind.

Bei der Debatte um soziale Medien bleibt der große Elefant im Raum ein politischer. Nachdem der Meta-Konzern in den USA im Januar 2025 die Kooperation mit Faktencheck-Redaktionen für Instagram und Facebook beendet hat, scheint das nie dagewesene Vertrauen in soziale Medien endgültig verbraucht. Die Macht, die totalitäre Regime, Autokraten und Diktatoren über diese Plattformen ausüben, ist nicht in Worte zu fassen. Meinungsfreiheit wird mit blitzschnellen Fingerbewegungen weggeswipet und die AfD holt bei der Bundestagswahl 21% bei den 18- bis 24-Jährigen – nicht primär wegen, aber sicher mit Hilfe einer ausgefeilten TikTok-Strategie. Vor den Bildschirmen hängen wir als verblendete, vereinsamte und irregeführte Reflexionsmasse, die sich auf dem Klo sitzend für den nächsten Dopamin-Push leicht bekleidete Menschen und Videos von Hydraulikpressen, die Gummibälle und Legosteine zerdrücken, reinzieht.

Es ist evident, dass sich die Haltung antifaschistischer und linksorientierter Bands mit den Social-Media-Plattformen mindestens beißt, wenn nicht sogar mittlerweile ausschließt. Bei LETO haben wir immer wieder über den Ausstieg aus Social Media diskutiert. Die Angst, nicht mehr gesehen zu werden und die überlebenswichtigen News nicht an die Leute zu bringen, ist für uns aber schlichtweg noch zu groß. Neben der Projektionsfläche, die uns Insta (vermeintlich) for free bietet, ist für uns als Band gerade die Kommunikationsmöglichkeit im Bereich Booking von höchster Relevanz. Etliche Konzerte werden bei uns über Messenger der sozialen Medien geklärt. Insgesamt scheint die Bandszene derzeit verzweifelt auf der Suche nach Alternativen zu den sozialen Medien zu sein. Neben Aufrufen zum bandeigenen Newsletter ist da derzeit nicht viel.

Es gibt allerdings auch mit TEAM SCHEISSE die erste prominente Band, die vom sinkenden Schiff springt und sich bei den Meta-Plattformen abgemeldet hat. Sie setzen auf die dezentral angelegte Plattform Bluesky, die weltweit ca. 32 Millionen Nutzer hat und in gewisser Weise noch in den Kinderschuhen steckt. Im Vergleich zu den zwei Milliarden Usern auf Insta ist der Schritt von TEAM SCHEISSE wirklich mutig – vor allem aber löblich und konsequent. Mich beschleicht allerdings das Gefühl, dass das hohe Geltungsbedürfnis von Bands auch in Zukunft den tagesformabhängigen Idealismus überbieten wird, so dass vermehrt bezahlte Band-Beiträge zwischen den Katzenbaby- und KI-Fake-Videos platziert werden.

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