
Vor gut drei Jahren erschien mit „Welcome To The West Coast III“ das letzte musikalische Lebenszeichen der Kalifornier. In Ox Nr. 166 sprachen wir darüber mit Walle Etzel, dem Gitarristen der kalifornischen Hardcore-Band LIONHEART. Dass der gute Mann aus Deutschland kommt, braucht man dieser Tage keinem mehr zu erklären, der irgendwann mit der Band zu tun hatte. Um über das neue Album „Valley Of Death II“, das Ende von FALLBRAWL und anderen Krams zu sprechen, trafen wir uns mit in Walle Essen.
Ich starte sofort mit der Gegenfrage, die du mir am Ende unseres letzten Interviews gestellt hast. Du wolltest damals wissen, ob Printmedien in der Zukunft noch gelesen werden. Die Abo-Zahlen sind beim Ox in den letzten Jahren stetig gestiegen. Mir fällt in diesem Zusammenhang sofort die Frage ein, ob ihr das neue Album auch physisch veröffentlicht und ob das immer noch zeitgemäß ist?
Das hätte ich gar nicht gedacht. Damals wie heute sehe ich oft, dass die kostenlosen Zeitschriften bei Konzerten immer liegenbleiben. Aber das freut mich sehr, denn ein Printmagazin macht schon was her. Genau wie ein Tonträger. Vielleicht ist es bei beidem das Gefühl, etwas in der Hand zu halten. „Valley Of Death II“ kommt als CD und Vinyl auf Arising Empire raus. Außerdem haben wir auch einige Bundles am Start. Mir gefällt das Gym Bundle am besten. Da bekommt man die Scheibe in einer Sporttasche zusammen mit einem LIONHEART-Handtuch und diversen anderen Utensilien. Das hatten wir in der Vergangenheit schon mal und ich nutze die Tasche immer noch fast jeden Tag. Nur meine Trinkflasche mit dem LIONHEART-Logo haben sie mir im Fitnessstudio geklaut. Hoffentlich war es ein Fan, der damals beim Sport-Package leer ausging, hahaha. Die Dinger sind damals recht schnell ausverkauft gewesen.
Wie gefällt dir euer neues Album?
Ich finde es immer so schwierig, selber über die Sachen zu urteilen, bei denen man so krass involviert ist. Von der ersten Riff-Idee bis zum finalen Resultat habe ich die Sachen gefühlt hunderttausend Mal gehört.
Ihr probt nicht zusammen in Amerika, oder?
Nein, im Zeitalter der digitalen Kommunikation und auch ebensolcher Aufnahmemöglichkeiten muss ich nicht jedes Mal nach L.A. fliegen. Das Songwriting bei LIONHEART läuft viel mehr über Ideen, die hin- und hergeschickt werden. Und meistens gibt es ein oder zwei Hauptverantwortliche im Songwriting-Team, die den Input verarbeiten. Und daraus entstehen dann Demos. Mit diesen Demos geht Rob ins Studio und nimmt seine Vocals auf. Danach entstehen die ersten richtigen Songs, die es noch zu veredeln gilt. Da kommt Neil, der Gitarrist von A DAY TO REMEMBER, ins Spiel. Rob ist nämlich zu ihm ins Studio gegangen, um die Songs von „Valley Of Death II“ rund zu machen. Witzigerweise ist der Kontakt zu Neil von ihm selber ausgegangen. Er ist ein großer LIONHEART-Fan und hat uns irgendwann mal angeschrieben. Er meinte, wenn ihr Bock habt, mal was zusammen zu machen, dann kommt vorbei. Und das hat richtig gut funktioniert. Mit seiner Hilfe haben wir noch mal die letzten 10 bis 20% aus den Songs rausgeholt. Da geht es einfach nur darum, Finessen herauszuarbeiten. Danach wurde „Valley Of Death II“ produziert. Und schließlich hat Flo von LANDMVRKS das Ganze gemixt und fertig gemastert. Das Ergebnis ist unfassbar geworden. Aber um zu deiner ursprünglichen Frage zu kommen, für mich sind das die besten Songs, die mit LIONHEART jemals entstanden sind. Dabei finde ich, dass die Sachen, die wir in der Vergangenheit gut gemacht haben, jetzt noch mal auf ein neues Level gebracht wurden.
Das hört sich ein bisschen abgedroschen an, welche Sachen meinst du damit genau?
Klar, das sage ich zu jedem Album, hahaha. Aber nehmen wir zum Beispiel das Musikalische. Wir haben beim Vorgängeralbum „Welcome To The West Coast III“ noch viel mehr Metal-Einfluss, was man vor allem an den Gitarrenriffs gehört hat. Jetzt ist es eher ein Flow aus allem, was wir auch bei „Valley Of Death“ schon gemacht haben. Anstatt superschnelle Metalparts zu spielen, sind wir wieder stärker mit Vibe unterwegs: Ein bisschen HipHop hier, ein Groovepart dort und alles eingebettet in Hardcore. Möglichst in einem kurzen Song, hahaha. Deswegen heißt das Album auch „Valley Of Death II“, weil sich das nach der richtigen Weiterentwicklung des Sounds von damals anfühlt. Auch Robs Vocals finde ich richtig stark, er bringt die gewisse Härte dieses Mal noch stärker mit in die Songs. Insgesamt ist es ein starker Mix, den wir in den letzten Jahren nicht so hatten.
Vielleicht ist mir der Zugang zu „Valley Of Death II“ auch deshalb schwerer gefallen als bei früheren Platten von euch. Es brauchte schon einige Durchgänge, bis ich die Platte zu schätzen wusste. Obwohl die Songs recht kurz sind, erscheinen sie oft recht sperrig. Auch die Zusammenarbeit mit A DAY TO REMEMBER beim letzten Song „Death grip“ habe ich mir erst ganz anders vorgestellt. Da hatte ich eher an einen melodischen Rausschmeißer gedacht. Aber in knapp 90 Sekunden ballert ihr da noch mal aus allen Rohren.
Das meinte ich eben. Du hast eine ganz andere Wahrnehmung bei den Songs als ich, der die ganzen Stücke ja schon tausend Mal gehört hat. Ich finde, sie packen dich sofort. Aber es ist immer eine gewisse Herausforderung, neue Musik zu schreiben, die sich nicht wieder gleich anhört, aber trotzdem deine Note hat, weißt du? Und ich glaube, das Problem hat jede Band, die es länger gibt. Wir versuchen häufig, uns davon zu lösen, weil wir Musik machen wollen, die wir alle bei LIONHEART fühlen. Wenn wir jetzt ein neues Riff schreiben, dazu komplett bouncen und das zusammen abfeiern, sind wir alle happy. Das macht doch eine Band aus. Wenn es jemandem nicht gefällt, ist es halt so. Natürlich ist es umso geiler, wenn die Fans darauf genauso abfahren wie wir. Aber wirklich das zu machen, worauf man als Band gerade Bock hat, ist besser, als sich ständig zu verbiegen. Ich glaube, dann bleibst du dir als Musiker und auch als Band selber eher treu.
Aber ein bisschen polarisiert ihr schon, oder? Ich stelle mir gerade Leute vor, die zum ersten Mal „Chewing through the leash“ hören und von Rob und Matt Honeycutt von KUBLAI KHAN TX im wahrsten Sinne des Wortes angebellt werden. Viele werden kopfschüttelnd ausmachen, oder?
Hahaha, da werden einige bestimmt ihren Kübel beim Shitstorm ausleeren. Aber wer Matt und KUBLAI KHAN TX kennt, weiß, worauf er sich einstellen sollte. Das Prollige gehört bei denen doch auch zur Show. Mit den Jungs waren wir jetzt schon zweimal zusammen auf Tour und kennen die schon ewig. Sie haben sich in den letzten Jahren echt den Arsch aufgerissen und sind vor allem in den USA richtig, richtig groß geworden. Letztes Jahr haben sie LIONHEART eingeladen, bei den letzten Shows auf ihrer großen USA-Tour mitzuspielen. Das war unfassbar, denn das waren hauptsächlich Gigs in Texas, wo die Band herkommt. Du musst dir vorstellen, das waren dann so 2.000er- bis 3.000er-Venues, die proppenvoll waren. Alle sind da nur für KUBLAI KHAN TX gekommen. Irre, oder? Mich freut es tierisch für die Jungs, dass die jetzt auch nach Europa rüberschwappen und hier Shows und Festivals spielen. Letztes Sommer waren sie zum ersten Mal auf größeren Bühnen unterwegs und haben unter anderem auf dem Reload-Fest gespielt. Da ging auch schon ganz gut was ab. Aber auf die Truppe muss man sich halt einlassen, dann sind die richtig stark. Im kommenden Sommer habt ihr sogar die Chance, LIONHEART und KUBLAI KHAN TX zusammen bei einigen Festivals zu sehen. Vielleicht bellen wir dann auch live die Leute an, hahaha. Ich habe schon richtig Bock, den Song zusammen mit Matt zu spielen.
Auf einem offiziellen Pressefoto zum neuen Album sieht man dich mit einem FALLBRAWL-Shirt am Strand. Die Hardcore-Band aus dem Ruhrpott, wo du Bass gespielt hast, ist nach 20 Jahren nun endgültig Geschichte, oder?
Ja, das war in Los Angeles, als wir das Video zu „Bulletproof“ gemacht haben. Dazu habe ich meinen guten Kumpel Daniel Priess mitgebracht, der ja Videograf ist. Und mit dem haben wir dann tatsächlich in drei oder vier Tagen sämtliche Aufnahmen für die Musikvideos gemacht. Das waren harte Tage mit wenig Schlaf. Was FALLBRAWL angeht, haben wir in diesem Jahr nach zwei Jahrzehnten Ruhrpott-Madness den Schlussstrich gezogen. Zwei von uns sind junge Väter und haben Jobs, die sie zeittechnisch stark einbinden. Unter diesen Umständen hat es sich einfach nicht mehr richtig angefühlt, FALLBRAWL am Leben zu halten. Mit „Finsternis & Dunkelheit“ haben wir zum Ende eine letzte Doppel-Vinyl-EP rausgehauen. Das war für uns alle ein gelungener Abschluss.
© by - Ausgabe # und 13. November 2019
© by Fuze - Ausgabe #85 Dezember/Januar 2020 und Jeannine Michèle Kock
© by Fuze - Ausgabe #97 Dezember 2022 /Januar 2023 2022 und Manuel Stein
© by Fuze - Ausgabe #116 Februar/März 2026 und Manuel Stein
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #147 Dezember/Januar 2019 und Benjamin Korf
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #166 Februar/März 2023 und Benjamin Korf
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #184 Februar/März 2026 und Benjamin Korf
© by Fuze - Ausgabe #85 Dezember/Januar 2020 und Jeannine Michèle Kock
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #124 Februar/März 2016 und Jens Kirsch
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #147 Dezember/Januar 2019 und Benjamin Korf
© by Fuze - Ausgabe #116 Februar/März 2026 und Manuel Stein
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #184 Februar/März 2026 und Benjamin Korf
© by Fuze - Ausgabe #67 Dezember/Januar 2017 und Arne Kupetz
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #135 Dezember/Januar 2017 und Jens Kirsch
© by Fuze - Ausgabe #97 Dezember 2022 /Januar 2023 2022 und Manuel Stein
© by Ox-Fanzine - Ausgabe #165 Dezember 2022 /Januar 2023 2022 und Benjamin Korf