© by Janis HinzDie Münchener Band MARATHONMANN hat in den letzten Jahren viel einstecken müssen. Das letzte Album „Maniac“, ein Ausflug in die Synthie-Pop-Welt der 1980er, kam bei Fans und Presse nicht sonderlich gut weg, dann gab es einen öffentlich ausgetragenen Streit mit einer anderen Band, der einen Shitstorm zur Folge hatte, und dazu kam noch ein weiterer Line-up-Wechsel. Die Band hatte bereits fünf Gitarristen verschlissen, mit dem neuen Gitarristen kracht es auch erst mal wieder. Doch nun kommt mit „Poltergeist“ das siebte Album und das soll es wieder richten. Bassist, Sänger und Kopf der Band, Michael Lettner, erklärt uns, warum das mit dem Schritt zurück zum alten Sound aber nicht so ganz richtig ist.
Eure Ausgangssituation für das neue Album war eher schwierig, euer letztes wurde nicht so gut aufgenommen. Wenn du zurückschaust auf die Zeit, war das schwer? Wie geht’s dir heute damit?
Unser Gitarrist Basti ist gerade im Urlaub und unser alter Gitarrist Leo ist jetzt bei einem Konzert eingesprungen. Und wir haben tatsächlich noch mal über die Platte geredet, ob wir was anders machen würden. Und wir haben beide gesagt: Nein, würden wir nicht, wir sind total stolz auf die Platte. Ich finde, es ist immer noch die am besten produzierte Platte von uns. Es ist eine musikalisch sehr hochwertige Platte. Auch durch Beray, der die produziert hat. Der Aufnahmeprozess war cool, aber klar, was hinten raus passiert ist, war natürlich sehr schwierig. Es kam ja auch die KIND KAPUTT-Geschichte dazu. Und ich glaube, wir haben sehr daraus gelernt, also einfach wie man reagiert, dass man manche Sachen nicht überstürzt. Auch wenn von außen irgendwelche Ideen kommen, dass man nicht einfach ja und Amen sagt, sondern Sachen hinterfragt, ob das wirklich so richtig ist. Die Single-Auswahl bei „Maniac“ war nicht so unser Wunsch. Dann natürlich diese Tour-Absage mit KIND KAPUTT. Wenn das alles nicht passiert wäre, wäre die „Maniac“-Platte vielleicht ganz anders gelaufen. Es war auf jeden Fall eine harte Zeit für uns, aber jetzt im Nachhinein liebe ich die Platte und bin sehr, sehr froh, dass wir sie gemacht haben, um einfach zu zeigen, dass wir machen, was wir wollen.
War mal irgendwann so ein Punkt erreicht, wo du gedacht hast, dass die Band jetzt an dieser Platte und an diesen Problemen zerbricht?
Ich glaube, wir haben zweimal gedacht, wir lassen es jetzt tatsächlich. Also, es war natürlich wegen des Shitstorms ... Tatsächlich war ja die Tour danach sehr gut besucht und wir haben wieder frische Energie bekommen. Aber hinterher haben wir schon gemerkt, das weitere Feedback zu der Platte ist einfach nicht das, was man sich als Künstler erhofft. Man kann schon sagen, ich scheiß auf alles, ich mache, was ich will. Haben wir ja auch gemacht. Aber man braucht auch Anerkennung und will damit auch weiterkommen. Unser Ziel war ja, ein bisschen eine Tür aufzustoßen in diesen Indie-Bereich. Einfach mal mit anderen Bands zu touren. Das hat überhaupt nicht funktioniert. Wir haben jetzt schon so viel erlebt und wollten etwas Neues, das funktionierte aber nicht. Wollen wir weiterhin die alten Sachen machen? Erfüllt uns das noch oder bringt uns das noch irgendwas? Aber irgendwie kämpfen wir uns tatsächlich immer irgendwie durch. MARATHONMANN sind schon so eine Stehaufmännchen-Band, irgendwie passiert wirklich viel Scheiße. Wie wahrscheinlich bei jeder anderen Band auch. Aber ich denke mir, warum passiert uns das? Letztes Jahr hatte ich die Jungs um so zwei, drei Monate Auszeit gebeten. Hat nicht ganz geklappt so lange, aber sie haben mich ganz gut unterstützt und haben mich in Ruhe gelassen. Und nach dieser Zeit habe ich eigentlich schon gemerkt, ich will es eigentlich immer noch. Und dann sind wir ja an „Poltergeist“ sehr locker rangegangen. Am Anfang zu locker, also dass sich es hintenraus sehr gestaut hat. Aber ich war mit vielem nicht zufrieden. Und natürlich, nach „Maniac“ wusste ich jetzt nicht genau, was wollen wir eigentlich? Klar, wir wollen kein Synthie-Album mehr, aber was wollen wir genau? Und das hat sich jetzt durch uns vier so schön auf „Poltergeist“ zusammengeklebt.
In dem ganzen Ärger habt ihr damals auch wieder einen Line-up-Wechsel durchgezogen, mit Kev ist jetzt schon der sechste Gitarrist in der Band. Das hat ja auch die interne Chemie und die Ausrichtung beeinflusst, oder?
Kev kommt aus dem Metal. Er ist ein richtiger Metal-Dude. Er hat auch in seinen Bands die Macht. Er singt, er macht alles, er schreibt alle Songs. Und da mussten wir uns eben eingrooven. Bei uns existieren halt schon, ich will nicht sagen Regeln, aber Routinen. Wir machen Demos, dann gibt jeder seinen Senf dazu. Es soll MARATHONMANN-mäßig klingen, das ist nicht zu verspielt. Wir haben meistens so drei, vier Akkorde. Und dann machen wir das Instrumentale fertig, ich mache den Gesang, weil mir der Song eben sagt, was er für einen Gesang braucht. Und bei Kev ist es so: „Gib mir mal irgendwie Text oder eine Vocal-Line, dann schreibe ich da einen Refrain.“ Nein, das mache ich nicht. Da wir jetzt in der KI-Zeit leben, ich anscheinend auch älter bin und das nicht mache. Doch Kev lädt irgendwas in eine KI hoch, die ihm dann aus meiner Stimme irgendwelche Melodien entwickelt. Das mussten wir erst klären. Oder dass es nicht zu Oldschool-JUDAS PRIEST-mäßig wird, damit habe ich nix am Hut. Und klar, er ist neu, er wollte sich einbringen, aber es war irgendwie immer mal zu viel. Aber ich wollte ihn nicht immer bremsen. Wir haben irgendwann gesagt, wir müssen reden. Wir haben drei Stunden geredet. Das hätten wir viel früher machen sollen – wie ich ticke, wie er tickt, wie wir miteinander umgehen, wie wir Songwriting machen. Und das war halt schon ein langer Prozess. Ich für meinen Teil habe wieder den Fehler gemacht, es zu spät anzusprechen, was man ja gerne mal macht im Leben, wie in einer Beziehung, wie bei der Arbeit. Ich habe auch daraus gelernt und mittlerweile klappt es super. Wir sprechen jetzt immer alles an, wir streiten nicht, aber wir sind sehr direkt. Aber dieser ganze Findungsprozess war wirklich schwierig – wenn er ein Demo hatte, hatte ich automatisch eine Abneigung dagegen. Kein Verständnis. Das ist auch blöd von mir. Also ich konnte dann nichts schreiben, ich wollte einfach innerlich nichts dazu schreiben, obwohl der Song gut war.
Man will es aus Prinzip scheiße finden ...
Genau, man will es scheiße finden. Man will sich bei den anderen aufregen. Der Part, ist der Kacke. Der Refrain, was macht die Gitarre? Aber es einfach mal zuzulassen, mal einen Text dazu zu schreiben – es ändert sich immer viel, wenn Gesang dabei ist. Ich hatte überhaupt kein Problem damit, dass nicht 50 oder 70% von mir geschrieben sind. Überhaupt kein Ding. Aber es war diese Anti-Haltung. Und wir nähern uns immer noch an. Wir sind einfach zwei echt verschiedene Personen. Er ist bei seiner Band auch Frontmann, er schreibt alles, er kann super Gitarre spielen, er macht das zu Hause, programmiert alles. Und ich glaube, der Prozess, dass er jetzt bei uns spielt und sich auf gewisse Sachen einlassen muss, weil wir so funktionieren, ist für ihn auch schwierig. Aber irgendwie haben wir es hinbekommen und jetzt haben wir eine ganz gute Dynamik.
Und aus diesen Dynamiken innerhalb der Band heraus ist nun diese Platte entstanden. Und ich finde nicht, dass es ein Schritt zurück ist. Man merkt, dass da ein anderer Gitarrist dabei ist, dass da ein ganz anderer Vibe herrscht.
Das finde ich auch. Wir sagen gerne jetzt dazu „back to the roots“. Ich glaube aber, das beschreibt einfach nur diese Herangehensweise, wieder zurück zu den Gitarren und uns einfach ein bisschen freimachen. Wir hatten ja keinen Produzenten oder so. Wir haben die Platte sozusagen in dem Modus aufgenommen, wie wir vier in unserem ständigen Kampf gegeneinander auch wieder zusammenfinden. Wir haben viele Elemente, die wir noch nie hatten. Wir haben ein Gitarrensolo, ein richtiges, und wir haben viele andere Bassläufe und von den Sounds her auch. Ein Schritt zurück ist es nur vom Mindset her, glaube ich. Wir müssen jetzt nicht Pop machen. Wir haben einfach jetzt Mucke gemacht, die aus uns allen vier rauskommt, und eine Platte veröffentlicht, ohne damit irgendwelche Türen aufstoßen zu wollen. Einfach um zu zeigen, hier ist neue Musik, wem es gefällt, cool. Kein Druck, darum ging es.
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