MARATHONMANN

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Stehaufmännchen

Die Münchner Kombo hat einiges mitgemacht in den letzten Jahren: Besetzungswechsel, ein gepflegter Internet-Shitstorm und ein Album, das erst mal auf großes Unverständnis stieß. Doch davon ließen sich die Jungs nicht die Motivation rauben. Es wird einfach weiter geackert. Neues Album, neue Tour und es wirkt fast so, als wäre nichts gewesen. Doch haben die Erfahrungen der letzten Jahre ihre Spuren hinterlassen. Sänger Michi und Schlagzeuger Jo lassen die Zeit Revue passieren und erklären, wie am Ende alles dazu geführt hat, dass ihr neues Album „Poltergeist“ so klingt wie es klingt.

Wenn man eure Bandhistorie verfolgt, bemerkt man eine Sache, die sich schon fast wie eine Tradition anfühlt: Entscheidet ihr spontan oder wird von langer Hand geplant, welchen eurer Gitarristen ihr ersetzt, wenn ihr euch an ein neues Album wagt?

Jo: Haha, ich wusste, dass die Frage in die Richtung geht. Also wir spielen immer Uno und der Gewinner darf dann entscheiden.
Michi: Ich finde die Frage gar nicht schlecht, weil wir natürlich oft darüber geredet haben, und ich würde gerne mal beantworten, warum das alles so passiert. Es gibt ja immer schnell Gerede, dass wir bandintern permanent Krach haben und ständig Mitglieder rauswerfen usw. Aber tatsächlich ist es so, dass wir mit keinem einzigen unserer ehemaligen Bandmitglieder im Streit auseinandergegangen sind. Wir sind eben nicht mehr Mitte 20. Wir werden alle älter und wie wir alle wissen, verändert sich das Leben, man gründet Familien, zieht weg oder wechselt seine Interessen. Es sind die Lebensumstände, die sich weiterentwickeln. Bei Christian war es so, er hat einfach festgestellt, dass er am Wochenende lieber bei seiner Familie ist oder Zeit in den Bergen verbringt. Robin, der Gründungsmitglied war, hat sich auf sein Studium konzentriert. Für Leo waren es die vielen Stunden, die wir um Auto verbracht haben. Das viele Touren und die Zeit, die wir im Transporter hocken, sind anstrengend. Wir verdienen damit ja auch kein Geld. Wir haben alle nebenbei noch unsere 40-Stunden-Jobs und das muss man auch erst mal alles unter einen Hut bringen. Mittlerweile sind Jo und ich so was wie der Kern der Band, weil wir das bisher am längsten durchziehen. Auch wir waren beide schon an dem Punkt, wo wir es aufgeben wollten und alles in Frage gestellt haben. Wir haben uns dann durchgebissen und entschieden, dass wir das so wollen. Aber ja, auch ich finde es nicht geil, neun oder zehn Stunden in einem Transporter zu sitzen. Auch wenn es uns schon so lange gibt, fahren wir nicht im Nightliner auf Tour. Aber klar, so wie du das sagst, ist es schon irgendwie lustig, dass sich so eine Regelmäßig­keit mit den Gitarristen eingeschlichen hat.

Wenn man euch genauer verfolgt, hat man ja auch mitbekommen können, dass eure ehemaligen Gitarristen euch auch regelmäßig mal aushelfen bei Shows.
Michi: Ja, genau. Robin hat bei einer Show in München mal einen Song mitgespielt. Leo ist auch mal eingesprungen. Es ist weiterhin ein großer Freundeskreis, der sich eben mit der Zeit verändert. Das ist doch ganz normal. Und wir singen ja auch von Veränderungen, davon loslassen zu können und sich auf Neues einzulassen.

Im Zuge der Veröffentlichung von „Poltergeist“ werdet ihr immer wieder auf das Vorgängeralbum „Maniac“ angesprochen. Was auch naheliegend ist wegen der Unterschiedlichkeit des Sounds. Ich würde aber gerne noch früher einsteigen. Ich sehe nämlich mit dem Album davor den Beginn einer Trilogie. Würdet ihr bei dieser These mitgehen?
Michi: Auf jeden Fall. Vor „Die Angst sitzt neben dir“ gab es einige Veränderungen. Einen Bruch mit dem Label und mal wieder einen Gitarristenwechsel. Danach haben wir uns irgendwie neu gefunden. Wir haben auch da schon angefangen, mit Synthies herumzuspielen. Das war auf jeden Fall der Weg, den wir gehen mussten. Von diesem Zeitpunkt an wussten wir genau, was wir machen und vor allem warum wir es machen. Davor bei „Mein Leben gehört dir“ war alles noch deutlich chaotischer.
Jo: Als die Arbeit an „Poltergeist“ schon fortgeschritten war und es nur noch um die Vollendung der Texte ging, meinte Michi irgendwann mal zu mir, dass es sich gerade wie „Die Angst sitzt neben dir“ Teil 2 anfühlt. Konzeptionell geht es viel um Angst. Es fühlt sich thematisch sehr ähnlich an. Auf „Maniac“ dazwischen haben wir uns viel mit melancholischem Liebeskummer auseinandergesetzt. Es ging vor allem um die Liebe von früheren Zeiten oder verlorene Personen. „Poltergeist“ beschäftigt sich wieder mehr mit den Ängsten, die aus einem selbst herauskommen. Die im Inneren entstehen. Also ja. Es musste alles so sein, wie es war, damit das jetzt so klingt, wie es klingt.
Michi: Wir haben damals viel gelernt, wie wir mit Songwriting und Texting das ausdrücken können, was wir wollen als Band. Beim Album davor war das irgendwie noch schwammig. Wir wussten damals auch noch nicht so genau, wie wir weitermachen sollen. Bei „Die Angst sitzt neben dir“ hat sich das dann verfestigt. Du hast schon recht. Wenn man bei „Maniac“ zum ersten Mal hinhört, ist es diese nostalgische Liebe und die Melancholie, doch auch dadurch werden Ängste geschürt. Es beschwört Geister, die einen begleiten und im Kopf herumschwirren. Dieses Thema ist so groß und wichtig, dass es bestimmt auch noch die nächste Platte prägen wird.
Jo: Bei „Maniac“ war es uns einfach wichtig, auch mal was Neues auszuprobieren. Wir können aber auch stolz sagen, dass wir das Album sehr lieben, ohne jetzt eine Synthie-Rock-Band zu sein. Das war für dieses Album ein geiles Konzept, aber unsere DNA ist Stromgitarren-Mucke. Das ist das, was wir immer fühlen.
Michi: Wir sind alle super stolz auf „Maniac“. Ich habe letztens erst mit unserem ehemaligen Gitarristen Leo gesprochen. Er meinte, dass er es auch kürzlich noch gehört hat und es noch immer sehr liebt. Das ist halt unsere künstlerische Freiheit gewesen, die wir uns da genommen haben.

Die letzten Jahre sind ja generell nicht so ganz einfach für euch gewesen. Auch wenn ihr euch schon immer eher mit düsteren Themen beschäftigt habt, wirkt „Poltergeist“ nun noch mal deutlich düsterer als alles, was ihr davor geschrieben habt. Ist das das Ergebnis der Erfahrungen dieser Zeit?
Michi: Definitiv ja. Es ist wieder das Thema mit dem Älterwerden. Man erlebt Sachen, man schaut anders auf Dinge, die im Umfeld passieren, und erlebt das ganze Weltgeschehen auf eine andere Art. Die ersten Freunde lassen sich scheiden, manche sind einfach nicht mehr da und was mit unserer Welt passiert, wird auch immer krasser. Darum musste das Album auf jeden Fall so düster werden. Es ist ja so, dass man gewisse negative Dinge schon aussprechen sollte, dadurch aber auch einen Blick auf die positiven Sachen erhalten kann. Es ist kacke, aber wie gehe ich es an, dass es nicht noch mal so passiert oder dass ich es ändern kann? Am Ende läuft uns die Zeit davon. Es passieren schlimme Sachen, aber trotzdem müssen wir versuchen, das Beste daraus zu machen. Man kann nicht alles ändern, aber die Auseinandersetzung damit kann einem auch die positiven Seiten aufzeigen. Aber ja, alles in allem ist es ein ziemlich düsteres Album geworden.

Ich kenne euch beide recht gut und weiß daher auch, dass ihr, was eure Musik angeht, ziemliche Overthinker seit. Gibt es etwas, von dem ihr jetzt schon sagen würdet, dass ihr es bei „Poltergeist“ anders hättet machen sollen?
Jo: Generell würden wir nichts abgeben, hinter dem wir nicht zu 100 % stehen. Aber natürlich ist das alles immer nur eine Momentaufnahme. Die Songs, das Artwork und alles drumherum finde ich total gelungen. Spontan würde mir dazu nichts einfallen. Aber das Overthinking, wie du sagst, ist natürlich ein Riesenthema bei uns. Aber ich habe gelernt, irgendwann auch den Absprung zu schaffen und zu sagen: So, jetzt ist es geil. Sonst sitzt man noch Monate dran und versucht, es zu optimieren. Wenn ich ältere Alben von uns anhöre wie „Mein Leben gehört dir“, weiß ich zum Stand jetzt, dass wir heute jeden dieser Songs besser machen könnten. Aber es fängt halt genau das ein, wie die Situation damals war.
Michi: Da bin ich 100 % bei dir. Ich würde nichts ändern wollen. Die Texte für „Poltergeist“ sind relativ spät und relativ schnell entstanden. Aber genau das finde ich diesmal das Spannende. Ich habe mir nicht ein Jahr Gedanken gemacht, was ich schreibe und welche coolen Vergleiche oder Reime ich reinbringe. Sie sind einfach innerhalb einer Woche runtergeschrieben worden. Das war wirklich schnell und es spiegelt genau das, wie ich mich in dem Moment gefühlt habe, wie sich die Band gefühlt hat und wir das Geschehen um uns herum gerade wahrgenommen haben. Es wurde als Momentaufnahme eingefangen und aufs Album gepresst. Ich bin auch dafür aufzuhören, wenn man den Song fühlt und einen Haken darunter zu setzen. Sonst hängt man ja noch jahrelang daran und wird nie zufrieden sein. Und auch dieses Vorgehen, Texte schnell runterzuschreiben und aufzunehmen, macht das Album ja auch wieder zu etwas Besonderem.
Jo: Wir hatten das aber im Vorfeld auch ein wenig so abgesprochen. Bei „Die Angst sitzt neben dir“ hatten wir sehr lange Writing-Phasen, über Monate hinweg. Bei „Maniac“ war es nicht anders. Das haben wir extrem ausproduziert und über einen sehr langen Zeitraum daran getüftelt. Und das Thema „back to the roots“, das ja in der aktuellen Berichterstattung immer wieder benutzt wird, kommt auch daher, dass wir beschlossen haben, es wieder mehr wie früher anzugehen. Man ist mit Freunden in den Proberaum, schreibt ’nen Song, und wenn wir ihn fühlen, dann ist er das. Und unsere Erfahrung der letzten Jahre ermöglicht es uns auch, einen Song, der innerhalb kurzer Zeit entstanden ist, nicht so klingen zu lassen, als hätten wir ihn erst vor drei Minuten geschrieben.

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