MOGWAI

Foto© by Steve Gullick

Ohne Worte in die Charts

Gerade haben die weitgehend instrumentalen Post-Rocker MOGWAI ihr neues Album mit dem Grammy-prämierten Produzenten John Congleton (THE THERMALS, BARONESS, CLOUD NOTHINGS) veröffentlicht und eine weitere Welttournee angekündigt. Außerdem kam im November 2023 ein Dokumentarfilm über die Schotten namens „If the Stars Had a Sound“ in die Kinos. Es könnte kaum besser laufen. Dabei hatten MOGWAI in den Jahren vor dem neuen Album einige schwere Momente zu überstehen. Ganz abgesehen von der Pandemie, die für alle Bands eine Herausforderung war, gab es auch Schicksalsschläge in der Band, die schwer zu verkraften waren. Vor allem der höchst sympathische Keyboarder Barry Burns war betroffen. Er berichtet uns freimütig, was ihn während der Entstehung von „The Bad Fire“ belastet hat.

Barry, euer letztes Album „As The Love Continues“ ist unter schwierigen Umständen in der Pandemie entstanden und hat trotzdem die Spitze der britischen Albumcharts erreicht. Erstaunlich für eine Band fast ohne Worte.

Das war unsere erste Nummer eins. Und ist wahrscheinlich auch unsere letzte, haha. Das war schon sehr surreal nach all diesen Lockdowns. Ich denke nicht, dass sich das noch mal wiederholen wird. Wir haben eine kleine Trophäe dafür bekommen, die bewahre ich jetzt in meiner Toilette auf. Das ist der einzig richtige Ort, um Awards aufzubewahren. Vermutlich war die Konkurrenz in den Charts in dieser Woche eher schwach. Das muss es gewesen sein, haha. Ich habe keine Ahnung, um ehrlich zu sein. Seit wir uns gegründet haben, sind immer mehr instrumentale Bands entstanden wie EXPLOSIONS IN THE SKY. Ich denke, in den letzten Jahren ist es weniger merkwürdig geworden, solche Musik in den Charts zu platzieren. Es ist immer noch komisch, aber nicht mehr so exotisch wie vor 25 Jahren vielleicht. Ich denke, die Wahrnehmung der Leute, was Musik alles sein kann, hat sich verändert.

Was ist seitdem passiert? Ihr hattet als Band in den vergangenen drei Jahren keine einfache Zeit.
Wir bereiteten uns 2023 gerade darauf vor, mit dem Album zu beginnen, als die Ärzte sagten, dass meine ein Jahr alte Tochter sterben würde. Sie hat eine sehr seltene Krankheit namens Aplastische Anämie bekommen, eine Störung der Knochenmarksfunktion. Ihr Knochenmark hat einfach aufgehört zu arbeiten. Wir waren mit ihr im Krankenhaus und erst dachten sie, es wäre Leukämie. Bis sie herausgefunden haben, was es ist, haben ich und meine Frau mit unserer Tochter drei Monate im Krankenhaus verbracht. Dann sind wir noch weitere sechs Monate dort geblieben, weil sie eine Knochenmarktransplantation erhalten hat. Ein Junge aus England hat ihr sein Knochenmark gespendet. Das hat dann wirklich funktioniert und es geht ihr inzwischen wieder gut. Aber es war eine schlimme Zeit für uns alle und ich konnte in dieser Zeit natürlich nicht arbeiten. Die Band hat ohne mich Konzerte in Australien und in Texas gespielt. Für mich war das wie Covid 2.0, denn wir mussten uns wegen ihres geschwächten Immunsystems von allen Menschen fernhalten. Das einzig Gute war, dass wir durch die Pandemie schon geübt waren in sozialer Distanz. Als ob wir das alles schon einmal erlebt hätten. Es war furchtbar. Aber jetzt ist alles vorbei, alle haben überlebt und wir sind wieder glücklich. Das zählt.

Habt ihr deswegen das Album „The Bad Fire“ genannt? Das ist ein schottischer Slang-Ausdruck für Hölle.
Das stimmt. Aber die Wahl des Albumtitels hat nichts damit zu tun, obwohl die Vermutung natürlich naheliegt. Wir fanden es einfach witzig, das Album so zu nennen. Und natürlich haben bisher alle Journalisten in den Interviews gefragt, ob es daher kommt. Wir sagen dann immer: Nein, einer von uns war betrunken, hat das gesagt und alle haben gelacht. Ich wünschte, wir wären so poetisch, sind wir aber leider nicht. Es war einfach ein blöder Witz, wie immer.

Du sprichst sehr verständlich für einen Schotten. Ich habe mal ein Interview mit Gerry Cinnamon geführt und das musste jemand für mich übersetzen, weil ich kein Wort verstanden habe, haha.
Das kann ich mir vorstellen. Den kenne ich sogar, weil er vor ein paar Jahren bei uns im Studio aufgenommen hat. Ich habe zwölf Jahre lang in Deutschland gelebt und daher bin ich es gewöhnt, mit Deutschen zu reden. Deshalb verstehst du mich wahrscheinlich so gut. Ich habe mir angewöhnt, wirklich sauber zu sprechen, damit auch alles ankommt, was ich sage. Meine Frau Rachel und ich sind damals nach Berlin gezogen, weil wir neugierig waren. Sie hat dann eine schottische Kneipe in Neukölln namens Das Gift aufgemacht. Nach Brexit und Corona und einem weiteren Kind war es aber wieder an der Zeit, nach Glasgow zurückzugehen. Wir hatten in Berlin keine Familie, deshalb wurde alles ein bisschen schwierig. Wir hatten aber großartige Jahre dort.

Zurück zur Musik. Der erste Song, den ihr veröffentlicht habt, heißt „Lion rumpus“. Der Songtitel heißt ungefähr übersetzt Löwengebrüll, oder?
Das stimmt. Ein gutes Beispiel für einen Songtitel von uns, bei dem einer was falsch gehört und es dann falsch weitererzählt hat. Fast wie Stille Post. Eigentlich sollte es nämlich die Flagge des schottischen Königs sein. Die nennt man nämlich „Lion Rampant“. Ein roter Löwe auf goldenem Grund, umgeben von roten Lilien-Doppelbalken. Ein Kumpel von uns hat gesagt: Yeah, the lion rumpus. Und alle so: Alter, das stimmt doch gar nicht. Und alle haben gelacht. Der Name hat nichts mit dem Song zu tun, aber wir müssen unsere Tracks irgendwie benennen und dann kommen oft so dumme Titel dabei heraus.

Der Videoclip zu dem Song ist auch sehr witzig. Ein Schotte, der in New York Hunde ausführt. Wer ist das?
Den hat Antony Crook gedreht, der auch den Dokumentarfilm über uns gemacht hat. Er hat schon oft für uns gearbeitet und wir haben ihm gesagt: Mach einfach, was du willst. Ich denke, wenn sich Bands zu sehr in den kreativen Prozess von anderen Künstlern einmischen, dann funktioniert es einfach nicht oder es artet zum totalen Chaos aus. Also hat er diesen Typen in New York ausgesucht, der dort Hundesitter ist. Der heißt Larry Wilson und kommt ursprünglich aus Glasgow. Als er nach New York gezogen ist, hat er angefangen, sein Geld mit dem Ausführen von Hunden reicher Leute zu verdienen. Wir kennen ihn gar nicht persönlich. Aber es ist ein sehr lustiges Video, die Leute mögen es.

Ein anderer Song heißt „God gets you back“. Den Text dazu hat deine größere Tochter geschrieben. Wie kam das?
Als ich wieder ein bisschen Zeit hatte, saß ich mit einem fertigen Song in meinem Studio und ich hatte das Gefühl, da fehlt noch was. Also habe ich ein Demo mit Gesang produziert. Der Text von mir war purer Quatsch, mir ging es vor allem um die Melodie. Ich brauchte also ein paar vernünftige Zeilen, deshalb habe ich meine siebenjährige Tochter Rosa gebeten, etwas für mich zu schreiben. Sie ist übrigens in Berlin geboren, also fast Deutsche, haha. Dann hat sie ein paar Sätze ohne Zusammenhang aufgeschrieben und die haben wirklich gut gepasst, also habe ich sie genommen. Ich habe in meinen Songs nicht viel zu sagen. Vielleicht wie sehr ich Fish’n’Chips mag, aber das funktioniert einfach nicht. Ich bin kein Poet, also habe ich sie gefragt und sie war sofort dabei. Ihre Zeilen haben auch keinen Sinn, aber mal ganz ehrlich, bei der Hälfte der Songs in den Charts hört man nur Nonsens. Also wen juckt es?

Wie entscheidet ihr, ob ein Track Gesang braucht oder nicht?
Wenn ein Stück eine wirklich starke Melodie hat, braucht es nicht unbedingt Gesang, finde ich. Aber manchmal klingen Sachen einfach noch nicht fertig, dann kommt ein alter japanischer Vocoder zum Einsatz. Normalerweise schreibt Stuart ein paar Zeilen und singt sie dann. Ob ein Track Gesang braucht, darüber sind wir uns meist ziemlich schnell einig. Einfach so ein Bauchgefühl. Dann entsteht schnell Panik, weil allen klar ist, dass wir Gesang brauchen, und keiner von uns macht das gerne, haha. Deshalb mogeln wir uns immer mit AutoTune durch.

Ihr habt das Album mit einem amerikanischen Produzenten aufgenommen, der extra für euch nach Schottland gereist ist. Wie kam das?
Wir wollten eigentlich wieder mit David Fridman in seinem Studio in Buffalo, New York arbeiten. Ich konnte aber aus bekannten Gründen das Land nicht verlassen. Also mussten wir jemanden dazu bringen, zu uns zu kommen. Wir hatten schon ein paar Platten von John Congleton gehört, also haben wir ihn einfach eingeladen, mit uns aufzunehmen. Deshalb ist er zu uns nach Glasgow gekommen, in dieses wunderschöne Studio an diesem furchtbaren Ort namens Blantyre. Wir sind kaum rausgegangen, wir sind die ganze Zeit im Studio geblieben und haben gearbeitet. Es war also fast wie die Aufnahmen bei Dave Fridman mitten im Nirgendwo. Aber so sind wir schnell vorangekommen, und es ist immer gut, mal was zu ändern, wenn ein anderer Produzent seine Vision in unsere Musik einbringen kann. John lebt in Los Angeles, deshalb war sein Trip nach Schottland natürlich eine krasse Erfahrung für ihn. Mit furchtbarem Essen, aber sehr lustigen Leuten. Zum Glück ist noch seine Lebensgefährtin nachgekommen. Die beiden haben sich nach den Aufnahmen auch noch die schönen Seiten von Schottland angeschaut.

Wie hoch ist der Anteil von Schottland an eurer Musik? Ist das vergleichbar mit isländischen Künstlern wie SIGUR RÓS, bei denen man den Einfluss der Landschaft deutlich hören kann?
Am Anfang hatten wir viele Drone-Sounds und pentatonische Klänge wie Dudelsäcke in unserer Musik. Das sind aber alles Details. Ich denke aber, am meisten ist unsere Musik von amerikanischen, englischen und deutschen Bands beeinflusst. Wahrscheinlich haben das Wetter und die Leute schon Einfluss auf unsere Musik, aber ich kann das nicht in Worte fassen. Wenn man aus Glasgow rausfährt, sieht man Landschaften, die der Einöde von Island gar nicht so unähnlich sind. Kaum Bäume, eine fast schon wunderschöne Kahlheit. Wir selbst kommen aber aus Glasgow, einer dreckigen Industriestadt. Also vielleicht findet man auch ein bisschen davon in MOGWAI. Schwer zu sagen.

Ist Glasgow eine gute Stadt, um eine Band zu gründen? Immerhin gibt es dort so großartige Bands wie TEENAGE FANCLUB, PRIMAL SCREAM oder FRANZ FERDINAND.
Das kann man schon sagen, denn man bekommt viel Unterstützung als junge Band. Man muss aber auch sagen: Wenn man wie andere Bands klingt, hat mein keine Chance beim Publikum. Deshalb ist bei uns nie eine Szene wie in Manchester entstanden, die so einen Trademark-Sound hatte. In Glasgow klingt keine Band wie die andere. Hatten wir schon alles, brauchen wir nicht noch mal, haha. Glasgow ist relativ klein, deshalb kennt jeder jeden. Das ist sehr schön, finde ich.

Eure Musik ist wie gemacht für den Soundtrack von Filmen oder Serien. Zuletzt habt ihr den Score für eine Serie namens „Black Bird“ geschrieben. Wie entscheidet ihr, welcher Film sich eignet und welcher nicht?
Normalerweise bekommen wir vorher das Skript oder zumindest die grobe Idee für den Film. Wir haben schon viele Anfragen für Filme abgelehnt, weil sie in unseren Augen nicht nach einer guten Idee klangen. Wir haben inzwischen die Musik für einige Dokus produziert, was ich sehr schwierig finde. Bei Filmen oder Serien ist es einfacher, da können wir recherchieren, wer der Regisseur oder die Schauspieler sind. Wenn uns da jemand gefällt, können wir viel schneller zusagen. Dann wissen wir, dass es wahrscheinlich gut wird. Aktuell arbeiten wir wieder an einem Soundtrack für ein Drama. Das wird in der BBC laufen, aber mehr darf ich nicht verraten.

Im November 2023 ist ein Dokumentarfilm über MOGWAI in die Kinos gekommen. Der heißt „If the Stars Had a Sound“ und wurde produziert von Filmemacher Antony Crook. Wie findet ihr ihn?
Der gefällt uns wirklich gut, weil es keine typische Band-Doku ist. Wir werden nicht dabei gefilmt, wie wir die Geschichte der Band erzählen. Um den Film zu verstehen, muss man eigentlich bereits wissen, wer wir sind. Es ist eher ein Film für Fans geworden. Nicht wie die üblichen Bandporträts. Wir mussten nicht viel dafür machen. Wir haben Antony einfach filmen lassen und er hat vor allem Fans interviewt. Er hat viele Stimmen nach einer unserer Shows in Glasgow gesammelt. Ein sehr emotionaler Teil des Films, wie ich finde. Ich mag das Ergebnis seiner Arbeit sehr.

MOGWAI stehen jetzt fast 30 Jahre auf der Bühne. Wie fühlt sich das an?
Absolut verrückt. Die meisten Bands halten nur fünf oder zehn Jahre durch. Aber wir sind immer noch da und wir lieben es immer noch. Der Kitt, der alles zusammenhält, ist wahrscheinlich, dass wir sehr gute Freunde sind. Ich denke, viele Bands lösen sich auf, weil sie sich nach einiger Zeit nicht mehr ausstehen können. Wir hatten viel Glück, aber wir arbeiten auch sehr hart für unseren Erfolg.

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